Das Hauptwort 7. Die Mehrzahl *2

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 108 - 110
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Unsicherheit
Text

Umlaut oder Nichtumlaut in der Mehrzahl? Das Feststehende ergibt sich aus der Sprachlehre, ist übrigens jedem Deutschen ohnehin vertraut; hier also wiederum nur einige Schwankungen und Zweifelfälle. In Süddeutschland herrscht eine Vorliebe für den Mehrzahlumlaut bei einer Reihe von Wörtern, die in Nord- und Mitteldeutschland nicht umgelautet werden. Krägen, Wägen, Läger, Täge, Wässer, Kästen herrschen im Süden vor, Kragen usw. im übrigen Deutschland. In einigen Fällen kann die Umlautform auch in der Schriftsprache nicht als falsch bezeichnet werden: Böden, Kästen, Mägen, Läger (von Waren), Bröte usw. gelten in Norddeutschland neben den einfachen Mehrzahlen, $Seite 109$ ja einige wie Kästen, Mägen gewinnen sichtlich den Vorrang. Diese Entwicklung ist im vollen Gange und trotzt der schulmeisterlich einheitlichen Regelung. Mancher Leser wird bestätigen, daß er selbst gewisse Mehrzahlen heute anders bildet als in seinen Kindheittagen. Z. B. in einem Falle wie die Magen oder die Mägen schwanken Sprachgefühl und Sprachgebrauch schon im kleinsten Kreise der Sprechenden. Hier gleich mit Richtig und Falsch dazwischenzufahren, ist durchaus fehl am Ort. Allenfalls läßt sich von Täge sagen, daß es zwar vereinzelt bei dem Süddeutschen Goethe vorkommt, sonst aber als landschaftliche Form gilt und von der Schriftsprache abgelehnt wird. Ebenso überwiegt in ihr jetzt die Boote; aber Böte ist darum nicht falsch, wird sogar von, manchen vorgezogen.

Eine Mehrzahl Ärme von Arm ist nicht schriftdeutsch, sondern nur landschaftlich.

Funde oder Fünde? Der gute Sprachgebrauch entscheidet sich jetzt für Funde. — Lächse oder Lachse? Beide Formen stehen gleichwertig da, nämlich für den gebildeten Sprachgebrauch, gleichviel, was der eine oder andre Sprachmeisterer verfügt.

Sprachgeschichtlich soll Herzöge ,eigentlich falsch' sein, der Umlaut ,hat keine Berechtigung', nämlich wenn man sich eigendünklig die Ohren verstopft gegen die Sprache, d. h. das Sprechen. Herzoge war einstmals, bis ins 17. Jahrhundert, allein richtig; heute ist Herzöge richtig, allerdings Herzoge noch nicht falsch.

Wie heißt die richtigste Mehrzahl von Mund? Ich weiß es nicht, und keiner weiß es genau; selbst die Sprachbüttel halten in diesem Falle ihre Munde, Münde, Münder. Ich weiß nur, daß ich selber nach guten Mustern Münde sage, in gewissen gemütlichen Fällen Münder, ohne darauf zu schwören, was das Allerrichtigste sei. Bei A. W. Schlegel kommt Munde vor; bei Arndt und Chamisso, aber doch auch vereinzelt bei Voß, Münde; bei Rückert Münder.

Von Plan bilden Goethe und Schiller meist Plane; heute herrscht Pläne fast allein.

Braucht man die Berechtigung der Mehrzahlform Muttern (Schrauben-) neben Mütter zu verteidigen?

Früher hieß es fast nur die Erlässe, wie die Anlässe, Darchlässe; im heutigen Schriftdeutsch nur die Erlasse. $Seite 110$ Von Zwieback bildet Goethe öfters die Zwiebacke; jetzt ist Zwiebäcke gebräuchlicher. Über die Mehrzahlform der Fremdwörter vgl. S. 113.


Zweifelsfall

Substantiv: Pluralbildung bei Wörtern auf -er und -el

Beispiel

Läger, Wässer, Muttern, Mütter

Bezugsinstanz mitteldeutsch, norddeutsch, süddeutsch, Deutschland
Bewertung

falsch

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Umlaut bei Wortbildung und Flexion

Beispiel

Krägen, Kragen, Wägen, Läger, Täge, Wässer, Kästen, Böden, Mägen, Bröte, Magen, Boote, Böte, Ärme, Arm, Funde, Fünde, Lachse, Lächse, Herzöge, Herzoge, Mund, Münde, Münder, Plan, Plane, Pläne, Muttern, Mütter, Erlässe, Anlässe, Durchlässe, Erlasse, Zwiebäcke, Zwiebacke, Zwieback

Bezugsinstanz 17. Jahrhundert, Schlegel - August Wilhelm, Arndt - Ernst Moritz, Chamisso - Adelbert von, Deutschland, alt, alt, Goethe - Johann Wolfgang, gegenwärtig, gegenwärtig, mitteldeutsch, norddeutsch, Rückert - Friedrich, Schiller - Friedrich, Schriftsprache, Schriftsprache, Sprachgelehrsamkeit, Sprachverlauf, süddeutsch, süddeutsch, Voß - Johann Heinrich
Bewertung

abgelehnt, falsch, Frequenz/gewinnen Vorrang, Frequenz/überwiegt, Frequenz/vereinzelt, gebildet, gebräuchlicher, gleichwertig, gut, landschaftlich, nicht falsch, richtigst, vorzuziehen

Intertextueller Bezug