Befehlsformen: Komme oder komm! Gib! nicht gebe!

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 92 - 93
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Unsicherheit
Text

Endlich noch ein Unterschied zwischen dem starken und schwachen Verbum, der einst durchging, heute freilich nur noch zum Teil besteht, zeigt sich in der Einzahl der Befehlsform. Einst nur von den schwachen Verben auf e endigend (rette, labe, erhöre), sowie von den wenigen starken, deren Gegenwart der der schwachen gleichgebildet war, d. h. von bitten, liegen, sitzen, schaffen, heben und schwören //1 Bei diesen letzten drei erklärt sich eben daraus auch, daß sich ihr Stammvokal im Präsens nicht ändert. Von heben wird, nebenbei bemerkt, neben hob jetzt hub wieder häufiger, besonders bei anheben = anfangen.// , wird er heute fast schon von allen starken Zeitwörtern so gut mit als ohne e gebildet, also: komme und richtiger komm (nicht komm'), falle nicht und fall nicht! //2 Es widerstreitet zu sehr dem Gebrauche, wenn man von allen starken Verben nur die Form ohne e gelten lassen will. Berechtigter ist es, wenn Wolzogen, a. a. O. (S. 322) die Form mit e besonders für solche Fälle empfiehlt, wo dadurch Deutlichkeit oder Rhythmus gewinnt; dieser war ja ehemals ebenso bestimmend, schon vom Mittelhochdeutschen her, für die Wahl der jetzt ganz ausgestorbenen Form mit e in der l. und 3. Sing. des Imperfektums starker Verben, die noch Goethe oft hat: ich, er sahe statt sah.// Nur diejenigen Verben, die neben dem e (ä oder ö) des Stammes in der 2. und 3. Pers. der Einzahl in der Gegenwart i oder ie haben (§ 110), bilden ihn mit der einzigen Ausnahme von werden (werde!) noch durchaus ohne e: gib! hilf!

Nach alledem wird man wissen, was für eine Stellung man zu Formen einzunehmen hat wie vermesse! lese! bei Goethe, empfehle! bei $Seite 93$ Bismarck und zuvor esse! bei Bonfels. Falsch steht auch in der Deutschen Z. er gebärt, in der Nat.-Z.: er fechtet, und bei einem neuern Herausgeber Kants, der dessen richtige Form schlimmbessert: er verflechtet. Platen hat regelmäßig er hangt statt hängt; ganz besonders sind in dieser Unterlassung des Umlautes die österreichischen und süddeutschen Blätter eifrig, daher auch die Münchner Bilderbogen: er ratet, lauft, tragt, fangt ist dort sehr geläufig. Nichts mehr zu ändern ist an der Form Siehe! als Befehlsform; aber eine arge Verwirrung ist es, wenn nun auch Da seh! also die Konjunktiv- als Befehlsform gesetzt wird, z. B. in der Deutschen Z., und umgekehrt die Befehlsform als Konjunktiv: Sieh mal einer die Christine an! (Jos. Ponten 1918).

Lasset, laßt uns gehen. Diese schwerfällige Umschreibung der Aufforderung an uns selbst statt des einfachen Gehen wir! die auf den in sprachlichen Dingen sonst so feinfühligen Luther zurückgeht, erscheint gar verbalhornt bei R. Herzog: Lassen wir uns freuen, daß wir mit'm blauen Auge durch et Leben gekommen sind.


Zweifelsfall

Verb: Imperativbildung

Beispiel

Komme, komm, gib, gebe, rette, labe, erhöre, bitten, schaffen, liegen, sitzen, heben, schwören, falle, fall, werden, werde, hilf, vermesse, lese, empfehle, hob, hub, anheben, anfangen, sahe, sah, esse, gebärt, hangt, hängt, verflechtet, fechtet, ratet, lauft, tragt, fangt, siehe, seh, sieh an, lasset, laßt, gehen, lassen, freuen, gekommen

Bezugsinstanz Bismarck - Otto von, Zeitungssprache, Bonsels - Waldemar, alt, Goethe - Johann Wolfgang, Sprache des Buchhandels, Herzog - Rudolf, gegenwärtig, Kant - Immanuel, Luther - Martin, mittelhochdeutsch, München, Österreich, Platen-Hallermünde - August von, Ponten - Josef, süddeutsch, Wolzogen - Ernst von
Bewertung

ausgestorben, eifrig, falsch, Frequenz/häufiger, Frequenz/sehr geläufig, regelmäßig, richtig (Kant), richtiger, schlimmbessert, schwerfällig, statt, Unterlassung des Umlauts, verbalhornt, Verwirrung, widerstreitet dem Gebrauche

Intertextueller Bezug