Das Zahlwort

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 153 - 155
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Unsicherheit
Text

Zur Schriftform ist hier zu wiederholen: wir sprechen sechzehn, sechzig und haben auch so zu schreiben. — Niemand, außer den Fernsprechbeamtinnen, spricht siebenzig, also dürfen wir nicht so schreiben, vielmehr siebzig. — Es heißt in gutem Deutsch nicht der Siebte, sondern der Siebente.

In manchen Sprachbüchern stehen Warnungen vor der Aussprache funfzehn, funfzig. Wer im glücklichen Besitz einer Reichsbanknote von 50 Mark ist, sehe sich einmal an, wie die Zahl in Buchstaben geschrieben steht! Was auf Millionen so wertvoller Urkunden steht, wird nicht falsch sein. Es ist auch nicht falsch, denn in Deutschland wird weit häufiger funfzig als fünfzig gesprochen, und — man kann es nicht oft genug sagen — Sprache kommt von Sprechen, nicht von Schreiben. Nach meinen Wahrnehmungen sprechen die meisten Deutschen aus funfzehn, wenn nicht gar fumfzehn; ein Zwang, fünfzehn zu schreiben, besteht auf keinen Fall.

Es ist ebenso richtig: ,in zweieinhalb Stunden' wie: ,in zwei und einer halben Stunde' . — Da es wirklich Menschen gibt, die anderthalb für nicht ganz fein halten, so sei hier versichert, daß es genau ebenso fein ist wie eineinhalb.

Zwei und drei können im Zweitfall der Mehrzahl gebeugt werden: ,die Gegenwart zwei oder zweier (drei oder dreier) bedeutender Männer' . Bei den höheren Zahlen ist die Beugung ungebräuchlich, und man muß zu einer Fügung mit von greifen: ,in Gesellschaft von sechs Freunden' .

Wendungen wie Stücker zehn sind nicht falsch, aber nicht für fein gehaltenes Schriftdeutsch.

Man merke: ,hundert und eine Stimme, tausend und eine Nacht' ; aber hundert und zwei Stimmen' , denn die Endzahl ist maßgebend. Daher: ,Er wurde mit hundert und einer Stimme gewählt' .

Schon seit einem reichlichen Jahrhundert gilt zwei für die drei Geschlechter. Schriftsteller, die einmal die Glocken haben $Seite 154$ läuten hören von zween, zwo und hiermit gelegentlich altertümeln wollen, seien bedeutet, daß zween nur bei männlichen, zwo bei weiblichen Wörtern stand. Die sächliche Form zwei hat die beiden andern völlig verdrängt.

Daß dreidoppelt, vierdoppelt sinnwidrig, also in der Schriftsprache unzulässig sind, begreift jeder, den man einmal darauf hingewiesen.

Daß einzig keine Steigerung duldet, also nicht etwa: die einzigste Ausnahme, wurde schon erwähnt (S. 135).

Hier und da bin ich Warnungen vor dem einfachen mehre statt mehrere begegnet. Ich kehre mich nicht daran, sondern schreibe regelmäßig: mehre Menschen, mehrer Menschen. Ich bin überzeugt, daß die, übrigens flüchtige und verschleifende, Aussprache mehrere, mehrerer nicht als eine innere Notwendigkeit empfunden, sondern nur der pedantischen Schriftform nachgesprochen wird. Mehrere wird jetzt oft durch mehrererere verulkt, — ein sichrer Beweis, daß die Sinnlosigkeit dieser Steigerungsform erkannt wird. Übrigens kann ich mich für die gekürzte Form auf mehre Beispiele bei Lessing, Goethe, Schiller berufen. Mehrere kommt in den ältern Zeiten unsrer Sprache überhaupt nicht vor.

Die unbestimmten Zahlwörter ein paar, ein wenig, ein bißchen bleiben unbeugbar: ,Mit ein paar Groschen reichte er einen ganzen Tag. — Alles hängt von ein wenig Geduld ab. — Aus ein paar angenommenen Worterklärungen, mit ein paar gereimten Zeilen, mit ein paar Worten (Lessing). — Nur mit ein bißchen Freude' (C. F. Meyer). Ein bißchen findet sich allerdings zuweilen mit gebeugtem Drittfall: mit einem bißchen, weil der eigentliche Sinn noch lebendig ist. In der Bedeutung klein, gering kann wenig wie ein Beiwort gebeugt werden: ,in weniger Zeit, als nötig war' .

Es kann nicht schaden, wenn hier die Warnung der Sprachlehre wiederholt wird, ein paar Groschen und ein Paar Stiefel sprachlich und schriftlich zu unterscheiden: ,Mit ein paar Groschen kommt man nicht so weit wie mit einem Paar Stiefel' .

,Der Kuchen wird alle' — darf man so sagen? Sagen wohl, aber nur in der Umgangsprache und zur Not in einer Alltagsrede; nicht in einem gehobenen Vortrag, noch weniger in der feineren Schriftsprache. Viel schwankt zwischen Beugung und Nichtbeugung; die $Seite 155$ ungebeugten Formen überwiegen: ,viel Geld, mit viel Geld' , allerdings auch ,mit vielem Geld' . In der Mehrzahl stehen nebeneinander: wieviel Menschen und wieviele Menschen. In Zusammensetzungen mit hauptwörtlichen Beiwörtern sind gleichberechtigt: viel Schönes und vieles Schöne; ebenso: mit viel Schönem, mit vielem Schönen. Goethes Fügung: ,Mit wenig Witz und viel Behagen' ist noch heute gutes Deutsch.

,Aller Wein, aller gute Wein; mancher große Dichter' ; aber bei mehr als einem nicht schlechten Schreiber stößt man auf ,mancher großer Dichter' und muß dergleichen mit Rücksicht auf das immerwährende Schwanken zwischen starker und schwacher Beugung der Beiwörter hinnehmen.


Zweifelsfall

Zahlwörter: Formen und Wortbildung

Beispiel

sechzehn, sechzig, siebenzig, siebzig, Siebte, Siebente, funfzehn, funfzig, fünfzig, fumfzehn, in zweieinhalb Stunden, in zwei und einer halben Stunde, anderthalb, eineinhalb, zwei, zweier, drei, dreier, in Gesellschaft von sechs Freunden, Stücker zehn, hundert und eine Stimme, tausend und eine Nacht, hundert und zwei Stimmen, mit hundert und einer Stimme, zween, zwo, dreidoppelt, vierdoppelt, einzigste, mehre, mehrere, mehrer, mehrerer, mehrererere, von ein wenig Geduld, aus ein paar angenommenen Worterklärungen, mit ein paar gereimten Zeilen, mit ein paar Worten, mit ein bißchen Freude, mit einem bißchen, weniger, ein paar Groschen, ein Paar Stiefel, mit ein paar Groschen, mit einem Paar Stiefel, alle, mit viel Geld, viel Geld, mit vielem Geld, wieviel Menschen, wieviele Menschen, mehre Menschen, mehrere Menschen, viel Schönes, vieles Schöne, mit viel Schönem, mit vielem Schönen, aller Wein, mit wenig Witz und viel Behaben, aller gute Wein, mancher große Dichter, mancher großer Dichter

Bezugsinstanz Umgangssprache, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Fachsprache (Technik), Goethe - Johann Wolfgang, alt, Lessing - Gotthold Ephraim, Ungebildete, Meyer - Conrad Ferdinand, niedere Sprache, gegenwärtig, Geschäftssprache, Schiller - Friedrich, Sprachverlauf
Bewertung

aber, altertümeln, ebenso fein, ebenso richtig, flüchtige, flüchtige verschleifende, Frequenz/sprechen die meisten Deutschen, Frequenz/weit häufiger, gutes Deutsch, in der Schriftsprache unzulässig, in gutem Deutsch nicht, muß, nicht, nicht falsch, nicht falsch, nicht für fein gehaltenes Schriftdeutsch, nicht ganz fein, pedantischen Schriftform, Sinnlosigkeit, sinnwidrig, ungebräuchlich, verschleifende, verulkt

Intertextueller Bezug