Das Zeitwort 1. Die Fügung *1

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 267 - 275
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Unsicherheit
Text

Die Schwankungen zwischen 3. und 4. Fall, mir und mich, müssen für jedes Zeitwort besonders betrachtet werden.

Angeben. — Unbedingt nur mit 4. Fall: ,Das geht dich nichts an, Das geht keinen etwas an.' — ,Das geht dir nichts an' ist schlechte Landschaftsprache in Norddeutschland.

Ankommen. — In der Bedeutung ,überkommen, anwandeln' überwiegend mit 4. Fall: ,Mich kam ein Verdruß an; Ihn kam die Furcht an.' In neuster Zeit dringt der 3. Fall vor. Dagegen in der Bedeutung ,dran liegen' nur 3. Fall: Mir kommt nichts drauf an' ; fast ebenso in der Bedeutung ,werden, fallen' : ,Es kommt ihm (ihn) leicht (sauer) an.'

Anliegen (meist mit Haben). — Nur mit 3. Fall: Er lag dem Kaiser an.

Anmuten. — Mit 4. Fall: ,Das mutet mich nicht an' ; aber in der Bedeutung zumuten' nur 3. Fall: ,Was muten Sie mir an!'

Bange machen. — Mit 3. Fall: ,Das macht mir bange' , wobei bange als Hauptwort gedacht wird; doch herrscht daneben die richtige Auffassung von bange als Beiwort, und dann 4. Fall: ,Er hat mich bange (ängstlich) gemacht' (vgl. S. 272 zu machen).

Bedeuten. — Im Sinne ,zu verstehen geben, befehlen' mit 3. Fall: ,Ich habe ihm bedeutet, er solle gehen' ; im Sinne ,unterrichten, unterweisen' mit 4. Fall: ,Er hat ihn über die Frage bedeutet.'

$Seite 268$ Begegnen (mit Sein). — Nur mit 3. Fall: ,Ich bin ihm begegnet.' In der Bedeutung ,entgegentreten, erwidern, entgegnen' kommt zuweilen Haben vor: ,Er hatte (war) dem Minister damit begegnet, daß er ..'

Bescheren. — ,Den Kindern wurde beschert.' Dies ist gutes Deutsch; doch hat sich daneben die sehr nachlässige, also unzulässige Fügung eingeschlichen: ,Die Kinder wurden beschert' , weil man an beschenken denkt.

Betten. — ,Wie du dir (oder dich) gebettet hast, so schläfst du.' Heute überwiegt der 4. Fall, doch ist der 3. nach wie vor gut. Früher fast nur der 3. Fall: ,Bettete ich mir in die (!) Hölle .. (Luther); .. ward ihm sanft gebettet unter den Hufen seiner Rosse' (Schiller).

Über Dünken (mich dünkt) vgl. S. 199. — ,Ich dünke mich ein Held' (oder: einen Helden).

Ekeln. — Rückbezüglich mit 4. Fall: ,Ich ekle mich' ; sonst Schwankung zwischen 3. und 4. Fall: ,Mir oder mich ekelt vor..' Aber: ,Dieses Buch ekelt mich (an); Mich ekeln diese Possen.'

Erinnern. — In Nordwestdeutschland vielfach: ,Ich erinnere das (ihn, die Sache)' , statt ,Ich erinnere mich dessen (an das, an ihn)' ; im Schriftdeutschen unzulässig. — ,Ich erinnere mich auf ihn (etwas)' , statt ,an ihn' , ist nur landschaftlich.

Frieren. — Fast nur: mich friert, es friert mich am Rücken, am ganzen Leibe. Ebenso gut: ich friere am .. Doch kommt der 3. Fall gelegentlich vor: ,Dem Kandidaten fror (Raabe). — Mir frieren die Hände.'

Gehen. — ,Geh deiner Wege' ; aber: ,Ich weiß meine Wege zu gehen. — Er ist dieses Weges gekommen' ; daneben: ,.. diesen Weg ..' , mit seinen Abschattungen: der 2. Fall ist etwas unbestimmter.

Gelten. — Je nachdem: ,Es gilt mir, Es gilt meinem Leben' , d. h. es ist auf mich, auf mein Leben abgesehen. Dagegen in der Bedeutung ,kosten, wert sein' : ,Und wenn's mein Leben gilt! Es gilt keinen Groschen.'

Getrauen. — Der Gebrauch schwankt, doch wiegt der 4. Fall beim Alleinstehen vor: Ich getraue mich nicht; Getraust du dich, ihn anzugreifen (Goethe). Dagegen: Ich getraue mir das nicht recht. Falsch dagegen ist: Ich getraue mich das nicht; wohl aber: Ich getraue mich dessen nicht.

$Seite 269$ Grauen. — Der 3. und der 4. Fall schwanken: Heinrich, mir graut vor dir (Faust); der 4. Fall ist seltner. — Ebenso steht es mit Grausen: Dem Vater grauset's (Erlkönig). Diese beiden berühmten Beispiele sollten dem 3. Fall die Alleinherrschaft sichern. — Für Gruseln möge das Grimmsche Märchen mit seinem berühmten: ,Es gruselt mir' vorbildlich sein.

Heißen. — Im Sinne von Nennen natürlich nur 4. Fall: ,Er hieß ihn einen Narren.' Im Sinne von Befehlen richtig gleichfalls nur 4. Fall: ,Er hieß ihn gehen.' Das Einschleichen des 3. Falls ist auf nichts gestützt. Dagegen in Fällen wie: ,Wer hat dir das geheißen?' ist jetzt der 3. Fall üblicher und wird als das Natürlichere gefühlt.

Helfen. — In der ältern Sprache, bis ins 19. Jahrhundert, oft 4. Fall: ,Was hilft mich das?' Heute im guten Schriftdeutsch nur mir.

Kleiden. — Eine feste Entscheidung ist noch nicht möglich, da der gebildete Sprachgebrauch sich noch nicht fest für mich oder mir entschieden hat, und mit Befehlen oder Verbieten in solchen Fragen nichts zu erreichen ist. Das Schwanken rührt her von den mit Kleiden verbundenen zwei Begriffen: Es kleidet, d. h.: bekleidet, mich gut, — und: Es steht (sitzt, läßt) mir gut, ein ähnlicher Fall wie bei Kosten. Die älteste Fügung hatte nur den 4. Fall; seit dem 16. Jahrhundert dringt der 3. vor und ist heute fast ebenso häufig wie der 4. Ich spreche und schreibe: es kleidet dir, nenne aber den abweichenden Sprachgebrauch sehr vieler Gebildeter nicht falsch. Soll denn durchaus befohlen und verboten werden, dann nur von jedem für sich selbst nach sorgsamer Überlegung. Richtig ist natürlich nur: ,es kleidet dich' heißt es beim Sprachbüttel. Wenn sich bei Millionen die Auffassung eines Wortes wandelt, so ist das ein ganz natürlicher Vorgang, und wenn sich demzufolge die Fügung ändert, so ist das erst recht natürlich: in Hunderten von Fällen ist es durch die Jahrhunderte unsrer Sprachgeschichte ebenso zugegangen wie bei Kleiden.

Das beste Seitenstück dazu ist Kosten. Im Mittelhochdeutschen und weit darüber hinaus, bis ins 17. Jahrhundert, herrschte ausschließlich der 4. Fall; seit dem 18. Jahrhundert dringt der 3. vor, ausnahmsweise von Adelung, entsprechend dem schon damals stark gewandelten Sprachgefühl und Gebrauch, $Seite 270$ empfohlen. Aus der deutschen Urbedeutung des Wortes ist kein Aufschluß zu gewinnen, denn Kosten ist Lehnwort aus lateinischem constare (mihi constat: es kostet mir). Goethe und Schiller schwanken zwischen dem 3. und 4. Fall, bei Kleist überwiegt der 3. Ob heute mehr Gebildete mir oder mich kostet sagen, wage ich nicht zu entscheiden. Die Sprachmeister widersprechen einander: der feinfühlige und behutsame Theodor Matthias erklärt die Gleichberechtigung des 3. Falles für ,ganz unbezweifelt', Wustmann behauptet das Überwiegen des 4. Falles in der guten Schriftsprache. Ich spreche und schreibe nur ,Es kostet mir zehn Mark, Es kostete ihm den Thron' . Ich will meinen Gebrauch niemand aufzwingen, halte ,Es kostet mich' nicht für ,falsch', kenne aber kein Zeitwort mit 4. Fall, das dem Begriffe von Kosten so genau entspräche wie zu stehen kommen, was offenbar dem Gebrauch mit dem 3. Fall zugrunde liegt. Mein Sprachgefühl verbietet mir ,Es kostet mich' , weil dies meiner Auffassung des Verhältnisses der gekauften Ware zum Käufer widerspricht. Ich fühle nach einem Kaufe nicht: Dies hat mich betroffen (mit zehn Mark — aber woher käme dann hierfür der 4. Fall, z. B. einen Taler?); sondern: dies kommt mir zu stehen, dies war mir wert, dies kommt mir auf .., dies verursacht mir die Kosten. Diese bei fast allen Sprechenden zugrundeliegende Auffassung, der keine andre gleichwertige gegenübersteht, sichert dem 3. Fall die wachsende Herrschaft. Allenfalls läßt sich, wie in andern Fällen, eine feine Spaltung des Gebrauchs wahrnehmen: in Preisangaben mit Zahlen ist der 4. Fall häufiger als in Fällen wie: ,Das hat mir schon viel Tränen gekostet, Der Krieg von 1870 kostete den Franzosen Elsaß-Lothringen.' Im Reichstag habe ich in beiden Anwendungen weit öfter den 3. als den 4. Fall gehört, was immerhin Beachtung verdient bei der Feststellung des lebendigen Sprachgebrauchs, des obersten Sprachmeisters für uns alle.

Daß nun aber der 4. Fall auch auf Kommen übergegriffen hat, wenngleich nur hier und da in der niedrigen Geschäftsprache (Das kommt mich 10 Mark), ist ein starkes Stück; wer sich jedoch einmal daran gewöhnt hat, Kosten mit dem 4. Fall zu verbinden, ohne recht zu wissen warum, der ist halbwegs entschuldigt, wenn er ein Wort, das ja in gleicher Anwendung steht, ebenso fügt. Ohne ,es kostet mich' würde keinem Menschen ,es kommt mich' einfallen.

$Seite 271$ Kündigen. — Bei Personen nur der 3. Fall: Ich habe dem Buchhalter gekündigt (aufgesagt!); bei Sachen nur 4. Fall: Ich habe die Wohnung (den Vertrag) gekündigt (vgl. S. 234). In neuerer Zeit dringt auch bei Personen der 4. Fall vor: Ich habe den Mann gekündigt, und die Folge ist, daß gesagt wird: Der Mann wurde gekündigt (statt: Dem Manne wurde gekündigt). Es steht damit wie mit Bescheren (vgl. S. 268). Die Fügung ist bis jetzt dem Schriftdeutschen zum Glück noch fremd.

Lassen. — Die Frage, ob ,Laß ihm' oder ,ihn das wissen' , ist müßig; laß ihn allein ist deutsch, laß ihm wurde im 18. Jahrhundert zuweilen durch den Einfluß des Französischen geschrieben, ist aber seitdem verschwunden.

Zweifelhaft ist der 1. oder 4. Fall im Aussagewort: ,Laß mich dein Freund' oder ,deinen Freund sein' ? Gesprochen wird fast nur dein Freund, geschrieben oft deinen Freund, besonders von solchen, die eine ähnliche Fügung im Lateinischen kennen und an sie denken. Nach der festen Wendung: ,Er läßt den lieben Gott einen guten Mann sein' kann man sich für die gewöhnlichen Fälle nicht richten. Bei Goethe heißt es wohl einmal: ,Laß das Büchlein deinen Freund sein.' Die oft angeführte Stelle in Emilia Galotti (1, 6): ,Lassen sie den Grafen diesen Gesandten sein' beweist gar nichts oder das Gegenteil, denn wir haben Lessings Urteil selbst darüber (Brief vom 1. 3. 1772): ,Das habe ich ganz gewiß nicht geschrieben, es muß heißen: Lassen Sie den Grafen dieser Gesandte sein.' Im Nibelungenliede (1071) steht: laz mich der schuldige sin; bei Wolfram von Eschenbach (Parzival): laz mich sin din dienstmann. Aber bei Uhland heißt es: ,Laß du mich deinen Gesellen sein.' Ich schreibe den 1. Fall, ohne daß ich den 4. für falsch hielte. Man beachte den Unterschied in: ,Ich lasse mir nichts merken' , und: ,Ich lasse ihn nichts merken, Ich lasse dich das nicht merken.' Ferner: ,einem zur Ader lassen' , nicht so gut: einen. Hierzu vgl. die allgemeinen Ausführungen auf S. 275, und über ,Laß mich dein Freund sein' die auf S. 261.

Lehren wurde seit ältester Zeit, schon seit dem Gotischen, regelmäßig mit doppeltem 4. Fall verbunden: ,Lehre mich deine Weisheit. — Man hat ihn das gelehrt. — Herr, lehre mich deine Steige (Luther). — Du willst Wahres mich $Seite 272$ lehren? (Schiller). — Meister Johann lehrte ihn die schönen Künste' (Goethe); aber bei ihm auch: ,Sie lehrte ihm die kleinen Lieder.' Im 18. Jahrhundert war durch Adelungs Willkürregel zugunsten des 3. Falles Unordnung eingetreten, und sie hat seitdem nicht aufgehört. In der gebildeten Welt wird wohl nur der 4. Fall gesprochen und geschrieben, da die Schule streng drauf hält, und so sollte es bleiben. Leider heißt es im § 156 der Ausbildungsvorschriften für die Infanterie: ,Es ist ihm zu lehren' , was doch, wenn ,Es ist ihn zu lehren' zu hart klang, leicht anders und besser ausgedrückt werden konnte.

In der Leideform steht die Person vielfach im 3. Fall: ,Mir wurde die Kunst gelehrt' ; die Sache im 4. Fall: ,Das werden wir vom Tag gelehrt' (Goethe). Zumeist wird heute die Fügung mit Leideform und 4. Fall der Sache vermieden, und es werden andre Ausdrucksformen gewählt, welche die Schwierigkeit oder die Härte umgehen: ,Wir sind so gelehrt worden' , oder: ,Man hat uns das so gelehrt.' Auf keinen Fall sollte sich ein Gebildeter verführen lassen, der niedrigen Volksprache nachzusprechen oder gar nachzuschreiben: ,Er hat mir das gelernt.'

Lohnen. — Die Fügung in: ,Ich lohne dir das' ist selbstverständlich. Auch da, wo es ganz so wie Belohnen steht, also der 4. Fall erwartet werden sollte, ist der 3. Fall die Regel: ,Er hat ihm damit gelohnt, daß er ..' Aber in Bürgers Lied vom braven Mann heißt es: ,Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang.' An der festen Wendung ,Das lohnt nicht der Mühe' (oder: ,.. lohnt sich nicht der Mühe' ) ist nichts zu tadeln: der Mühe ist ein 2. Fall, wie in ,Das lohnt nicht des Anfangens' . Weil aber jener 2. Fall den meisten als ein 3. Fall erscheint, haben sie sich für berechtigt gehalten, statt des 3. Falles den 4. zu setzen: ,Das lohnt nicht die Mühe' , was nicht so eigenartig, aber auch nicht unrichtig ist. Der Sprachbüttel beschimpft jeden, der so schreibt, wegen ,Ausweichens aus Unwissenheit', weil eben nicht jeder ein Doktor Allwissend ist. In der einfacheren Wendung ,Das lohnt mir nicht' ist der 3. Fall unerschütterlich.

Machen. — ,Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß' ; doch lautet das Sprichwort auch vielfach: mir nicht heiß, und ist darum noch nicht falsch. — ,Ich mache ihm bange' erscheint besser als .. ihn bange, weil das Sprachgefühl $Seite 273$ geneigt ist, bange hauptwörtlich aufzufassen, also gleichzusetzen mit: Ich mache dir Angst (.. Angst und Bange), obwohl sprachgeschichtlich . . ihn bange triftiger wäre. — ,Ich mache dich lachen' ist nicht etwa französische Fügung, sondern kommt schon im Mittelhochdeutschen selbständig gebildet vor. Allerdings sollte man es nicht ohne Not über die gäng und gäbe Anwendung ausdehnen; es ist keineswegs überall da zu setzen, wo dem Franzosen faire das geläufigste Wort für ,veranlassen' ist, denn wir haben eine Reihe kräftigerer Wörter dafür, außer dem zuweilen brauchbaren lassen.

Bei Nachahmen sind zwei Bedeutungsfarben deutlich geschieden, also zu unterscheiden: nachstreben, nacheifern — und: nachmachen, nachbilden, abschreiben, nachäffen. Im ersten Sinne steht es richtig mit 3. Fall, im zweiten richtig mit 4. Fall; doch mangelt es nicht an fehlerhaften Verwechslungen der Fälle wegen nachlässigen Vertauschens der Bedeutungen. ,Der Sohn ahmt (eifert) dem Vater nach' ; aber: ,Vergil' ahmte den Homer nach' , denn er hat ihn nach Inhalt und Form nachgemacht. Ebenso: ,Gerhart Hauptmanns Elga ahmt nach: eine Novelle Grillparzers, sein Schluck und Jau ein Lustspiel Shakespeares, sein Armer Heinrich den Hartmanns von Aue, sein Michael Kramer eine Novelle Storms, seine Weber eine Geschichte von Otto Ruppius, seine Pippa ein Drama Brownings und die Harzreise Heined, deine Winterballade eine Erzählung der Lagerlöf, sein ,Weißer Heiland' einen Roman von Wallace, sein Kriegsgedicht ein Kellersches Gedicht' . Der Mensch kann die Natur nachahmen; ihr nachzuahmen geht über seine Gaben. Man ahmt einem Vorbilde nach, wenn man es sich zur Anregung dienen läßt; man ahmt es nach, wenn man es genau zu wiederholen sucht. Ein gutes Beispiel gibt Sanders: ,Die Fürsten ahmen dem Kaiser nach — lassen sich ihn zum Muster dienen; der Hofnarr ahmt (äfft) den Kaiser nach.' Ein Affe kann nur den, nicht dem Menschen nachahmen. Tritt ein 4. Fall der Sache hinzu, so muß zur genauen Unterscheidung für das nicht urschöpferische Nachahmen entweder dieses oder etwa Nachmachen, Nachdichten stehen: ,Die Birch-Pfeiffer hat alle ihre Theaterstücke Andern nachgemacht; — Hauptmann hat seine Elga Grillparzern, andre Werke Andern nachgedichtet.' Es wäre schade, ließe man diese vom Sprachgeist gebotene feine Scheidung zwischen Nachstreben und Nachmachen fallen.

$Seite 274$ Nützne wird in der Redesprache nur mit dem 3. Fall gebraucht, und so in der guten Schriftsprache. Nützen mit dem 4. Fall — Was nützt mich? kommt nur in landschaftlicher Volksprache vor.

Rufen in gewöhnlicher Anwendung natürlich nur mit dem 4. Fall: ,Vater, ich rufe dich.' — Goethes: ,Wer ruft mir?' und ähnliches bei Klopstock und Andern rechtfertigt den 3. Fall nur für die feierliche Darstellung. Wendungen, wie sie zuweilen in der Schrift-, nie in der Redesprache vorkommen: ,Er rief dem Diener: Bringen Sie..' , müssen als läßliche Abkürzungen statt zurufen gelten. — Im Schweizerdeutsch steht Rufen in der Bedeutung Wünschen mit dem 3. Fall: ,Man hatte schon lange (nach) einer Verbesserung dieser Straße gerufen' (Keller).

Schaudern — wie Grauen: Mir schaudert davor; aber auch: Es schaudert mich. — Doch nur: Die Haut schaudert mir.

Steuern. — In der eigentlichen Bedeutung nur 4. Fall: Ich steure den Kahn; in der übertragenen (wehren) nur 3. Fall: Ich steure dem Unfug. Man liest leider zuweilen schon: .. den Unfug, weil sich für das etwas fremdartige Steuern der Begriff Hindern unterschiebt.

Trauen — wie Getrauen: Ich traue mich nicht, Ich traue mir das nicht, oder: Ich traue (getraue) mich dessen nicht.

Unterstehen — wie Trauen und Getrauen: Ich unterstehe mich nicht, das zu tun; Ich unterstehe mir das nicht; Ich unterstehe mich dessen nicht; Untersteh dich das nicht! (neben .. dir).

Vergessen wird landschaftlich vielfach mit an, in Österreich fast nur mit auf gefügt. Bei an schwebt vor: nicht daran denken; bei auf: sich nicht darauf besinnen. Die im Schriftdeutsch und in guter Umgangsprache allein gebrauchte und zulässige Verbindung ist die mit einfachem 4. Fall: Ich habe es vergessen; also weder daran noch darauf vergessen. In gehobener Sprache auch der 2. Fall: ,Wie könnt' ich dein vergessen.'

Bei Versichern scheint vielfach die Meinung zu herrschen, selbst bei Gebildeten, ,Ich versichere dich' sei feiner als ,Ich versichere dir' . Alle, die so sprechen und schreiben, grob einer ,Modedummheit' zu zeihen, ist ungerecht. Der Irrtum geht von der richtigen Fügung aus: Ich versichere dich meiner$Seite 275$Treue, Ich versichere mich dessen. Das einfache Versichern bedeutet nur: Ich erkläre, stelle als sicher hin, und fordert den 3. Fall: Ich versichere dir, daß .. Beim Hinzutreten eines Inhaltwortes des Versicherns: 4. Fall der versicherten Person, 2. Fall des Zugesicherten (wie oben: Ich versichre dich meiner Treue), oder: Ich versichre dir meine Treue. Der bei schlechten Schreibern gelegentlich vorkommende zwiefache 4. Fall ist unmöglich (Spielhagen: ,Ist das die Liebe, die du mich versichert hast?' ). Das dem entsprechende ,Das kann ich Sie versichern' ist undeutsch, stützt sich auf keinen guten Schriftsteller, wird übrigens kaum geschrieben, nur von unkundigen Menschen gesprochen, die es irrtümlich für vornehmer halten. Gutes und richtiges Deutsch ist vornehm genug.


Zweifelsfall

Verb: Valenz

Beispiel
Bezugsinstanz Norddeutsch, Neu, Ursprünglich, Gegenwärtig, Sprachverlauf, Luther - Martin, Schiller - Friedrich, Nordwestdeutsch, Schriftsprache, Goethe - Johann Wolfgang, Grimm - Wilhelm, Grimm - Jacob, 19. Jahrhundert, 16. Jahrhundert, Gebildete, Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Sprachverlauf, Mittelhochdeutsch, 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Goethe - Johann Wolfgang, Schiller - Friedrich, Kleist - Heinrich von, Sprache der Politik, Geschäftssprache, 18. Jahrhundert, Frankreich, Gesprochene Sprache, Latein, Redewendung/Sprichwort, 11. Jahrhundert, Mittelhochdeutsch, Uhland - Ludwig, Wolfram von Eschenbach, Alt, Gotisch, Goethe - Johann Wolfgang, Schiller - Friedrich, Luther - Martin, Schulsprache, Gebildete, Fachsprache (Militärwesen), Niedere Sprache, Volk, Gebildete, Bürger - Gottfried August, Redewendung/Sprichwort, Sprachverlauf, Französisch, Mittelhochdeutsch, Sanders - Daniel, Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Klopstock - Friedrich Gottlieb, Schweiz, Österreich, Umgangssprache, Gehobene Sprache, Gebildete, Schreiber schlechten Stils, Spielhagen - Friedrich, Ungebildete
Bewertung

schlechte Landschaftsprache, gutes Deutsch, sehr nachlässige, also unzulässige Fügung, etwas unbestimmter, falsch, berühmt, vorbildlich, das Einschleichen des 3. Falls, üblicher, das Natürliche, gutes Schriftdeutsch, richtig ist natürlich, erst recht natürlich, das beste Seitenstück, ganz unbezeifelt (Matthias), ein starkes Stück, nicht so gut, Willkürregel, zu hart, leicht anders und besser, auf keinen Fall sollte sich ein Gebildeter verführen lassen, der niedrigen Volksprache nachzusprechen oder gar nachzuschreiben, nichts zu tadeln, nicht so eigenartig, nicht so unrichtig, unerschütterlich, fehlerhafte Verwechslungen, nachlässiges Vertauschen, feierliche Darstellung, läßliche Abkürzungen, etwas fremdartig, landschaftlich, ungerecht, Irrtum, unmöglich, undeutsch, irrtümlich, vornehm genug

Intertextueller Bezug Adelung, Theodor Matthias, Wustmann, Adelung