Camerarius, Prooemium ad Bolgangum Werterensem, 1551

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0550
Zitation Prooemium ad nobilem ordinis equestris in Misnia adulescentem Bolgangum Theoderici f(ilium) Werterensem, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0550
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Prooemium ad nobilem ordinis equestris in Misnia adulescentem Bolgangum Theoderici f(ilium) Werterensem
Kurzbeschreibung Grundsätzliche Gedanken über die Bedeutung der Beredsamkeit für den Staat und der Sprache für die Bildung. Sprache und Inhalte sind nicht voneinander zu trennen. Im Schlussteil des Proöms finden sich Informationen zur Werkgenese des Lexikons.
Erstnachweis 1551
Bemerkungen zum Erstnachweis Datum des Erstdruckes
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn)
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende)
Schlagworte / Register Prooemium; Rhetorik; Bildungsdiskurs; Sprachphilosophie; Werkgenese; Glossar; Ciceronianismus; Imitatio
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Camerarius, Διασκευή ὀνομαστική, 1551
Überliefert in
Druck Camerarius, Commentarii utriusque linguae, 1551
Erstdruck in Camerarius, Commentarii utriusque linguae, 1551
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. Α2r-Α3v
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:JS
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0550
Zitation Prooemium ad nobilem ordinis equestris in Misnia adulescentem Bolgangum Theoderici f(ilium) Werterensem, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0550
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Prooemium ad nobilem ordinis equestris in Misnia adulescentem Bolgangum Theoderici f(ilium) Werterensem
Kurzbeschreibung Grundsätzliche Gedanken über die Bedeutung der Beredsamkeit für den Staat und der Sprache für die Bildung. Sprache und Inhalte sind nicht voneinander zu trennen. Im Schlussteil des Proöms finden sich Informationen zur Werkgenese des Lexikons.
Erstnachweis 1551
Bemerkungen zum Erstnachweis Datum des Erstdruckes


Schlagworte / Register Prooemium; Rhetorik; Bildungsdiskurs; Sprachphilosophie; Werkgenese; Glossar; Ciceronianismus; Imitatio
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Camerarius, Διασκευή ὀνομαστική, 1551
Überliefert in
Druck Camerarius, Commentarii utriusque linguae, 1551
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Widmung und Entstehungskontext

Das Proömium ist als Widmungsbrief an Wolfgang von Werthern verfasst.

Aufbau und Inhalt

Unter Bezugnahme auf eine Aussage des Perikles bei Thukydides betont Camerarius eingangs die Einheit von kluger Überlegung und Beredsamkeit und betont die Notwendigkeit der Rhetorik für den Staatsmann und den Weisen. Der zugleich gelehrte und beredte Mann verdiene im Staat höchstes Ansehen. Er sei derjenige, der "deuten könne, was dem Gemeinwohl zuträglich sei" (interpres commodorum publicorum, et utilitatis communis explicator, A2r). Camerarius gestehe durchaus ein, dass es historische Beispiele für Staatsmänner gebe, die zwar über großen Sachverstand verfügten, denen es jedoch an Redefähigkeit mangelte. Für den gegenteiligen Fall, dass jemand zwar in überragender Weise beredt, zugleich jedoch töricht und unerfahren sei, lasse sich jedoch kein Beispiel anführen; dies sei überhaupt undenkbar. Deshalb müsse die erste Sorge der Weisheit (sapientia) und Erkenntnis (cognitio) gelten. Durch diese würde der Verstand mit "wahren Gütern" (propriis et veris bonis atque divitiis) erfüllt. Hierzu müsse jedoch noch die Fähigkeit (vis ac potestas) treten, diese verborgenen Güter (recondita) nach außen zu vermitteln (proferantur et communicarentur cum aliis). Die Einsicht in die Bedeutsamkeit der Rede habe dazu geführt, dass die nach Ruhm und Tugend Strebenden sich mehr auf den Erwerb dieser Fähigkeit als um den der Erkenntnis bemüht haben. Das gelte sowohl für die, die auf öffentliche Ämter, als auch für die, die auf das otium bedacht seien.
Nachdem dargelegt ist, dass die Gelehrsamkeit (sapientia, doctrina) der Beredsamkeit (eloquentia) bedürfe, weist Camerarius darauf hin, dass die Sprachen aller Gelehrten Latein und Griechisch seien. Was Camerarius über das gesprochene Wort gesagt habe, gelte auch für das geschriebene (A2v). Ohne Kenntnis in den Sprachen könne man sich nicht nur weniger überzeugend und klar ausdrücken, sondern mit einem unsicheren Ausdruck oder kühnen Neubildungen werden Inhalte auch verdunkelt oder sogar verfälscht. Auch die Unkenntnis des Griechischen kann die Erfassung der richtigen Bedeutung verhindern. Aus sprachlichem Fehlverständnis seien zahlreiche Schäden für die Allgemeinheit hervorgegangen wie Vielgötterei, Tyrannenherrschaft oder andere moralische Depravationen.
In Weiterführung der Aussage Ciceros, dass jede Meinungsverschiedenheit entweder eine Sache (res) oder eine Bezeichnung (nomen) betreffe, unterstreicht Camerarius, dass sowohl die Unklarheit (ambiguitas) über Sachen als auch die über Bezeichnungen mit Wörtern ausgeräumt werden können, wenn deren Sinn richtig erfasst werde. Andernfalls sei es nötig, eine zweifelhafte Interpretation stets wiederum durch eine Interpretation zu erklären. Diese Problematik sei in den vergangenen Jahren unter anderem von Erasmus von Rotterdam erkannt worden. Hiermit verweist Camerarius wohl auf Erasmus' "Antibarbari" (1493/1520) (bzw. "Adagia"; vgl. Baier 2017, S. 82). In Weiterführung der Gedanken des Erasmus setzt sich Camerarius mit der Barbarei (barbaries) auseinander (A2v-A3r). Dass Giovanni Pico della Mirandola Schriften der Barbaren hochgeschätzt, zugleich aber die Astrologie bekämpft habe, erscheint Camerarius als ein Widerspruch.
Die Notwendigkeit sprachlicher Kommunikation verdeutlicht Camerarius anhand eines Epigramms, in dem zwei Taube vor einem nicht weniger schwerhörigen Richter gegeneinander prozessieren. Aus den Äußerungen der drei wird deutlich, dass jeder von einem ganz anderen Sachverhalt ausgeht. Deshalb wende sich Camerarius nun gegen eine Strömung, die eine Beschäftigung mit den beiden alten Sprachen für unnütz halte (A3r). Dabei richte er sich auch gegen solche, die sich zwar unter die Philosophen und Gelehrten zählen wollten, sich letztlich jedoch durch Eitelkeit oder Trägheit auszeichneten. Die wollen sich nicht mehr an den antiken Autoritäten (ad veterum monumenta) ausrichten und ihren sprachlichen Ausdruck (oratio) nicht mehr daran "wie an einem Lineal ausrichten". Sie kümmerten sich weder darum, was oder worüber sie redeten, noch ob ihre Aussagen passend oder bedeutungsvoll sei, noch ob die Wortwahl treffend sei. Damit es nicht schiene, dass sich die Gegner auf keine Autoritäten stützten, führten sie großtuerisch bestimmte Aussagen von Platon und Galen an (A3v).
Camerarius kommt nochmals auf den res-verba-Kontrast zurück und wendet sich gegen einen fiktiven Interlokutor, der einzig den res Bedeutsamkeit beimessen will, da die Wörter lediglich Zeichen der Dinge seien (non enim verba, quae rerum notae sunt, sed res ipsas spectandas esse censeo, A4r). Häufig sei festzustellen, dass auf Inhalte konzentrierte Autoren die sprachliche Form vernachlässigten, auf den Ausdruck bedachte wiederum arm an Aussagen seien.
Camerarius verteidigt die Bedeutung der Sprache, indem er feststellt, dass kein anderes Mittel (bildl. "Henkel") die Möglichkeit eröffne, eine Aussage oder einen Bewusstseinsgehalt zu erfassen, außer dem der Sprache (Nulla autem certe est ansa, qua apprehendi possit vera et certa sententia, et animi conceptio, et cogitationis inventum, nisi orationis). Denjenigen, die sich auf Galen berufen, um eine Vernachlässigung des sprachlichen Ausdrucks rechtfertigen zu können, wirft Camerarius Missbrauch vor (A4v-B1r). Im Gegenteil, die Aussagen der antiken Autoren stünden in Einklang mit seiner Position. Camerarius geht von einem notwendigen und untrennbaren Zusammenhang von res und verba aus und begründet dies.
Camerarius geht schließlich auf die Werkgenese des Lexikons ein (B1r): Bei der Lektüre antiker Autoren habe er Anmerkungen zum Gebrauch bedeutungsvoller Wörter an den jeweiligen Textstellen angebracht (annotavi praecipuorum verborum in his usum). Simon Grynäus habe ihn ständig zu dem Unternehmen angehalten. Dann wurde jedoch klar, dass es dem Vorhaben noch an einem klaren Konzept fehlte: Sie seien weder vollständig noch zahlreich, weder klar abgetrennt noch geordnet, sondern aufs Geratewohl zusammengestellt worden. Für eine Edition sei aber ein Neuansatz nötig geworden. Er habe dann aus den Anmerkungen ein Exzerpt erstellt und dieses wiederum nach den Körperteilen angeordnet. Hierzu habe ihn Georg Sturtz ermuntert. Er habe eine Schrift eines gewissen Galeottus in der Hand gehabt, aber nach etwas Besserem gesucht. Auf Erwähnung des Georg Sturtz folgt ein kurzer Nachruf auf ihn mit lobenden Erinnerungen an die Beziehung zwischen den beiden. Daraufhin legt Camerarius die Gliederung der Lemmata dar, die aus Umständen der Werkentstehung nicht nach der Ordnungsstruktur der vier Kategorien οὐσία / natura, δύναμις / potestas, ενέργεια / effectio und χρεῖα / actio (Anm. 1) richten konnte, sondern sich an Iulius Pollux orientiert.
Dann wendet sich Camerarius mit Lobesworten dem Widmungsempfänger Wolfgang von Werthern zu, dessen Bildung er unter Verweis auf seinen Lehrer Georg Fabricius hervorhebt (B2v-B3v). Positives über Werthern höre man auch von Johannes Sturm, mit dem er eng verbunden sei. Rühmend erwähnt Camerarius auch die edle Abkunft. Camerarius schließt mit ausführlichen Glückwünschen.

Anmerkungen

Forschungsliteratur

  • GG 87.
  • Kößling 2000, S. 64-66.
  • Baier 2017, S. 79-84 (zur Bedeutung der Wissenschaftssprachen Griechisch und Latein, sowie zu dem implizit ausgesprochenen Bekenntnis des Camerarius zu einem gemäßigten, den Zeitumständen angepassten Ciceronianismus nach Erasmus von Rotterdam), S. 88-92 (zum imitatio-Gedanken, zu Auffassungen über die Sprache, die an Quintilian erinnern, sowie zur Ablehnung der bei Platon und vermeintlich Galen vorgebrachten Kritik an der Rhetorik).