Das Bindewort *2

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 191 - 193
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Unsicherheit
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Mit einem groben Fehler hingegen haben wir es bei dem berüchtigten Satzdreh (Inversion) nach und zu tun. Lessing nannte diese fragende Satzform: Umkehr. ,Ich habe mein Zigarrengeschäft übernommen, und wird es mein eifrigstes Bestreben sein .. Das Ministerium hat das Gesetz durchberaten und wird dasselbe dem Reichstag demnächst vorgelegt werden. — Auf dem Gute F. wird zum 1. Oktober ein tüchtiger Kuhhirt gesucht, er muß verheiratet sein, und (er?) muß die Frau mitmelken (Anzeige in einem pommerschen Kreisblatt). — Das 16. Infanterieregiment hält Dienstag eine größere Nachtübung ab, erhält Mittwoch feldmäßige Verpflegung, und wird auf dem Gelände geschlachtet. — Der Schwerverletzte wurde nach Hause geschafft, und schwebte sein Leben lange in Gefahr.' Nicht auf die Mißverständnisse und Lächerlichkeiten, die aus der falschen Umkehr nach und eintreten können und tatsächlich oft genug eintreten, ist bei der Beurteilung dieser oft und gründlich durchgesprochenen Frage das Hauptgewicht zu legen, obwohl auch solche Erwägungen ernste Betrachtung verdienen. Zwei noch gewichtigere Gründe sollten diese Satzverzerrung für immer aus dem Sprachgebrauch eines gebildeten Schreibers verbannen. Obenan steht der schon mehrfach betonte: die heutigen Leser haben zumeist gelernt, diese Form ist ein Fehler. Was die Sprachgelehrten unter und gegen einander mit Für und Wider Kluges, Richtiges, Halbrichtiges, Irriges darüber gesagt haben, ist im Augenblick des Lesens für den Nichtgelehrten nicht da; dieser nimmt Anstoß und kann die sprachgeschichtlichen oder sonstigen Entschuldigungen nicht vernehmen noch würdigen. Es wird aber für die große unbekannte Lesermenge, nicht für einen kleinen Kreis von Sprachforschern geschrieben. Dies gilt für Schriftstücke jeglicher Art; wer einmal gelernt hat, nach und darf keine Umkehrung eintreten, der wird in seinem wohlerzogenen Sprachgefühl verletzt, wenn er liest: ,Der Reichs- $Seite 192$ tag wird auf den 10. Januar einberufen und wird derselbe ..' Ob einige mildere Sprachrichter für feierliche Amtsverkündigungen dieser Art allenfalls eine Ausnahme zulassen wollen, ist den meisten Lesern unbekannt.

Der zweite Grund für die Unzulässigkeit der Umdrehung nach und liegt in der dadurch entstehenden Satzform selbst. Der Leser wird in seiner glatten Gedankenbahn plötzlich unterbrochen, muß umlenken und umdenken; der Satzbau bekommt einen Knick, der Leser einen Ruck. Das Und, das bequem ebnend verbinden sollte, wird zum Stein des Anstoßes.

Alle Versuche, die Umdrehung sprachwissenschaftlich für gewisse Fälle — nicht etwa zu empfehlen, sondern zu entschuldigen, mögen je nachdem vortrefflich sein für Untersuchungen in Fachkreisen; für das wirkliche Sprachleben und -bedürfnis sind sie unbrauchbar. Um so mehr, als die Beobachtung lehrt, daß die Umkehr niemals in der Sprechsprache, sondern ausschließlich auf dem Papier vorkommt, also nicht aus dem Geiste der Sprache fließt, jedenfalls nicht aus dem der heutigen. Das sehr häufige Vorkommen in der ältern Sprache beruht auf einem ganz andern Satzbau und Satzgefühl. Wenn es z. B. in Luthers Bibel heißt: ,Es lief das Volk zu, und kamen etliche Tausend zusammen. — Und die Gräber taten sich auf, und stunden auf viele Leiber der Heiligen' , — oder im Märchen: ,Da ging das Kind in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau' , so fühlt der Leser sogleich, daß es sich damit anders verhält, als mit den auf S. 191 stehenden schlechten Satzgebilden. Entweder ergänzt er mühelos ein es; oder er weiß, und wäre es nur aus der Dichtung (Sah ein Knab' ein Röslein stehn.. War so jung und morgenschön), daß in der alten und in der gehobenen Sprache die Voranstellung des Zeitworts im kraftvollen, ja leidenschaftlichen Satz etwas Gewöhnliches, im Wesen der deutschen Sprache Begründetes ist. Dies aber hat mit der Umdrehung nach und im heutigen flachen Satzbau nichts zu schaffen.

Für Goethe und Schiller hat Albert Heintze durch genaue Untersuchung festgestellt, daß die Umkehr nur an ganz vereinzelten Stellen und fast nur in Jugendwerken vorkommt. Ja schon von dem sehr jungen Goethe, dem Leipziger Studenten, haben wir eine ausdrückliche Warnung an seine Schwester: ,Streiche das Und, setze davor einen Punkt und beginne einen neuen Satz' . Oft genügt schon das Streichen $Seite 193$ des folgenden Wortes: ,Ich habe mich hier als Ofensetzer niedergelassen und bitte (ich) um geneigte Aufträge' .

Völlig anders ist es um Satzfügungen bestellt wie: ,1794 trat Schiller Goethen näher und schlossen sie innige Freundschaft' , denn die Voranstellung der Jahreszahl bestimmt auch die Fügung ,schlossen sie' , und es könnte (nicht: könnte es!) ebensowohl heißen: ,1794 schlossen sie ..' Oder: ,Im dritten Akt erreicht der seelische Kampf seine Höhe und beginnt der Umschwung' . Man nennt diesen richtigen Satzbau mit und die Umdrehung nach einer ,Spitzenbestimmung' ; ,im dritten Akt' steht an der Spitze des Satzes und bestimmt die Stellung sowohl des zweiten wie des ersten Satzgliedes. Richtig heißt es deshalb: ,Heute schließt der Reichstag seine Sitzungen und beginnen die Parlamentsferien' . Dies ist selbst vor der strengsten Sprachlehre äußerlich richtig; aber — und das ist für die ganze Frage bezeichnend — die Scheu vor einem falschen Satzdreh nach und ist durch die berechtigten Warnungen schon so groß geworden, daß ein auf gutes Deutsch bedachter Schreiber, der nicht nur sich, sondern auch dem Leser Genüge tun will, kaum wagen wird, an sich richtige Sätze so zu bauen wie die letzten zwei Beispiele, aus der begründeten Furcht, die Leser könnten ihn zu denen zählen, die noch immer nicht gelernt haben, daß nach und keine Umdrehung stehen darf.