Camerarius, Prooemium, 1569

Aus Joachim Camerarius (1500-1574)
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Opus Camerarii
Werksigle OC 0830
Zitation Operis subiectarum epistolarum ad illustrissimum princ(ipem) et dominum, d(ominum) Augustum ducem Sax(oniae) landgravium Duringiae, marchionem Misniae, septemvirum creandis imperatorib(us) Romanis, princ(ipem) opt(imum) atque clement(issimum) prooemium Ioach(imi) Camerarii Pabepergensis, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0830
Name Joachim Camerarius I.
Status Verfasser
Sprache Latein
Werktitel Operis subiectarum epistolarum ad illustrissimum princ(ipem) et dominum, d(ominum) Augustum ducem Sax(oniae) landgravium Duringiae, marchionem Misniae, septemvirum creandis imperatorib(us) Romanis, princ(ipem) opt(imum) atque clement(issimum) prooemium Ioach(imi) Camerarii Pabepergensis
Kurzbeschreibung In dem an Kurfürst August von Sachsen gerichteten Proömium schickt Camerarius seine Beweggründe für die Publikation der Melanchthonbriefe voraus und verteidigt sie gegen mögliche Kritik.
Erstnachweis 1569
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon des Druckes nennt als Datum Oktober 1569.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1569/10/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1569/10/31
Schlagworte / Register Briefsammlung; Polemik; Bildungsdiskurs; Edition
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Melanchthon, Epistolae ad Camerarium, 1569
Überliefert in
Druck Melanchthon, Epistolae ad Camerarium, 1569
Erstdruck in
Blatt/Seitenzahl im Erstdruck
Carmen
Gedicht? nein
Erwähnungen des Werkes und Einfluss von Fremdwerken
Wird erwähnt in
Folgende Handschriften und gedruckte Fremdwerke beeinflussten/bildeten die Grundlage für dieses Werk
Bearbeitungsstand
Überprüft am Original überprüft
Bearbeitungsstand korrigiert
Wiedervorlage ja
Bearbeiter Benutzer:MG
Gegengelesen von
Bearbeitungsdatum 4.02.2020
Opus Camerarii
Werksigle OC 0830
Zitation Operis subiectarum epistolarum ad illustrissimum princ(ipem) et dominum, d(ominum) Augustum ducem Sax(oniae) landgravium Duringiae, marchionem Misniae, septemvirum creandis imperatorib(us) Romanis, princ(ipem) opt(imum) atque clement(issimum) prooemium Ioach(imi) Camerarii Pabepergensis, bearbeitet von Marion Gindhart (04.02.2020), in: Opera Camerarii Online, http://wiki.camerarius.de/OC_0830
Name Joachim Camerarius I.


Sprache Latein
Werktitel Operis subiectarum epistolarum ad illustrissimum princ(ipem) et dominum, d(ominum) Augustum ducem Sax(oniae) landgravium Duringiae, marchionem Misniae, septemvirum creandis imperatorib(us) Romanis, princ(ipem) opt(imum) atque clement(issimum) prooemium Ioach(imi) Camerarii Pabepergensis
Kurzbeschreibung In dem an Kurfürst August von Sachsen gerichteten Proömium schickt Camerarius seine Beweggründe für die Publikation der Melanchthonbriefe voraus und verteidigt sie gegen mögliche Kritik.
Erstnachweis 1569
Bemerkungen zum Erstnachweis Der Kolophon des Druckes nennt als Datum Oktober 1569.
Datum unscharfer Erstnachweis (Beginn) 1569/10/01
Datum unscharfer Erstnachweis (Ende) 1569/10/31
Schlagworte / Register Briefsammlung; Polemik; Bildungsdiskurs; Edition
Paratext zu
Paratext? ja
Paratext zu Melanchthon, Epistolae ad Camerarium, 1569
Überliefert in
Druck Melanchthon, Epistolae ad Camerarium, 1569
Carmen
Gedicht? nein
Bearbeitungsdatum 4.02.2020


Inhalt

Camerarius richtet das Proömium zur Ausgabe der Melanchthonbriefe an Kurfüst August von Sachsen. Obwohl er in diesem schriftenfeindlichen Jahrhundert doch zahlreiche eigene Werke und Werke Dritter publiziert habe, habe er bei keiner Edition so viel Skrupel gehabt, wie bei der vorliegenden Sammlung der an ihn gerichteter Briefe Melanchthons. Er wolle der Ausgabe nun vorausschicken, was ihn zur Edition bewogen habe und sie gegen potentielle Kritiker verteidigen. Antriebe, die Briefe nun zu edieren, seien sein mittlerweile hohes Alter und seine schwacher werdende Gesundheit gewesen. Einem Dritten wolle er diese verantwortungsvolle Aufgabe nicht überlassen. Er selbst wolle der patronus (α3v) der Briefe sein und sie - so nötig – schützen und verteidigen. Er sei überzeugt, dass die Lektüre für die Rezipienten fruchtbar sei, etwa um authentische Einblicke in vergangene Ereignisse zu gewinnen (die Korrespondenz umfasst 38 Jahre) oder Freude aus der sich in den Briefen überreich materialisierenden Gelehrsamkeit zu ziehen.
Das Schönste und Bereicherndste am menschlichen Leben sei die Freundschaft. Die Briefe Melanchthons spiegeln das herrliche Bild einer großen Freundschaft und sie werden die interessierten Leser mehr erfreuen als jedes noch so anmutige Gemälde. Die Freundschaft gelte in diesen turbulenten Zeiten wenig. Viele, die von Melanchthon gefördert und für Freunde gehalten wurden, hätten sich von ihm losgesagt. Er selbst trage die Erinnerung an eine sehr enge Verbindung mit zwei Menschen in seinem Herzen: mit Melanchthon und Daniel Stiebar, der eine älter, der andere jünger als er. Beide waren ihm in inniger und ehrlicher Verbundenheit zugetan, was sich besonders in schwierigen Zeiten zeigte. Über Stiebar und seine Vorzüge habe er an anderer Stelle geschrieben (i.e. in der Sammlung mit hippologischen Schriften von 1556 mit ausführlichem Nachruf im Widmungsbrief an Griespek von Griespach und im darauf folgenden Epicedion); die Geneigtheit Melanchthons ihm gegenüber könnten noch viele Menschen bezeugen und sie offenbare sich in der Korrespondenz, was ihn, Camerarius, besonders auszeichne.
Einige werden ihn eben dafür loben, andere werden diese Beziehung aber auch negativ sehen. Manche werden auch bestimmte Stellen aus den Briefen herausgreifen und kritisieren. Dies seien die Leute, die aufgrund ihrer Charakterlosigkeit und Aufgeblasenheit sich selbst und dem Staat schaden und sich beim Volk anbiedern, worüber er schon häufig geklagt habe. Die Zeiten seien deplorabel und er sorge sich um die Zukunft des Reichs. Camerarius verweist auf die Zeitklage Gregors von Nazianz und zitiert daraus in eigener lateinischer Versübersetzung.
Melanchthons Redestil sei klar und ernst gewesen und ebenso sein Briefstil. Er habe in den Briefen nichts erfunden, sondern stets Fakten berichtet, die seines Erachtens nützlich zu wissen seien. Er sei – wie Hektor im euripideischen "Rhesos" – ein vir verax (α7v), auch wenn ihm manche vorgeworfen haben, dass er mit Personen vertrauten Umgang pflegte trotz theologischer Gegnerschaft. Dieses irenische Verhalten sei aber keine Verstellung, sondern christliche Pflicht. So hätten auch Basilius der Große und Gregor von Nazianz freundliche Briefe mit gelehrten Gegnern ausgetauscht. Daran habe Gott Gefallen und nicht an Aggression und Polemik. In den Briefen finden sich viele Klagen über Öffentliches und Privates, was ebenfalls Kritik ernten werde, aber, wie der Dichter sage: Enumerat nimirum miles vulnera (α8v).
Er selbst werde von Melanchthon in den Briefen reichlich mit Lob bedacht – aber warum solle er sich über dieses nicht eingeforderte, ehrliche Lob nicht freuen? Freilich habe Melanchthon aufgrund seiner Gutherzigkeit, seiner Geneigtheit gegenüber ihm und seines einzigartigen sensus humanitatis (β1r) ihn bisweilen weit mehr gerühmt, als er es verdiente, und eher seine positiv voreingenommene Meinung als die Wahrheit gesagt. Dies müssten die Leser bei ihrer Lektüre berücksichtigen.
Er habe nun beschlossen, die Briefedition Kurfürst August zu widmen. Melanchthon möge von ihm gegen alle Anwürfe geschützt werden, er selbst stelle sich dem Urteil des Fürsten. Er wisse um seine Hochschätzung Melanchthons aufgrund von dessen Rechtschaffenheit, seiner Standhaftigkeit und Verlässlichkeit, aber auch wegen seines Intellekts und seiner Gelehrsamkeit, seines Geschicks in schwer abzuwägenden Angelegenheiten, seiner Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und seines Mutes in gefährlichen. Alle Vorhaben, die er leitete oder an denen er teilnahm, waren erfolgreich – oft wider die Meinung und den Willen Dritter. All sein Handeln war ehrlich, uneigennützig, überlegt und zurückhaltend und nicht durch Streitlust und Trotz motiviert. Fehlte er bei Unternehmungen, waren sie weniger erfolgreich. Mögen ihn auch Kritiker wegen seiner Milde, seiner Behutsamkeit, seiner Ängstlichkeit und bisweilen wegen seines Wankens tadeln: mit Gottes Hilfe habe er sich für den Staat, die Kirche Jesu und die ihr dienenden Studien mit Rat und Tat eingesetzt.
Die Angriffslust der Melanchthongegner sei auf sie selbst zurückgefallen, doch zügelten sie ihre Aggression nicht (mit ausführlicher Invektive). Sie publizierten massenhaft, bauten auf Verleumdungen, Polemik und Verunglimpfungen und schreckten damit alle, die nicht ihrer Meinung seien. Freilich agierten sie nicht mit dem Schrecken der Gorgo, sondern mit dem der Mormo, die Kindern Angst mache, aber auf alle Älteren lächerlich wirke. Trotzdem fürchteten sich alle Zurückhaltenden, mit ihnen aufgrund ihrer Unverschämtheit zu disputieren. Es gebe kaum noch Scham in dieser Zeit, Frechheit und Zügellosigkeit herrschten vor bei absoluter Entgrenzung wie bei einem lange im Stall angebundenen Pferd, das sich losreißt und die neue Freiheit auskostet (mit lateinischer Versübertragung von Homer, Ilias 6, 506-511 und ausführlicher Zeitenklage). Was können hier diejenigen, die Frömmigkeit und Tugend und die bonae artes hochhalten, dann noch anderes tun, als zu Gott zu beten und sich angesichts des drohenden Untergangs unter seinen Schutz zu stellen?
Camerarius hoffe, dass der Kurfürst ihm verzeihe, falls er etwas zu freimütig gesagt habe, und dass er an der Briefsammlung Gefallen finde, die sich durch sprachliche Klarheit und Reinheit, Alltäglichkeit und Angemessenheit auszeichne. Sollte sich jemand an der einfachen Form stoßen, so solle er bedenken, dass der Verfasser keine Zeit für eine stilistische Verfeinerung hatte und diese zudem für Briefe nicht erforderlich sei. Der Stil der Gebete drücke die wahre Besorgnis Melanchthons aus. Dinge, die auf den ersten Blick unbedeutend scheinen, dürften dennoch eine wohlwollende Betrachtung verdienen. In den letzten Jahren hätten sich viel Neues und viele Änderungen ergeben. So seien die verborgenen Missstände in der Kirche und Irrtümer in der Lehre aufgedeckt worden; die Staatenlenkung sei schwierig, es gäbe viele Kriege im eigenen Land und auswärts und den Menschen gehe es im Privaten aufgrund neuer Unannehmlichkeiten schlecht. All dies erfordere eigene sprachliche Äußerungsformen. Viel Nützliches und Gutes habe Melanchthon über die Theologie und Bildung (religio & studia sapientiae, β8r) geschrieben, manchmal etwas unvorsichtig, was aber für seine Offenheit und Ehrlichkeit spreche.
Die in unterschiedlichen Schriften und Disputationen geäußerte Lehre zu Theologie und Frömmigkeit habe Melanchthon gesammelt und kondensiert. Dadurch sei sie nach wie vor gefestigt und gegen Angriffe gefeit. Die darniederliegenden studia bonarum literarum atque artium (γ1r) habe er emporgehoben, gereinigt und restituiert, obwohl er mit so vielen Verpflichtungen belastet war (mit kurzer Charakterisierung seines Bildungsprogramms u.a. der Pflege eines reinen Latein). Doch auch hier gebe es Gegner, die das von Melanchthon begonnene Gebäude einreißen wollten (mit Invektive). Diejenigen aber, die die Lehre Melanchthons hochhalten, und die Gärten der Gelehrsamkeit seien dem Schutz des Kurfürsten anempfohlen. Er selbst, der Gott ehren und ein friedliches Leben für die öffentliche und private Wohlfahrt leben wolle, füge nun noch ein Gebet an für das Wohlergehen von August und dem Hause Wettin.