Rechtschreibung

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 83 - 89
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Unsicherheit
Text

Möglichst einheitliche Rechtschreibung verlangen wir heute mit Recht; frühere Jahrhunderte dachten darüber anders, und Goethe hat sich zeitlebens einer recht mangelhaften, dazu schwankenden Schriftform bedient. Die deutsche Rechtschreibung ist viel vernunftgemäßer als die französische oder gar die englische, und Jakob Grimm hatte großes Unrecht, zu klagen: ,Mich schmerzt es tief, daß kein Volk unter allen, die mir bekannt sind, heute seine Sprache so barbarisch schreibt wie das deutsche'. Bis auf unwesentliche Einzelheiten ist die heutige deutsche Rechtschreibung brauchbar, und bei dem großen Wert der Einheitlichkeit muß der Einzelne sich mit ihr bescheiden und darf sich eine Abweichung nur gestatten, wenn dadurch ein offenbarer Vorteil für das schnellere Verständnis erreicht wird, denn dieses steht noch höher als die Gleichheit der äußern Form. Zum Glück hat sich die Auffassung von der Schwere ,orthographischer Fehler' sehr gemildert, und mag die Schule mit Fug auf straffe Zucht auch in solchen Äußerlichkeiten halten, das vielgestaltige Leben fordert und rechtfertigt ein gewisses Maß heilsamer Freiheiten. Der Duden ist ein oft nützliches Nachschlagebuch, aber es darf nicht zum starren Strafgesetzbuch werden oder gar amtliche Vorschriften treffen, die überhaupt nicht zur Rechtschreibung, sondern zur Sprachlehre über Wortschatz, Wortform und Wortbeugung gehören. Es ist nicht wahr, daß die einzig oder eigentlich richtige Form gerade ist; wir alle sprechen grade, und keiner, der dieser Sprachform gemäß schreibt, begeht einen Fehler. Die Frage, ob es adlich oder adlig heißt, ist keine Schrift-, sondern eine Sprachfrage, und die strenge Schreibvorschrift: nur adlig! bindet wohl Schüler, nicht reife Schreiber, die sich bewußt sind, daß sprachgeschichtlich adlich richtiger wäre, und die selber, wie viele andre, noch adlich (adelich) sprechen und hören. Ähnliches gilt von Formen wie andre oder andere (vgl. S. 12), vollkomm-' '$Seite 84$ ner oder vollkommener, heitrer oder heiterer, muntrere oder munterere. Das Sprechen entscheidet, der Mund ist der Richter, nicht die Feder.

Das Streben, die großen Anfangsbuchstaben streng auf die ,eigentlichen' Hauptwörter zu beschränken, läßt die amtliche Rechtschreibung jedes auf den Grenzgebieten der Redeteile stehende Wort, so namentlich das in umstandswörtlichen Ausdrücken, klein schreiben. Ein Schreiber, der Wendungen wie im Reinen, zum Mindesten, aufs Äußerste nicht als Umstands-, sondern als Hauptwörter empfindet, der also noch etwas mehr als eine dürre Formel dabei sieht, darf sie getrost mit großen Anfangsbuchstaben schreiben, ohne einen ,Fehler' zu begehen. Ich hatte jüngst den Satz Friedrichs des Großen abzuschreiben: ,Mit dem festen Willen, Allen Maulschellen zu geben, die sich in den Weg stellen ..', fand in der amtsrichtigen Quelle allen, änderte es bewußt in Allen, weil ich selbst das noch so kurze Mißverständnis: allen Maulfschellen (etwa zu ergänzen: vorzubeugen, aus dem Wege zu gehen) nicht aufkommen lassen wollte. Dieselbe Rücksicht übe ich bei mehrdeutigen Fügungen mit viele, andre, einige, etwa in einem Satze mit andrer Fehler, wo je nachdem Andrer zweckmäßiger sein kann. Ich schreibe aus gutem Grunde: Ich kümmre mich nicht um Andrer Meinung, und ich würde in den Versen: ,Du nennst das Götterwort, was dir im Herzen schlägt?' Das drucken lassen, denn so hat der Dichter es gemeint, so hat er's gewiß niedergeschrieben, und nur so kann es ohne zweimaliges, dreimaliges Lesen richtig verstanden werden. Nach Duden darf nur das geschrieben und gedruckt werden.

Ordnung und Einheitlichkeit sind notwendig; darum aber nicht auch die peinliche Kleinigkeitskrämerei. Es liegt wirklich nichts daran, ob Lorber oder Lorbeer geschrieben wird. Die Wenigsten werden es ohne Nachschlagen sofort wissen, und von vielbeschäftigten Schreibern ist kaum zu verlangen, daß sie um einer meist nur vermeintlichen Richtigkeit willen in recht gleichgültigen Fällen, zumal bei nicht echtdeutschen Wörtern, ein Wörterbuch befragen. — Aber wie steht es mit gleichgültig? Ist nicht am Ende gleichgiltig richtiger? Hier, bei einem wichtigen ganzdeutschen Worte, handelt sich's nicht um etwas Gleichgültiges, nicht um Schreib-, sondern um Sprachform, und es lohnt nachzuschlagen, um zu $Seite 85$ erfahren, daß gleichgültig herkommt von einer fast verschollenen Gülte: Schuld, Jahrzins, und daß es von jeher nur gültig (preiswert, teuer, wert) geheißen hat.

Sorgsamkeit in höchsten Ehren, darum aber keine Federfuchserei. Der größte Verehrer Goethes darf dessen Namen ruhig so schreiben, wie der Dichter ihn sehr lange selbst und grade in seinen jungen Schöpferjahren geschrieben hat: Göthe; und die peinliche Ängstlichkeit, den Rechtschreibungszopf des ck in Winckelmanns Namen nur ja nicht anzutasten, ist um so weniger berechtigt, als beide Formen von Winkelmanns Hand vorliegen. Dagegen hat Bismarck seinen Namen stets mit ck geschrieben; also haben wir es ihm nachzuschreiben gegen unsre Überzeugung von der Entbehrlichkeit des c.

Sprachwidrige Klauberei verführt manchen, sechszehn, sechszig zu schreiben. Das ist falsch, denn die Sprech- und Sprachform lautet nur sechzehn, sechzig. Wir haben nicht zu vernünfteln, sondern uns der Sprache zu fügen. Es heißt ja auch nicht dreizig, sondern dreißig.

In Wörtern wie Roheit, Rauheit soll nur ein h geschrieben werden, denn das genügt. Gespinst, Gewinst, gesamt, selbständig, verleumden (wie Leumund, nicht mit äu), Sprichwort (nicht ü), tödlich (nicht tötlich), Bewandtnis, Feme (ohne h), Feste (nicht Veste) — lauter zu beachtende Einzelfälle.

In Briefen du, dir, dein, ihr, euch, euer groß zu schreiben, ist unnötig; wen aber sein Herz dazu treibt, der begeht noch keinen groben Fehler. Eure Exzellenz, Eure Majestät (aber nicht Euer Exzellenz!) verstehen sich wohl von selbst; in solchen Fällen schreiben auch die Völker mit sonst ganz andrer Schriftform den Großbuchstaben.

Die amtliche Schreibung fordert überschwenglich; ich bekomme das für mich nicht aus der Feder, denn ich fühle den unbezweifelten Zusammenhang mit Überschwang und schreibe überschwänglich. Ebenso Säckel und Säckelmeister, wie es vor der verbesserten Rechtschreibung durchweg hieß und noch heißen muß. Weismachen ist richtig, weißmachen falsch: es hat nichts mit weiß, sondern nur mit weise, wissen zu tun, so gut wie weissagen, Weistum. Faulenzen muß es heißen, nicht etwa faullenzen: der Lenz hat mit dem Worte nichts zu schaffen.

Ob hocherfreut, tiefgerührt oder hoch erfreut, tief gerührt, entscheidet sich für Beiwörter besser nach dem Gefühl als $Seite 86$ nach einer Regel; je nachdem solche Fügungen als lose oder feste Zusammensetzung empfunden werden, gestaltet sich die Schriftform. Aber natürlich nur: Ihr Brief hat mich hoch erfreut und tief gerührt.

Feine Unterscheidungen zwischen Groß und Klein in: zur Not, in Nöten, das ist vonnöten, eins tut not gehen zu weit. Ich fühle in allen Anwendungen den Inhalt des Urwortes, es bleibt für mich das Begriffswort Not, und ich schreibe von Nöten, . . tut Not, . . ist Not, . . wird Not. Will aber keinem seinen Glauben an das vermeintlich Richtigere rauben.

Darf man Schweizerkäse schreiben? Man darf es, denn — die Meisten schreiben längst so. Daraus folgt aber nicht, daß man Wienerschnitzel schreiben darf. Schweizerkäse ist eine selbständige feste Zusammensetzung geworden, wie schon die Betonung des ersten Gliedes zeigt; Wiener vor Schnitzel wird noch als Beiwort gefühlt. Aus dem gleichen Grunde nur Holländer Käse, aber — Böhmerwald (mit dem Ton auf ö).

Wie schreibt man am vernünftigsten Kaiserwilhelm-straße? Nicht so, auch nicht Kaiser Wilhelmstraße, ebensowenig Kaiser Wilhelm-Straße; vielmehr nur Kaiser-Wilhelm-Straße. Die Schwierigkeit ist künstlich geschaffen: solche Namengebungen sind eben an sich ungeschickt; da sie jedoch immer wieder vorkommen, so hilft uns nur die Bindestrichelei aus einer Verlegenheit, in die wir uns selbst gebracht. Allerdings heilen noch so viele Bindestriche nicht die Unnatur einer Gedenktafelschrift: Generalfeldmarschall-Prinz-Friedrich-Karl-von-Preußen-Eiche, — die es wahr und wahrhaftig in der Nähe Berlins gibt!

Bei Straßennamen ist zu unterscheiden zwischen zusammengesetzten Hauptwörtern und den Fügungen aus Beiwort und Hauptwort. Es muß geschrieben werden: Goethestraße, Schillerplatz, Wilhelmsplatz, Spittelmarkt; aber Dresdener Straße, Leipziger Straße, Bayrischer Platz, Hackescher Markt (vgl. S. 73).

Niemand schreibt zwischen gewöhnlichem Stammhauptwort und s des Zweitfalls ein Häkchen, etwa ,des Deutschen Reich's' ; manche halten es aber für nötig, zu schreiben: Lessing's, Goethe's, Friedrich's des Großen. Es gibt nicht den geringsten vernünftigen Grund zu solcher Häkelei, auch nicht den, $Seite 87$ daß man den Eigennamen buchstäblich genau herausschälen müsse. Das ist auch ohne Häkchen gesichert, denn daß ein s am Schlusse von Eigennamen den Zweitfall bezeichnet, nicht zum Stammwort gehört, ergibt sich stets aus dem Zusammenhang. — Ganz allgemein: so wenig wie möglich Häkchen! Wir werden von ihnen noch an andrer Stelle zu reden haben (S. 327).

Über die Rechtschreibung der Fremdwörter verweise ich auf meine ,Entwelschung'. Die Schriftform der ewig fremdbleibenden Welschereien kommt für meine Leser nicht in Frage, denn ich rechne nur auf solche, die Deutsch schreiben wollen. Für die Halblehnwörter gilt die Schreibregel: so deutsch wie möglich; also Schokolade, Rasse, Trasse, Konzert, Elefant, Tron. Da, wo man aus irgendwelchen Gründen zum Hinschreiben eines Welschwortes gezwungen ist, gleichfalls so deutsch wie tunlich: Fassade, Akzent, Scharlatan, Schimäre, kulant, Klischee. Und wenn in Deutschland, abweichend von Österreich, amtlich noch auf ph in griechischen Wörtern Wert gelegt wird, so schreibe man wenigstens nicht zwei ph, auch nicht peinlich ph da, wo schon Versuche mit f geglückt sind, also: philosofisch, Photografie, Stenografie. Aber auch gegen Geografie wird heute kaum noch Widerspruch laut. Die Italiener schreiben längst kein ph mehr, und es nimmt Wunder, daß die Franzosen es tun.

Über die deutsche Wiedergabe fremder Eigennamen wurde schon gesprochen. Was soll man dazu sagen, daß auf deutschen Landkarten wildfremder Länder nicht die deutsche, sondern die englische oder französische Schreibung steht! Der Kleine deutsche Kolonialatlas, veranlaßt von der Deutschen Kolonialgesellschaft, vermutlich von deren Centralcomité, druckt Tombouctou für Timbuktu, Sénégal und hundert andre Französeleien. Auf vielen deutschen Karten nichtenglischer Besitzungen stehen alle Eigennamen in der tollen englischen Schreibung, deren Aussprache den meisten deutschen Lesern unaussprechbar bleibt. Die deutschen Käufer der in Deutschland hergestellten Kartenwerke sollten sich dergleichen Würdelosigkeiten nachdrücklich verbitten. Das würde helfen; noch so scharfe Rügen in Büchern wie diesem helfen nichts.

Endlich die heißumstrittene Frage: deutsche oder lateinische Druckschrift? Daß die deutsche nicht deutschen Ursprungs ist, die lateinische einst die gemeinsame Schrift aller $Seite 88$ europäischer Völker war, entscheidet nicht. Tatsächlich wird die in den Deutsch sprechenden Ländern vorherrschende deutsche Schrift in Deutschland für eine uns eigentümliche angesehen, und als die gilt sie auch den fremden Völkern. Der zumeist angeführte Grund, wir sollten es dem Auslande leichter machen, unsre Sprache zu lernen, indem wir uns der Lateinschrift bedienten, ist der allerletzte, der geltend gemacht werden dürfte. Die überwältigende Schlammflut der Feindschaft, des Hasses, der grundlosen gemeinen Verleumdung, die sich in vier blutigen Jahren über Deutschland ergossen hat, sollte uns endlich gelehrt haben, daß man sich die Neigung oder nur Achtung der Völker nicht durch Anbiedern und Liebedienern erwirbt. Nur völkische Gründe, nicht Rücksichten auf das Ausland haben in dieser Frage mitzusprechen. Wir stehen so hoch, daß wir keinem Fremden, der ja fast immer zugleich der gehässige Feind ist, entgegenzukommen, geschweige nachzukriechen brauchen. Wer den Zugang zur Sprache und zum Schrifttum des Deutschen sucht, der tut das um seiner selbst willen, und wir haben uns oder ihn nicht zu fragen, ob er uns etwa damit einen Gefallen erweisen will. Daß ihm der Zugang durch eine Schrift erschwert werde, die der Lateinschrift viel näher steht als die griechische, die russische, die arabische, die alle noch keinen gehindert haben, Griechisch, Russisch, Arabisch, Türkisch, Persisch zu lernen, ist nicht wahr. Wer es mit dem Erlernen der deutschen Sprache ernst nimmt — und nur solche Sprachschüler bedeuten etwas für das Machtgebiet unsrer Sprache —, der wird nicht um einen Tag durch das Erlernen der deutschen Druckschrift aufgehalten, denn er kennt sie, ohne sie je eigens gelernt zu haben: die englische wie die französische Zierschrift, z. B. in den Titeln der Times und des Temps, ist die deutsche. Es ist sogar sicher anzunehmen, daß die Wertschätzung des Besitzes der deutschen Sprache bei den Fremden wächst im Verhältnis der besiegten Schwierigkeiten, und die deutsche Schrift ist deren geringste.

Im übrigen aber wiederhole ich hier das schon anderswo von mir Gesagte: In welcher Schriftform die Bücher und Zeitungen in Deutschland gedruckt werden, ist so lange eine ganz gleichgültige, ja lächerliche Frage, wie die allermeisten Bücher und Zeitungen in fremdwörtelndem Welsch geschrieben werden. Man verschiebe die Entscheidung über ,Fraktur' oder $Seite 89$ ,Antiqua' bis zu dem Tage, wo nur Deutschgeschriebenes in Deutschland gedruckt werden soll. Bis dahin aber drucke man alle Welschwörter, also die ungefähr 20 von je 100 Begriffswörtern, in der ihnen gebührenden lateinisch-griechischen Mengselschrift, um endlich die Form dem Inhalt anzugleichen. Vielleicht lernen dann die Schreiber und Leser durchs Auge, was sie durchs Ohr zu lernen offenbar unvermögend, durchs Ehrgefühl zu begreifen abgestumpft sind: daß das Sprachgewand der meisten deutschen Bücher, fast aller wissenschaftlichen und sich mit Kunst abgebenden, eine Narrenjacke ist. Oder glaubt jemand, daß z. B. Kanzlerreden über deutsche Démarchen, reale Garantien, Désintéressement usw. dadurch deutsch werden, daß man diesen Welschereien die Ehre deutscher Druckschrift antut?

Vorher aber sollte man schon aufräumen mit der gedankenlos vererbten Gewohnheit, römische Zahlen auf Zifferblätter, hinter Fürstennamen usw. zu setzen. Die hohen römischen Ziffern liest selbst der Gebildete nur schwer, und Benennungen wie Ludwig XVIII., Karl IX. sind dem Ungebildeten unverständlich. Also Ludwig 14. und selbst Wilhelm 2. Wieviel Unterscheidungszeichen man in Zahlentafelwerken anwenden will, hat hiermit nichts zu tun.


Zweifelsfall

Zweifelsfall Importplatzhalter

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachverlauf, Goethe - Johann Wolfgang, Schriftsprache, Gegenwärtig, Gesprochene Sprache, Friedrich II. von Preußen, Winckelmann - Johann Joachim, Bismarck - Otto von, Volk, Berlin, Österreich, Italien, Frankreich, Zeitungssprache, Welsch, Wissenschaftssprache, Sprache der Kunst, Sprache der Politik, Gebildete, Ungebildete
Bewertung

recht mangelhafte, dazu schwankende Schriftform, vernunftgemäßer, brauchbar, peinliche Kleinigkeitskrämerei, keine Federfuchserei, sprachwidrige Klauberei, eine Narrenjacke, gedankenlos, unverständlich

Intertextueller Bezug Grimm - Jacob, Duden, Engel: Entwelschung