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Das ''Narrenschiff'' ist zudem ein prominentes Beispiel für Intermedialität um 1500. Brant und Bergmann von Olpe wussten die gestalterischen Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen: Die 109 Narrenkapitel, die jeweils zwei bzw. vier Seiten einnehmen, folgen einem Grundlayout, das jeweils Mottoverse, Holzschnitt, Überschrift, Spruchgedicht und Bordüren einander zuordnet. Das Ergebnis ist, durchaus im Wortsinn, ein „Narrenspiegel“ (Vorrede v. 31): Im aufgeschlagenen Buch kann der Leser in Bild und Text erkennen, welcher Narr er ist. Das ''Narrenschiff'' präsentiert sich insofern als ein „Bildbuch“ (J. Knape), das – als Vorläufer der Emblematik – seine Aussage durch die Kombination verschiedener Medien vermittelt. Diese konstitutive Intermedialität empfiehlt das Werk für eine digitale Edition, die der ambitionierten Buchgestaltung und ihrer überlieferungsgeschichtlichen „Beweglichkeit“ Rechnung trägt.
 
Das ''Narrenschiff'' ist zudem ein prominentes Beispiel für Intermedialität um 1500. Brant und Bergmann von Olpe wussten die gestalterischen Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen: Die 109 Narrenkapitel, die jeweils zwei bzw. vier Seiten einnehmen, folgen einem Grundlayout, das jeweils Mottoverse, Holzschnitt, Überschrift, Spruchgedicht und Bordüren einander zuordnet. Das Ergebnis ist, durchaus im Wortsinn, ein „Narrenspiegel“ (Vorrede v. 31): Im aufgeschlagenen Buch kann der Leser in Bild und Text erkennen, welcher Narr er ist. Das ''Narrenschiff'' präsentiert sich insofern als ein „Bildbuch“ (J. Knape), das – als Vorläufer der Emblematik – seine Aussage durch die Kombination verschiedener Medien vermittelt. Diese konstitutive Intermedialität empfiehlt das Werk für eine digitale Edition, die der ambitionierten Buchgestaltung und ihrer überlieferungsgeschichtlichen „Beweglichkeit“ Rechnung trägt.
 
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Version vom 26. Januar 2016, 11:57 Uhr

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Narragonien digital

Das 1.10.2014 im Rahmen von KALLIMACHOS gestartete Projekt Narragonien digital will die Textualität, Medialität und Überlieferungsgeschichte des Narrenschiffs in einer digitalen Edition abbilden. Die geplante synoptische Präsentation in der Online-Edition zielt darauf ab, das komplexe Seitenlayout der Narrenbücher in seiner Intermedialität zu veranschaulichen, die historischen Text-, Bild- und Layouttransformationen zu dokumentieren und die geschichtliche Eigenbewegung des Narrenschiffs im 15. Jahrhundert kommentierend zu erläutern.

Ein Bestseller der Frühen Neuzeit

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Das Narrenschiff gilt als ein Schlüsseltext der Frühen Neuzeit. Mit der spitzen Feder des Moralsatirikers beschreibt der Humanist und Jurist Sebastian Brant die kleinen Schwächen, lässlichen Missetaten und gravierenden Sünden seiner Zeitgenossen und veranschaulicht sie in der Figur des Narren, der sich durch Torheit und fehlende moralisch-sittliche Einsicht kennzeichnet. Die Basler Erstausgabe von 1494 präsentiert eine bunte Revue von 109 Narrentypen, die jeweils für eine bestimmte Verfehlung stehen und stets in einem Holzschnitt und einem Spruchgedicht vor Augen gestellt werden. Brants Narrenschiff darf als das Gründungsdokument der frühneuzeitlichen Narrenliteratur gelten. Seinen enormen Erfolg auf dem europäischen Buchmarkt belegen zahlreiche Neuauflagen, Nachdrucke und Übertragungen in die lateinische und in mehrere Volkssprachen, die noch im 15. Jahrhundert im Druck erschienen sind.


Intermedialität um 1500

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Das Narrenschiff ist zudem ein prominentes Beispiel für Intermedialität um 1500. Brant und Bergmann von Olpe wussten die gestalterischen Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen: Die 109 Narrenkapitel, die jeweils zwei bzw. vier Seiten einnehmen, folgen einem Grundlayout, das jeweils Mottoverse, Holzschnitt, Überschrift, Spruchgedicht und Bordüren einander zuordnet. Das Ergebnis ist, durchaus im Wortsinn, ein „Narrenspiegel“ (Vorrede v. 31): Im aufgeschlagenen Buch kann der Leser in Bild und Text erkennen, welcher Narr er ist. Das Narrenschiff präsentiert sich insofern als ein „Bildbuch“ (J. Knape), das – als Vorläufer der Emblematik – seine Aussage durch die Kombination verschiedener Medien vermittelt. Diese konstitutive Intermedialität empfiehlt das Werk für eine digitale Edition, die der ambitionierten Buchgestaltung und ihrer überlieferungsgeschichtlichen „Beweglichkeit“ Rechnung trägt.

Die Ausgaben des Narrenschiffs

Die Überlieferung von Brants Narrenschiff ist beeindruckend: Allein zwischen 1494 und 1500 erschienen 28 Druckausgaben. Brant selbst hatte mit Johann Bergmann von Olpe drei deutschsprachige Ausgaben (1494, 1495, 1499) in Basel publiziert. Kurz darauf erschienen die ersten Nachdrucke, Übersetzungen und Bearbeitungen: Noch im Jahr 1494 kamen unautorisierte Ausgaben in Nürnberg, Augsburg und Reutlingen auf den Markt. Wenig später wurde die sog. interpolierte Fassung in Straßburg gedruckt. Für das europäische Fortwirken des Narrenschiffs war entscheidend, dass Brant eine lateinische Bearbeitung durch seinen Schüler Jakob Locher anfertigen ließ. Diese ‚Stultifera navis‘, 1497 in Basel erschienen, erfuhr bis 1500 sieben Neuauflagen und war ihrerseits Vorlage für Übertragungen ins Niederländische, Niederdeutsche, Französische und Englische.

Das Untersuchungskorpus umfasst insgesamt 9 Ausgaben des Narrenschiffs, davon 8 vor 1500 in deutscher, lateinischer und französischer Sprache sowie eine englische Bearbeitung von 1509. Aus diesem Korpus werden wesentliche Textfassungen und Übersetzungen ausgewählt und als digitales Faksimile sowie als computerlesbarer Text bereitgestellt:


Modul OCR

Zur Erfassung des frühneuzeitlichen Schriftbilds hat sich die Erstellung offizinspezifischer Typentabellen bewährt.
Durch den synoptischen Transkriptionseditor wird die händische Nachkorrektur des OCR-Outputs stark vereinfacht: Die zahlreichen für das frühneuzeitliche Druckbild typischen Sonderzeichen können in den Editor geladen werden und stehen bei der Korrektur schnell parat. Die aufwändige und fehleranfällige Suche nach den korrekten Unicode-Zeichen und die bei der Arbeit in externen Editoren oft auftretenden Probleme bei der Wahl der Textkodierung entfallen.

Längst nicht alle Narrenschiffe vor 1500 sind in Printeditionen greifbar. Während Brants deutsche Ausgabe u.a. von F. Zarncke, M. Lemmer und J. Knape editorisch erschlossen wurde, existieren von Lochers Stultifera navis nur N. Hartls Teilausgabe und von der französischen Fassung des Rivière nur eine entlegene und fehlerhafte Transkription. Die Nürnberger Bearbeitung von 1494, die Straßburger Ausgabe oder die französische Prosaversion sind bislang unediert. Digitale Reproduktionen der Drucke sowie verstreute eTexte zu den Basler Narrenschiffen liegen bereits vor, ihre Zuverlässigkeit ist aber bisweilen fraglich. Der erste Schritt zu einer digitalen Edition, die das Narrenschiff in Bild und Text präsentiert und auf wissenschaftlichem Niveau editorisch erschließt, ist daher die Bereitstellung zuverlässiger Transkriptionen durch OCR-Verfahren – eine Herausforderung angesichts der verwendeten Drucktypen und des anspruchsvollen Layouts.

Die Transkription der nicht erschlossenen Narrenschiffe wird von KALLIMACHOS in Zusammenarbeit mit den OCR-Experten vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern erarbeitet. Eine Kooperation besteht außerdem mit der Bibliothek Otto Schäfer und mit der Universitätsbibliothek Basel, die mehrere hochwertige Digitalisate zur Verfügung gestellt haben. Die zur Tranksription der Texte erstellten Typentabellen und Trainingsdateien werden separat gespeichert und stehen für die Erfassung weiterer Texte der jeweiligen Offizin zur Verfügung. Die händische Nachkorrektur des OCR-Outputs wird durch den von KALLIMACHOS entwickelten Transkriptionseditor erleichtert, der u.A. über eine eigene Benutzerverwaltung zur Planung und Aufgabenverteilung verfügt und die Korrektur und Auswahl der aus heutiger Sicht ungewohnten Drucktypen durch die Einbindung von Typentabellen unterstützt.

Semantic MediaWiki

Um die tranksribierten Texte gemeinsam in einer vollwertigen digitale Edition mit synoptischer Funktionalität zu vereinigen, sind umfangreiche Auszeichnungen von Text und Bild nötig. Layoutelemente wie Textspalten, Überschriften und Marginalien, aber auch semantische Komponenten wie die im Laufe der Überlieferungsgeschichte mitunter wandernden und sich wandelnden Themenblöcke werden verzeichneit und sollen auch über mehrere Ausgaben des Narrenschiffs hinweg auffindbar und vergleichbar sein. Auf der Basis von Semantic MediaWiki wird hierzu ein spezialisiertes Wiki-System geschaffen, über das die hierfür nötigen Auszeichnungen komfortabel konzeptionalisiert, strukturiert und implementiert sowie die für die spätere Anzeige im Portal benötigten Abfragen getestet werden können.

Features der geplanten Edition

Optimierte Lesefassung

Die Veröffentlichung der annotierten Narrenschiffe erfolgt über ein eigenes Online-Portal. Angezeigt wird ein E-Text, der das teils recht komplexe Layout des Originalscans möglichst zeilengetreu wiedergibt. Durch eine ein-und auschaltbare Auflösung von Abkürzungen wird auch für Leser, die mit dem frühneuzeitlichen Druckbild und der Abkürzungspraxis nicht vertraut sind, ein komfortables Lesen der Edition sichergestellt

Verlinkung der Marginalien

Auch für die Marginalien des Narrenschiffs, die oft auf Bibelstellen und andere Bezugstexte verweisen, werden Auflösungen der teils abgekürzten Verweise bereitgestellt. Sofern vorhanden, sollen auch Verlinkungen zu frei verfügbaren Digitalisaten der Bezugstexte erstellt werden.

Synoptische Gegenüberstellung der Texte

SynopseBeispiel1.png

In der digitalen Edition soll die Gegenüberstellung zweier Seiten im Faksimile oder im e-Text möglich sein. Diese Funktion soll auch für semantische Einheiten der Texte ermöglicht werden. Es werden sich z.B. die Spruchgedichte der Ausgaben und die darin vorgebrachten Argumente einander gegenüberstellen lassen, wodurch die „Beweglichkeit“ des Textes einsehbar wird. Die finale Darstellung in der Edition ist noch nicht festgelegt und kann daher abweichen.


Vorträge und Aufsätze

  • Brigitte Burrichter, Joachim Hamm: „Narragonien digital“. Vortrag bei der Tagung „Inkunabeln und Überlieferungsgeschichte“ des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte vom 29.6.-1.7.2015 an der Univ. Mainz
  • Brigitte Burrichter: „Rahmen und intendiertes Publikum. Die Paratexte in Sebastian Brants 'Narrenschiff' und seinen Übersetzungen“. Vortrag bei dem Theorie-Workshop „Rahmungen. Präsentationsformen kanonischer Werke“ des Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenbüttel, Projekt „Text und Rahmen“, vom 29.-31.7.2015 an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.
  • Christine Grundig: „Sebastian Brants 'Narrenschiff': Zur Bild-Text-Relation in deutschsprachigen und europäischen Ausgaben des Werkes.“ Vortrag beim 10. Altgermanistischen Kolloquium am Hesselberg vom 1.-3.10.2013.
  • Christine Grundig: „Text und Paratext. Konzepte von Paratextualität in deutschsprachigen Werken Sebastian Brants“. Masch. Magisterarbeit. Würzburg 2012.
  • Joachim Hamm: Zu Paratextualität und Intermedialität in Sebastian Brants Vergilius pictus (Straßburg 1502). In: Diesseits des Laokoon. Intermedialität in der Frühen Neuzeit. Tagung an der Univ. Eichstätt, 28.-31.3.2012. Hg. v. Jörg Robert und Wolf Gerhard Schmidt (bei den Herausgebern).
  • Joachim Hamm: Intermediale Varianz. Sebastian Brants 'Narrenschiff' in deutschen Ausgaben des 15. Jahrhunderts. In: Überlieferungsgeschichte transdisziplinär. Neue Aspekte eines Forschungsparadigmas. Colloquium 8.–10.5.2014, Univ. Würzburg. Hg. v. Dorothea Klein in Verbindung mir Horst Brunner und Freimut Löser (im Druck).

Pressespiegel

  • Das Narrenschiff steuert ins digitale Zeitalter. In: einBLICK 14.04.2015.
  • „Narrenschiff“ auf digitalem Kurs. In: Damals online 15.04.2015.
  • anyOCR – Intelligente Texterkennung steuert das „Narrenschiff“ ins digitale Zeitalter. In: Pressestelle DFKI 14.04.2015.

Projektgruppe Narragonien digital

Projektleitung

Mitarbeiter/innen:

Studentische Hilfskräfte:

  • Ina Braunschmidt
  • Raphaelle Jung
  • Sebastian Leue

Technische Partner

Am Hubland

D-97074 Würzburg

Telefon: 0931/31-80534

E-mail


Forschungsgruppe Wissensmanagement

Trippstadter Straße 122

67663 Kaiserslautern

Tel.: 0631 20575-1000

E-Mail


Kooperationen

  • PD Dr. Michael Rupp, Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung, Univ. Karlsruhe
  • Projekt „Mittelniederdeutsch in Lübeck“ (MiL; WWU Münster); Projektleitung: Dr. Robert Peters, Norbert Lange