Das Zeitwort 2. Zusammengesetzte Zeitwörter *1

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 212 - 218
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Unsicherheit
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Die Frage nach der Beugung der zusammengesetzten Zeitwörter richtet sich: auf Trennen oder Nichttrennen (ich übersiedle oder ich siedle über?); auf ..ge.. oder nicht ..ge.. (ich bin übersiedelt oder übergesiedelt?); auf die Stellung von zu in der Nennform (zu durchstreichen oder durchzustreichen?). Die zur Lösung der meisten, nicht aller, Zweifel von P. Pietsch knapp und klar zusammengefaßte Regel lautet: ,Hat die erste Silbe des Zeitworts den Hauptton, so tritt (im 2. Mittelwort) ge- davor; hat ihn eine andre Silbe, so bleibt es weg; bei den trennbar zusammengesetzten Zeitwörtern entscheidet die Betonung des einfachen Zeitwortes'. Beispiele sind: liebkosen, geliebkost (nicht liebkost oder liebgekost), násführen, genasführt (nicht nasführt oder nasgeführt); überánstrengen, überangestrengt.

In den weitaus meisten Fällen trifft das sichre Sprachgefühl selbst des Weniggebildeten das Richtige. Er setzt kein ge- zu den Mittelwörtern beunruhigt, verabfolgt; schiebt es richtig zwischen erstes und zweites Glied in aufgemacht, nachgesehen, durchgekämpft; setzt das zu vor das ganze Zeitwort in: zu beunruhigen, zu benachrichtigen, zu überwachen; schiebt es richtig dazwischen in: zuzumachen, aufzunehmen, überzuschnappen, durchzuführen; irrt sich auch nicht in den meisten der Zusammensetzungen mit verschiedenem Ton und Sinn: ,Ich habe dieses Buch übersetzt, Ich bin übergesetzt (über den Strom), Ich fange an, das Buch zu übersetzen, ich übersetzte es, ich bin über den Strom übergesetzt, fange an, ihn überzusetzen.

Zweifelhaft oder schwankend sind manche Fälle, an denen sich die wüste Polterei austobt und jeden der ,groben Verlotterung des Sprachgefühls' anklagt, dessen Sprachgefühl im mindesten von dem des Polterers abweicht. Fälle dieser Art sind u. a.: übersiedeln, durchkosten, unterlaufen, durchbrechen, anerkennen, obliegen, überfahren, überführen. Heftig getadelt werden von den meisten Sprachmeisterern Sätze wie: ,Ich bin nach Berlin übergesiedelt' — ein Andrer tadelt: übersiedelt! —, ,überzusiedeln, siedelte über. — Ich habe alle Freuden durchkostet. — Mir ist dabei ein Fehler unterlaufen. — Die Dämme sind durchgebrochen. — Das Kind wurde übergefahren. — Die Leiche wurde in die Heimat überführt. — Ich anerkenne diese Tatsache. — Mir obliegen so viele Pflichten.' Die Tadler stehen $Seite 213$ auf ihrem Schein: Hat das erste Glied den Ton, so ..; wenn nicht, so .. Sie hätten nicht nur vor einer Regel der Sprachlehre, sondern ebenso vor dem gesunden Sprachgefühl Recht, wenn ihre Voraussetzung in allen von ihnen bemängelten Fällen zuträfe; die aber trifft nicht zu!

Entscheidend ist in der Tat in fast allen oben aufgeführten Zweifelfragen die Stelle des Tones; aber wo ist die? Der Tadler kennt und anerkennt nur Eine Tonstelle, die unerschütterlich und für jedermann feststehe, und hierin steckt der Fehler seines Tadels, hierin der Grund und zugleich die Lösung der Zweifel. Der Ton ist nicht, oder nicht mehr, in allen Fällen der von den Sprachmeistern allein gehörte und erlaubte, sondern es sind Tonverschiebungen eingetreten und es treten immer neue ein. Es ist einfach nicht wahr, daß überfáhren die einzige oder einzig richtige Betonung sei; vielmehr hört man noch häufiger, auch von sehr gebildeten Menschen: ,Laß dich nicht überfahren!' Ich selbst betone meist so, seltner überfáhren, habe durch Umfrage bei befreundeten Schriftstellern und Gelehrten, ebenso bei Ungelehrten, deren Sprache doch auch mitzählt, festgestellt, daß meine Betonung keine Ausnahme ist, sondern eher einer Regel folgt. Mithin bin ich berechtigt, ja grade nach der Sprachregel verpflichtet, zu sagen und zu schreiben: ,Das Kind wurde übergefahren'.

Man mache dieselbe Probe mit den andern Beispielwörtern, z. B. mit übersiedeln: man wird sich überzeugen, daß die Betonung ihrer Nennform schwankt, daß also die von dem Gebot des Sprachmeisters abweichende Form des 2. Mittelwortes daher rührt. Übersiedeln kommt bei Menschen auf gleicher Bildungstufe, nicht bloß Österreichs, in zwei Betonungen vor: übersiedeln, übersíedeln. Wer auf die erste Art betont, spricht und schreibt richtig übergesiedelt; wer übersíedeln spricht, hat übersíedelt zu schreiben. Also kein Fehler, sondern Bestätigung der Richtigkeit eines durchgehenden Betonungsgesetzes liegt grade in den Schwankungen vor.

Man hat Fügungen bei Schiller fehlerhaft finden wollen: ,Er durchlas den Brief noch einmal, .. den Mahomet zu durchgehen' , die sich einfach dadurch erklären, daß Schillern eine Betonung der Nennformen durchlésen, durchgéhen vorschwebte. Diese Betonung ist vielleicht nicht die allgemein $Seite 214$ herrschende, aber ist sie fehlerhaft? Wer darf sich herausnehmen, festzusetzen, daß ausschließlich und für alle Zeit überfáhren, übersíedeln betont werden darf, wenn doch unzweifelhaft auch die abweichenden Betonungen tatsächlich in den besten Sprachkreisen vorkommen? Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß die Tonverschiebungen sich grade bei den zusammengesetzten Zeitwörtern immer weiter ausbreiten, wahrscheinlich mehr in der Richtung auf das erste Glied: soll dann der neuen herrschenden Betonung zuwider in alle Ewigkeit gebeugt werden nach einer verklungenen und verschollenen Betonung? Übersíedelt und übergesiedelt sind gleich gut, überfáhren und übergefahren desgleichen; und wenn auch daraus nicht folgt, daß es nun beliebig heißen dürfe: ,Ich habe das Buch übersetzt oder übergesetzt' , — in den Fällen, wo die Betonung der Nennform ins Schwanken gekommen und nicht mehr gewaltsam festzuhalten ist, muß Freiheit in der Beugung herrschen. Es hieß lange übersetzen für das überschreiten von Flüssen; seit einiger Zeit beginnt die Betonung zu schwanken, im Heere z. B. heißt es vielfach zu übersétzen, und wer nun einmal so betont, verdient keinen groben Rüffel, wenn er entsprechend beugt: ,Der Strom wurde (von den Truppen) übersetzt' , statt: ,Die Truppen wurden über den Strom (über)gesetzt'.

Es gibt auch bei den mit andern Vordergliedern als den Vorwörtern zusammengesetzten Zeitwörtern die gleichen Schwankungen. Frohlocken wird auf zwei Arten betont: fróhlocken ist fast ebenso häufig wie frohlócken, weshalb es kein Wunder ist, daß, zumal bei den Dichtern, die mannigfachsten Beugeformen vorkommen: ,Ich habe frohgelockt, gefrohlockt' neben ,Mein Herz hat frohlockt' . Wer eine dieser Formen für falsch erklärt, der muß auch eine einzige Betonung von frohlocken verfügen und — für immer durchsetzen. Ich selbst weiß nicht, ob fróhlocken oder frohlócken die einzig richtige Aussprache ist. Ich vermute nach meinen Beobachtungen der wirklich gesprochenen Sprache, daß meine mir an Bildung und Sprachgefühl gleichen Volksgenossen in der Betonung untereinander abweichen, daß die Einen sagen: Fróhlocke nicht zu früh!, die Andern: Frohlócke .. Aber ich ziehe daraus nicht den Schluß der Sprachmeisterei, daß mir die Aufgabe zugewiesen sei — von wem denn? —, die $Seite 215$ mir zufällig im Augenblick besserklingende Aussprache für die richtige, die richtigste zu erklären, sondern daß der Sprachbeobachter und -darsteller die Pflicht hat, Freiheit zu gewähren, wo sie der guten Sprache eher zur Zierde als zum Schaden gereicht.

Wie muß liebkosen richtig betont, demnach richtig gebeugt werden? Ich weiß es nicht; ich höre nur, daß es von den gebildeten deutschen Zeitgenossen auf zwei Arten betont wird: líebkosen, liebkósen; ja, ich entdecke bei der Selbstprüfung, daß ich — schrecklich zu gestehen — keine feste Betonung habe, sondern je nach dem Taktschritt meines gesprochenen Satzes verschieden betone. Ich habe deshalb nichts auszusetzen an dem Nebeneinander von: ,Sie hat ihr Kind geliebkost, liebkóst' , ja ich entsetze mich nicht über den Vers Goethes: ,Und liebgekost und liebgeherzt ..' (Der untreue Knabe.)

Hieran sehen wir das Streben der deutschen Sprache, dieser nahezu allein unter allen Bildungsprachen, zu Schwankungen des Tones in den zusammengesetzten Zeitwörtern, meist zum Zweck sehr feiner und nützlicher Unterscheidungen des Sinnes. Man denke an: úmgehen, umgéhen; übertreten, übertréten; dúrchdringen, durchdríngen; dúrchschauen, durchscháuen; únterbreiten, unterbreíten; wíederholen, wiederhólen; únterschlagen, unterschlágen. Selbst bei úmgürten und umgürten fühlen wir einen Bedeutungsunterschied. Und da will man der Sprache verbieten, mit dem Ton auch da abzuwechseln, wo sich noch kein Sinnesunterschied herausgebildet hat? Das würde ja nur den Versuch dazu im Ansatz unterdrücken heißen.

Bei den Zusammensetzungen mit miß gibt es besonders viele Schwankungen der Beugeformen, nämlich ungefähr so viele wie Schwankungen der Betonung der Nennform. Man betont bald míßfallen, bald mißfállen, míßtrauen neben mißtraúen, míßdeuten und mißdeúten, míßachten und mißáchten, míßbrauchen neben mißbraúchen, míßbilligen und mißbílligen. Wir hören und sehen daher nebeneinander: míßgefallen und mißfállen, gemíßtraut und mißtraút, gemíßdeutet, auch míßgedeutet, und míßdeutet, zu míßbilligen (nicht: míßzubilligen), er hat es mißbilligt oder gemißbilligt, ja sogar: mißgebilligt usw.). $Seite 216$ — Das von einem der Sprachmeisterer verhängte strenge Verbot, jemals (von einem andern: niemals!) ge- zwischen miß und Stamm einzuschieben, gilt nicht; mißgedeutet, mißgeachtet sind ebenso gute Sprache geworden wie mißgestaltet und mißgestimmt, nach deren Entsprechung sie gebildet sind.

Verbindungen mit miß, deren Ton nicht schwankt, schwanken auch nicht in ihren Beugeformen: mißverstehen wird nur auf eine Art gebeugt.

Die volle Zornesschale wird von fast allen Sprachmeisterern ausgeschüttet über das Nichttrennen zusammengesetzter Zeitwörter wie anerkennen, aberkennen, anvertrauen, obliegen, auferlegen, vorenthalten, anbefehlen usw., also gegen Satzfügungen wie: ,Anerkennst du seine Macht? (Goethe), Er anbefahl dem Alten die Obhut seiner Wohnung (Keller), Weiter ausbreitete sich der Aufruhr' (Rosegger). In solchen Fällen ist allerdings nicht das Schwanken der Betonung, sondern ein andrer Grund maßgebend, der übrigens auch bei der Nichttrennung der Zusammensetzungen mit schwankendem Ton mitspricht. Die nachdenklichen Schreiber wissen aus überreicher eigner Erfahrung und aus der Beobachtung ihrer Kunstgenossen, welche Gefahr für den Satzbau und damit für den Stil in der Trennung lauert. Sätze wie: ,Aus stärkstem Idealismus, zugleich ein Naturalist und ein Phantast, erkannte er (folgen 4 Druckzeilen mit Zwischenschachtelei) .. an' kommen in fast jeder Zeitung, fast jedem wissenschaftlichen Aufsatz massenhaft vor. Dieses unerträgliche ,Nachklappen' eines wichtigen, oft des entscheidenden Wortes zu verhüten, gibt es noch andre Mittel (vgl. S. 318); aber eines der nicht zu verwerfenden ist die mit Maß, nicht etwa verallgemeinernd geübte Nichttrennung des zusammengesetzten Zeitwortes, besonders in einem längern Satzgefüge, wo sich beim besten Willen nicht immer das Dazwischentreten von allerlei andern Ausdrücken zwischen den Zeitwortstamm und das getrennt nachfolgende Vorwort vermeiden läßt. In den obigen Sätzen Goethes, Kellers, Roseggers ist die Nichttrennung nicht zu bemängeln. Aber soll man nicht schreiben dürfen: ,Ich anvertraue dir mit gutem Gewissen und ohne einen Zweifel an deiner Fürsorge mein einziges Kind' —? Muß man um einer Regel willen schreiben: ,Ich vertraue dir mit gutem Gewissen und ohne einen $Seite 217$ Zweifel an deiner Fürsorge mein Kind an' ? Die Schriftsteller, die in solchen Fällen nicht trennen, kennen die Regel so gut wie die Sprachmeister, weichen aber mit gutem Bedacht und auf eigne Gefahr von ihr ab, um einen wertvollen Gewinn für den Satzbau zu erzielen, den sie mit Recht höher schätzen als den Gehorsam gegen eine Regel, deren Unverbindlichkeit sie aus zahlreichen Beispielen der besten älteren Schreiber kennen. Bei Luther wimmelt es von Fügungen wie: ,Er heimsucht die Missetat.' Nun gar diesen Gebrauch der dichterischen Ausdrucksform zu untersagen, ist ganz unzulässig: ,Aufsprang der Küster (Immermann). — Ich anbete in ihr (der Sonne) das Licht und die zeugende Kraft Gottes' (Goethe). Daß kühne Abweichungen von einer im allgemeinen nicht umzustürzenden Regel nicht dem Anfänger, auch nicht dem Alltagschreiber zustehen, will ich ausdrücklich hinzufügen; jedoch der sprach- und stilsichere Schriftsteller darf durch eine starre Regel nicht eingezwängt werden.

Überaus töricht ist in diesem Falle, wie in manchem schon behandelten, der von einigen Sprachmeistern gemachte Einwand: ,Wenn ich anerkenne erlaubt sein soll, dann muß es auch zu anerkennen sein' (vgl. S. 201 zu ,gefragen' ). Keineswegs! So verfährt nur der alles über einen Leisten zerrende Sprachmeisterer, dessen erstes Wort Regel, dessen zweites Analogie heißt; nicht aber die große Künstlerin Sprache, die sich hier eine nützliche Freiheit herausnimmt, dort eine wertlose verschmäht. Das Eine tun, das Andre lassen, und jedes an seinem richtigen Platz: das ist einer der unbewußt wirkenden Grundsätze, nach denen alle Sprachen, die deutsche ganz besonders, verfahren.

Einige alte Zusammensetzungen trennen niemals, dulden auch keinen Einschub von zu: willfahren, radebrechen, ratschlagen, handhaben, beschlagnahmen. Wie es von willfahren nicht heißt willfuhr, sondern willfahrte, gewillfahrt; von ratschlagen nicht ratschlug, sondern ratschlagte, geratschlagt, von handhaben nicht handhatte, sondern handhabte, gehandhabt, von beschlagnahmen nicht beschlagnahm, sondern beschlagnahmte, beschlagnahmt, — so darf es von radebrechen nicht du radebrichst, er radebricht, ich radebrach heißen, sondern: radebrechst, radebrecht, radebrechte, geradebrecht. Radebrechen ist keine Zusammensetzung mit dem Zeitwort $Seite 218$ brechen, sondern die Ableitung eines in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht völlig aufgeklärten Hauptwortes die Radebreche. Ähnliches gilt für die Grundwörter von handhaben, beschlagnahmen, ratschlagen.