Das Zeitwort 2. Zusammengesetzte Zeitwörter

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 210 - 211
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Wortbildung: Suffigierung

Genannte Bezugsinstanzen: Sprachgelehrsamkeit, Gebildete, Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Sprachverlauf, Gegenwärtig, Neu, Welsch
Text

In zwei Hauptpunkten gilt es hier, Zweifel zu klären, Schwankungen in Festigkeit zu verwandeln: in der Frage nach den Grenzen des Zusammenziehens und in der nach der Beugung der Zusammensetzungen. Wie überall so hier darf uns kein von außen der Sprache aufgezwungenes eigenherrliches Gelehrtengesetz, sondern einzig die zurzeit von den Gebildetsten gesprochene und geschriebene Sprache leiten.

Ganz ebenso wie bei den zusammengesetzten Hauptwörtern begegnen wir bei den Zeitwörtern überall der Bekrittelung oder beschimpfenden Verhöhnung vieler Neubildungen, die sich den Krittlern und Schimpfern zum Trotz, meist noch bei deren Lebzeiten, siegreich durchgesetzt haben. Als allgemeines Gesetz fürs Urteil kann gelten: die Duldung selbst der kühnsten Versuche ist vernünftiger als die engherzige Beanstandung. Denn hier wie allenthalben im Sprachleben entscheidet der Erfolg im großen, nicht der Geschmack eines noch so selbstbewußten vereinzelten Eigenbrötlers. Als immer wieder vorzuführendes Beispiel muß gelten die jetzt in die Hunderte gehende Zahl der heute selbstverständlich erscheinenden, unentbehrlichen Verdeutschungen solcher Fremdwörter, die noch vor hundert, vor fünfzig, vor zehn Jahren für ebenso unersetzbat wie unübersetzbar galten. Auch unter den heute von keinem mehr beanstandeten Neubildungen gibt es mehr als ein zusammengesetztes Zeitwort, das beim ersten Auftreten ausgelacht und verdammt wurde. ,Beanstanden' selbst gehört dazu, ,verantworten' gehört dazu; ,beanspruchen, vervollständigen, beweihräuchern, beschlagnahmen' — alle zu ihrer Zeit ebenso verhöhnt und bemakelt wie von den heutigen Sprachmerkern ,entgegennehmen, klarlegen, richtigstellen, abstürzen' .

Wie steht es danach mit dem Neuwort vermittelpunkten statt ,zentralisieren', ,entmittelpunkten' statt ,dezentralisieren' ? Wer kein ausgemachter Philister und Hasser jedes neuen Sprachgebildes ist, tut gut, sein Gelächter beim ersten Anhören zu unterdrücken, denn wer zuletzt lacht, lacht am besten, so z. B. heute die Sprachgeschichtschreiber über das Gelächter Derer, die sich einst lustig gemacht über ,beanstanden, vervollständigen' usw. ,Vermittelpunkten' ist genau so gut gebildet wie beanstanden oder beanspruchen. ,Punkten' ist kein $Seite 211$ neues Wort: ,der Schmetterlingsflügel ist schwarzgepunktet' ist gutes Deutsch. ,Vermittelpunkten' ist fünfsilbig, ,zentralisieren' fünfsilbig; ,entmittelpunkten' ist auch fünfsilbig, ,dezentralisieren' sechssilbig. Ver- und entmittelpunkten sind jedem Deutschen verständlich, sind aus guten deutschen Wörtern und Formsilben gut zusammengesetzt, fügen sich in die Betonungswelt des Deutschen. Zentralisieren und dezentralisieren sind aus Rackerlatein griechischen Stammes, einer griechischen Ableitungssilbe is, einer altfranzösischen ier, einer deutschen en zusammengeleimt, — und das nennt man ein Wort, das eine Sprache? Das Einzige, was nach alledem gegen ver- und entmittelpunkten einzuwenden bleibt, ist: sie sind neu, man hat sie nie zuvor gehört. Dieser Einwand wird sehr schnell stumpf: man spreche sich solche Neuworte langsam, dann hurtiger hintereinander fünfmal, zehnmal vor, wende sie versuchsweise zunächst im eignen Kreise an, erprobe ihre Brauchbarkeit, ihre Bequemlichkeit und — warte auch dann noch mit seinem schnellen Urteil, bis man das eines Andern, mehrer Andrer gehört hat. Der Einwand aber: das Wort ist nur deutsch, der in Wahrheit sehr vielen Bekrittelungen unausgesprochen zugrunde liegt, ist doch für einen deutschen Menschen mit nicht ganz verderbtem Sprachgefühl ohne Bedeutung. Übrigens würden vermitten und entmitten dieselben Dienste tun und noch eher die Welschwörter ausmerzen helfen.

Zusammenziehungen von dieser Art: das Inaugenscheinnehmen, das untertänige Aufdembauchliegen, das Nachhausekommen, das Ausderrollefallen (Nietzsche), das Answerkgehen, das Lendengürten, das Vonderhandweisen, das Zuspätkommen, das Aufunseinprasseln, das Böckeschießen sind weniger auf ihre sprachliche Ratsamkeit als auf ihre Stilwirkung zu prüfen. Man wird mit Recht der Verallgemeinerung solcher Bildungen keinen Geschmack abgewinnen; in seltnen Fällen und zu besonderer Durchschlagswirkung, namentlich zu spaßhafter, sind sie nicht zu verschmähen. Sie sind ja auch keine Eigentümlichkeit oder gar Unart des Deutschen allein; das Griechische kennt dieselbe Fügung: die Zusammenziehung ganzer Satzglieder in hauptwörtliche Form durch das bequeme, dem Lateinischen mangelnde, Mittel des vorangesetzten sächlichen Geschlechtswortes


Zweifelsfall

Wortbildung: Suffigierung

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachgelehrsamkeit, Gebildete, Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Sprachverlauf, Gegenwärtig, Neu, Welsch
Bewertung

aus guten deutschen Wörtern, Bekrittelungen, nicht zu verschmähen

Intertextueller Bezug