Camerarius an Oporinus, 01.03.1566

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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 Briefdatum
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Camerarius an Oporinus, 15.03.155615 März 1556 JL
 Briefdatum
Camerarius an Oporinus, 01.09.15661 September 1566 JL
Camerarius an Oporinus, 13.06.156813 Juni 1568 JL
Werksigle OCEp 1282
Zitation Camerarius an Oporinus, 01.03.1566, bearbeitet von Manuel Huth und Jochen Schultheiß (10.09.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1282
Besitzende Institution
Signatur, Blatt/Seite
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Camerarius, Epistolae familiares, 1595
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 529-542
Zweitdruck in
Blatt/Seitenzahl im Zweitdruck
Sonstige Editionen
Wird erwähnt in
Fremdbrief? ja
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Johann Oporinus
Datum 1566/03/01
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Cal. Martii
Unscharfes Datum Beginn
Unscharfes Datum Ende
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort o.O.
Gedicht? ja
Incipit Cum mihi in maximis gravissimisque tuis curis
Link zur Handschrift
Regest vorhanden? ja
Paratext ? nein
Paratext zu
Kurzbeschreibung
Anlass
Register Bildungsdiskurs; Drucklegung; Philosophie; Bibelhermeneutik; Hermeneutik; Metrik
Handschrift unbekannt
Bearbeitungsstand validiert
Notizen
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MH; Benutzer:JS
Gegengelesen von Benutzer:US
Datumsstempel 10.09.2019
Werksigle OCEp 1282
Zitation Camerarius an Oporinus, 01.03.1566, bearbeitet von Manuel Huth und Jochen Schultheiß (10.09.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1282
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Camerarius, Epistolae familiares, 1595
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck S. 529-542
Wird erwähnt in
Fremdbrief? ja
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Johann Oporinus
Datum 1566/03/01
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Cal. Martii
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort o.O.
Gedicht? ja
Incipit Cum mihi in maximis gravissimisque tuis curis
Regest vorhanden? ja
Paratext ? nein
Register Bildungsdiskurs; Drucklegung; Philosophie; Bibelhermeneutik; Hermeneutik; Metrik
Datumsstempel 10.09.2019


Regest

Oporinus habe Camerarius angedeutet, dass er trotz schwieriger Umstände einen Neudruck der Vorlagen zu Plautus (Plautina exemplaria; Anm. 1) plane. Auch wenn Camerarius sehr beschäftigt gewesen sei und ihn schon längst der Überdruss an einer solchen Arbeit ergriffen habe, sei er dennoch ein weiteres Mal diese Schriften durchgegangen und habe erneut seine Ausgabe mit "alten Büchern verglichen" (cum veteribus libris ... contuli). So habe sich Camerarius seiner eigenen Sorgfalt vergewissern können. Dann habe Oporinus jedoch der Tod seiner Frau in tiefe Trauer gestürzt, wie Camerarius aus Briefen von Freunden habe erfahren können. Aus seinem Glauben habe Oporinus aber sicherlich Trost schöpfen können. Camerarius wünsche, er könnte Oporinus bei Schwierigkeiten, auch in Hinblick auf die Plautus-Kommentierung, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Da dies aber nicht möglich sei, wolle er sich weitere Worte ersparen.
Was die Mühen anbelange, die Camerarius in die Ausgabe der Stücke des Plautus gesteckt habe, habe er schon zuvor einiges geschrieben. Es stehe wirklich zu befürchten, dass er hierfür zu viel Zeit und Anstrengung aufwende. Camerarius halte es für angebracht, hierüber nun einiges zu schreiben, denn er wisse, dass Oporinus sowohl ein religiöser als auch ein gebildeter Mann sei. Camerarius meine, dass Leute wie er und Oporinus, die sich dem christlichen Glauben verschrieben hätten, insbesondere darauf achten müssten, dass bei ihnen nichts gefunden werden könne, was diesem Bekenntnis widerspreche. Deshalb wolle er nun einige Gedanken über die schönen Künste in Hinblick auf die Religion und das öffentliche Leben anstellen. Was den zweiten Punkt anbelange, stütze sich Camerarius auf einen Ausspruch des Ennius: Nur in wenigen Dingen solle man sich der Philosophie widmen; dies generell zu tun, gefalle nicht (Anm. 2). Sich der Gelehrsamkeit im Übermaß zu widmen, sei nicht nur unnötig, sondern der Lebensklugheit in öffentlichen und privaten Dingen, auf denen die menschliche Gesellschaft beruhe, sogar noch abträglich. Wie es aber in anderen Künsten Lehrer gebe, so müsse es auch in der Kunst der Lebensführung Lehrer geben, die mit einem Wissen über die Betrachtung der Wahrheit ausgestattet seien. Diese Fähigkeit werde ausschließlich durch das Studium der Weisheit, das die Griechen Philosophie nannten, erlangt. Diese habe ihre Grundlage in der Kenntnis der Literatur und in der Ausbildung in den freien Künsten. Hierbei stützt sich Camerarius auf Aristoteles, aus dessen Erkenntnislehre er knapp referiert: Die Fähigkeit zum Denken besäßen alle, die Betätigung dieser Fähigkeit finde sich hingegen bei nur sehr wenigen. Die Studien, von denen Camerarius rede, gehörten aber in diesen herausragenden Bereich der menschlichen Natur.
Könne man aber sagen, dass auch die Religion in dieses Gebiet gehöre? Welche Bedeutung hätten "externe Disziplinen" (externae disciplinae) - so würden nämlich die Theologen die literarische und freie Bildung nennen - für die Pflege der Frömmigkeit? Dies habe Basilius in einem außerordentlichen Buch zu zeigen versucht (Anm. 3). Camerarius weist darauf hin, dass ohne die freien Künste gebildete Schriften überhaupt nicht gelesen werden könnten. Ferner bedürfe es eines Wissens über die Natur und die Eigenheiten einer Sprache, damit ein Autor auch selbst Texte verfassen könne. Es brauche Strebsamkeit und Sorgfalt, damit die Gnadengabe des Heiligen Geistes, die der Kirche zuteil werde, bei denjenigen auch wirken könne, die der Religiosität zuneigten. Wie vieles bleibe in der Heiligen Schrift im Dunkeln verborgen, wenn man sich in der Geschichte, in den Naturgesetzen oder im Staatswesen nicht auskenne! Ferner müsse derjenige, der anderen etwas beibringen wolle, auch in der Beredsamkeit ausgebildet sein. All dies seien nur einige, jedoch hinreichende Belege für die Nützlichkeit der Bildung für den Glauben. Über die falsche und verderbliche Verwendung der Gelehrsamkeit brauche hier nicht gesprochen werden, da sich hiermit andere und Camerarius selbst an anderer Stelle beschäftigt habe.
Über die Neugierde und die ängstliche Sorgsamkeit einiger bei der Erforschung des Altertums und über pedantische Übergenauigkeit bei der Textinterpretation müsse er doch einiges sagen. Hier prangert Camerarius selbstzweckhafte Detailverliebtheit an. Camerarius behandelt verschiedene Formen falsch verstandener Gelehrsamkeit und mahnt zu vernünftiger Ausgewogenheit. Mäßigung solle auch in der Kommunikation unter den Gelehrten herrschen. Diesen Gedanken führt Camerarius variantenreich aus.
Camerarius kommt wieder auf die Zusendung des Plautus zurück, von der am Anfang die Rede war. Er versichert, dass der Text mit Sorgfalt und Fleiß bearbeitet worden sei. Keine seiner früheren Ausgaben dieses Autors sei freier von Fehlern gewesen. Camerarius habe zwei alte Abschriften erhalten können, die von ungelehrten Schreibern erstellt worden seien (exemplaria duo antiqua ab indoctis librariis exarata). Indem er diesen gefolgt sei, sorgsame Überlegungen herangezogen und sich von überall her Hilfsmittel besorgt habe, habe er die plautinischen Stücke in der Weise in Übereinstimmung miteinander gebracht, dass er glaube, dass sie zwar nicht vollendet seien, aber dass er feststellen könne, dass durch diese seine Darstellung eine nützliche Lektüre für die Gelehrten in der lateinischen Sprache geschaffen sei. Camerarius habe in diese Arbeit mehr Mühe und Zeit investiert, als er hätte sollen.
Camerarius gedenkt des kürzlich verstorbenen Adrien Turnèbe und lobt seine herausragende Gelehrsamkeit und persönlichen Qualitäten. Nicht nur in seiner Heimat Frankreich, sondern auch in anderen Ländern hinterlasse er eine große Lücke. Turnèbe habe sich auch an vielen Stellen zustimmend zu Camerarius' Plautus-Ausgabe geäußert. Wenn er etwas geändert haben wollte, habe er dies nie in unsanftem Ton vorgebracht. Hierin unterscheide er sich von anderen, die sich in ausfälligem Ton gegen Camerarius gewandt hätten. Als Beispiel führt Camerarius eine Kontroverse über ein metrisches Problem an (Kann es im Jambus einen Creticus geben?), wobei er keinen Namen nennen wolle. Bei dem, was Camerarius geschrieben habe, habe er lediglich Überliefertes wiedergegeben. Das metrische Problem wird ausführlich dargelegt.
Camerarius schließt mit der Bitte an Oporinus, er möge das Buch, das so fehlerfrei wie möglich sei, in bester Gestalt zum Druck bringen, damit nicht noch irgendwelche Fehler, die sich einschlichen, Anlass zum Tadel böten. Eine solche Erfahrung habe Camerarius schon gemacht. Er endet mit wiederholten Worten des Trostes an Oporinus.

(Jochen Schultheiß)

Anmerkungen

  • Anm. 1: Zu einem Druck dieser Vorlagen zu Plautus sollte es nicht kommen.
  • Anm. 2: Vgl. Cic. Tusc. 2,1,1; de orat. 2,37,156; de re publ. 1,18,30.
  • Anm. 3: Hiermit meint Camerarius wohl die Basilius-Schrift "De legendis libris gentilium".