Bedingen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 445 - 447
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Umgangssprache, Zeitungssprache
Text

Noch schlimmer ist der Mißbrauch, der mit bedingen getrieben wird, so schlimm, daß Wustmann mit Recht sagte: ,,Wo der Deutsche eine dunkle Ahnung davon hat, daß zwei Dinge in irgend einem ursäch- $Seite 446$ lichen Zusammenhange stehn, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen Zusammenhang klar zu machen, so sagt er: das eine Ding bedingt das andere." Man kann es sich nämlich wohl gefallen lassen, daß bedingen, dem Zusammenhange mit ausbedingen, bedungener Lohn, Bedingung noch entsprechend, in der Bedeutung von erheischen, fordern, voraussetzen gebraucht werde: eine gute Übersetzung bedingt Verständnis des Urtextes und Herrschaft über die Sprache, in die man übersetzt. Immerhin ist auch da das Verhältnis des Bedingenden — das ist das Verständnis des Urtextes usw. — und des Bedingten — das ist die von jenem abhängige gute Übersetzung — wenigstens der Form nach schon verschoben; denn es heißt ja: die gute Übersetzung bedingt, d. h. ist bedingend! Aber vollends nicht zu rechtfertigen ist es, daß dieser Ausdruck, der den Eintritt eines Falls immer nur als möglich von dem auch nur erst möglichen Eintritt eines andern abhängig macht, auch das Verhältnis der tatsächlichen Folge zur bestimmt gegebenen Ursache und umgekehrt bezeichnen soll, und daß nun statt der mannigfachsten Bezeichnungen der verschiedensten Verhältnisse wie veranlassen, verursachen, hervorrufen, zur Folge haben, herkommen, abhängen u. v. a. als allein zulässig die schlottrige Kommißform bedingen und bedingt sein angelegt wird. Da bedingt (statt: führt herbei) trockne Witterung eine Zunahme der Halskrankheiten oder die Zunahme der Halskrankheiten ist von trockner Witterung bedingt (statt verursacht). Der Verlagsort eines Werkes bedingt den größeren oder geringeren Absatz desselben (statt hat zur Folge, ist der Grund davon). Selbst ein Zittauer Schuster, der sich vom Fuße jedes Kunden einen Abguß machte, zeigte schon an, daß dieses Verfahren unbedingt zugleich die größte Bequemlichkeit und den knappsten Sitz bedinge (statt sichere, gewährleiste, verleihe). Auch Schüler schreiben schon, daß Rüdigers Dienstverhältnis zu Etzel, sein Gelöbnis an Kriemhild und seine Gastfreundschaft und junge Verwandtschaft mit den Burgunden den schweren Kampf der Pflichten bedingen mußten. Das Schlimmste ist es aber, wenn bei der passivischen Wendung bedingt sein das Erfordernde, Voraussetzende, Bedingende durch ein unerklärliches Kunststück zum Geforderten, Vorausgesetzten, Bedingten gemacht, also Folge und Ursache völlig umgekehrt werden, wenigstens formell. Heißt doch der sachlich und allenfalls auch sprachlich richtige Satz: Die größte, die innere Zufriedenheit bedingt (= fordert, setzt voraus) Pflichterfüllung und Selbstbescheidung, anders als alle andern Sätze im Passiv: Die innere Zufriedenheit wird durch Pflichterfüllung und Selbstbescheidung bedingt! Schließlich bildet freilich dieser Widerspruch nur die letzte Folge der oben bemerkten ersten Verrückung, und die passivische Fügung bedingt sein hängt mit der ursprünglichen Bedeutung des Zeitworts, wie sie auch in den Ausdrücken bedingender und bedingter Satz fortlebt, enger zusammen als die beliebte aktivische! Jedenfalls gibt es hier Wirrwarr durch und durch, und wer klar sein und reden will, meide alle diese bedingenden und bedingten Wendungen und nenne jedes Verhältnis beim rechten Namen. Sonst wird am Ende das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung selbst bei andern Ausdrücken ganz allgemein auf den Kopf gestellt, und es drücken sich auch andere Leute aus wie jener Photograph, der Versicherte, daß sein Verfahren auf das Wetter keinen Einfluß habe, oder der Zeitungsmann, der die Ursache eines Selbstmordes also er- $Seite 447$ klärte: Gänzliche Erwerbs- und Mittellosigkeit sind die Folgen jenes Schrittes.


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Umgangssprache, Zeitungssprache
Bewertung

Missbrauch, nicht zu rechtfertigen, Wirrwarr

Intertextueller Bezug