Camerarius, Onar hypar, 1555

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
Wechseln zu: Navigation, Suche


Opus Camerarii
Werksigle OC 0616
Zitation Onar hypar, seu Syndicus Querelae M(artini) Luteri, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0616
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Onar hypar, seu Syndicus Querelae M(artini) Luteri
Kurzbeschreibung Die Autorinstanz gibt sich als Anwalt von Camerarius' "Querela Martini Luteri" aus und reagiert auf die seines Erachtens nicht nachvollziehbaren harschen Angriffe dagegen. Hauptanliegen der "Querela" sei es nicht gewesen, die aktuelle Krise weiter zu verschärfen, sondern zu vermitteln. Die Verwendung einer schärferen Sprache sei zu billigen, wenn es um die correctio bestimmter Zustände gehe; richte sie sich aber in destruierender Absicht ad personam, sei sie als bloße maledicentia zu verdammen. Schlimm sei es, die Depravation der deutschen Sprache in den Polemiken zu erleben. Dagegen wird die Klarheit der klassischen Sprachen sowie der Nutzen der Bildung und des sermo eruditus & doctus für die Gesellschaft betont.
Erstnachweis 1555
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon des Druckes datiert Anno (...) M.D.LV. mense Augusto.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1555/08/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1555/08/31
Schlagworte / Register Polemik (konfessionell); Innerprotestantische Krise; Philippismus; Gnesiolutheranismus; Traum/Traumdeutung; Bildungsdiskurs
Paratext zu
Paratext? nein
Paratext zu
Überliefert in
Druck Camerarius et al., Querela Martini Luteri et al., 1555
Erstdruck in Camerarius et al., Querela Martini Luteri et al., 1555
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 105-150
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MG
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0616
Zitation Onar hypar, seu Syndicus Querelae M(artini) Luteri, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0616
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Onar hypar, seu Syndicus Querelae M(artini) Luteri
Kurzbeschreibung Die Autorinstanz gibt sich als Anwalt von Camerarius' "Querela Martini Luteri" aus und reagiert auf die seines Erachtens nicht nachvollziehbaren harschen Angriffe dagegen. Hauptanliegen der "Querela" sei es nicht gewesen, die aktuelle Krise weiter zu verschärfen, sondern zu vermitteln. Die Verwendung einer schärferen Sprache sei zu billigen, wenn es um die correctio bestimmter Zustände gehe; richte sie sich aber in destruierender Absicht ad personam, sei sie als bloße maledicentia zu verdammen. Schlimm sei es, die Depravation der deutschen Sprache in den Polemiken zu erleben. Dagegen wird die Klarheit der klassischen Sprachen sowie der Nutzen der Bildung und des sermo eruditus & doctus für die Gesellschaft betont.
Erstnachweis 1555
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon des Druckes datiert Anno (...) M.D.LV. mense Augusto.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1555/08/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1555/08/31
Schlagworte / Register Polemik (konfessionell); Innerprotestantische Krise; Philippismus; Gnesiolutheranismus; Traum/Traumdeutung; Bildungsdiskurs
Paratext zu
Paratext? nein
Überliefert in
Druck Camerarius et al., Querela Martini Luteri et al., 1555
Carmen
Gedicht? nein
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Entstehungskontext

Der "Onar hypar" ist eine anonyme Replik des Camerarius auf Johann Stoltz' "Defensio Martini Luteri", mit der dieser wiederum auf Camerarius' anonym publizierte "Querela Martini Luteri" (1554) geantwortet hatte. Alle drei Schriften sowie ein Briefpaar von Stoltz und Nikolaus von Amsdorf mit heftiger Polemik gegen Camerarius werden 1555 von Johann Oporinus im Verbund gedruckt. Laut Jakob Thomasius (s.u. "Forschungsliteratur", S. 29f.) wurde dieser Werkverbund auf Initiative des Camerarius publiziert, der damit auf einen in Regensburg erschienenen Einzeldruck der "Defensio" reagierte (anders Schäfer 2003, hier S. 162). Wenn Camerarius im "Onar hypar" über die Depravation der deutschen Sprache in den Polemiken klagt, spielt er sicherlich auch auf Werke wie Nikolaus Gallus' "Klagrede" an, die erste gedruckte Reaktion der Gnesiolutheraner auf die "Querela" (dazu Schäfer 2003, hier 154-156).

Aufbau und Inhalt

Die Autor-Persona gibt sich als Leser und Anwalt der "Querela" aus. Angesichts der Reaktionen auf die Schrift sei ihr der Traum Jakobs und dessen Folgen in den Sinn gekommen. Man könne sich immer darüber grämen, dass es besser gewesen wäre zu schweigen, aber im Endeffekt sei es doch sehr wichtig und zuträglich gewesen, dass Jakob von seinem Traum erzählt habe. So habe auch die "Querela" zumindest den schlimmen Zustand der Zeit und der Menschen plastisch vor Augen gestellt.
Symptomatisch für die aktuelle Zeitlage sei eine Unkultur der Polemik und des Streitens. Die Autorinstanz wolle nun – im Gegensatz dazu – ganz ruhig ihre Gedanken zur "Querela" formulieren, die denen der Guten und Wahrheitsliebenden entsprächen. Dies geschehe am besten auf Griechisch oder Latein, da hier die Aussagen klar und eindeutig seien. Das depravierte Deutsche, wie man es heutzutage zur Beförderung falschen Denkens und rechthaberischen Verleumdens gebrauche (angespielt sein dürfte auf die Schriften des Nikolaus Gallus), sei ihm mehr und mehr fremd und habe nichts mehr mit der genuinen Sprache zu tun (Sic non loquebantur, quantum ego memini, maiores nostri, neque ego istam alienam loquelam usurpare ausim: ne velim quidem dicere, ut possim percipere audiendo, 110). In ebendieser, gleichsam tierischen Sprache hetze eine Reihe von Schriften gegen die "Querela". Diese Reaktion sei auch deswegen nicht verständlich, da doch beide Parteien an Gott und Christus glauben. Die Verleumdungen und die Schädigung des guten Rufs durch vorsätzliche Lügen seien besonders schmerzhaft, erinnerten an das Toben tollwütiger Hunde und seien menschenunwürdig.
Die "Querela" habe nicht für Aufruhr sorgen, sondern beschwichtigen wollen (Non profecto ista Querela commovere quicquam voluit, ac sedare potius iam commota, cum vitiosae aetatis quasi picturam studuit proponere, 117). Sie sei keine Schmähschrift und es sei nicht besser gewesen, zu schweigen; auch wenn Jammern im Schmerz nichts helfe, konnte doch de fletu Querelae (118) einiges an Trost gewonnen werden. Freilich dürfe ein Weiser seinen Affekten nicht nachgeben, auch wenn diese Zeichen von humanitas, pietas und religio seien, zumal wenn man sehe, wie die Heimat von den eigenen Bürgern geschunden werde. Eingebüßt sei durch die Hetze bei dem Verfasser der "Querela" der gute Ruf der sapientia und ersetzt durch den Vorwurf der loquacitas und garrulitas, ohne Nutzen seien die langjährigen Bemühungen um die bonae artes (119): Nunc nobis, his quasi personis ablatis, in nuditate nihil turpius scilicet erit (ebd.). Von Tag zu Tag nähme die Bildung mehr ab und es sei ein leichtes, dem Volk einzureden, dass es keine Bildung brauche. Diesem könnten dann umso leichter abwegige Dinge eingeredet werden. Dennoch wolle die Autorinstanz all ihren Intellekt und ihre Bildung, die sie aus der Lektüre antiker Autoren bezogen habe, dem Ruhm Gottes, der Kirche Christi und dem Nutzen Dritter anheimstellen. Der Nutzen der Bildung und des sermo eruditus & doctus (123) für die Bildung, die Blüte und den Erhalt der Gesellschaft wird betont (sermo est enim profecto sapientiae interpres, 123). Zugleich wird warnend vor Augen gestellt, was Menschen ohne profunde Bildung ausmacht und leitet (vor allem bei der Bekämpfung der Bildung und der bonae artes). Die Kinder sollten sich nicht vom Lernen abbringen lassen. Und die, die für die Bildung und die bonae artes brennen, müssen sich gewahr sein, dass sie sich auf eine lange und schwierige Reise begeben, die so früh wie möglich angegangen werden sollte. Aber es sei immer besser, sich spät als nie zu bilden. Hochmut und Fehleinschätzung seien das Fanal der Ungebildeten, die sich als doctores gerieren (129). Die studia seien stets in den Dienst Gottes und seiner Gemeinschaft auf Erden zu stellen. Erstes Ziel sei die explicatio veritatis, & cultura virtutis (131).
Vor allem aber seien moderatio & cura (ebd.) hochzuhalten – was vor allem die größten Hetzer forderten (so auch vom Verfasser der "Querela"), die zudem die conatus sapientiae humanae als gegen Gott gerichtet 'verteufeln'. Wenn diese zu verteufeln sind, was sei dann erst mit den conatus furoris & dementiae (132)? Die Autorinstanz dankt Jesus für die Gabe der constantia mediocris (133), so dass der Verfasser der "Querela" nicht offenkundigen Irrtümern gegen sein Gewissen zustimmen musste, sondern sich stattdessen mit Jesu Hilfe der Gefahr der Publikation aussetzte. Christus sei die via media (135), die zum Heil und ewigen Leben führe. Auf dieser bewegen sich die aggressiven Gegner mit ihren Methoden nicht. Manchmal müsse man durchaus zu einer schärferen Sprache greifen – v.a. beim Tadel von Fehlern – aber nur, wenn ihre Verwendung erwiesenermaßen nützlich und heilsam ist und nicht, wenn sie darauf aus ist, ad personam zu schaden und ihren Anwendern Lustgewinn zu bringen (also: correctio vs. maledicentia, 140). So habe es die Gegenschrift (von Johann Stoltz) zur "Querela" getan.
Es folgt ein Appell, dass jeder seine Pflichten erfülle, sich nicht über seinen Status erhebe und hochmütig verfahre, nicht Religiöses mit Weltlichem mische, nicht dem Hass folge und diesen in Pamphleten verbreite, nicht nach Eigennutz strebe und keine neuen Anlässe für noch heftigere Streitigkeiten gebe. Die Wunden des Staatswesen sollten geheilt, die barbaries eingedämmt, pietas, virtus und mansuetudo sowie die bonae artes gepflegt werden.
Beendet wird die Schrift durch ein Gebet an Christus und die Dreieinigkeit.

Forschungsliteratur

  • Thomasius, Jakob: Caput II. De libro cui titulus: Somnium Lutheri. In: Christian Thomasius: Historia sapientiae et stultitiae, Bd. 1. Halle 1693, S. 23-40, hier S. 30-38;
  • Schäfer 2003, hier S. 162-165.