Camerarius, Commentarii in Ciceronis Tusculanam primam (Werk), 1538

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0212
Zitation Commentariorum Ioachim Camerarii, in Tusculanam primam, libri duo, bearbeitet von Marion Gindhart (03.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0212
Name Joachim Camerarius I.
Status Kommentator
Kommentierter Autor Cicero
Sprache Latein
Werktitel Commentariorum Ioachim Camerarii, in Tusculanam primam, libri duo
Kurzbeschreibung Die beiden Bücher "Commentarii" zum 1. Tusculanenbuch sind als schriftliche Fassung eines zwei Tage währenden gelehrten Dialogs zwischen Camerarius und Daniel Stiebar inszeniert. Das Gespräch wird bei Stiebar (auf Hof Osternach?) angesiedelt, vermutlich während der Nürnberger Pestepidemie (Juli 1533-Februar 1534). Das 1. Buch entwickelt sich rasch (ab 19) von einer Kommentierung zu einer umfangreichen "Disputatio de imitatione", mit der Camerarius (mit einiger Verzögerung) auf Erasmus' "Ciceronianus" (1528) reagiert.
Erstnachweis 1538
Bemerkungen zum Erstnachweis
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1538/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1538/03/31
Schlagworte / Register Kommentar; Ciceronianismus; Stilkritik; Dialog; Pest (Nürnberg); Todesfurcht; Imitatio; Seele; Sprachphilosophie; Philosophie
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Überliefert in
Druck Camerarius, Commentarii in Ciceronis Tusculanam primam, 1538; Camerarius, Commentarii explicationum in Ciceronis Tusculanas quaestiones, 1538; Camerarius, In Ciceronis Tusculanas quaestiones commentarii, 1548
Erstdruck in Camerarius, Commentarii in Ciceronis Tusculanam primam, 1538
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 1-269
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Notizen JS: Nach Baier 2017, 86, Fn. 32 setzt sich Camerarius hier auch mit Poliziano auseinander.
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MG
Gegengelesen von Benutzer:MH
Bearbeitungsdatum 3.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0212
Zitation Commentariorum Ioachim Camerarii, in Tusculanam primam, libri duo, bearbeitet von Marion Gindhart (03.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0212
Name Joachim Camerarius I.


Kommentierter Autor Cicero


Sprache Latein
Werktitel Commentariorum Ioachim Camerarii, in Tusculanam primam, libri duo
Kurzbeschreibung Die beiden Bücher "Commentarii" zum 1. Tusculanenbuch sind als schriftliche Fassung eines zwei Tage währenden gelehrten Dialogs zwischen Camerarius und Daniel Stiebar inszeniert. Das Gespräch wird bei Stiebar (auf Hof Osternach?) angesiedelt, vermutlich während der Nürnberger Pestepidemie (Juli 1533-Februar 1534). Das 1. Buch entwickelt sich rasch (ab 19) von einer Kommentierung zu einer umfangreichen "Disputatio de imitatione", mit der Camerarius (mit einiger Verzögerung) auf Erasmus' "Ciceronianus" (1528) reagiert.
Erstnachweis 1538
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1538/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1538/03/31
Schlagworte / Register Kommentar; Ciceronianismus; Stilkritik; Dialog; Pest (Nürnberg); Todesfurcht; Imitatio; Seele; Sprachphilosophie; Philosophie
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Überliefert in
Druck Camerarius, Commentarii in Ciceronis Tusculanam primam, 1538; Camerarius, Commentarii explicationum in Ciceronis Tusculanas quaestiones, 1538; Camerarius, In Ciceronis Tusculanas quaestiones commentarii, 1548
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsdatum 3.02.2020


Werkgenese

Die implementierte "Disputatio de imitatione" ist eine schon seit 1528 geplante Replik auf Erasmus' "Ciceronianus", die Melanchthon als postume Abrechnung mit Christoph Longolius interpretiert (vgl. dazu MBW – Regesten online, Nr. 693; 696; 714).
Auch der spätere Widmungsempfänger der Schrift, Julius von Pflug, schätzte laut Melanchthon (Nr. 714) den "Ciceronianus" nicht und interessierte sich für Camerarius' Auseinandersetzung mit dieser Schrift.
Nach Erscheinen des Drucks lässt Camerarius ein Exemplar durch Oporinus an Melanchthon senden und bittet diesen (Nr. 2018), es mit einem beigelegten Brief an Iulius von Pflug weiterzuleiten, was dieser auch tut (Nr. 2051).

Inhalt und dialogische Einkleidung

Buch 1
Im einleitenden Teil verweist Camerarius darauf, dass die grassierende Pest ihn dazu gebracht habe, sich mit der Bewältigung der Todesfurcht auseinanderzusetzen und zwar anhand des 1. Buches von Ciceros "Tusculanae disputationes". Dieses gilt ihm als die beste Abhandlung der Antike zum Thema, da es die summa der antiken Philosophie enthält. Aufgrund der zahlreichen Prätexte und Exempla ist es zugleich eine große Herausforderung für den Kommentator. Camerarius reflektiert über die Frage, was mit der Seele nach dem Tod geschieht (mit Polemik gegen Epikur).
Die vorliegenden "Commentarii" seien die Wiedergabe eines Gesprächs, das er mit Daniel Stiebar (wohl auf Hof Osternach, vgl. Mayer 1952, 488) führte, während die Pest in civitate nostra grassierte und deswegen auch der Unterricht entfiel (gemeint sein dürfte die Pestepidemie in Nürnberg Juli 1533-Februar 1534; Frau und Kinder hatte Camerarius auf dem Land, auf Gut Eschenau, in Sicherheit gebracht, vgl. Kunkler 1998, 149).
Die Schriftfassung widme er nun Julius von Pflug, mit dem er schon zusammen in Leipzig bei Richard Croke studiert hatte und der auch freundschaftlichen Umgang mit Camerarius' Lehrern Veit Werler und Gregorius Coelius pflegte.
Stiebar und er hätten sich nach seiner Ankunft zunächst über Persönliches unterhalten, auch über quaedam recentes iniuriae, die Camerarius belasteten. Stiebar bringt ihn dazu, die Querelen zu vergessen und stattdessen von seinen "Commentationes" zu berichten – damit setzt das Gespräch ein (7). Darin geht es zunächst um die gelehrte Arbeit des Camerarius und den mündlichen und brieflichen Austausch mit Stiebar darüber. Stiebar lässt dann von einem puer einen Cicerocodex bringen und bittet ihn, vom Anfang (der "Tusculanen") an vorzulesen, damit Camerarius seine Erklärungen streckenweise abgeben könne. Der Junge beginnt zu rezitieren, wird aber von Camerarius unterbrochen, da er nicht den Titel des Werkes verlesen habe. Er ergänzt ihn selbst und erläutert ihn. Dann wird die Lektüre mit den Kommentierungen zunächst kurz weitergeführt (bis Tusc. 1, 8).
Ab Seite 19 beginnen die langen Ausführungen zur (Cicero-)Imitation ("Disputatio de imitatione"). Diese sind eine Replik auf den "Ciceronianus" des Erasmus (1528), welcher die durch Poggios Ciceroverehrung ausgelöste und in Humanistenkreisen schwelende Debatte erneut befeuert hatte und primärer Referenztext ist (s. auch "Werkgenese"). Camerarius rekurriert aber auch auf die Debatte zwischen Pico (anti) und Bembo (pro) 1512/13 (den Briefwechsel übersandte Melanchthon 1528 an Camerarius, vgl. MBW – Regesten online, Nr. 693). Breiten Raum nehmen darin aber auch Stilfragen ein.
Camerarius hält die imitatio als unabdingbar für die menschliche Entwicklung und verweist darauf, dass sich auch die größten Künstler wie Dürer oder Cranach an Lehrern und Vorbildern orientierten. Die richtig vollzogene imitatio führe dabei nicht etwa zur Selbstverleugnung, sondern gerade zur Selbsterfahrung und Selbstfindung, da sie im Beispiel den Maßstab für das Humane gibt. In der Sprache müsse man auf die beste Verwirklichung der Rede zurückgreifen und diese liege in den Werken Ciceros vor (Hoc ego exemplum, hanc formam,& (…) ideam esse volo, Ciceronianos libros. Hos ego veteres, hos optimos appello. Ab his in hac voluntate ac instituto discedi turpe, ad alios diversos concedi flagitiosum esse existimo. 22). Der perfekte Ausdruck ist insofern von zentraler Bedeutung als nach Camerarius’ Auffassung die Sprache das Gedachte erst zur Vollendung bringt (Hanc autem intelligentiam & ipsam instruit & perficit imitationis haec (…) ars atque ratio. 26). Cicero verfüge über eine vollendete Beherrschung des Stoffes wie dessen Darstellung im Wort. Er ist "das Beste, das als Bestes auch von der Zukunft nicht überholt werden kann", ein "geschichtsloses optimum" klugen Sprechens (Gerl 1978, S. 195): Atque hic est (…) fons Ciceronitatis, ut ita dicam: hoc est, non iam Latine modo, sed prudenter loquendi (82).
Das erste Buch endet mit der Ankündigung, am nächsten Tag zum Ausgangspunkt der Diskussionen, dem ersten Tusculanenbuch, zurückzukehren.

Buch 2
Camerarius reflektiert über den Aufwand, den die schriftliche Fixierung der Überlegungen mit sich brachte und über die Ausweitung der Ausführungen. Dies sowie gesundheitliche und private Probleme und andere occupationes führten zu einer Verzögerung in der Fertigstellung (145). Zwischenzeitlich hatte er auch "De imitatione Ciceroniana" von Étienne Dolet (1535) eingesehen, dessen Invektiven gegen Erasmus ihm widerstrebten. Erasmus sei zwischenzeitlich gestorben, was ihn sehr schmerze, da er ihm seine Ausführungen nun nicht mehr vorlegen könne, die sich ja nicht grundsätzlich unterschieden. Es folgt ein kurzer Nachruf, in dem Camerarius auch über den fehlenden persönlichen Bezug zu Erasmus schreibt, der ihn nirgends lobend erwähnt, aber in einigen Briefen getadelt habe. Es folgen Reflexionen über die Güte von Griechisch und Latein als Vermittlersprachen für Philosophie (sapientia) und Wissenschaft (artes et disciplinae scientiarum), wobei Camerarius die scripta Latina vorziehe (147f.). Es folgen weitere Reflexionen zur imitatio und zu Cicero als Übersetzer.
Der Dialog setzt auf Seite 151 wieder ein und damit die weitere (und eigentliche) Kommentierung des 1. Tusculanenbuches (ab 1, 9).

Rezeption

Eine Passage über die Rezeption von Terenz bei Cicero und über die Anleihen der Terenz an Plautus findet sich abgedruckt in den Terenzausgaben Basel 1543, Basel 1550 und Basel 1559.
Textausschnitte aus der Einleitung des 1. Kommentarbuchs (S. 1 und 5) und aus dem 2. Kommentarbuch (S. 155) gibt Lilio, De fugacitate, 1553, Bl. N8r-O1r und Bl. O1r-O2r.
Aus dem 1. Kommentarbuch wird ebenfalls zitiert im "Thesaurus Ciceronianus" des Antonius van Schore (1580, Bl. aiiiiv-aviir u.ö.).

Forschungsliteratur

Gerl 1978.