Camerarius, De generibus divinationum (Werk), 1576

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0911
Zitation Commentarius de generibus divinationum, ac Graecis Latinisque earum vocabulis, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0911
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein; Griechisch
Werktitel Commentarius de generibus divinationum, ac Graecis Latinisque earum vocabulis
Kurzbeschreibung Klassifikation der paganen Divinationsformen nach fünf Kategorien, die von einem terminologischen Interesse geleitet ist und zahlreiche antike Zitate, exempla und narratiunculae anführt.
Erstnachweis 1576
Bemerkungen zum Erstnachweis Das Werk wurde von Ludwig Camerarius aus dem Nachlass herausgegeben und 1576 gedruckt.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn)
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende)
Schlagworte / Register Astrologie; Divination und Prodigien; Terminologie; Traum/Traumdeutung; Magie; Übersetzung; Dämonologie
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Paratext? nein
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Überliefert in
Druck Camerarius, De generibus divinationum (Druck), 1576
Erstdruck in
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MG
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0911
Zitation Commentarius de generibus divinationum, ac Graecis Latinisque earum vocabulis, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0911
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein; Griechisch
Werktitel Commentarius de generibus divinationum, ac Graecis Latinisque earum vocabulis
Kurzbeschreibung Klassifikation der paganen Divinationsformen nach fünf Kategorien, die von einem terminologischen Interesse geleitet ist und zahlreiche antike Zitate, exempla und narratiunculae anführt.
Erstnachweis 1576
Bemerkungen zum Erstnachweis Das Werk wurde von Ludwig Camerarius aus dem Nachlass herausgegeben und 1576 gedruckt.


Schlagworte / Register Astrologie; Divination und Prodigien; Terminologie; Traum/Traumdeutung; Magie; Übersetzung; Dämonologie
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Druck Camerarius, De generibus divinationum (Druck), 1576
Carmen
Gedicht? nein
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Widmung und Entstehungskontext

Die Schrift wurde von Ludwig Camerarius kurz nach dem Tod seines Vaters herausgegeben und Heinrich Rantzau gewidmet. Dieser habe, so Ludwig in der Dedikation des Drucks, mit einer Anfrage zu den anni climacterici (Brief vom 11.04.1572) die Idee zu dieser Zusammenschau der divinatorischen Praktiken angestoßen. Sein Vater habe wohl geplant, über die Dämonen, auf die in "De generibus divinationum" kaum eingegangen werde, in einer Vorrede zu schreiben, doch habe ihn sein Tod daran gehindert.

Aufbau und Inhalt

  • S. 1-3: Die Schrift nennt zunächst die griechischen und lateinischen Termini für "Zukunftsvorhersage" (μαντεία / μαντική und divinatio, 1) sowie weitere Begriffe aus dem Wortfeld. Es folgen die Erklärungen von μαντεία und μαντική aus den ps.-platonischen "Definitiones" und die konzeptuell davon divergierende Ableitung der Begriffe von μανία in den platonischen Dialogen. Camerarius definiert darauf aufbauend die divinatio folgendermaßen: Atque ita se res videtur habere, ut divinatio omnis divina sit agitatio, aut certe potestatis alicuius maioris & naturae spirabilis externae, quae Graecis δαιμόνιος est. Ut tam caussa quam effectu superet sapientiam prudentiamque humanam, & nullius scientiae perceptis, neque artis praeceptis comprehendatur, quamvis quaedam observationum notationumque in quibusdam ratio & via indicetur. (2).
  • S. 3-16: Es folgt ein Überblick über die genera divinationis, die Camerarius fünf Kategorien zuweist (s.u.). Sein primäres Interesse ist ein taxonomisch-terminologisches und kein analytisches: non enim doctrinae alicuius nunc instituta est enarratio, sed rerum vocabulorumque indicium & demonstratio (14). Und so versucht er, jede Kategorie unter Rückgriff auf zahlreiche antike Quellen mit den dazugehörigen Elementen und Akteuren terminologisch (auf Griechisch und Latein) zu fassen, teilweise mit etymologischen Erklärungen. Jeder dieser Kategorien ist im Folgenden ein gesondertes Kapitel gewidmet; jedes Kapitel ist angereichert mit einer Vielzahl antiker Zitate (griechische in lateinischer Übersetzung durch Camerarius), Beispiele und episodisch-erzählenden Passagen.
  • S. 16-33: Kategorie 1: oracula & responsa & vaticinationes proprie divinae.
Die Kategorie umfasst Weissagepraktiken, die auf einer gewaltsamen Einwirkung einer übermenschlichen Wesenheit auf die materia subiecta (i.e. das Medium) beruhen, deren Ursachen und Wirkungen nicht rein natürlich erklärbar seien (gewisse Dispositionen können für Weissagungen prädestinieren, aber diese nicht bewirken) und den menschlichen Verstand überstiegen (16). Im Zentrum stehen die paganen Orakel (mit zahlreichen narratiunculae), die Sibyllen und andere weissagenden Akteure. Ganz kurz wird auf die Wirkmacht der δαιμόνια verwiesen. Die göttliche, 'milde' Inspiration der Propheten wird nicht behandelt, da der Fokus ausschließlich auf der paganen Antike liegt.
  • S. 33-59: Kategorie 2: ἀστρονομία καὶ ἀστρολογία, dazu auch die Auslegung von Wetter- und Himmelszeichen (u.a. Kometen mit Verweis auf "De cometis"), Wettervorhersagen, Traumdeutung, Physiognomie, Metoposkopie und Cheiromantie sowie die Interpretation körperlicher Male, spontaner Bewegungen und Geräusche.
Die Praktiken dieser Kategorie seien auf natürliche Ursachen (progressus naturales, 33) zurückzuführen, die von einer höheren Macht bewirkt würden und an deren Erkenntnis sich der menschliche Intellekt abmühe. Sie fallen (bis auf die Traumdeutung) in Ciceros Kategorie der divinatio artificialis. Eine besondere Wertschätzung erfährt (wie in früheren Schriften) die auf langer Beobachtung und Erfahrung basierende, für das Gemeinwohl nützliche praeclarissima ars Astrologie (34), die jedoch mit viel 'Aberglauben' vermischt sei (der Abschnitt enthält u.a. Versionen zur Frühgeschichte der Astrologie und einen Katalog antiker und arabischer astrologischer Schriftsteller). Einigen Raum erhält auch die Traumdeutung (ebenfalls mit Autorenverzeichnis, Klassifizierungen der Träume, einigen narratiunculae und vielen Zitaten). Die Ausführungen zur Cheiromantie sind u.a. mit einer Erzählung Willibald Pirckheimers versehen (bestätigte Prognose, dass ein Nürnberger Mädchen innerhalb von acht Tagen sterben werde).
  • S. 59-102: Kategorie 3: de signis aliquibus extraneis coniecturae.
Diese Kategorie umfasst Vorhersagen aus ungewöhnlichen Zeichen aller Art (Prodigien und anderes) sowie Augurien, Auspizien und die Eingeweideschau. Die Methodik der Auslegung sei mit derjenigen der vorherigen Kategorie vergleichbar, doch basiere das dort verwendete 'Material' auf natürlicheren Ursachen. Über die Vogelschau wird ausführlich gehandelt (mit langem Exkurs, warum für die Griechen rechts günstig ist, für die Römer links), ebenso über die außergewöhnlichen Zeichen (mit Diskussion der Terminologie und Ordnung des Spektrums; mit vielen Zitaten und narratiunculae). Man dürfe weder alles leichtfertig als Zeichen sehen und darauf reagieren, noch alles kritisch verwerfen und die Zeichen (als potentielle göttliche Medien) missachten. Grundsätzliches Problem bei der Auslegung: Est omino lubricus iste locus, & plane inenodabilis, propter eventuum dissimilitudinem atque varietatem. (93). Der letzte Abschnitt widmet sich der Eingeweideschau (mit einigen Episoden).
  • S. 102-130: Kategorie 4: magica.
Die hier genannten magica umfassen nicht nur superstitiones quaedam divinationum, sondern auch mancherlei effectus admirabiles, die scheinbar nicht aus rein menschlicher Kraft bewirkt werden (103). Es sei zwar schon mehr als genug zu dieser impia vanitas (ebd.) geschrieben worden, doch wolle Camerarius dazu noch einige Gedanken äußern. Nach Ausführungen zu den Begriffen magus und magia wendet er sich gegen die Auffassung, es gäbe eine magia naturalis ohne superstitio, welche medizinische und mathematische Prinzipien aufweise (104). Genannt werden dann Zaubertränke und Heilzauber, Zaubersprüche, Zauberkräuter, Illusionszauber, zudem die Einweihung in die antiken Mysterien, Menschenopfer und Nekromantie, magische Amulette, der 'böse Blick', magische Zeichen und Geräte, die Hydromantie sowie weitere 'abergläubische' Weissagungen aus Fischen, aus Feuer und Luft, mittels Sieben und aus Blättern oder (was auch heute wieder Konjunktur habe) aus Spiegeln, Glas und Kristall, sowie die Krithomantie (mit Beschreibung).
Urteil: Die Magie sei so nichtig wie verbreitet (Res enim tota inprimis nugatoria atque futilis est, quamvis ubique gentium locorumque & omnibus temporibus usitata., 125).
  • S. 130-150: Kategorie 5: quae forte, temere, casu eveniunt.
Unter dieser letzten Kategorie subsumiert Camerarius etwa Losorakel, (erneut) die Nekromantie, die Lehre von den anni climacterici, Geomantie (mit Beschreibung), Bestimmung von Glücks- und Unglückstagen und eine bunte Reihe von superstitiones vulgares (135, etwa dass ein Wolf, dem man begegne, Glück, ein Hase aber Unglück bedeute sowie diverse Praktiken wie das "Bücherstechen"). Als Ergänzung werden einige historiolae aus der byzantinischen Geschichtsschreibung (Johannes Zonaras und Nicetas Choniates) angeführt.
Urteil: Diese Kategorie zeichne sich durch "grenzenlosen Aberglauben und vollkommen lächerliche Nichtigkeit" (133) aus, ihre Grundlagen und Wirkungen seien "wunderlich" (mirabiles, ebd.), ihre Befürwortung sei von Christen als impietas zu verurteilen (138). Sie bildet somit die negative Klimax der Divinationsarten.
  • S. 150-154: Ein kurzer resümierender Abschnitt schließt die Schrift ab. Hier benennt Camerarius (wie in der Einleitung) erneut seine Intention: Cum nobis hoc fuit propositum, ut divinationum, & cum hac coniunctarum superstitionum genera indicaremus, paucisque exemplis demonstraremus, & nomina appellationesque exponeremus. (150). Mit der Klärung der Begriff überlasse er nun illa ingens confusio superstitionum (151) den Lesern. Hinter all diesen effectiones (ebd.) stehe eine Kraft, die die menschliche übersteige, doch habe er in der vorliegenden Schrift darauf verzichtet, das Wirken des wahren und ewigen Gottes zu behandeln, und habe sich auf die paganen Formen konzentriert und diese den Lesern zur Beurteilung überlassen. Die seit der Antike angenommene Existenz der Dämonen wird bekräftigt. Sie seien aber deutlich von der divinitatis excellentia (152) zu trennen, auch wenn sie Dinge bewerkstelligten, die das menschliche Fassungsvermögen überstiegen. Da sie Schlechtes bewirkten, stünden sie konträr zu Gott. Es gäbe wie in der Antike auch heutzutage Illusionskünstler (θαuματοποιοί, 152), die ihre Kunststücke durch fleißiges Üben bewerkstelligten und ganz ohne Hilfe der Dämonen, wie etwa die Schwerttänzer, Dolchschlucker, Feuerspucker oder andere Artisten.

Forschungsliteratur

Zum Aufbau der Schrift und der Kapitel, ihrer terminologischen Ausrichtung und ihrer kommentaraffinen Faktur sowie zum divinatorischen Ordnungssystem des Camerarius im Vergleich zu den Systemen Ciceros und Peucers vgl. Huth 2017, hier: S. 238-258 mit weiterer Literatur.