Das Fürwort

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 138 - 142
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Unsicherheit
Text

Das meistbehandelte, meistbekämpfte stehe voran: derselbe, dieselbe, dasselbe statt er, sie, es. Ich gehöre zu denen, die ein wenig dazu beigetragen haben, es (,dasselbe') zu beseitigen, und freue mich dessen, wenngleich fast tägliche Wahrnehmungen mich lehren, daß wir Feinde dieses Schmarotzers noch lange nicht vollständig gesiegt haben. Dessen aber kann der Leser versichert sein: Wo er noch heute derselbe nebst Zubehör statt er, sie, es antrifft, da hat er es entweder mit einem an sich sprachungebildeten Schreiber zu tun oder mit einem, der es nie für nötig gefunden, seine Sprache durch ein gutes Fortbildungsbuch zu pflegen.

Zunächst einige Beispiele, in denen die Unzweckmäßigkeit, Überflüssigkeit, Gespreiztheit von derselbe ohne weiteres einleuchten. ,Gestern starb der Vertreter des Wahlkreises Stralsund; derselbe war 1892 zum erstenmal gewählt worden. — Der Herr Abgeordnete Richter bittet um das Wort; derselbe hat es' . Ebenso schön: ,Er hat dasselbe' . — ,Man bestehe auf Lieferung der echten Sunlicht(!)-Seife; dieselbe ist erhältlich . . — Über den Erfolg der Reise hat Curtius Bericht erstattet, und ist (! vgl. S. 191) derselbe in jeder Buchhandlung käuflich. — Das Theater ist jetzt fertig; dasselbe faßt über 2000 Zuschauer. — Der deutsche Geist gelangte zum Siege über den fremden; worin derselbe (welcher?) besteht, ergibt sich . .Der Ballon befand sich grade über dem Garten des Kommerzienrats, als derselbe platzte. — Miß Sarah Sampson beruht auf denselben Voraussetzungen wie Diderots Stücke, ist aber von denselben unabhängig (Scherer). — Artikel 8 der Deutschen Reichsverfassung: In jedem dieser Ausschüsse werden mindestens vier Bundesstaaten vertreten sein und führt (!) innerhalb derselben (der Ausschüsse? der Bundesstaaten?) jeder Staat nur eine Stimme. — Diese Betrachtung, daß der Genius .., hebt (dessen) das Wunder desselben nicht auf, erklärt aber . . Den Vorsprung, welchen $Seite 139$ derselbe (jener, er) vor dem bloßen Talente hat, und der durch keinen Fleiß des letzteren (s. S. 156) eingebracht werden könnte, selbst wenn derselbe (wer?) die Energie des Fleißes des Genius hätte' (Spielhagen).

Aus allen diesen Beispielen ergibt sich außer der Breitspurigkeit des dreisilbigen Fürwortes statt des einsilbigen die Stilwidrigkeit, durch ein so gewichtiges, auf etwas Früheres so nachdrücklich rückweisendes Wort nichts weiter zu bezeichnen, als was sich von selbst versteht oder verstehen sollte. Die eigentliche Bedeutung von derselbe: der nämliche, wird ja um so deutlicher gefühlt, als es (dasselbe!) in diesem scharf hinweisenden richtigen Sinne noch fortwährend gebraucht wird, im drittletzten Beispiel (von W. Scherer) sogar in einem Satze neben dem falsch gebrauchten. Selbst da, wo kein Irrtum durch eine unklare Beziehung auf ein früheres Wort hervorgerufen wird, erzeugt das falsche Derselbe das unangenehme Gefühl, daß eine Gleichheit, eine Nämlichkeit hervorgehoben wird, die entweder gar nicht vorhanden oder nicht erkennbar, oder auf die noch besonders hinzuweisen überflüssig, ja lächerlich ist. ,Der und der ist gestorben; derselbe war ...' Aber wer denn sonst als der und der, von dem allein doch die Rede ist? Dies sagt oder fühlt der Leser und bekommt den ermüdenden Eindruck, den jede zwecklose Breitspurigkeit erzeugt.

Aber das scharf zurückdeutende Wort führt auch in vielen Fällen irre: ohne die Verweisung, bei einfachem er, sie, es, würde man aus dem Gesamtinhalt das richtige Wort leicht erschließen; durch die allzu bestimmte Bezeichnung wird man grade auf die falsche Fährte hingelenkt. Man prüfe das Beispiel vom platzenden Ballon und dem wahrscheinlich nicht platzenden Kommerzienrat: stände da nur ,als er platzte' , so würde man keinen Augenblick an den verunglückten Kommerzienrat denken, sondern von selbst ergänzen: der Ballon. So aber heißt es: ,als derselbe platzte' , und der zunächststehende Selbe ist der Kommerzienrat, also platzen wir selbst zunächst in ein Gelächter los, berichtigen dann unsre erste Auffassung und geben mit vollem Recht dem schlechten Schreiber die Schuld an unserm Irrtum.

Den in allen solchen Fällen beliebten Einwand (vgl. S. 162 und 190), bei einigem Nachdenken müsse man das Richtige treffen, lehnt der gescheite Leser ab: er ist nicht dazu da, das $Seite 140$ Richtige unter allerhand Falschem zu suchen, sondern der Schreiber ist dazu da, das ist die Pflicht seines verantwortungsvollen Schreiberamtes, das Einzigrichtige unzweideutig auszudrücken. Dazu bietet ihm seine reiche Sprache ausgezeichnete Ausdrucksmittel, und wenn er aus Unwissenheit oder Nachlässigkeit die schlechten Mittel wählt, deren Zweckwidrigkeit oft genug nachgewiesen worden, so sagt der Leser mit Recht: Das ist ein schlechter Schreiber, er beherrscht nicht das gute Deutsch.

Auch der Rettungsversuch an ,demselben' , es komme im ältern Deutsch oft vor, z. B. bei Luther, es stehe da neben Selbiger, Derselbige, rettet die heutige Derselberei nicht aus der gerechten Verdammnis. Bei Luther war solche nachdrückliche Bezeichnung statt der schlanken mit er, sie, es Zeitsprache, heute ist sie es nicht. Auch steht bei Luther kein einziger Satz, worin derselbe zum geringsten Mißverständnis führen könnte.

Mittelmäßige Schreiber, die sich selbst der Derselberei schuldig machen und sie nachher rechthaberisch zu verteidigen suchen, anstatt sie kurzweg aufzugeben, führen den hoffnungslosen Kampf durch Vorlegung irgendeines schlechtgezimmerten eignen Satzes oder des eines andern ungeschickten Schreibers mit einem angeblich durchaus notwendigen Derselbe, ohne welches der ganze Satz zusammenfalle. Eine schöne Entschuldigung! Ein Satz, der nur durch eine Geschmacklosigkeit schmackhaft gemacht werden muß — welch eine Abgeschmacktheit!

Sogar mit dem Hinweis auf mundartliches Dr'sell hat man die Derselbrigkeit zu retten versucht: ein dreisilbiges Ungetüm durch ein schnelles Dr'sell! Nein, es bleibt dabei, daß es keinen gutgebauten Satz gibt, worin dieses Derselbe unentbehrlich wäre. Daß die gesprochene Sprache nur er, sie, es oder sein, ihre, ihr kennt, daß kein Mensch, nicht einmal der erpichteste Derselberer einer Kanzlei, jemals Derselbe spricht, davon kann sich der Leser durch seine alltägliche Beobachtung sofort überzeugen.

In sehr vielen Fällen ist nicht nur Derselbe, sondern auch jedes andre Fürwort ganz überflüssig. ,Er arbeitete drei Jahre an diesem Drama und wandte sich nach der Vollendung (desselben) wieder andern Aufgaben zu.' Natürlich kann hier auch dessen (vor ,Vollendung' ) stehen. Ein Gegner von $Seite 141$ Derselbe, der aber an dessen Notwendigkeit in gewissen Ausnahmefällen glaubte, empfahl gradezu diesen Satz: ,Hat der Veräußerer eines Grundstücks eine bestimmte Größe desselben zugesichert, so . . .' Man streiche desselben, und der Satz wird knapper, ohnedaß das Verständnis (desselben) im mindesten leidet. Übrigens gibt es, wenn durchaus die Größe dieses und keines andern Grundstücks bezeichnet werden soll, noch mehr als ein dem Desselben vorzuziehendes Ausdrucksmittel. — Ein Andrer hat in dem, offenbar nicht dem Volksmunde treu nachgeschriebenen, Satz eines Grimmschen Märchens: ,Es blieb nichts übrig, als den Bart abzuschneiden; dabei ging ein kleiner Teil desselben verloren' den Kanzleischwanz desselben für nötig befunden. Man streiche es (dasselbe!), und der Satz bleibt inhaltlich derselbe (!), ist aber im Bau (desselben) bündiger und sprachgemäßer geworden.

Der Leser lasse sich für seine Schreiberzwecke auf keine Tifteleien ein, sondern enthalte sich ein für allemal des dreisilbigen Fürwortes, wo es nicht eine Nämlichkeit nachdrücklich hervorhebt, sondern drei Silben statt der einen bietet, die vollkommen hinreicht und zur Beflügelung des Satzes dient.

Daß die ewige Derselberei in neuerer Zeit so erschreckend um sich gegriffen hatte, bis ihr durch richtige Sprachbelehrung (von Otto Schröder, Wustmann, Matthias, Heintze, zuletzt durch mich [Deutsche Stilkunst, S. 62—69]) kräftig Einhalt geboten wurde, lag zum Teil daran, daß den Schreibern von älteren Sprachmeisterern manches Mittel zur Vermeidung ,Desselben' verleidet oder verboten worden war. Von Adelung rührt das Verbot des es nach Vorwörtern oder an betonter Satzstelle her; ja, er schreibt zu dessen Ersatz ausdrücklich dasselbe vor! Seit ihm (demselben!) geht durch die allermeisten Sprachlehren die Warnung vor es mit Hochton, sintemalen es ,tonlos' sei. Es ist nicht tonschwächer als er, sie, ihm, ihn, uns' ; ja in Österreich und Süddeutschland wird es mit besonderm Nachdruck, sogar mit langem e gesprochen: ehs. Es nach Vorwörtern und nach auch kommt bei vielen guten Schriftstellern vor; Jakob Grimm empfahl und schrieb es gern: ,. . gar nicht für es angelegte Sammlungen, — der größte Glanz über es gekommen' ; und allbekannt sind die Verse in Seidls Gedicht ,Hans Euler': ,Für es (dieses Land) hab' ich gestritten, Für es schlug ich ihn tot' . Es ist überall da betont, wo man es eben — betont. $Seite 142$ Man hat sich nur seit mehr als einem Jahrhundert so an die falsche Regel gewöhnt, daß man sich schwer wieder ,an es' gewöhnen wird. In neuster Zeit bin ich bei manchem eigenwilligen Schriftsteller ,auf es' gestoßen, und die Leser scheinen sich allmählich ,für es' zu erwärmen.


Zweifelsfall

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Beispiel
Bezugsinstanz Schreiber schlechten Stils, Alt, Luther - Martin, Umgangssprache, Gesprochene Sprache, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, Neu, Österreich, Süddeutsch, Schreiber guten Stils, Seidl - Johann Gabriel, Sprachverlauf, Spielhagen - Friedrich, Scherer - Wilhelm
Bewertung

ebenso schön, schlechtgezimmert, Abgeschmacktheit, dreisilbiges Ungetüm, Kanzleischwanz, bündiger und sprachgemäßer,

Intertextueller Bezug Otto Schröder, Wustmann, Matthias, Heintze, Engels: Deutsche Stilkunst, S. 62 - 69, Adelung,