Berechtigter Wechsel zwischen der und welcher

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 287 - 289
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Konkurrierende Relativpronomina

Genannte Bezugsinstanzen: Förster - Emma, Schriftsprache, Keller - Gottfried, Goethe - Johann Wolfgang, Zeitungssprache, Schiller - Friedrich
Text

Die meisten wähnen in Beziehung auf das nämliche Hauptwort einer äußerlichen Abwechslung halben aus welcher in der und aus der in welcher übergehen zu müssen. So sind denn in Büchern und noch mehr in Zeitungen wie Sand am Meer Sätze mit solch unnötigem Wechsel wie im folgenden Beispiel oder dem umgekehrten: Die Stellung ist ähnlich der des Beherrschers aller Reußen, welcher auf der einen Seite die altrussische Partei zu beeinflussen sucht und der (statt: welcher) auf der andern Seite gegen das Eindringen der Zivilisation des Westens doch keine uneinnehmbare Barrikade bauen kann. Freilich auch G. Keller ist gern aus der kürzeren in die längere Form übergegangen: ein Mensch, mit dem es keiner gut meine und welchem niemand glauben wolle; über einen Gegenstand, der mich nahe angeht und welchen ich euch gleich vorlegen werde. Tatsächlich ist die richtige Wahl zwischen den beiden Relativen zu treffen gerade leicht genug! Beziehen sich nämlich mehrere Relative auf ein und dasselbe Haupt- oder Fürwort, so gebührt ihnen allen dasselbe Fürwort, also entweder allen welcher oder allen der. So heißt es musterhaft bei Goethe: weil mein Sohn, für den ich alles eigentlich getan und eingerichtet, dem ich es zu übergeben, mit dem ich noch es zu genießen hoffte, an allem keinen Teil nimmt; $Seite 288$ und mit dreimaligem welcher bei Schiller: (So) ist es die Dichtkunst beinahe allein, welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, welche Kopf und Herz, Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft in harmonischem Bunde beschäftigt, welche gleichsam den ganzen Menschen in uns wieder herstellt.

Ebenso zweifelsohne gebühren aneinandergereihten Relativsätzen verschiedener Stufen, also solchen, von denen der spätere vom frühern abhängt, auch verschiedene Formen des Einleitungswortes. Ganz richtig wechselt also „Frau Rat" in einem Briefe feinfühlig: Wollen Sie von einer Frau einen Rat annehmen, die zwar von der ganzen Medizin nicht das Mindeste versteht, die aber doch Gelegenheit gehabt hat, mit vielen Menschen in genauer Verbindung zu stehn, welche von diesem Übel geplagt wurden ... Auch in den Briefen der Tochter P. Richters (E. Förster) sieht man dieses und ebenso das erste Gesetz fast ausnahmslos beachtet; so wenn sie schreibt: Die Quelle wird zum Strome geschnellt von all den Bergwässern, die die Natur einer jeden zuschickt, welche sie aus der Tiefe an die Oberfläche heraufschickt. Nur Abarten dieses zweiten Falles sind es, wenn an einen Relativsatz zweiter Stufe sich gar ein dritter der dritten und an diesen noch einer der vierten schließt; besser dürfte man das vielleicht sogar Afterarten nennen, da solche Sätze selten wohlklingen werden. Immerhin ist es auch da besser, dem Relativsatze der zweiten Stufe ein andres Fürwort zu geben als dem der ersten und diesen Wechsel unter Umständen auch zwischen denen der dritten und vierten Stufe wiederkehren zu lassen, wenn nicht bei nur drei Gliedern einmal wie er, ...sie, ...es aushelfen kann. Schiller wechselt z. B. so in einem Gefüge, dessen Relativsätze nicht einmal alle einer vom andern abhängen: Eine geistreiche ... Nation hat die Inquisition mitten auf dem Wege zur Vollendung gehalten, aus einem Himmelsstriche, worin es heimisch war, das Genie verband, und eine Stille, wie sie auf Gräbern ruht, in dem Geist eines Volkes hinterlassen, das vor vielen andern, die diesen Weltteil bewohnen, zur Freude berufen war. Das Beispiel weist in den zwei letzten Sätzen zugleich auf ein Nebenmittel hin, vielfache Beziehungsverhältnisse deutlich zu unterscheiden: wenn nämlich zwei der Beziehungswörter verschiedenen Geschlechts oder verschiedener Zahl sind, dann können sich schon infolgedessen die Formen des kurzen Relativums der, die, das; den, das deutlich genug unterscheiden, ohne daß es eines weiteren Wechsels bedürfte. Schiller, der sonst bei nur zwei Relativsätzen ziemlich gewissenhaft wechselt, schreibt dann ruhig: mit totem, unfruchtbarem Golde, das nie in die Hand zurückkehrt, die es weggab, und in der Nat.-Ztg. war auf diese Weise geschickt eine dreifache Beziehung verdeutlicht: eine Begegnung, die Ranke 1870 mit Thiers gehabt hat, der damals auf jener Rundreise an den europäischen Höfen begriffen war, auf welcher er mildere Bedingungen für seine Landsleute zu erreichen suchte.

Der dritte Fall ist der, daß sich an verschiedene Wörter des nämlichen Satzes Relativsätze anschließen. Hier wegen der Beziehung auf verschiedene Wörter zwischen den beiden Relativen zu wechseln, was nicht verboten werden soll und oft vorkommt, ist doch durchaus nicht nötig; rückt doch in solchen Fällen der Relativsatz ohnedies näher an sein Beziehungswort, so daß schon dadurch Mißverständnissen vorgebeugt wird. Vielmehr dient $Seite 289$ es zur Erhöhung des Ebenmaßes, wenn solche zu verschiedenen Wörtern zu beziehende, aber doch der gleichen Stufe angehörige Sätze in derselben Form auftreten, wie auch gewöhnlich bei Goethe: Der Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, mit der er schön tut, ein Aktricechen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwartet.


Zweifelsfall

Konkurrierende Relativpronomina

Beispiel
Bezugsinstanz Förster - Emma, Schriftsprache, Keller - Gottfried, Goethe - Johann Wolfgang, Zeitungssprache, Schiller - Friedrich
Bewertung

Abarten, Afterarten, Berechtigter, besser, dient es zur Erhöhung des Ebenmaßes, Frequenz/oft vorkommt, Frequenz/wie Sand am Meer, Ganz richtig, ist doch durchaus nicht nötig, musterhaft, solche Sätze selten wohlklingen werden, unnötigem, was nicht verboten werden soll

Intertextueller Bezug