Camerarius, Prooemium Chronologiae Nicephori, 1561

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0678
Zitation Prooemium Chronologiae Nicephori, conversae in sermonem Latinum, & explicatae, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0678
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Prooemium Chronologiae Nicephori, conversae in sermonem Latinum, & explicatae
Kurzbeschreibung Camerarius bietet zunächst eine Apologie für seine Flucht während des Schmalkaldischen Kriegs und seinen der Bildung verpflichteten Lebensweg. Die Lebenswahl des Wissenschaftlers wird gegen die des Staatsmannes verteidigt. Nach längeren Darlegungen über zahlreiche unheilvolle Vorzeichen und die konfessionellen Verwerfungen der Gegenwart legt Camerarius schließlich Grundsätze seines historiographischen Schreibens dar. Camerarius beschreibt die Auffindung und Erschließung der "Chronologia" sowie die Arbeitsschritte, die die Erstellung der Übersetzung begleiteten.
Erstnachweis 1561
Bemerkungen zum Erstnachweis Datierung des Erstdruckes.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1561/01/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1561/12/31
Schlagworte / Register Prooemium; Schmalkaldischer Krieg (1546-1547); Biographisches (Familie); Divination und Prodigien; Bildungsdiskurs; Nationalbewusstsein; Translatio studii; Werkgenese; Geschichtsschreibung; Biographie
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Nikephoros, Chronologia, 1561
Überliefert in
Druck Nikephoros, Chronologia, 1561; Nikephoros, Chronologia, 1573
Erstdruck in
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck
Carmen
Gedicht? nein
Incipit Cum ante annos aliquot urbe excesissem
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:JS
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0678
Zitation Prooemium Chronologiae Nicephori, conversae in sermonem Latinum, & explicatae, bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0678
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Prooemium Chronologiae Nicephori, conversae in sermonem Latinum, & explicatae
Kurzbeschreibung Camerarius bietet zunächst eine Apologie für seine Flucht während des Schmalkaldischen Kriegs und seinen der Bildung verpflichteten Lebensweg. Die Lebenswahl des Wissenschaftlers wird gegen die des Staatsmannes verteidigt. Nach längeren Darlegungen über zahlreiche unheilvolle Vorzeichen und die konfessionellen Verwerfungen der Gegenwart legt Camerarius schließlich Grundsätze seines historiographischen Schreibens dar. Camerarius beschreibt die Auffindung und Erschließung der "Chronologia" sowie die Arbeitsschritte, die die Erstellung der Übersetzung begleiteten.
Erstnachweis 1561
Bemerkungen zum Erstnachweis Datierung des Erstdruckes.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1561/01/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1561/12/31
Schlagworte / Register Prooemium; Schmalkaldischer Krieg (1546-1547); Biographisches (Familie); Divination und Prodigien; Bildungsdiskurs; Nationalbewusstsein; Translatio studii; Werkgenese; Geschichtsschreibung; Biographie
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Nikephoros, Chronologia, 1561
Überliefert in
Druck Nikephoros, Chronologia, 1561; Nikephoros, Chronologia, 1573
Carmen
Gedicht? nein
Incipit Cum ante annos aliquot urbe excesissem
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Widmung und Entstehungskontext

Das Proömium ist an Wolfgang (Pfalz-Zweibrücken) gerichtet.

Aufbau und Inhalt

Als Camerarius vor vielen Jahren gezwungen gewesen sei, seinen Wirkungsort (Leipzig) zu verlassen, um mit seiner Familie dem drohenden Krieg zu entkommen, habe er Zuflucht in Erfurt gefunden (3). An diesem Ort der Bildung, an dem auch er studiert habe, habe er viel Wohlwollen von seinen Freunden, sei es aus der Stadt, sei es aus benachbarten Orten, erfahren. Insbesondere der Arzt Georg Sturtz habe sich mit Wohltaten um Camerarius verdient gemacht (Anm. 1). Camerarius lobt die Konstanz des freundschaftlichen Verhältnisses, das auf gemeinsamen Bildungsinteressen beruhe.
In dieser bedrängten Lage habe er sich auch sehr um die mentale Unversehrtheit seiner Familie kümmern müssen (S. 3-4). Camerarius verteidigt diese Form der Nachsicht gegen den Vorwurf der Weichlichkeit. Er verurteilt die Verrohung der Sitten, der Wohlwollen und Zuneigung zum Opfer fallen. Eine solch rücksichtlose Haltung gegenüber der eigenen Familie hätten auch schon die Griechen verurteilt. Sich selbst, sein Leben, seinen Besitz und seine Familie zu vernachlässigen zeuge nicht von Tapferkeit, vielmehr von Feigheit und Ängstlichkeit. Möge es auch ehrenhaft sein, das Private dem Gemeinwohl hintanzustellen, wenn das Vaterland rufe, so sei es dennoch tadelnswert, wenn jemand die Seinen aus freien Stücken im Stich lasse. Trotz allem sei das Gemeinwesen nicht gänzlich zerstört gewesen, weshalb es auch keinen Grund gegeben habe, es ganz und gar aufzugeben. Dennoch sei die Bildung, der Bereich, in dem Camerarius wirke, so sehr heimgesucht worden, dass es für Leute wie ihn keine Möglichkeit mehr gegeben habe, Beistand oder Verteidigung zu leisten. Er selbst habe nie andere Aufgaben im Staat übernehmen wollen, weder im Bereich der Beratung noch im Bereich der tätigen Mitwirkung. Dies sei aber nicht seiner Vorsicht oder Schlauheit zuzuschreiben, vielmehr seiner Unfähigkeit und Furchtsamkeit. In der Jugend sei er von vielen seiner Freunde, die es weit gebracht hätten, getadelt worden. Die Bescheidenheit seines Gemüts habe bewirkt, dass sich sein Lebensweg nun in der Wissenschaft niedergeduckt habe (5). Wenn ein wohlwollender Gott Frieden und Ruhe schenkte, dann könnten die Bemühungen des Camerarius auch nützen. In Anbetracht der schwierigen Zeiten für den Staat, in die sein Leben falle, sei Camerarius auch froh, nicht nach einer hohen und ruhmreichen Position im Staat gestrebt zu haben. Er schätze die Lage des Staates sogar als so desaströs ein, dass er Zweifel daran hege, dass überhaupt jemand diesem mit seiner Weisheit oder Tugend dienen könne.
Es folgt eine emotionale Klage über die Missstände der Zeit. Camerarius führt eine Vielzahl an Vorzeichen an, die von Unheil kündeten; hierunter auch eines, das Kaiser Karl V. zum Gegenstand habe (5-7). Auf alle diese Prodigien hin sei stets Unglück über den Staat hereingebrochen. Dies stehe auch für den gegenwärtigen Zeitpunkt zu befürchten. Camerarius führt Beispiele aus der Antike an, bei denen Vorzeichen politischen Untergang angezeigt hätten (7-8).
Hiermit geht die Thematik über zu der Abfolge verschiedener Weltreiche vom Alten Orient bis zu den Römern (7-9). In diesem Zeitalter befinde man sich auch in der Gegenwart. Camerarius zeichnet ein pessimistisches Bild von der aktuellen Situation. Die Nation (natio nostra) werde von außen durch Feinde bedroht und leide innerlich an einem Werteverfall (10). Der einzige Trost, den es jetzt noch für denjenigen gebe, der das Vaterland liebe, sei die Tatsache, dass sich Deutschland den Wissenschaften und den Künsten zugewandt habe, und dies habe es so eifrig getan, dass es in keinem Bereich der Bildung schwach sei. Die Deutschen besäßen die Wahrheit in den göttlichen Dingen und ebenso auch die Fähigkeit, Falsches aufzuzeigen (10-11). Dieses Gut und dieses Glück habe der geneigte Gott den Deutschen für ihre Bescheidenheit gewährt und diese Wohltat in ihre wilden und ländlichen Gegenden gebracht. Da in den Wissenschaften über die wichtigsten Dinge, das heiße, über die wahre Gotteserkenntnis diskutiert werde, sei eintreten, was habe kommen müssen, nämlich dass in höchster Erregung gestritten werde und Deutschland in wechselseitigem Hass entbrannt sei. Den Deutschen werde nachgesagt, dass sie so sehr um die himmlischen Dinge föchten, dass sie beim Kampf der Welt verlustig gingen (12-13). Dies habe kürzlich ein Grieche geschrieben (Anm. 2). Hieran schließt Camerarius eine knappe Darlegung wichtiger Grundsätze des christlichen Glaubens an (13-14). Ebenso behandelt er das Problem der falschen Gottesverehrung (14-15).
Daraufhin kommt Camerarius auf die Autoren der frühen christlichen Zeit zu sprechen (15-16). In Leipzig habe Camerarius mit der Anfertigung von Kommentaren zu den griechischen Rednern begonnen (inchoaveram commentarios narrationum de eloquentibus veteribus Graeciae; 16). Er habe sich zu einer detaillierten Vorgehensweise entschlossen, bei der er darlege, was von jedem überliefert sei. Dann habe er dieses Projekt aber beiseitegelegt und sich an das Vorhaben gemacht, eine "Geschichte der frommen und göttlichen Männer" (historiae piorum ac divinorum hominum) zu verfassen, die Gott in die Welt habe senden wollen, damit sie Zeugen der Wahrheit, Herolde seiner Gebote, Drohungen und Versprechen sowie Deuter seines Willens seien. Camerarius habe beschlossen, mit Jesus Christus zu beginnen, um dann über die Apostel zu den Evangelisten voranzuschreiten. Dabei habe er die gesammelten Darlegungen aus der Antike zu Blatt bringen wollen, denn diese seien vertrauenswürdig (ἀξιόπιστοι), nicht absurd, und nützlich. Da die jüngeren Quellen legendenhaft (καὶ μυθώδη) seien, hält Camerarius es nicht für wert, dass sie nochmals in einen Text gefasst würden.
Es gebe zwei Formen von Geschichtsschreibung: Die eine bestehe aus den Tatenberichten (res gestae), die andere aus den Biographien (illustrium ac clarorum virorum vitae). Taten würden beschrieben (res gestae suscipiuntur ad describendum) und in fortgesetzter Abfolge dargelegt (quae continuata serie explicentur) nach all den Kriterien (rationes), die in einer jeden Sache oder Unternehmung gewöhnlich berücksichtigt würden (quae in unaquaque re atque negotio considerari solent). Diese würden von den Griechen "Umstände" (περιστάσεις) genannt: Gründe, Gelegenheiten, Personen, Zeitpunkte, Orte, Ergebnisse. Dies nannten sie "politische Geschichte" (ἱστορία πραγματική). Die Biographien vergleicht Camerarius mit dem Teil eines Bauwerks, das ausgeführt oder verfeinert werden müsse. Die erste Art sei beeindruckend in ihrer Vollendung (speciosum atque magnificum & admirabile in sua perfectione). Für die zweite Form gelte dies weniger. Sie sei knapper. Ihr Augenmerk liege auf der Darlegung von Beispielen (exempla). Wenn diese passend dargestellt seien, dann würden Lebensweise und Charakter geformt (vita moresque instruuntur) und die Geisteshaltung werde ausgebildet (animi sententiaeque conformantur). Diese Form der Geschichtsschreibung belehre häufig viel besser (multo melius docet) und wirke auf die Betrachter und Zuhörer viel angenehmer (afficit iucundius contemplantes & attendentes) als die andere, auch wenn diese anspruchsvoll, ansehnlich und ausführlich (arduum & splendidum & amplum) sei.
Camerarius' Vorhaben habe nun eine bestimmte Epoche im Auge. Deshalb habe er sich entschlossen, alle Schriften, die er aus dieser Gattung habe finden können, zusammenzutragen und in eine plausible Reihenfolge zu bringen (16-17). Hierbei habe er einen Mittelweg beschreiten müssen, um weder aus Unachtsamkeit Wichtiges zu übergehen noch aus allzu penibler Gründlichkeit und übertriebener Wissbegier jeder Unklarheit nachzugehen. Möge auch der Einwand erhoben werden, man hätte größere Sorgfalt aufwenden können, so seien für Camerarius' Vorhaben die Zusammenstellungen ausreichend gewesen, die unter dem Titel "Historische Chroniken" (χρονικαὶ πραγματείας) erstellt worden seien. Camerarius habe auch Einblick in Werke genommen, die noch nicht veröffentlicht seien, und dabei sei er auf eine Χρονολογία gestoßen, als deren Autor ein Nikephoros, Bischof von Konstantinopel, im Titel angegeben sei. Camerarius habe das Werk auf wenigen Blättern aufgezeichnet und einer Schrift des Epiphanius beigefügt vorgefunden. Letztere habe der Theologe Iohannes Langus (Johann Lange) (Anm. 3) zum Druck vorbereitet. Diese habe Camerarius aufgrund der langjährigen Vertrautheit zwischen ihm und Lange benutzen können und habe daraus das vorliegende Werk und Weiteres entnommen. Als Camerarius die Übersetzung der "Chronologia" angefertigt habe, habe er zahlreiche Fehler des Autors und des Kopisten verbessert. Schließlich habe sich Camerarius zur Herausgabe entschlossen. Auch wenn der Text noch fehlerhaft und mit zu wenig Beredsamkeit erklärt sei, umfasse er doch zahlreiche Beispiele. Camerarius beschreibt weitere zeitintensive Arbeitsschritte, die er bei der Erstellung der Übersetzung vorgenommen hat (16-17).
Das Prooemium schließt mit der Dedikation an Wolfgang, die reich an Lobesworten über den Fürsten ist (17-18).

Anmerkungen

  • Anm. 1: Das beschriebene Ereignis muss noch zu Georg Sturtzens Lebzeiten stattgefunden haben. Sturtz starb am 7. April 1548. Camerarius hielt sich auf seiner Flucht aus Leipzig vor dem Schmalkaldischen Krieg im Februar und im März 1547 in Erfurt auf.
  • Anm. 2: Hier denkt Camerarius vielleicht an Antonios Eparchos. Dieser hat Melanchthon gewarnt, dass die Zerstrittenheit der Deutschen in religiösen Belangen unangebracht sei, da sie das Reich in Anbetracht der Türkengefahr gefährlich schwäche (MBW – Regesten online, Nr. 3179).
  • Anm. 3: An welchen Epiphanius und an welchen Johann(es) Lang(e) Camerarius hier denkt, wird aus dem Briefwechsel des Philipp Melanchthon ersichtlich. Es muss sich um den Erfurter Reformator Johann Lange handeln (vgl. MBW – Regesten online, Nr. 3075, 3172 und 3639; hierzu ferner Burgdorf, Martin: Johann Lange, der Reformator Erfurts (Diss. Rostock). Kassel 1911, S. 7). Aus dem Melanchthonbriefwechsel geht auch hervor, dass Camerarius zur Publikation von Langes Epiphaniuscodices geraten hatte. Dies erhellt außer aus den Briefen Melanchthons an Lange auch aus den Briefen Melanchthons an Camerarius (Melanchthon an Camerarius, 16.11.1529, Melanchthon an Camerarius, 21.05.1535). Da es sich hierbei um eine antihäretische Schrift gehandelt haben muss, wie Melanchthon schreibt, ist geklärt, dass Camerarius an Epiphanios von Salamis, nicht an Epiphanius Scholasticus denkt. Schließlich wird aus dem Melanchthon-Briefwechsel auch ersichtlich, dass Camerarius hier an die Codices denkt, auf denen die Ausgabe Basel, Johannes Herwagen, 1544 beruht (vgl. hierzu GG 442).