Camerarius, Prooemium in Historias Herodoti, 1541

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0388
Zitation Prooemium in Historias Herodoti Ioachimi Camerarii, ad illustrem principem & dominum, dominum Georgium ad Anhalt, &c(etera)., bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0388
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Prooemium in Historias Herodoti Ioachimi Camerarii, ad illustrem principem & dominum, dominum Georgium ad Anhalt, &c(etera).
Kurzbeschreibung Als "Prooemium" bezeichnete Einleitung zu Herodot und seinem Geschichtswerk, die ausführliche Darstellungen über den griechischen Historiker bietet. Hierbei verteidigt Camerarius Herodot gegen Vorwürfe historischer Unzuverlässigkeit mit Reflexionen über Fiktionalität in der Geschichtsschreibung und über die Zielsetzung historiographischen Schreibens. Es folgen Darlegungen zur Vita des Historikers, zum ionischen Dialekt und Anmerkungen zu bestimmten Figuren und Vokabeln.
Erstnachweis 1541
Bemerkungen zum Erstnachweis Kolophon: Mense Martio, Anno M.D.XLI
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1541/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1541/03/31
Schlagworte / Register Geschichtsschreibung; Griechische Geschichtsschreibung; Polemik (literarisch); Stilkritik
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Camerarius, Ἡροδότου Ἁλικαρνασσέως Ἱστορία, 1541
Überliefert in
Druck Herodot, Λόγοι ἐννέα, 1541; Herodot, Λόγοι ἐννέα, 1557; Herodot, Ἡροδότου τοῦ Ἁλικαρνασσέως ἱστορία, 1570; Herodot, Ἱστορίων λόγοι, 1592.
Erstdruck in Herodot, Λόγοι ἐννέα, 1541
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. A2r-B4v
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:JS
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0388
Zitation Prooemium in Historias Herodoti Ioachimi Camerarii, ad illustrem principem & dominum, dominum Georgium ad Anhalt, &c(etera)., bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0388
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Prooemium in Historias Herodoti Ioachimi Camerarii, ad illustrem principem & dominum, dominum Georgium ad Anhalt, &c(etera).
Kurzbeschreibung Als "Prooemium" bezeichnete Einleitung zu Herodot und seinem Geschichtswerk, die ausführliche Darstellungen über den griechischen Historiker bietet. Hierbei verteidigt Camerarius Herodot gegen Vorwürfe historischer Unzuverlässigkeit mit Reflexionen über Fiktionalität in der Geschichtsschreibung und über die Zielsetzung historiographischen Schreibens. Es folgen Darlegungen zur Vita des Historikers, zum ionischen Dialekt und Anmerkungen zu bestimmten Figuren und Vokabeln.
Erstnachweis 1541
Bemerkungen zum Erstnachweis Kolophon: Mense Martio, Anno M.D.XLI
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1541/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1541/03/31
Schlagworte / Register Geschichtsschreibung; Griechische Geschichtsschreibung; Polemik (literarisch); Stilkritik
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Camerarius, Ἡροδότου Ἁλικαρνασσέως Ἱστορία, 1541
Überliefert in
Druck Herodot, Λόγοι ἐννέα, 1541; Herodot, Λόγοι ἐννέα, 1557; Herodot, Ἡροδότου τοῦ Ἁλικαρνασσέως ἱστορία, 1570; Herodot, Ἱστορίων λόγοι, 1592.
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Widmung und Entstehungskontext

Das Proömium ist Georg III. (Anhalt-Plötzkau) gewidmet. Die Widmung an diesen begründet Camerarius am Ende des Proömiums, indem er zunächst den Fürsten für seinen Einsatz für die Wahrheit lobt, wodurch er eine Beziehung zu dem herausgegebenen Werk herstellt, denn soeben hatte er den umstrittenen Wahrheitsgehalt des herodoteischen Geschichtswerkes verteidigt. Sodann lobt Camerarius den Herrscher wegen seines Einsatzes für die Bildung (artes humanitatis), was schließlich im Dank an Georg von Anhalt für die Aufnahme Georg Helts konkretisiert wird. Ferner preist Camerarius den Landesherrn für seine Bemühungen um das Christentum.
Camerarius berichtet in diesem Vorwort über seinen persönlichen Zugang zu Herodot durch den Schulbesuch.

Aufbau und Inhalt

Als "Prooemium" bezeichnete Einleitung zu Herodot und seinem Geschichtswerk, die ausgiebig über den griechischen Historiker informiert. Trotz der Adressierung an einen Widmungsempfänger geht diese Einleitung in ihrem Informationsgehalt deutlich über die gewöhnlichen Widmungsbriefe hinaus. Hierbei verteidigt Camerarius Herodot gegen Vorwürfe historischer Unzuverlässigkeit mit Reflexionen über Fiktionalität in der Geschichtsschreibung und über die Zielsetzung historiographischen Schreibens. Es folgen Darstellungen zur Vita des Historikers, zum ionischen Dialekt und Anmerkungen zu bestimmten Figuren und Vokabeln.
Camerarius erinnert sich, wie er als Junge von seiner Mutter Martha Camerarius dem Lehrer Georg Helt übergeben wurde. Zu dieser Zeit, in der sich nach Camerarius die Bildung mehr und mehr durchsetzte, seien in Leipzig Richard Croke und Johannes Metzler, dann auch Petrus Mosellanus angekommen (A2r/v). Von diesen dreien sei er mit Nachdruck zum Griechisch-Studium angehalten worden. In häuslichem Privatunterricht, an dem auch Camerarius teilnahm, habe Croke Herodots "Historien" behandelt, sei dabei allerdings nur bis zum zweiten Buch gelangt. Camerarius sei von Herodots Lieblichkeit (dulcedo), Eleganz (elegantia) und Leichtigkeit (facilitas) und von dem ihn kennzeichnenden Dialekt sehr angetan gewesen. Seine Begeisterung habe Camerarius zur weiteren Beschäftigung mit dem Historiker angehalten. Seine Sprachkenntnisse habe er wesentlich seiner Beschäftigung mit Herodot zu verdanken. Von seinem Lehrer habe er eine Handschrift erhalten und diese reichlich mit Anmerkungen versehen (Anm. 1).
Camerarius habe Johann Herwagen d.Ä. zu dem Druck bewegen können. Dann geht er zu einer Betrachtung des Historikers über. Zunächst verteidigt er Herodot gegen den Vorwurf, er habe Unwichtiges behandelt. Er verweist hierzu in Schlagwörtern auf den Inhalt. Zudem verteidigt Camerarius Herodots Sprachstil und Darstellungstechnik.
Ebenso begegnet er dem vorgebrachten Verdacht der inhaltlichen Unzuverlässigkeit (mendacia) (A3r). Diesen Vorwurf habe vor ihm schon Aldus Manutius entkräftet (Anm. 2). Fabulöse Geschichten (fabulosae narratiunculae) seien ihm nicht als Lügen zu unterstellen, vielmehr habe er sie bestens in die Darstellung eingefügt (A3r/v). Herodot zeige sich in der Lenkung seiner Leser vielmehr bemüht, dass sie nicht falschen Geschichten aufsitzen. Camerarius beruft sich auf eine Aussage des Herodot, dass er alles, was er in Erfahrung ziehen konnte, erzählen, jedoch nicht notwendigerweise glauben müsse. Camerarius schließt grundsätzliche Gedanken über fiktionale Elemente in der Historiographie an, indem er einen Vergleich zu Thukydides zieht: Die fabulae seien dem Wahrheitsanspruch eines Geschichtswerkes nicht abträglich (veritati & integritati historiae minime officiant). Auch bei Thukydides seien die Reden in den Volksversammlungen fingiert und nicht in der niedergeschriebenen Form gehalten worden. Einen Tadel erteilt Camerarius Herodot allerdings für Exkurse (egressiones), die sich nicht auf das eigentliche Thema beziehen. Hierbei formuliert Camerarius auch normative Postulate, wie eine gute Geschichtsschreibung auszusehen habe: Sie darf auch schmuckvoll sein, solange sie der Wahrheit verpflichtet bleibt (integram ... probam ... incorruptam decet esse historiam). Authentizität (fides) macht Camerarius an Zeitangaben, Namen, vertrauenswürdiger Darstellung von Ereignissen (certa enarratio; prudens persecutio) fest. Diesen Anspruch erfülle Herodot. Gelegentliche Irrtümer tun der allgemeinen Glaubwürdigkeit Herodots laut Camerarius keinen Abbruch.
Camerarius reflektiert auch die Zielsetzung von Geschichtsschreibung: Sie soll Vergnügen (voluptas) und Nutzen (utilitas) bringen. Konkretisiert wird voluptas als delectatio cognitionis, utilitas als instructio animorum. Wenngleich einzelne Geschichten fingiert sein mögen, können sie dem Ausdruck einer abstrakteren Wahrheit dienen. So kann etwa eine Erzählung die perversitas animorum aufzeigen, die unter bedrängten Umständen aufkommt.
Weitere Vorbehalte gegen Herodot, die Camerarius auszuräumen versucht, stammen aus Plutarchs Schrift De Herodoti malignitate, in der Herodot Boshaftigkeit (malignitas) und andere Schwächen vorgeworfen werden. Camerarius verteidigt Herodot in polemischer Auseinandersetzung mit Plutarch (quasi contentio et rixa cum tanto viro). Hierbei wendet sich Camerarius gegen Bedenken gegenüber der historischen Zuverlässigkeit durch den Erweis inhaltlicher Plausibilität (z.B. bei den Ereignissen um die Schlacht bei den Thermopylen) (Anm. 3). Auch gegenüber Anfeindungen von Seiten des Thukydides nimmt Camerarius Herodot in Schutz. Die fabulae narrationes et historiae seien bloß um der Unterhaltung (voluptas, delectatio) des Lesers willen geschaffen, ein "dauerhafter Zweck" (diuturnus fructus) gehe ihnen aber ab. Hier liegt eine Kontrastierung mit der Geschichtsschreibung eines Thukydides zugrunde, der mit seinem Werk ein κτῆμα εἰς ἀεί zu schaffen beabsichtigt. Die entsprechende Textstelle aus Thukydides wird in den Marginalien zitiert. Camerarius vollzieht seine Entlastung des Herodot jedoch nicht durch eine Schwächung der thukydideischen Position, sondern durch den Hinweis, dass dieser Vorwurf gegen alle früheren griechischen Historiker vorgebracht werden könnte, wie etwa auch einem Pherekydes von Syros. Dahingegen lobt Camerarius Herodot unter Verweis auf Urteile Ciceros und Quintilians für seine sprachlich-stilistischen Qualitäten.
Dem eigentlichen Proömium, das einem Widmungsbrief nahekommt, folgen Abschnitte zur Biographie Herodots (De Herodoto), zum Ionischen Dialekt (De dialecto Ionica), sowie Anmerkungen zu einigen sprachlich-stilistischen Figuren und Begriffen (De figuriis et vocabulis quibusdam annotationes).

Anmerkungen

  • Anm. 1: Der erwähnte, von Camerarius verwendete Kodex mit Anmerkungen ist nicht mehr ausfindig zu machen (vgl. Ellis 2017, S. 131f.). Hinter dem nicht namentlich genannten Lehrer (a magistro) vermutet Ellis 2017, S. 133, Georg Helt; hier auch zum Zeitraum, in dem dieser erste Begegnung mit Herodot stattgefunden hat (zwischen September 1515 und Ostern 1517).
  • Anm. 2: Er bezieht sich hierbei auf den Widmungsbrief an Johannes Calpurnius Brixianus in der Herodot-Ausgabe von 1502 (vgl. Ellis 2017, S. 134f.).
  • Anm. 3: Zu Camerarius' Bemühen, Herodot gegen den Vorwurf mangelnder Religiosität in Schutz zu nehmen, vgl. Ellis 2017, S. 140-143.

Überlieferung

Das Proömium schließt auch ein weiteres Werk des Camerarius ein: Er zitiert ein Epigramm des Evenus, das er einst aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt habe.
Henris Estienne druckt in seiner Herodot-Ausgabe von 1570 Ausschnitte aus dem "Prooemium" ab. Zuvor hebt er bereits im Widmungsbrief zu dem Druck die Zusammenarbeit mit Camerarius hervor (vgl. Pérez Custodio, M. Violeta: Henri II. Estienne's Conciones siue orationes ex Graecis Latinisque historicis excerptae. In: Anthologies of Historiographical Speeches from Antiquity to Early Modern Times. Rearranging the Tesserae. Hg. v. J. Carlos Iglesias-Zoido und Victoria Pineda, Leiden; Boston 2017, S. 213-237; hier: S. 224).
Zur weiteren Überlieferungsgeschichte von Camerarius' Proömium bis ins 19. Jahrhundert hinein vgl. Ellis 2017, S. 127 Fn. 1.
Das Argument, Plutarch habe aus Boshaftigkeit eine parteiische Haltung gegenüber Herodot eingenommen, da der Historiker die Böotier schlecht davonkommen lasse, übernimmt vermutlich Isaac Casaubon von Camderarius (vgl. Ellis 2017, S. 140). Ebenso schließt sich David Chyträus in seinen Deutungen zu Herodots Götterbild wohl seinem Tübinger Lehrer an (vgl. Ellis 2017, S. 142f.)

Forschungsliteratur

  • Ellis 2017 (über Camerarius' vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Geringschätzung bemerkenswerte Verteidigung des Historikers).