Camerarius, Belli Smalcaldici commentarius, 1611 (1547)

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0952
Zitation Belli Smalcaldici anno M.D.XLVI inter Carolum V. Caes(arem) et Protestantium duces gesti, commentarius, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0952
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Griechisch
Werktitel Belli Smalcaldici anno M.D.XLVI inter Carolum V. Caes(arem) et Protestantium duces gesti, commentarius
Kurzbeschreibung Das Geschichtswerk zum Schmalkaldischen Krieg 1546-1547 zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Fürsten wurde von Joachim Camerarius auf Griechisch in imitatio des antiken Historikers Thukydides verfasst. Es behandelt ausführlich die Vorgeschichte von der Entstehung der reformatorischen Idee, bricht in der Darstellung der Kriegsereignisse jedoch kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Mühlberg ab.
Erstnachweis 1611
Bemerkungen zum Erstnachweis Datierung nach dem Erstdruck. Die Schrift muss nach der Schlacht von Rochlitz am 02.03.1547, die als letztes Kriegsereignis behandelt wird, entstanden sein, jedoch vor der Erwähnung gegenüber Karlowitz am 22.05.1547, er habe das Werk abbrechen müssen.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1611/09/13
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1611/12/31
Schlagworte / Register Geschichtsschreibung; Zeitgeschichtsschreibung; Nationalbewusstsein; Pest; Astrologie; Divination; Imitatio; Schmalkaldischer Krieg (1546-1547); Reichstag 1530 (Augsburg); Geschichtsbild; Confessio Augustana; Griechisch (aktiver Gebrauch); Reichstag 1546 (Regensburg); Konzil von Trient, I. Trienter Periode (1545-1547)
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Überliefert in
Druck Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611; Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611a; Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611b; Freher, Rerum Germanicarum scriptores, 1717
Erstdruck in Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 387-423
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
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Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:JS
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Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0952
Zitation Belli Smalcaldici anno M.D.XLVI inter Carolum V. Caes(arem) et Protestantium duces gesti, commentarius, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0952
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Griechisch
Werktitel Belli Smalcaldici anno M.D.XLVI inter Carolum V. Caes(arem) et Protestantium duces gesti, commentarius
Kurzbeschreibung Das Geschichtswerk zum Schmalkaldischen Krieg 1546-1547 zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Fürsten wurde von Joachim Camerarius auf Griechisch in imitatio des antiken Historikers Thukydides verfasst. Es behandelt ausführlich die Vorgeschichte von der Entstehung der reformatorischen Idee, bricht in der Darstellung der Kriegsereignisse jedoch kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Mühlberg ab.
Erstnachweis 1611
Bemerkungen zum Erstnachweis Datierung nach dem Erstdruck. Die Schrift muss nach der Schlacht von Rochlitz am 02.03.1547, die als letztes Kriegsereignis behandelt wird, entstanden sein, jedoch vor der Erwähnung gegenüber Karlowitz am 22.05.1547, er habe das Werk abbrechen müssen.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1611/09/13
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1611/12/31
Schlagworte / Register Geschichtsschreibung; Zeitgeschichtsschreibung; Nationalbewusstsein; Pest; Astrologie; Divination; Imitatio; Schmalkaldischer Krieg (1546-1547); Reichstag 1530 (Augsburg); Geschichtsbild; Confessio Augustana; Griechisch (aktiver Gebrauch); Reichstag 1546 (Regensburg); Konzil von Trient, I. Trienter Periode (1545-1547)
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Überliefert in
Druck Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611; Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611a; Freher, Germanicarum rerum scriptores, 1611b; Freher, Rerum Germanicarum scriptores, 1717
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Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Widmung und Entstehungskontext

Der von Marquard Freher im dritten Band seiner Textsammlung zur deutschen Geschichte während der Zeit Kaiser Karls V. herausgegebene Text wurde mit einer lateinischen Übersetzung und einem Supplementum von Simon Sten versehen. Dies erhellt aus seiner kurzen Vorrede, aus der möglicherweise auch der von Camerarius gewählte Titel Συγγραφή hervorgeht. Die Begriffswahl könnte allerdings auch auf Camerarius' Verwendung dieses Wortes im Proömium beruhen oder sich auch schlichtweg aus der gängigen Bezeichnung für Geschichtswerk erklären. Nach Angabe des Herausgebers im Inhaltsverzeichnis ()()( 2r), wurde ihm die Schrift von Camerarius' Enkel, Ludwig Camerarius II., für diese Edition zur Verfügung gestellt.

Die genaue Entstehungszeit der Schrift muss hypothetisch erschlossen werden. Baron/Shaw 1978, S. 240 setzen das Werk, wahrscheinlich nach Summerus 1646, Bl. B2r, auf 1546 an. Jedoch umfasst die Erzählung auch noch Geschehnisse bis März 1547, weshalb diese Datierung zu verwerfen ist. Allerdings ist die Vermutung, dass Camerarius das Werk unmittelbar nach den Ereignissen abgefasst hat, durchaus plausibel (so auch Voigt 1874, S. 682). So äußert der Erzähler im Proömium gleich im ersten Satz, dass er den Entschluss zur Abfassung des Werkes während des heftigsten Wütens des Krieges gefasst hat. Erhärtet wird diese zeitliche Einordnung durch die im Folgenden geäußerte Absicht, er habe eine objektive Darstellung der Ereignisse vorlegen wollen. Das Werk ist also in der Erwartung noch ausstehender parteiischer Vereinnahmungen abgefasst. Auch die Wortwahl lässt die unmittelbare Nähe zu den Ereignissen erkennen: τὰ νυνὶ γεγονότα. Man darf also mit berechtigtem Optimismus eine Abfassung im Jahre 1547 annehmen. Hinzu kommt Camerarius' Klage gegenüber Christoph von Karlowitz in einem Brief vom 22.05.1547, er habe ein für ihn bestimmtes Werk abbrechen müssen. Hiermit ist wohl das "Bellum Smalcaldicum" gemeint (mit plausiblen Indizien Woitkowitz 2003, S. 164; 176-177).
Im Begleitbrief zu seiner Übersetzung schreibt Simon Sten, dass ihm nicht Weniges zu fehlen scheint und dass er dies ergänzt habe (Quia autem nonnulla deesse videbantur, visum est & et illa supplere). Es bleibt jedoch unklar, ob Sten hiermit die Unvollständigkeit der Überlieferung oder der Darstellung meint. Das von Camerarius geäußerte Bedauern über einen erzwungenen Abbruch spricht für die zweite Vermutung. Stenius gibt an, dass er bis zur sächischen Gefangenschaft (ad captivitatem Saxonis) fortgeschrieben habe. Diese bilde eine abgeschlossene Handlung wie der Tod Hektors die "Ilias" abschließe. Das Folgende könne dann auch der Vita des Moritz von Sachsen entnommen werden. Der Widmungsbrief an Marquard Freher datiert auf den 18. Juli 1606, ist also zehn Jahre früher als der tatsächliche Druck. Die Schrift wird mit der Gattungszuschreibung Commentarius vom Herausgeber Marquard Freher in die Tradition der antiken Geschichtsschreibung gestellt.

Aufbau und Inhalt

In dem Werk wird der Schmalkaldische Krieg im Jahr 1546-1547 zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Fürsten beschrieben.

Prooemium (389-390): Das Proömium dient der Darlegung von Entstehungskontext und Intention. Der Erzähler lässt den Leser wissen, er habe sich zur Abfassung dieses Werkes entschlossen, als der Krieg heftig tobte (Ἐπειδὴ καθέστηκε τηλικοῦτος τὸ μέγεθος πόλεμος, αἰφνιδίως μὲν ἐξαφθεὶς, σφοδρότατα δὲ τῇ ὁρμῇ ἀεὶ τὰ ἐχόμενα εἰς το πρόσῳ νειμάμενος, ἔδοξέ μοι ξυγγράφειν τὰ ἐγνωρισμένα ἡμῖν). Hiermit wird eine zu den Ereignissen zeitnahe Entstehung des Werkes nahegelegt. Die Darlegung der Ereignisse beruhe auf den ἐγνωρισμένα des Erzählers. Hiermit zielt Camerarius wohl weniger darauf ab, den historischen Bericht unter den Vorbehalt des eigenen Erkenntnishorizonts zu stellen. Vielmehr betrachtet er seine Erkenntnisse durchaus als objektiv, was aus der folgenden Darstellung der beiden Motive hervorgeht, die ihn zur Abfassung des Werkes veranlasst hätten: Zum einen habe sich in dem Krieg verwirklicht, was durch Vorzeichen und Vorhersagen schon angekündigt worden sei. Die Geschichtsschreibung dient somit der empirischen Bestätigung astrologischer und divinatorischer Vorausdeutungen. Zum anderen habe er in Voraussicht späterer parteiischer Schilderungen eine objektive Darstellung vorlegen wollen. Eine Gefahr der Geschichtsschreibung bestehe in der Voreingenommenheit eines Historikers, der das schreibe, "was ihm richtig scheine und gefalle" (κατὰ τὸ αὐτῷ δοκοῦν τε καὶ ἀρέσκον). Camerarius' Ziel hingegen sei es, eine "unverdorbene Erzählung und reine Geschichte" (αἰδιάφθορόν τινα λόγον καὶ ἀκραιφνῆ ἰστορίαν) zu schreiben. Um dies zu erreichen, möchte er sich auf Ereignisse beschränken, die so offensichtlich sind, dass sie von jedem Beteiligten bestätigt werden könnten (τῶν φανερῶν γοῦν καὶ ἅπασι πρὸ ὀμμάτων γεγενημένων πραγμάτων). Schwierig sei es jedoch, einen Schreiber zu finden, der zugleich als Augenzeuge (ὡς αὐτόπτην γενόμενον διελθεῖν δυνάμενον) möglicherweise sogar politische Entscheidungsfindungen persönlich miterlebt hat, und als Sachverständiger zugleich (μᾶλλον ὑμῶν πολιτικὸν νοῦν ἔχοντα, καὶ ἐμπειρίας ἐπὶ πλεῖον ἥκοντα) alles klarer und gelehrter darstellen könnte als Camerarius selbst (ἐκφράζειν ἐπὶ τὸ σαφέστερόν τε καὶ λογιώτερον). Da es einen solchen Schriftsteller jedoch kaum gäbe, habe er sich zu dem Werk entschlossen. Der Erzähler versucht seine Aufrichtigkeit zu untermauern: Er ziele auf eine Durchsetzung der Wahrheit (ἀληθεία) gegen falsche Darstellungen ab und habe "ungeschmückt" (ἀκαλλώπιστον) und "ohne irgendwelche Verheimlichung" (μηδὲν ὑποστειλάμενοι) geschrieben. Die griechische Sprache habe er gewählt, "damit auch die Griechen irgendwie in diesen Dingen über die Wahrheit belehrt würden" (ἐδόκει δὲ χρηστέον Ἑλληνικῇ γλώττῃ, ἵνα καί πως οἱ Ἕλληνηες διδαχθεῖεν περὶ τούτων τὴν ἀλήθειαν). Dies ist wohl eine paradoxe Ausdrucksform, die nur als eine methodologische Metapher gedeutet werden kann und mit der sich Camerarius auf eine Stufe mit den antiken griechischen Historikern zu stellen versucht: Erst mit der Verwendung derselben Sprache ist das imitatio-Verhältnis vollendet. Das Proömium schließt mit einer Selbstvorstellung des Autors und Erzählers: Er stamme aus Bamberg (ταῶνος ὅρος = "Pfauenberg") und sein ins Griechische übersetzter Name laute Ἀναστάσιος.

Die Vorgeschichte (390-407): Ein einführender Abschnitt stellt die Gegebenheiten dar, aus denen die historischen Ereignisse hervorgingen. Hier stehen die religiösen Konflikte an erster Stelle. Camerarius greift zurück auf den Ursprung des Begriffes "Protestanten", auf die Auseinandersetzung mit dem französischen König François sowie mit Florenz und beschreibt die Ereignisse hin zum Augsburger Reichstag von 1530, auf dem die "Confessio Augustana" vorgelegt wurde. Camerarius verfolgt in seiner Darstellung erzählerische Objektivierungsstrategien in Hinblick auf den konfessionellen Standpunkt: So ist zum Standpunkt der Protestanten beim Ursprung der Reformation ein "wie sie sagten" eingefügt (οἱ διαμαρτυρήσαντες ἐξομολόγησίν τινα τῆς αὑτῶν ἀληθοῦς, ὡς ἔλεγον, πίστεως, 392). Abschließend erfährt die "Confessio Augustana" eine sehr positive Bewertung. Neben den innenpolitischen Entwicklungen werden auch außenpolitische Faktoren wie der Krieg gegen die Türken behandelt. Camerarius übt Kritik an den politischen Akteuren beider Lager: Auf der katholischen Seite sei Karl insbesondere von Geistlichen bedrängt worden, die durch die Reformation aus ihren Ämtern verdrängt wurden. Hierunter zählt auch der nicht namentlich erwähnte Naumburger Bischof Julius von Pflug. Es entsteht ein Bild, wonach Karl von seinem Umfeld angestachelt wird. An verschiedenen Stellen ist es auch der Papst, der mit Geld den Kaiser zu einem Handeln in seinem Sinne zu bringen versucht. Ebenso werden auch die Mitglieder des Schmalkaldischen Bundes kritisiert. Sie hätten im Übermut wohlwollende Haltungen auf der Gegenseite ignoriert. Die Darstellung der Missstände steht im Zeichen einer moralischen Geschichtsschreibung (z.B. der Vorwurf der Zechfreundschaften). Ebenso sei Karl auf seiner Seite von Menschen angetrieben worden, die aus "Ehrgeiz" und "Gewinnsucht" handelten (τῶν φιλοτίμων τε καὶ φιλοκτεάνων σπουδάς τε καὶ τέχνας, 395).

Zuspitzung der Lage: In einem Zooming-Effekt rückt die Vorgeschichte immer näher an den Krieg heran, so dass kein klarer Anfang eines "Hauptteils" festgestellt werden kann. Allerdings bewirkt die ausführlich gestaltete Angabe der Jahreszahl 1546 (396) einen Einschnitt, der dem Leser deutlich macht, dass die Erzählung nun beim ersten der beiden Kriegsjahre angelangt ist - dieses annalistische Element wird auch bei 1547 angebracht. Dennoch finden sich auch danach noch exkursartige Vertiefungen, etwa über die sittlichen Missstände in der Lebensführung der Priester. Bei der Darlegung der Gründe der Protestanten für den Abzug vom Regensburger Reichstag 1546 wird ihre Position als nachvollziehbar dargestellt, ebenso Karls Reaktion auf die von ihm nicht erlaubte Handlung. Aber auch Karl erhält negative Bewertungen: Er habe die Gespaltenheit der Deutschen unter sich zu seinen Gunsten genutzt und die Fürsten "geködert" (δυνάστας δελεασθέντας, 397).
Der Papst habe durch sein Wirken die Stimmung zum Krieg aufgeheizt und in Karl einen "Vorkämpfer" (πρόμαχος) gefunden (398). Insbesondere durch das Konzil von Trient sei die protestantische Seite zum Krieg gereizt worden. Nur von den schlimmsten Verdächtigungen gegenüber dem Papst (Brunnenvergiftung) distanziert sich der Erzähler in einer persönlichen Stellungnahme in Ich-Form (398).

Die Kriegsereignisse (407-423): Camerarius berichtet im Stil historiographischer Darstellung von der Abfolge der Kriegsereignisse. Der Exkurs über die Rolandstatue in Halle (Saale) dient als Spiegelgeschichte (418-419). Die sich hierbei entspinnende Erzählung über den Sieg, den Karl der Große über die Sachsen errang, bietet Camerarius eine Analogie zur historischen Situation im Schmalkaldischen Krieg. Die dargestellte Deutung, dass es sich bei der Rolandstatue von Halle (Saale) um ein karolingisches Symbol für die Unterwerfung der Sachsen unter den Kaiser handle, ist jedoch nach heutigem geschichts- und kunstwissenschaftlichem Erkenntnisstand nicht haltbar. Das im Vorwort angesprochene Vorzeichenwesen spielt in der Darstellung der historischen Ereignisse erst im Vorfeld der Entscheidungsschlacht bei Mühlberg eine gewisse Rolle.
Neben der knappen Darstellung der Kriegsereignisse berichtet Camerarius etwas ausführlicher von der Belagerung der Stadt Leipzig (419-421). Dies tut er aber nicht als Augenzeuge, da er selbst die Stadt zuvor verlassen hatte (vgl. Voigt 1874, S. 683).
Camerarius' Darstellung endet nach der Schlacht von Rochlitz (02.03.1547) und mit dem persönlichen Eintritt Karls in das Kriegsgeschehen in Sachsen und somit unmittelbar vor der kriegsentscheidenden Schlacht. Das Ende des Krieges in der Schlacht von Mühlberg (24.04.1547) ist Gegenstand des von Stenius angefügten griechhisch-lateinischen Supplementums (422-423). In diesem zeigt sich Stenius, der in der Nähe des Schlachtortes, in Lommatzsch, geboren und aufgewachsen ist, auch als Zeitzeuge des Ereignisses. Stenius nimmt den in seiner Widmung angeführten Vergleich mit Homers "Ilias" zur Illustration des Anspruchs eines geschlossenen Handlungsbogens auf, indem er damit schließt, dass so, wie das Epos mit dem Tod Hektors endet, das Geschichtswerk mit der Gefangennahme des sächsischen Herzogs zu einem Abschluss gelangt.

Der "Schmalkaldische Krieg" in der historiographischen Tradition: Viele Motive erinnern an Thukydides: So gleich im Proömium, wenn auch Camerarius für sich in Anspruch nimmt, mit dem Schmalkaldischen Krieg die κίνησις μεγίστη ("größte Bewegung") zu beschreiben (Vgl. Th. 1,1,2). Ebenso ist beiden gemeinsam, dass die Initialzündung zum Schreiben eine Erwartungshaltung war (ἐτεκμηράμην; vgl. Th. 1,1,1). Gegenstand der Darstellung ist auch ein Verfall der Sitten. Hierbei erinnert die Analyse der sittlichen Zustände an die moralische Geschichtsschreibung der Römer, insbesondere eines Sallust, wenn die zentralen Missstände in φιλοδοξία (entspricht ambitio) und φιλοκτημοσύνη (entspricht avaritia) ausgemacht werden. Eine neue "französisierende" oder "italianisierende" Haltung steht den alten Sitten entgegen. Die Gegenüberstellung mit der Sittlichkeit der Germanen fügt sich in das Aufkommen eines Nationalbewusstseins im Humanismus ein. Ebenso kennt der Bericht eine Pestdarstellung. Ferner trägt der Stil an manchen Stellen in seiner komprimierten Ausdrucksweise thukydideische Züge (z.B. ἐγένετο δὲ ἡ ξύστασις κατὰ πάντων ὁμοίως τῶν αὐτοῖς ἐπιβουλευσόντων ἀορίστως). Bei Camerarius' Vokabular fällt insgesamt auch eine starke Prägung durch das Neue Testament auf.

Die Wahl der Sprache Griechisch zeigt, dass Camerarius nicht intendiert, ein größeres Publikum anzusprechen. Seine Adressaten sind der enge Kreis an Gelehrten (treffend erkannt von Voigt 1874, S. 683). Diese Annahme wird unterstützt durch die von Camerarius verwendete Selbstbezeichnung der gelehrten Kreise um ihn als cives Attici (vgl. Camerarius an Hier. Wolf, 26.04.1555).

Frage nach der politischen Tendenz und dem Geschichtsbild: Grundsätzlich wird die Position der Protestanten als berechtigt dargestellt. Die "Confessio Augustana" beurteilt Camerarius mit deutlich erkennbarer Sympathie. Ebenso aber wird auch die Legitimität der kaiserlichen Herrschaft betont und Karl V. als deren Exponent nicht in Frage gestellt. Von den Untergebenen wird er als "Hüter des Gesetzes und Vater des Vaterlandes" wahrgenommen (τὸν αὐτοκράτορα ὥσπερ κοινὸν νομοφύλακα τινὰ καὶ πατέρα τῆς πατρίδος). Camerarius nimmt einerseits einen Standpunkt ein, der eine deutliche Sympathie für die Seite der Reformation einnimmt (etwa wenn es um theologische Positionen geht: "Confessio Augustana"; Ablasshandel). Andererseits stützt er auch die Legitimität der kaiserlichen Vormacht. In der älteren Forschung hat man Camerarius eine opportunistische Positionslosigkeit vorgeworfen, die aus der Situation eines Protestanten in Sachsen unter Moritz' prokaiserlicher Politik hervorgegangen sei (vgl. das Urteil bei Voigt 1874, S. 685: "Das mattherzige Schwanken in scheinbarer Parteilosigkeit ist nicht die Stimmung, in welcher der Geschichtschreiber gedeiht."). Allerdings vermutet Voigt 1874, 687 schließlich doch eine bestimmte Tendenz: "Kein Zweifel, dass Camerarius trotz seiner scheinbaren Neutralität zu den Mauricianern zu stellen ist.").
In der Tat fällt auf, dass Camerarius für keine Seite klare Position bezieht, stattdessen sich auf abstrakte Faktoren wie moralische Missstände (Philochrematie) oder auf die Zerwürfnis stiftenden Flugschriften als Kriegsursachen verlegt. Man kann dies als ein verlegenes Ausweichmanöver im konfessionellen Konflikt deuten. Man kann hierhinter aber auch ein dezidiert strukturalistisches Geschichtsbild entdecken, das nach Gesetzmäßigkeiten hinter der Geschichte fragt. Hierzu passt, dass er sich mit der namentlichen Nennung der Fürsten und Heerführer auffällig zurückhält (mit der Ausnahme Karls). Ebenso spricht dafür aber auch seine Beschäftigung mit Thukydides, die sich schon seit seiner Tübinger Zeit abzeichnet (vgl. Camerarius an Moritz von Hutten, 28.02.1540 als Vorrede zu Camerarius' Thukydides-Ausgabe Thukydides, Historiae, 1540).
Es entsteht ein Geschichtsbild, wonach einerseits die Anliegen des Protestantismus mit grundsätzlicher Sympathie dargestellt werden, andererseits am Machtanspruch des Kaiser nicht gezweifelt wird. Trotz aller als gerechtfertigt eingestufter Kritik ist er doch ein von den Kurfürsten gewählter, legitimer Herrscher (τῷ εἰ μήτι ἄλλο, αὐτοκράτορι γοῦν ὑπὸ σφῶν αὐτῶν αἱρεθέντι). Ursache für den Konflikt sind häufig affektinduzierte Fehler einzelner Akteure im Spannungsfeld zwischen den Polen des Protestantismus und der Kaiserherrschaft.

Anmerkungen

In seinen astrologischen Ausführungen an Nikolaus Buchner weist Camerarius darauf hin, dass bei Thukydides astronomische Erscheinungen als Vorboten von Unheil gedeutet werden.

Die Darstellung über die Verrohung der politischen Kultur stehen den Passagen zum Schmalkaldischen Krieg in Camerarius' Biographie zu Georg von Anhalt sehr nahe.

Überlieferung

Zur Überlieferungsgeschichte siehe oben ausführlich unter "Widmung und Entstehungskontext".
Burkhard Gotthelf Struve, der Herausgeber der Edition von 1717, lobt in seinem Vorwort den überkonfessionellen, neutralen Standpunkt Camerarius': accurate descripsit Camerarius, ita, ut Protestantium errores minime reticeat.

Forschungsliteratur