Satzgefüge und Satzbau 4. Der Beisatz

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Buch Engel (1922): Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig.
Seitenzahlen 257 - 259
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Apposition und ihre Bildung

Genannte Bezugsinstanzen: Gebildete, Griechisch, Latein, Schreiber guten Stils, Bismarck - Otto von, Literatursprache
Text

Die Grundregel: Die Fügung des Beisatzes ist dieselbe wie die des bestimmenden Wortes ist einfach und klar, was leider nicht hindert, daß sonst gebildete Schreiber, die im Lateinischen und Griechischen den Beisatz richtig behandeln würden, ihn im Deutschen oft nicht zu behandeln wissen, sondern ihn im 1. Fall in der blauen Luft baumeln lassen, anstatt ihn an das leitende Wort anzugliedern. ,Die Verurteilung Liebknechts, Rechtsanwalt in Berlin, — Die Ernennung des Grafen Bernstorff, Botschafter in Washington, zum Nachfolger ..' , in Anschriften: ,Herrn Professor Schulze, leitender Arzt ..; Er betrat den Speisesaal, ein großer Raum ..' — Daß und warum dies ein grober Fehler ist, braucht keinem gebildeten Deutschen gesagt zu werden. Hierher gehört der schon behandelte Fall ,Am Donnerstag, den 10. April' (vgl. S. 180).

Läge die Sache immer so einfach wie in diesen Beispielen, so gäbe es bei mittleren wie guten Schreibern keine Schwankungen noch Zweifel. Im Deutschen haben wir aber Beisätze, $Seite 258$ die sich nicht so fest an ein einzelnes bestimmendes Wort heften, sondern trotz dem innigen Zusammenhange des Inhalts sich die Selbständigkeit der Wortform, die des 1. Falles, bewahren, ohne daß man von einem Zerflattern des Satzes und einem Fehler sprechen darf. ,Das deutsche Volk, geführt von zwei Fürstenhäusern, beide Grenzwächter des Reichs ..' Soll man, darf man hier allgemein der Regel zuliebe schreiben: ,beiden Grenzwächter' , oder gar ,beiden Grenzwächtern des Reichs' ? ,Der Zug wandte sich durch die Katharinenpforte, ein ehemaliges Tor und seit Erweiterung der Stadt ein offener Durchgang' (Goethe). Muß hier durchaus stehen: ,einen offenen' ..? Schwerlich.

,Dann zeigte er uns eine kalte Dusche, ein Hochgenuß in dieser heißen Gegend.' Das letzte Beispiel gibt uns am besten Aufschluß über die Natur solcher Beisätze und ihrer Fügung: Sie sind unechte Beisätze, stehen nicht unter demselben Sinngesetz wie das bestimmende Wort, entziehen sich der engen Zusammenfügung durch den gleichen Beugefall. Gezeigt wird nur die kalte Dusche, nicht der Hochgenuß; dieser ist ein selbständiger Zusatz, ein verkürzter Nebensatz aus der Seele des Erzählers, gewissermaßen eine ,beiseite' gesprochene Bemerkung, die ebensowohl oder besser in einer Klammer als zwischen zwei Beistrichen stehen dürfte. Ähnliches gilt von Sätzen wie: ,Berlin mit seinen Mietskasernen, viele mit fünf Stockwerken, tauchte auf' (Abkürzung aus: worunter viele .. waren). — ,Heute werde ich in kurzen Hosen, Schuhen und Strümpfen, eine Tracht ..' (Bismarck in einem Brief). Man hat sich eine Seitenbemerkung zu denken wie: ,Na das ist eine Tracht.' Je weiter der Beisatz vom Bestimmungswort entfernt steht, desto eher kann der 1. Fall statt des regelrecht richtigen stehen. Immerhin ist zu erwägen: gezwungen ist niemand, solche Fügungen zu wählen, deren manche einem scharfen Ohr und Auge als Nachlässigkeiten, ja als grobe Verstöße gegen ein Hauptgesetz aller Beugungssprachen: Gleichheit der äußern Form bei Gleichheit der innern, gelten. Das besser belehrte und geschulte Sprachgefühl eines zukünftigen Geschlechts wird wahrscheinlich geringere Nachsicht mit vielen schlotternden Beisätzen selbst aus berühmten Federn haben, als wir notgedrungen üben müssen, wenn wir nicht überall Fehler anstreichen wollen. Jeder der obigen Sätze mit falscher oder allzu loser Beisatzfügung läßt sich leicht in $Seite 259$ die richtige Fassung einrenken, die dem richtigen Sinn auch äußerlich entspricht.


Zweifelsfall

Apposition und ihre Bildung

Beispiel
Bezugsinstanz Gebildete, Griechisch, Latein, Schreiber guten Stils, Bismarck - Otto von, Literatursprache
Bewertung

richtig, grober Fehler, schwerlich, unechte Beisätze, viele schlotternde Beisätze

Intertextueller Bezug