Camerarius, De ecclesiis fratrum in Bohemia, 1605

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0949
Zitation Cl(arissimi) viri Ioachimi Camerarii Pabeperg(ensis) de ecclesiis fratrum in Bohemia et Moravia narratio historica, bearbeitet von Moritz Stock (11.03.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0949
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Cl(arissimi) viri Ioachimi Camerarii Pabeperg(ensis) de ecclesiis fratrum in Bohemia et Moravia narratio historica
Kurzbeschreibung Geschichtswerk über Herkunft und Schicksal der Böhmischen Brüder. Beginnend bei Jan Hus im Jahre 1400 legt Camerarius die Geschichte der Brüder-Unität bis in seine eigene Zeit dar und verteidigt sie gegen wiederkehrende Anfeindungen.
Erstnachweis 1605
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Widmungsbrief von Ludwig Camerarius II. ist datiert auf den 01.01.1605.
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Schlagworte / Register Geschichtsschreibung; Geschichtsbild; Zeitgeschichtsschreibung; Kirchengeschichtsschreibung; Böhmische Brüder
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Druck Camerarius, Historica narratio, 1605; Camerarius, Historica narratio, 1605a
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Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
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Bearbeitungsdatum 11.03.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0949
Zitation Cl(arissimi) viri Ioachimi Camerarii Pabeperg(ensis) de ecclesiis fratrum in Bohemia et Moravia narratio historica, bearbeitet von Moritz Stock (11.03.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0949
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Cl(arissimi) viri Ioachimi Camerarii Pabeperg(ensis) de ecclesiis fratrum in Bohemia et Moravia narratio historica
Kurzbeschreibung Geschichtswerk über Herkunft und Schicksal der Böhmischen Brüder. Beginnend bei Jan Hus im Jahre 1400 legt Camerarius die Geschichte der Brüder-Unität bis in seine eigene Zeit dar und verteidigt sie gegen wiederkehrende Anfeindungen.
Erstnachweis 1605
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Widmungsbrief von Ludwig Camerarius II. ist datiert auf den 01.01.1605.


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Entstehungszeit

Die Entstehung der Schrift ist in die letzten Lebensjahre Camerarius' zu datieren. Die Erwähnung von Matthias Flacius' "Confessio Valdensium" (52) spricht für eine Werkgenese nach 1568. Ferner schreibt Camerarius 1569 in einem Brief an Isaiah Caepolla, ihn schmerze das gegenwärtige Unglück der Böhmischen Brüder und er wünschte, etwas für die Leidenden tun zu können. Doch seinem Wunsch fehle die Möglichkeit der Umsetzung (facultate deficiatur voluntas). Der Brief scheint geschrieben zu sein, bevor Camerarius die Arbeit an der "Historica narratio" aufnahm. Vielleicht ging Caepolla auf Camerarius' Wunsch ein und regte die Abfassung der Schrift an.

Überlieferung

Das Werk wurde von Camerarius fertiggestellt (zumindest gibt es keine anderslautenden Hinweise), jedoch erst nach seinem Tode aus der Bibliothek von Joachim Camerarius II. publiziert. Sein Enkel Ludwig begann mit der Arbeit daran frühestens im Spätwinter 1601 (Brief an Karl von Zierotin vom 1.2.1601; Gotha, FB, Chart. A 404, Bl. 237-240; Editionen: Wotschke 1929, S. 161-164; Hrubý 1970, S. 116-118). 1605 erschien der Text zusammen mit zahlreichen weiteren Werken (vgl. die Streckenbeschreibung des Drucks). Ludwig schreibt im Widmungsbrief, dass man ihn um die Herausgabe der Schrift mit Nachdruck gebeten habe (editionem magni quidam viri, aliique amici a me efflagitarent ac poscerent, Bl. **5v) und er dem nachkomme, obwohl er Bedenken habe (non pauca animum meum in diversum trahebant, Bl. **5v). Laut Alfred Eckert könnten Esrom Rüdinger und böhmische Studenten im Kreise Ludwigs die Publikation des Werkes initiiert haben (Beyreuther et al. 1980, S. 49f.).

Ein Neudruck der "Historica narratio" im Jahre 1625, den Alfred Eckert in seinem Literaturverzeichnis aufführt (Beyreuther et al. 1980, S. 57), ist nicht auffindbar.

Aufbau und Inhalt

  • Proöm (1-6): Camerarius gibt eine umfängliche Definition dessen, was er unter historia versteht und welchen Zweck er darin sieht (1f.). Er unterscheidet die historia (d.h. quae explorata veritate nituntur, 2) von absichtlich Erfundenem (quas quidem de industria aliqui confinxerunt, 2), wovon es verschiedene Abstufungen gebe, weshalb die ficta nicht unbedingt schlecht sein müssten: Als Positivbeispiel nennt er Xenophons "Kyrupädie"), das aber keinesfalls als historia bezeichnet werden könne (zum möglichen aristotelischen Hintergrund (τὰ γενόμενα vs. οἷα ἂν γένοιτο) vgl. Ellis 2017, S. 137-139).
  • Begrifflichkeiten (6-13): Oftmals würden die Brüder fälschlich mit anderen Gruppierungen wie den Waldensern (Valdenses) und Pikarden (Picardi) gleichgesetzt, weshalb Camerarius zunächst deren Herkunft und Geschichte erzählt. In diesem Zusammenhang kommt er auch auf die Katharer (Albigenses) und den Albigenserkreuzzug (1209-1229) zu sprechen. Eine weitere Apologie der Lehren und Riten dieser Gruppen sei unnötig (alia defensione ... opus non sit), da es bereits ältere und neuere Schriften dazu gebe (13).
  • Narratio prima (13-77): Sehr ausführlich stellt Camerarius zunächst den historischen Kontext dar, bevor er überhaupt auf die Brüder-Unität zu sprechen kommt.
    Proleptisch erwähnt Camerarius das Konzil von Konstanz (1414-1418), Jan Hus (1370-1415) und dessen Sympathien für die Lehren John Wyclifs (1330-1384), die Verurteilung der Lehren beider durch das Konzil, sowie Hus' und des Hieronymus von Prag (1379-1416) Hinrichtung. Mit der ausführlich kontextualisierten Angabe des Jahres 1400 (Absetzung Wenzels, Papst Bonifatius IX., Timur vs. Bayezid I. (Osmanisches Reich)) leitet Camerarius eine Darstellung des historischen Kontexts ein. Er schildert zunächst die chaotische Lage in der Zeit des abendländischen Schismas und kritisiert Klerus und Papsttum heftig (13-25).
    Kurz erwähnt Camerarius die Blüte Prags und die Gründung der Universität 1348 unter Karl IV. (25f.), um dann ausführlicher Jan Hus‘ Wirken bis zu seiner Verbrennung 1415 in Konstanz zu thematisieren (25-42). Dabei lässt Camerarius die (infolge des Kuttenberger Dekrets stattfindende) Abwanderung zahlreicher Universitätsangehöriger nach Leipzig sowie die Gründung der Universität Leipzig 1409 natürlich nicht unerwähnt (28-30). Hus‘ Widersacher werden negativ dargestellt: Den Prager Erzbischof Sbinko Hase von Hasenburg, der Hus ein Lehrverbot erteilte und Bücher des englischen Reformators Wyclif verbrennen ließ, sei ein vir indoctus atque plane illiteratus (31) und bei der Verbrennung Hus‘ hätten seine Gegner Krokodilstränen geweint (cum lacrimis quidem, secundum proverbium, crocodileis, pro illius vita deprecantibus iis, qui mortis erant autores, 40).
    Die nach Hus‘ Tod erwachsenden Unruhen hätten nach dem Ende des Konstanzer Konzils zum Tode Wenzels geführt (43; den Prager Fenstersturz scheint Camerarius nicht zu kennen). Auf die Darstellung militärischer Einzelheiten der Hussitenkriege verzichtet Camerarius, da dies schon andere getan hätten (45). Er geht eher auf die einzelnen hussitischen Fraktionen und deren Anführer (z.B. Jan Zizka) ein sowie die Politik Kaiser Sigismunds (42-52).
    Erst nach dem Ende der Hussitenkriege rücken mit dem Theologen Jan Rokycana und dem böhmischen König Georg von Podiebrad auch die böhmischen Brüder in den Mittelpunkt der Erzählung (52-76). Rokycana sei vom wohlwollenden Förderer zu ihrem erbittertsten Gegner geworden (ex benevolo inimicus, et fautore pratronoque acerrimus adversarius atque hostis factus, 59). Einen apologetischen Brief der Brüder an Rokycana paraphrasiert Camerarius (62-66). Genauso einen Brief an Georgs Nachfolger Vladislav (74-76).
  • Zweites Proöm (77): In einer kurzen Zwischenbemerkung stellt Camerarius fest, dass die bisherigen Ausführungen zu ungenau seien (minus accurate quaedam sunt temporibus divisa in iam expositis, 77), weshalb nochmal von Anfang an Ursache, Ursprung und Entwicklung jener Dinge wiederholt werden müssten (repetendum ab initio est, et causa, exordiumque et progressio rerum illarum, 77). Plausibel scheint Jaroslav Golls These, wonach Camerarius von Isaiah Caepolla neues Quellenmaterial erhalten habe und deshalb alles noch einmal genauer darstellen wollte (Goll 1878, S. 65).
  • Narratio secunda (77-141): Im zweiten Teil liegt der Fokus deutlich mehr auf den böhmischen Brüdern selbst.
    Unter einigen Verweisen auf bereits Gesagtes thematisiert Camerarius erneut kurz die Zeit nach Hus‘ Tod, bevor anschließend die Geschichte der Brüder selbst in den Vordergrund rückt (77-93). Das Verhältnis zwischen Rokycana und den Brüdern, namentlich vertreten durch Rokycanas Neffen Gregor (Řehoř Krajčí), wird wesentlich detaillierter geschildert, als zuvor. Ein großes Problem sei gewesen, dass die Brüder noch nicht fest organisiert waren (Non erant res fratrum ita adhuc ordinata atque constituta, 87) und den häufigen Anfeindungen nicht geschlossen begegneten.
    Schließlich hätten sich die Brüder 1467 versammelt und eine Ordnung beschlossen sowie drei Anführer gewählt (93-96). Doch auch unter König Vladislav hörten die Anfeindungen nicht auf.
    Camerarius referiert einige Vorwürfe und verteidigt die Brüder dagegen (97-119). Die Anschuldigungen hätten sich hartnäckig gehalten und seien auch 1512 noch in Jakob Zieglers Schrift "Contra heresim Valdensium" in Erscheinung getreten (97). Auch Luther sei davon beeinflusst anfangs ein Gegner der Brüder gewesen (99). Der Umgang mit den Waldensern (103-107), habe (u.a.) die Gegner der Brüder angestachelt und neue Probleme mit Rokycana gebracht. Schließlich hätten sich Katholiken und böhmische Utraquisten gegen die Brüder verbündet und den König Podiebrad 1468 zu einem Dekret veranlasst, das die Brüder unter Verfolgung stellte. Die Verfolgung setzte sich fort, wenn Podiebrads Nachfolger auch etwas milder waren (107-119; 121-124). Exkursartig berichtet Camerarius von den Reisen der Brüder nach Griechenland, Israel, Ägypten und Italien und Frankreich mit dem Ziel, Gleichgesinnte zu finden (119-121).
    Im 16. Jahrhundert angelangt behandelt Camerarius nun auch den Kontakt der Brüder zu den Humanisten. An Erasmus von Rotterdam hätten die Brüder die 1511 erschienene "Apologia sacrae scripturae" des Lukas von Prag geschickt und mit ihm darüber diskutiert (124-126). Des weiteren geht Camerarius auf das Verhältnis zu Luther (126f.) und den Waldensern in Frankreich (127-129) ein.
    Die Gegner der Brüder hätten jedoch keine Ruhe gegeben und nach dem Schmalkaldischen Krieg brach eine besonders schwere Zeit der Verfolgung an (129-132). Viele wurden aus Böhmen und Polen vertrieben und fanden in Königsberg bei Albrecht von Preußen Zuflucht (132-137). Im Zuge dessen geht Camerarius auch auf den dort lehrenden Andreas Osiander und den Osiandrischen Streit ein, in den sich auch die Brüder einschalteten (133-137). In Polen habe Jan Łaski die dortigen Protestanten einigen wollen, was zu Unruhen führte (137-141).
  • Schluss (141-144): Trotz aller Widrigkeiten hielten die Brüder den Anfeindungen stand. Camerarius lobt in einem letzten Abschnitt ihre Lehre und ihr tadelloses Wesen (142f.). Mit dem vorliegenden Werk habe Camerarius Ursprung und Schicksal der Brüder-Unität dargestellt und der Darlegung der Wahrheit genüge getan.

Quellen

Laut Alfred Eckert unterstützte die Brüder-Unität Camerarius' Vorhaben eine Geschichte zu schreiben, indem sie ihm Materialien zur Verfügung stellte (Beyreuther et al. 1980, S. 48; Ebenso Goll 1878, S. 64). Als publizierte Schrift wird die "Apologia sacrae scripturae" des Lukas von Prag genannt (97). Im Kontext des abendländischen Schismas zieht Camerarius mehrfach Texte von Bartolomeo Platina (17; 38) und Nikolaus von Kues (21ff.) heran. Camerarius verwirft Jakob Zieglers "Contra heresim Valdensium" und Matthias Flacius"Confessio Valdensium" (52). Jaroslav Goll spricht von Polemik (Goll 1878, S. 65).

Forschungsliteratur

  • Goll 1878, S. 63-73: Im Rahmen seiner "Untersuchungen zur Geschichte der Böhmischen Brüder" bespricht Goll auch Camerarius' "Historica Narratio". Er erkennt darin die für die Geschichtsschreibung der Böhmischen Brüder typische Apologetik. Das Werk sei "die erste wissenschaftliche Darstellung der älteren Brüdergeschichte (...). Sie wurde im 16. und 17. Jahrhunderte von keiner späteren Arbeit übertroffen und ist auch für uns, die wir auf ihre Quellen zurückgreifen können, nicht ohne Wert" (ebd. S. 64). Dieses Lob beziehe sich auf den zweiten Teil des Werkes (d.h. ab 77ff.), den Camerarius später und mit neuem Quellenmaterial verfasst hätte (S. 65).
  • Beyreuther et al. 1980: Enthält ein Faksimile des Druckes (Exemplar der Universitätsbibliothek Erlangen; Signatur: H00/THL-VIII 167 a) und eine Einleitung zur "Historica narratio" von Alfred Eckert (S. 22-60). Dieser würdigt das Werk als "hervorragende Leistung" und "unübersehbare, wertvolle Quelle" (ebd. S. 46) und fasst es knapp zusammen (ebd. S. 54-56; seine Seitenangaben stimmen teilweise nicht).
  • Kunkler 2000, S. 177-185.
  • Ellis 2017, S .137-139.