Camerarius an Megel, 23.05.1544

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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 Briefdatum
Camerarius an Megel, 15441544 JL
 Briefdatum
Megel an Camerarius, wohl nach dem 30.09.15631 Oktober 1563 JL
Werksigle OCEp 1478
Zitation Camerarius an Megel, 23.05.1544, bearbeitet von Jochen Schultheiß (17.12.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1478
Besitzende Institution
Signatur, Blatt/Seite
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1544
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. A2r-A5v
Zweitdruck in Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1545
Blatt/Seitenzahl im Zweitdruck Bl. A2r-A5v
Sonstige Editionen Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1547; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1549; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1551; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1571; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1574
Wird erwähnt in
Fremdbrief? nein
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Wilhelm Megel
Datum 1544/05/23
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Datierung am Ende des Briefes: Lipsiae X. caln. Iunii.
Unscharfes Datum Beginn
Unscharfes Datum Ende
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort O.O.
Gedicht? nein
Incipit Quo aetas mea provectior
Link zur Handschrift
Regest vorhanden? ja
Paratext ? ja
Paratext zu Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1544
Kurzbeschreibung In dem Widmungsbrief klagt Camerarius über einen konstatierten gegenwärtigen Zerfall der Bildung, stellt eigene Bildungsmaximen vor und erläutert schließlich einzelne Werke des Druckes. Dabei ruft er auch das frühere Verhältnis zwischen ihm und dem Adressaten als eine ideale Lehrer-Schüler-Beziehung in Erinnerung.
Anlass
Register Widmungsbrief; Bildungsdiskurs; Elementarunterricht; Briefe/Parallelüberlieferung
Handschrift unbekannt
Bearbeitungsstand korrigiert
Notizen
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:JS
Gegengelesen von
Datumsstempel 17.12.2019
Werksigle OCEp 1478
Zitation Camerarius an Megel, 23.05.1544, bearbeitet von Jochen Schultheiß (17.12.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1478
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1544
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. A2r-A5v
Zweitdruck in Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1545
Blatt/Seitenzahl im Zweitdruck Bl. A2r-A5v
Sonstige Editionen Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1547; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1549; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1551; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1571; Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1574
Fremdbrief? nein
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Wilhelm Megel
Datum 1544/05/23
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Datierung am Ende des Briefes: Lipsiae X. caln. Iunii.
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort O.O.
Gedicht? nein
Incipit Quo aetas mea provectior
Regest vorhanden? ja
Paratext ? ja
Paratext zu Camerarius, Praecepta morum ac vitae, 1544
Kurzbeschreibung In dem Widmungsbrief klagt Camerarius über einen konstatierten gegenwärtigen Zerfall der Bildung, stellt eigene Bildungsmaximen vor und erläutert schließlich einzelne Werke des Druckes. Dabei ruft er auch das frühere Verhältnis zwischen ihm und dem Adressaten als eine ideale Lehrer-Schüler-Beziehung in Erinnerung.
Register Widmungsbrief; Bildungsdiskurs; Elementarunterricht; Briefe/Parallelüberlieferung
Datumsstempel 17.12.2019


Regest

Je älter Camerarius werde, desto häufiger denke er an den ersten Unterricht zurück, sowohl an den eigenen als auch an den anderer. Die Erziehung der Kinder (institutio puerilis; in educandis pueris, A2r) verlange große Sorge. Lebensführung und Sitten seien gegenwärtig in einem Zustand der Auflösung. Er bekennt sich auch zu früheren Fehlern, kehrt dann aber zu dem von ihm festgestellten Sittenverfall zurück. Die Missstände führt er auf zweierlei Ursachen zurück: Einerseits bestünden sie in der Vernachlässigung von Wahrheit und Religion, andererseits in der Flucht vor den Künsten, die den Geist zu Glanz und Ehre führen sollten. Früher seien die Schüler voll Lerneifer gewesen. Das Lernen habe in hohem Ansehen gestanden. Früher sei man bereit gewesen, einiges für seine Bildung auf sich zu nehmen. Jeder sei verzückt gewesen, wenn es ihm einmal gelungen sei, eine Berühmtheit kennenzulernen. Richard Croke aus Britannien sei zu ihnen gekommen, "gewissermaßen mit einer größeren Menge an Musenwaren" (cum uberiore copia quasi mercis musicae, A3r). Welchen Zustrom habe es gegeben, als er über die griechische Sprache las? Welchen Ruf habe er auch auswärts besessen? Kurz darauf sei aber das Feuer erloschen und die Bildung zum Erliegen gekommen. Dann hätten sich die Bestrebungen in andere Richtungen entwickelt, zu anderen Formen, glänzen zu wollen. Die Bildung sei auch in den Strudel von Unruhen unter den Bürgern geraten, schließlich zusammengebrochen und fast zum Stillstand gekommen. Den Ursprung allen Unheils sieht Camerarius in der irrigen Fehlhaltung (perversitas hominum et vesania) derjenigen, die sich, obwohl die Wahrheit schon im Geistlichen wie im Weltlichen hervorleuchte, der Dunkelheit des Irrtums zuwandten. Die Macht der Gegner habe die Studien (studium) behindert und niedergedrückt. Die Beschreibung des Missstandes wird weiter ausgeführt.
Bei all dem stimme ihn die Reflexion über den Elementarunterricht positiver, da dort durch die Anwendung der besten Lehren viel erreicht werden könne (nonnihil potest optimorum praeceptorum usurpatio, A4v). Das zentrale Ziel der Erziehung, die Sehschärfe des geistigen Auges der Schüler auf die Wahrheit auszurichten, wird mit einem Zitat aus Platon (R. 533d1-2) unterstrichen. Konkret bedeutet dies für Camerarius: Den rationalen Verstand auszubilden (animi excoli), die Gesinnung zu entwickeln (mentes erudiri), das Urteilsvermögen zu stärken (iudicia confirmari) und die Strebensausrichtungen zu lenken (voluntates dirigi). Dies habe er bereits an anderer Stelle behandelt. Camerarius wisse auch darum, dass man sich in Hinblick auf die Erziehung von Kindern falsche Hoffnungen mache und stellt deshalb ihren Erfolg unter den Vorbehalt des göttlichen Wirkens.
Camerarius leitet zu der Neuedition einer Schrift über dieses Thema über, die er vor langer Zeit verfasst habe. Camerarius erinnert hierbei daran, dass der Adressat sich mit dieser Schrift intensiv beschäftigt habe, als sie zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Camerarius widme Wilhelm Megel die Neuausgabe aus zwei Gründen: Zum einen solle sie eine Erinnerung sein an Camerarius' erste Erfahrung als Lehrender und Megels erste Erfahrung als Lernender. Zum anderen soll sie die Grundlage einer Kommunikation (colloquium) über weite Distanz bilden. Camerarius schildert die Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen ihm und Megel als vorbildhaft, da sich darin die Führung des Lehrers und die komplementäre Folgsamkeit des Schülers in bester Weise getroffen hätten. Zu Konflikten sei es nie gekommen.
Daraufhin geht Camerarius nochmals auf den Inhalt der neu edierten Schrift ein (A5v). Die Lehren zur Erziehung, die dort erteilt würden, könnten auch noch für Erwachsene dienlich sein, wenn sie bei den Kindern vernachlässigt worden seien. Er habe der Schrift noch einen Zusatz (appendix) anfügen wollen, was sich aber nicht habe realisieren lassen. Stattdessen habe er ein früher (olim) verfasstes Werk aufgenommen, in dem Camerarius Aussagen der Sieben Weisen Griechenlands formuliert habe (tamquam ab autoribus sapientibus…pronunitarentur). Es sei verfasst "wie für die Vorbühne eines Schülerstückes" (veluti in proscenium quoddam puerilis spectaculi). Dies habe zuvor auch Ausonius getan. Camerarius' Werk sei jedoch eigenständig gegenüber dieser Sammlung von Sinnsprüchen (absque hac dictionum et sententiarum, sive, ut melius dicam Graece γνώμων copiam). Den Druck solle Megel auch seinen Prinzen vorlegen.

(Jochen Schultheiß)

Anmerkungen

Die Angabe Zweitdruck ist mutmaßlich, da zu dem Druck kein PDF verfügbar ist.