Camerarius an Wittgenstein, 09.09.1570

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Werksigle OCEp 1528
Zitation Camerarius an Wittgenstein, 09.09.1570, bearbeitet von Alexander Hubert und Marion Gindhart (17.12.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1528
Besitzende Institution
Signatur, Blatt/Seite
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Aristoteles, Ethica Nicomachea, 1578
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. ã2r-ã6r
Zweitdruck in
Blatt/Seitenzahl im Zweitdruck
Sonstige Editionen
Wird erwähnt in
Fremdbrief? nein
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Ludwig I. (Wittgenstein)
Datum 1570/09/09
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Der Widmungsbrief ist datiert auf: Lipsiae, die IX mensis Septembris, anno (...) MDLXX.
Unscharfes Datum Beginn
Unscharfes Datum Ende
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort o.O.
Gedicht? nein
Incipit Ex primo congressu cum generosa clementia tua meo
Link zur Handschrift
Regest vorhanden? nein
Paratext ? ja
Paratext zu Aristoteles, Ethica Nicomachea, 1578
Kurzbeschreibung Camerarius bedankt sich für das Wohlwollen, das Ludwig d.Ä., Graf zu Sayn-Wittgenstein, ihm und seiner Familie zukommen lasse. Er möchte sich dafür mit dem vorliegenden Werk erkenntlich zeigen, das aus dem Lehrbetrieb der Leipziger Universität stamme und von ihm auf Zuspruch seines Sohnes Philipp ausgewählt und für die Publikation überarbeitet worden sei. Er klagt über Angriffe auf die Bildung und kritisiert Scheinphilosophen.
Anlass
Register Werkgenese; Philosophie; Übersetzung; Kommentar
Handschrift unbekannt
Bearbeitungsstand korrigiert
Notizen
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:HIWI; Benutzer:MG
Gegengelesen von
Datumsstempel 17.12.2019
Werksigle OCEp 1528
Zitation Camerarius an Wittgenstein, 09.09.1570, bearbeitet von Alexander Hubert und Marion Gindhart (17.12.2019), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OCEp_1528
Ausreifungsgrad Druck
Erstdruck in Aristoteles, Ethica Nicomachea, 1578
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck Bl. ã2r-ã6r
Fremdbrief? nein
Absender Joachim Camerarius I.
Empfänger Ludwig I. (Wittgenstein)
Datum 1570/09/09
Datum gesichert? ja
Bemerkungen zum Datum Der Widmungsbrief ist datiert auf: Lipsiae, die IX mensis Septembris, anno (...) MDLXX.
Sprache Latein
Entstehungsort Leipzig
Zielort o.O.
Gedicht? nein
Incipit Ex primo congressu cum generosa clementia tua meo
Regest vorhanden? nein
Paratext ? ja
Paratext zu Aristoteles, Ethica Nicomachea, 1578
Kurzbeschreibung Camerarius bedankt sich für das Wohlwollen, das Ludwig d.Ä., Graf zu Sayn-Wittgenstein, ihm und seiner Familie zukommen lasse. Er möchte sich dafür mit dem vorliegenden Werk erkenntlich zeigen, das aus dem Lehrbetrieb der Leipziger Universität stamme und von ihm auf Zuspruch seines Sohnes Philipp ausgewählt und für die Publikation überarbeitet worden sei. Er klagt über Angriffe auf die Bildung und kritisiert Scheinphilosophen.
Register Werkgenese; Philosophie; Übersetzung; Kommentar
Datumsstempel 17.12.2019


Regest

Schon bei ihrer ersten Begegnung vor neun Jahren habe Camerarius einen Eindruck von Ludwigs Bildung und seiner Hochschätzung der humanistischen Studien gewinnen können, auch wenn der festliche Anlass damals keine Gelegenheit geboten hatte, sich über die industria (ã2r) zu unterhalten. Bei darauf folgenden Treffen habe er auch weitere Tugenden Ludwigs kennengelernt. In den letzten Jahren nun habe sein Sohn Philipp brieflich und persönlich nicht nur Ludwigs lobende Worte über Camerarius, sondern auch dessen Gunst ihm selbst gegenüber erwähnt. Camerarius freue sich sehr darüber, dass Ludwig sich nicht nur an ihn erinnere, sondern auch seine Familie mit Wohlwollen bedenke, und habe deswegen beschlossen, seinen Dank durch ein (Er-)Zeugnis seiner Studien auszudrücken. Andere Möglichkeiten habe er ja nicht, und er glaube ebenso wie sein Sohn, dass sich Ludwig gerade über diese Art von Zueignung am meisten freuen werde.
Bei der Suche nach einem passenden Werk sei Philipp in Camerarius' Aufzeichnungen auf den vorliegenden Kommentar zur "Nikomachischen Ethik" gestoßen, der vor einigen Jahren im Zuge einer lectio publica (hora doctrinae publicae meae, ã2v) entstanden sei, um den Studenten (der Universität Leipzig) die Schrift näher zu bringen. Philipp habe ihn davon überzeugt, diese Texte aufzubereiten und sie Ludwig zu widmen. Dies sei nicht leicht gewesen, da die nötige Überarbeitung angesichts des hohen Standards, den Ludwig erwarte, der Größe der Aufgabe, seines Alters und seines schlechten Gesundheitszustandes als kaum machbar erschien. Zudem gebe es bereits so viele gute Übersetzungen und Kommentare, darunter den jüngsten Beitrag von Denis Lambin, dass jeder, der weiteres dazu veröffentliche, sich den Vorwurf der audacia gefallen lassen müsse (ã3r). Denn wie ein schönes Lied unter einer anderen, nicht einmal unschönen Melodie an Gefälligkeit verliere, so auch die Erklärung von Inhalt durch einen anderen.
Nachdem sie sich eine Weile darüber beraten hätten, seien sie schließlich doch guter Hoffnung gewesen, dass Camerarius dies ohne gerügt zu werden bewerkstelligen könne und Ludwig das Werk mit Wohlwollen empfangen werde. So nahm Camerarius also seine Aufzeichnungen wieder zur Hand und überarbeitete sie so, dass man sie veröffentlichen konnte. Denn niemals war und ist es tadelnswert, wenn mehrere an der gleichen Sache arbeiteten: Verschiedene Maler und Bildhauer widmen sich den gleichen Motiven, verschiedene Autoren schreiben über denselben Stoff. Und so sehr er auch das Werk Lambins bewundere, könne er sein eigenes doch nicht gering schätzen, zumal es doch einige Unterschiede gebe, da er nicht nur eine lateinische Übersetzung, sondern auch Erklärungen für unklare Stellen geben wollte. Lambins Wissen und Sorgfalt hätten ihm dabei freilich geholfen, und er hoffe, dass dieser auch Nutzen aus Camerarius' Arbeit werde ziehen können. Über diese Dinge müsse man aber nicht mehr Worte verlieren, es seien ohnehin schon zu viele gewesen. Nur noch dieses: Wenn sein Werk als nützlich empfunden werde, habe er erreicht, was er gewollt habe, wenn nicht, eben nur das, was möglich sei.
Über die Philosophie aber, die man nun an dieser Stelle passenderweise verhandeln sollte, schreibe Camerarius in den Vorworten genug, und ihm falle kaum noch etwas ein, was man sonst dazu sagen könne, außer die Frage zu stellen, wer sie nun schützen und verteidigen wolle. Denn diese sei (wie schon früher) immer wieder Angriffen ausgesetzt. Dafür verantwortlich seien Halbgebildete, die diese Studien bei den Ungebildeten diffamierten und Ansehen suchten, indem sie das verteufelten, worin sie nicht glänzen konnten; schließlich greife niemand die bona studia (ã4v) an, außer er bezweifele, darin brillieren zu können. Die meisten guten, frommen und rechtschaffenen Menschen, die sich um Staat und Volk verdient gemacht hätten, bezeugten durch ihre Einschätzung und ihr Beispiel den Nutzen der Philosophie. Ihre Pflege müsse man in den gegenwärtigen barbarischen Zeiten sicherstellen, zumal scientiae mirabiles (ebd.) Zulauf fänden, die keinerlei hilfreiche Ratschläge gewährten oder lobenswerte Taten hervorbrächten. Wie auch immer: Man müsse sehen, ob es ehrenhafter und nützlicher sei, unter Führung der Alten auch einmal zu irren, als von diesen neuen Lehrern erzogen zu werden. Doch sei im ersten Fall kein Irrtum zu fürchten und er wisse nicht, ob man nicht hoffen dürfe, das Ziel des Glücks zu erreichen. Die Philosophie bestehe aus zwei Bereichen, der Lehre (doctrina seu dogmata, ã5r) und der praktischen Umsetzung (mores atque vita, ebd.). Die Lehre habe man gemeinsam und sie sei an nichts anderes gebunden als an die Gemeinschaft Gottes, die Kirche Jesu, und alles, was davon abweiche, sei abzulehnen. Somit gebe es keine verschiedenen, streitenden Philosophenschulen mit diversen autoritativen Instanzen mehr.
Nichts Lobenswertes entstehe, wenn hervorragende Gedanken in schlechter Sprache vermittelt werden oder nichtige Inhalte von einer schmuckvollen Einkleidung verschleiert werden. Falls aber der Inhalt schlecht sei und zugleich die Rede aus leeren Worthülsen bestehe und es sich quasi um Falschgeld handele, müsse jeder, der bei Verstand sei, das Ergebnis verachten. Wenn aber Leben und Verhalten derjenigen, die sich als Vertreter der Philosophie gerierten, schlecht seien, schadeten diese weniger durch ihre Taten als durch ihr schlechtes Beispiel, und zwar nicht nur sich selbst, sondern dem Ansehen der ganzen Sache. Menschen, deren Taten und Worte im Widerspruch zueinander stünden, dürfe man nicht Philosophen nennen. Lakydas spreche so gar nicht weise, wenn er sage, Philosophen lehrten das eine, täten aber das andere. Und die bei Lukian oder Athenaios genannten Philosophen verdienten diese Bezeichnung nicht; Derartiges Fehlverhalten (quae perversitas, ã5v) habe in der Vergangenheit auch Herrschenden Anlass gegeben, die Ausübung der Philosophie zu verbieten. Doch genug davon.
Camerarius bitte Ludwig um eine wohlwollende Aufnahme dieses Werkes und um dessen Lektüre, wenn es ihm seine Verpflichtungen erlaubten; letztere sei keine Zeitverschwendung. Ludwig möge Camerarius und seiner Familie gewogen bleiben; Camerarius werde es ihm danken und für ihn beten.

(Alexander Hubert, Marion Gindhart)