Camerarius, Querela Martini Luteri (Werk), 1554

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0596
Zitation Querela Martini Luteri, seu Somnium, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0596
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Querela Martini Luteri, seu Somnium
Kurzbeschreibung In der anonym publizierten "Querela" lässt Camerarius in der persona eines Ich-Erzählers den verstorbenen Luther als Traumfigur das Lutherbild der Zeitgenossen revidieren und harte Kritik an den Vertretern der Papstkirche wie an den radikalen Gnesiolutheranern üben. Er lässt ihn bezüglich der Rechtfertigungslehre Kompromisse formulieren und eine bevorstehende renovatio der Kirche prophezeien.
Erstnachweis 1554
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon gibt März 1554 als Druckdatum. Die "Querela" ist auf den 15.10.1553 datiert (Scrib. Id. VIIIbr. anno Christi M.D.LIII.).
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1554/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1554/03/31
Schlagworte / Register Polemik (konfessionell); Werkgerechtigkeit; Rechtfertigungslehre; Traum/Traumdeutung; Majoristischer Streit; Innerprotestantische Krise; Judenkritik; Gnesiolutheranismus; Philippismus
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Überliefert in
Druck Camerarius, Querela Martini Luteri (Druck), 1554; Camerarius et al., Querela Martini Luteri et al., 1555
Erstdruck in Camerarius, Querela Martini Luteri (Druck), 1554
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 3-62
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MG
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0596
Zitation Querela Martini Luteri, seu Somnium, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0596
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Querela Martini Luteri, seu Somnium
Kurzbeschreibung In der anonym publizierten "Querela" lässt Camerarius in der persona eines Ich-Erzählers den verstorbenen Luther als Traumfigur das Lutherbild der Zeitgenossen revidieren und harte Kritik an den Vertretern der Papstkirche wie an den radikalen Gnesiolutheranern üben. Er lässt ihn bezüglich der Rechtfertigungslehre Kompromisse formulieren und eine bevorstehende renovatio der Kirche prophezeien.
Erstnachweis 1554
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon gibt März 1554 als Druckdatum. Die "Querela" ist auf den 15.10.1553 datiert (Scrib. Id. VIIIbr. anno Christi M.D.LIII.).
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1554/03/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1554/03/31
Schlagworte / Register Polemik (konfessionell); Werkgerechtigkeit; Rechtfertigungslehre; Traum/Traumdeutung; Majoristischer Streit; Innerprotestantische Krise; Judenkritik; Gnesiolutheranismus; Philippismus
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Überliefert in
Druck Camerarius, Querela Martini Luteri (Druck), 1554; Camerarius et al., Querela Martini Luteri et al., 1555
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Werkgenese und Wirkungsgeschichte

Camerarius verfasst die "Querela" im Herbst 1553 nach dem Tod von Kurfüst Moritz von Sachsen (Juli 1553) angesichts der innerprotestantischen Krise. Als Modell fungiert Ciceros "Somnium Scipionis". Die "Querela" wird anonym im März 1554 bei Johann Oporinus in Basel publiziert und löst eine Reihe polemischer literarischer Reaktionen seitens der Gnesiolutheraner aus (vgl. Mundt 2001, hier S. 277-279; Schäfer 2003, hier S. 154-162). Oporinus druckt 1555 die "Querela" - erweitert um eine kurze griechische Anspielung auf Matthias Flacius (S. 20) - zusammen mit einem Briefpaar von Johann Stoltz und Nikolaus von Amsdorf, der in den Briefen erwähnten Entgegnung von Johann Stoltz ("Defensio Martini Luteri") und Camerarius' anonymer Antwort ("Onar hypar, seu Syndicus Querelae Martini Luteri"). Laut Schäfer 2003, hier S. 165 stammt von Camerarius auch ein anonymer griechischer Epilog ("Epilogus de Querela Somnii"), den der OPAC der HAB Wolfenbüttel als bei Valentin Bapst d.Ä. (ca. 1556) gedruckt ausweist. Dieser findet sich als autonomer Druck, aber auch als Beiband zu Exemplaren des Querela-Verbundes von 1555. Zu antiflacianischen Werken, etwa Johann Majors "Synodus avium" mit einem Rededuell des bubo Stoltz und der fringilla Camerarius, vgl. Schäfer 2003, hier insb. S. 167-173. Nach Schäfer in Mundt 2004, S. 278-281 erklärt sich die Polemik im Epicedium auf Johann Stigel (1562) aus den innerprotestantischen Gegensätzen und dem vorausgegangenen Wechsel polemischer Schriften zwischen Camerarius und den Gnesiolutheranern.

Aufbau und Inhalt

In einer Retrospektive berichtet der anonyme Ich-Erzähler Folgendes:
Zur Zeit des Herbstäquinoktium (1553) sei ihm, nachdem er tagsüber voller Sorgen über die Wirren der Zeit, den deplorablen Zustand der Kirche (Rei ecclesiasticae perversio, 3) und die damit verbundene Gefährdung des Staates nachgedacht habe, nachts der verstorbene Luther im Traum erschienen. Den Traum erklärt er als Resultat seiner schweren Gedanken, er verweist aber auch darauf, dass in den "Monaten, in denen die Blätter fallen" (4), solche Träume häufiger und bezüglich ihres Gehaltes erstaunlicher seien.
Luther sei nun ganz anders als zu Lebzeiten mit einer auffallend verzweifelten Haltung aufgetreten. Der Ich-Erzähler habe ihn begrüßt und ihm von der sich immer weiter zuspitzenden Lage und der schwierigen Situation Melanchthons berichtet, der von Arbeit und Sorgen verzehrt werde und permanenten Angriffen ausgesetzt sei. Dann habe er Luther gefragt, warum dieser so betrübt sei. Dieser habe voller Bitterkeit auf die Entwicklung seines reformatorischen Projektes und auf die Wirren nach seinem Tod verwiesen und habe für die deplorable Lage unbeirrbare Katholiken wie auch radikale Protestanten verantwortlich gemacht. Luther selbst habe einst zu harten Maßnahmen greifen müssen (ohne dass er freilich an dieser inclementia Freude gehabt hätte, 7), aber dies sei dem Zustand der "kranken" Kirche geschuldet gewesen. Er nennt die Missstände und sein Eingreifen zugunsten des öffentlichen Wohls, aber eben auch die Widerstände und die Entwicklung bis zu seinem Tod (1546).
Nach seinem Tod habe sich die Lage weiter verschärft. Besonders bekümmert und enttäuscht sei er über das Vorgehen der Radikalen in den eigenen Reihen, i.e. der Gnesiolutheraner (Quid meus peculiaris coetus, & quasi quaedam posteritatis suboles, quam celeriter oblita originis suae, quam turpiter magna ex parte degeneravit?, 17). Diese hätten den Religionskonflikt bis zum äußersten und bis zur Gefährdung des staatlichen Friedens verschärft und seien von einem Wunsch nach Eskalation getrieben (sed dissidia augeri volunt, odia intendi, & undique turbari quietem & pacem, 28). Unter Berufung auf ihn (meamque autoritatem quasi praescribere suis mirificis sententiis, 21) und auf seine Schriften, deren Inhalte sie verdrehten, richteten sie größten Schaden an. Besonders fatal sei, dass sie sich in Staatsangelegenheiten und Kriegsplanungen einmischten. Einige seiner Schriften seien zugegebenermaßen radikal, mussten dies aber sachbedingt sein und müssen im Kontext betrachtet werden (24).
Er habe den Grundsatz sola fide vertreten, trotzdem habe er die Bedeutung der guten Werke für das Seelenheil nicht ausgeschlossen, worüber sich erbitterte Auseinandersetzungen (etwa der majoristische Streit) entwickelt hätten (Docui, necessarios esse, in iis qui reconciliati essent Deo per fidem, conatus obedientiae, ad spem salutis & vitae sempiternae. Idem alius (scil. Georg Maior) postea dixit paulo apertius, ad salutem necessaria esse opera bona in Christianis. Non placuit, ac condemnatum fuit, 31f.).
Hätte er gewusst, wie seine Schriften von radikalen Anhängern wie Gegnern instrumentalisiert werden, hätte er gewünscht, dass sie alle verloren gegangen wären mit Ausnahme von "De servo arbitrio" (zu dieser Antwortschrift an Erasmus hatte Camerarius Luther angeregt, vgl. Wartenberg 2003, hier S. 14). Über all dies sei er mehr als betrübt und er sehe der Zukunft mit größter Skepsis entgegen.
An dieser Stelle habe der Ich-Erzähler Luther unterbrochen und sei in einen Dialog mit ihm getreten, den er im Folgenden wiedergibt:
Luther, der den an der momentanen Lage verzweifelnden Erzähler zu stärken versucht, habe – plötzlich voller Zuversicht – prophezeit, dass die Herrschaft der (Papst-)Kirche und ihrer sündhaften Vertreter fallen werde (De ecclesiastico regno loquor, quod eversum iri affirmo, nam completa ea sunt, quae ad hunc exitum fuerunt accumulanda, 37f.) und diese den Zorn Gottes aufs Schrecklichste spüren werden. Die Anhänger der wahren Kirche Christi werden hingegen gerettet werden. Der Ich-Sprecher solle sich nur gedulden. Die stolze Kirche werde stürzen und sich dann erneuern. Bis dahin stehen die Gläubigen und die Bußfertigen unter Gottes Schutz.
Daraufhin sei der Ich-Erzähler plötzlich erwacht, voller Sorgen über die aktuelle Lage in der Kirche, über die und deren Vertreter er zunächst voller Pessimismus reflektiert. Doch ruft er auch dazu auf, die Hoffnung in Christus zu setzen und sich durch ein gottgefälliges Leben vor den Unbilden der Zeit zu schützen. Die pii doctores sollten die Unruhe nicht noch befeuern, sondern ihre "Schäflein" zusammen halten (50f.). Man solle sich vor den Vertretern des falschen Glaubens hüten, die sich als die wahren Verehrer des wahren Gottes ausgeben (hier auch Invektive gegen die Iudaica vanitas, 53). Die wahre Kirche sei die ecclesia Christi (61). Und so endet die "Querela" mit einem Gebet an die Dreifaltigkeit und Christus, der alle, die zu ihm beten, in der Erkenntnis der Wahrheit stärke und sie zum ewigen Leben führe.

Forschungsliteratur

Mundt 2001, hier S. 275-281 mit Rezeption; Schäfer 2003, hier S. 149-173 mit Kontextualisierung und Rezeptionsgeschichte der "Querela". Zu berichtigen ist die Aussage, die Neuauflage der "Querela" von 1555 sei "an einigen Stellen verschärft" (S. 162). Ein Abgleich der Texte ergab, dass lediglich eine kurze griechische Anspielung auf Matthias Flacius eingefügt wurde (καὶ βλακικὰ ἐννοήματα, S. 20); eine Zusammenfassung (mit Korrekturen) gibt Schäfer in Mundt 2004, S. 279-281.