Das Umstandswort

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 157 - 159
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit
Text

Voran stehe die meistumstrittene Frage nach der Berechtigung des Gebrauchs von Zusammensetzungen mit ..weise, als Beiwörtern. Darf man schreiben: ein teilweiser Ersatz, das schrittweise Zurückgehen, der glasweise Ausschank, der stückweise Verkauf, der stufenweise Fortschritt, die zwangsweise Vorführung des Angeklagten? Durfte Lessing schreiben: die stückweise Schilderung, Goethe: die stufenweise Ausbildung, Schiller: wechselweiser Übergang, Moltke: ein angriffsweises Vorgehen, Bismarck: die teilweise Vernichtung eines Werkes? Die Frage selbst ist nicht so wichtig wie die aus ihr folgenden Grundsätze für die wahrhaft sprachwissenschaftliche Beurteilung der meisten Schwankungen und Zweifel, die der stete Wechsel in jeder lebenden Sprache mit sich bringt.

Die Sprachgeschichte lehnt das heutige Beiwort auf ..weise ab, denn es sei nicht sehr alt; die Sprachlehre verwirft es, denn eine Beiwortendung ..weise gebe es nicht; sämtliche Zuchtmeister der Sprache belegen es mit mehr oder minder grober Schelte. Aber auch ein so einsichtsvoller Sprachkenner wie Gildemeister erklärte, das Beiwort auf ..weise mache ihm Ohrenschmerz (den ihm die übelsten Welschwörter nicht bereiteten!), und Treitschke nannte es ,ein Zeichen gänzlicher Verrohung unseres Sprachgefühls'. Dies von einem Gebrauch, der sich fast bei jedem unsrer besten Schreiber findet!

An wenigen sogenannten Fehlern können wir so deutlich den rastlosen Kampf zwischen einer an sich nicht schlechten Regel und dem mächtigen Sprachgebrauch beobachten wie an diesem. Wessen Aufmerksamkeit einmal für die Unstimmigkeit eines Beiworts mit Umstandsendung geschärft worden, der wird den Gebrauch selbst dann lieber vermeiden, wo er ihm recht bequem wäre, und wird eine andre, einwandfreie $Seite 158$ Ausdrucksform suchen und leicht finden. Daß keine Notwendigkeit zur ,teilweisen Benutzung, stückweisen Beseitigung' zwingt, leuchtet dem Leser ein, und er wird gute andre Wendungen ohne weiteres dafür einsetzen können, z. B. für den glasweisen Ausschank: den Ausschank in Gläsern, für die teilweise Benutzung: die Benutzung von Teilen oder eine zeitwörtliche Wendung: Er hat teilweise .. benutzt. Was hindert einen besinnlichen Schreiber, statt ,Der teilweise Erfolg des Planes . .' zu sagen: Der Plan, der teilweise (zum Teil) Erfolg hatte . .' ? Aber leugnen läßt sich nicht, daß die Beiwörter auf ..weise bequemer sind und sich ungesucht darbieten. Bei teilweise kann man sagen: hätte nicht das allzu bequeme Welschwort partiell die Bildung oder Anwendung von ..teilig zur rechten Zeit verhindert; wäre der deutsche Sprachtrieb nicht überhaupt in unzähligen Fällen gelähmt, unterdrückt worden durch die sich einschleichenden und vordrängenden fremden Unwörter (z. B. graduell, fragmentarisch, individuell, speziell), so hätte er gradig, stufig, stücklich usw. gebildet, und man brauchte nicht die umständliche und verschwommene Umschreibung mit ..weise. Andre Sprachen besitzen für alle diese Begriffe selbständige echte Beiwörter; der Franzose z. B. hat nie das Bedürfnis gefühlt, sich erst aus Umstandswörtern auf ..ment die entsprechenden Beiwörter zu schaffen, also etwa zu schreiben: Une rénovation partiellemente.

Gar so ungeheuerlich ist der Vorgang im Deutschen nicht: auch behende, vorhanden, einzeln, zufrieden, gänzlich, anderweit, fern, nahe, selten, öfter, ungefähr waren ursprünglich nur Umstandswörter und sind daneben zu Beiwörtern geworden. Gegen das Aufsteigen jedes dieser Wörter in eine höhere Klasse hätte also ein Sprachzuchtmeister seiner Zeit empörten Einspruch erheben können. Wir sehen das starke Bedürfnis zu solcher Umbildung noch in unsern Tagen an mancherlei umstandswörtlichen Ausdrücken: in Norddeutschland spricht der Volksmund von einer zunen (zuenen) Droschke, einer durchen Gurke (Käse), und sehr gebildete und gut schreibende Männer haben es z. B. mit schlechthinnig versucht, D. Fr. Strauß nach dem Vorgange Schleiermachers. Auch vorherig von vorher ist nicht sehr alt und wird nicht mehr getadelt. Dasselbe gilt von sofortig, dortig, obig (vgl. S. 131).

$Seite 159$ Wie also wählen wir unsern Dornenweg zwischen Falsch und Richtig in diesem Falle? Wie in so manchem andern: Man schelte keinen, der sich auf die großen Vorbilder berufend ,eine teilweise Erneuerung' schreibt; schnauze nicht gleich mit ,höchst beleidigend' um sich, denn also tun nur die selbstgerechten makellosen Sprachbüttel; sondern nehme sich vor: so will ich selber niemals schreiben. Das genügt, denn am Ende sind wir doch nicht alle zum Richten berufen, vielmehr — Ein Jeder fege vor seiner Tür Und rein ist gleich das Stadtquartier. Ich habe nie Wörter auf ..weise beiwörtlich gebraucht, weil ich in jungen Jahren zurechtgewiesen wurde, und werde mich freuen, wenn meine Leser ebenso verfahren. Noch ist es nicht unmöglich, dieser Schreibweise Einhalt zu tun; ja mir scheint, sie ist im letzten Menschenalter seltner geworden. Sollte sie sich aber trotz allen Widersprüchen siegreich erweisen, so wäre das Unglück nicht größer als bei zufrieden usw.: aus einem bösen Fehler wäre dann eine nicht mehr angezweifelte Richtigkeit geworden.

Mit beziehungsweise wollte man das Kanzleiwort respective verdeutschen; leider ist aus dem Fünfsilber ein Wucherschwamm geworden wie aus Derselbe. Es gibt Schreiber, besonders in Amtstuben, die es regelmäßig für oder setzen: Herren bezw. Damen bezahlen 5 bezw. 3 M. Eintrittsgeld. Meist genügen: oder, und. — Ebenso schlimm steht es mit diesbezüglich, das als Umstands- und Beiwort gebraucht wird. Beide Wörter sollten ganz verschwinden.

Gegen naturgemäß statt natürlich wettert ein Sprachmeister. Gewiß bedeutete naturgemäß ursprünglich nicht dasselbe wie das landläufige natürlich (selbstverständlich); es hat sich aber mit der Zeit so eingebürgert, daß es aus der Umgangsprache schwer hinauszubringen ist. Geschrieben sollte es nur im eigentlichen Sinne: der Natur gemäß, werden


Zweifelsfall

Adverb: attributiv gebraucht

Beispiel
Bezugsinstanz Lessing - Gotthold Ephraim, Schiller - Friedrich, Moltke - Helmuth Karl Bernhard von, Bismarck - Otto von, Sprachverlauf, Gegenwärtig, Schreiber guten Stils, Welsch, Frankreich, Norddeutsch, Gebildete, Schreiber guten Stils, Strauß - David Friedrich, Schleiermacher - Friedrich, Sprachverlauf, Schriftsprache, Umgangssprache
Bewertung

übelste Welschwörter, bequemer, ungesucht, allzu bequem, umständliche und verschwommene Umschreibung, nicht mehr getadelt, böser Fehler, Wucherschwamm, ebenso schlimm

Intertextueller Bezug Otto Gildemeister, Treitschke