Das Vorwort (S. 170)

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 170 - 172
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Präposition: Kasus bei koordinierten Präpositionen

Genannte Bezugsinstanzen: Sprachgelehrsamkeit, Gebildete
Behandelter Zweifelfall:

Präposition: Rektion

Genannte Bezugsinstanzen: Behördensprache, Freytag - Gustav, Gutzkow - Karl, Heine - Heinrich, Goethe - Johann Wolfgang, Gegenwärtig, Alt, Literatursprache, Sprachverlauf, Sprachgelehrsamkeit, Gebildete
Text

Es braucht nicht untersucht zu werden, ob nicht ,Verhältniswort' deutlicher wäre; ich wähle das kürzeste Wort, weil ich es sehr oft setzen muß, und beanspruche dafür keine über dieses Buch hinausgehende Geltung. Schon Lessing hat Vorwort statt Präposition gebraucht. Es ist für den Leser verständlich und nicht halb so lang wie Präposition, das allenfalls auch nur Vorwort bedeutet. — In dem Abschnitt ,Satzfügung' stehen Ergänzungen, die besser in den dortigen Zusammenhang passen (vgl. S. 296).

Vorweg sei bemerkt: in älterer Zeit, ja noch bis ins 19. Jahrhundert, schwankte die Fügung der Vorwörter stärker als heute, und mehre wurden mit andern Fallbeugungen gebraucht, besonders wegen, gegen, ohne, während. Die Berufung auf Stellen bei den Klassikern oder selbst bei Neueren wie Heine, Freytag, Gutzkow haben für den heutigen Gebrauch keine Geltung. So würde z. B. heute selbst ein Dichter nicht mehr wagen dürfen, ein Vorwort kurz nacheinander mit zwei verschiedenen Fügungen zu gebrauchen, wie Goethe:

Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte,

Statt ehrfurchtsvollem Willkomm ..

(Faust 9192).

Allgemein ist nachdrücklich zu warnen vor Undeutlichkeiten und Härten infolge Weglassens der von den Vorwörtern geforderten Beugungszeichen. Bei namhaften Schreibern kommen Loddrigkeiten vor wie: ,In (aus) aller Herren Länder, Das Buch ist in aller Hände' , und in öffentlichen Bekanntmachungen und Anschlägen, nun gar erst in Anzeigen steht täglich zu lesen: ,Wegen Mangel an Bindfäden, Wegen Umzug .., Wegen Todesfall' . Sobald das Geschlechtswort ausfällt, erlahmt in vielen Schreibern, die sonst keine groben Fügungsfehler bei den Vorwörtern begehen, das Gefühl für deren Fügungskraft, und sie vergessen die einfachsten Grund- $Seite 171$ regeln, die sie noch jetzt in früh auswendig gelernten Verschen hersagen könnten.

Wo nach Vorwörtern die Beugung des Hauptwortes ohne Geschlechtswort nicht deutlich zu erkennen ist, muß auf andre Weise für das sofortige Erkennen der richtigen Fügung gesorgt werden. Man darf bedenkenlos schreiben: ,Er fehlte wegen Krankheit' , weil diese Einzahlform für jedes Vorwort dieselbe ist; aber ,wegen Reichtümer' wird von Gebildeten störend empfunden, weil die Beugungslosigkeit leicht als eine Folge sprachlicher Unwissenheit gilt. Wo der Zweitfall stehen muß, will ihn das gebildete Ohr auch hören. ,Wegen Reichtümer, wegen Mißverständnisse, während Fieberzustände' ist nicht gradezu falsch, aber das Sprachgefühl sträubt sich aus einem sehr löblichen Grunde dagegen. Darum, nur darum, ist auch die nach dem Buchstaben der Beugungslehre nicht falsche Verbindung ,Verein Berliner Studenten' unzulässig, weil das Gefüge nicht ohne weiteres erkennbar hervortritt. Vielfach wird aus richtigem Gefühl für die Härte zu dem nicht unbedenklichen Mittel gegriffen, durch einen falschen Fall mit deutlicher Fallendung eine festere Fügung zu schaffen, also z. B. während, das sonst nur mit dem Zweitfalle steht, mit dem Drittfall zu verbinden: ,während zehn Tagen' . Zu empfehlen ist dieses Heilmittel eines Notstandes nicht, denn bei der heutigen Verbreitung strengerer Sprachausbildung könnte es nicht so sehr als Notbehelf wie als Unwissenheit gedeutet werden. Ich bediene mich in solchen Fällen andrer Ausdrucksmittel, deren wir im Deutschen nicht ermangeln, etwa: ,zehn Tage lang (hindurch)' .

Wie steht es in den nicht seltnen Fällen, wo man, besonders um der Kürze und Bündigkeit willen, zwei Vorwörter nebeneinander braucht, die verschiedene Beugungsfälle fordern? ,Mit und ohne Geld, Um und bei dem Hause, Ich lebe für und mit dir, Durch und wegen des Geldes' — sind solche Verbindungen zulässig? Die strenge Sprachlehre sagt Nein, aber sie läßt sich erweichen für solche Fälle, wo die Gleichheit der Hauptwortform die Verschiedenheit der Vorwortfügung verschleiert, wo also kein unterscheidendes Geschlechtswort den Fehler schonungslos aufdeckt. ,Mit und ohne Geld, vor und für Gott, von und für England' sind erträglich, ja bedenkenlos zulässig; ,um und bei dem Hause, für und mit dir, mit und ohne dich, durch und wegen des $Seite 172$ Geldes, während und nach dem Gewitter, Er lebt in und durch die Hoffnung' sind für sprachgebildete Ohren unmöglich, und kein Notstand entschuldigt dergleichen, denn es gibt mehr als eine fehlerfreie Hilfe aus solcher vermeintlichen Not.


Zweifelsfall

Präposition: Kasus bei koordinierten Präpositionen

Beispiel

mit und ohne Geld, für und mit dir, durch und wegen des Geldes, mit und ohne Geld, vor und für Gott, von und für England, um und bei dem Hause, für und mit dir, mit und ohne dich, durch und wegen des Geldes, während und nach dem Gewitter, in und durch die Hoffnung

Bezugsinstanz Sprachgelehrsamkeit, Gebildete
Bewertung

Frequenz/nicht selten, erträglich, bedenkenlos zulässig, für sprachgebildete Ohren unmöglich, kein Notstand entschuldigt

Intertextueller Bezug Lessing


Zweifelsfall

Präposition: Rektion

Beispiel

statt feierlichsten Grußes, statt ehrfurchtsvollem Willkomm, In aller Herren Länder, aus aller Herren Länder, in aller Hände, Wegen Mangel an Bindfäden, Wegen Umzug, wegen Krankheit, wegen Reichtümer, wegen Mißverständnisse, während Fieberzustände, Verein Berliner Studenten, während zehn Tagen, zehn Tage lang, mit und ohne Geld, für und mit dir, durch und wegen des Geldes, mit und ohne Geld, vor und für Gott, von und für England, um und bei dem Hause, für und mit dir, mit und ohne dich, durch und wegen des Geldes, während und nach dem Gewitter, in und durch die Hoffnung

Bezugsinstanz Behördensprache, Freytag - Gustav, Gutzkow - Karl, Heine - Heinrich, Goethe - Johann Wolfgang, gegenwärtig, alt, Literatursprache, Sprachverlauf, Sprachgelehrsamkeit, Gebildete
Bewertung

bedenkenlos zulässig, darf bedenkenlos schreiben, das Sprachgefühl sträubt sich aus einem sehr löblichen Grunde dagegen, erträglich, Fehler, Frequenz/täglich zu lesen, für sprachgebildete Ohren unmöglich, Härten, kein Notstand entschuldigt, keine Geltung, leicht als eine Folge sprachlicher Unwissenheit gilt, Loddrigkeiten, nachdrücklich zu warnen, nicht falsch, nicht gradezu falsch, nicht unbedenklich, nicht zu empfehlen, nicht zulässig (strenge Sprachlehre), Notbehelf, störend empfunden (Gebildete), um der Kürze und Bündigkeit willen, Undeutlichkeiten, Unwissenheit, unzulässig, Frequenz/nicht selten

Intertextueller Bezug Lessing