Das zählt nicht, datiert, sieht häßlich

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 221 - 221
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Unsicherheit
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Aus der Freiheit und Beweglichkeit unsrer noch lebensfrisch wachsenden und webenden Sprache beruht es auch, daß sich viele Zeitwörter mit scheinbar widersprechenden Subjekten verbinden lassen, nämlich auch mit Begriffen, die sie ein andermal als Objekt bei sich haben, und daß sie dabei, wie auch sonst, jetzt noch häufiger als früher aus transitiven zu intransitiven werden: Mein Bäuchlein patscht nun wieder so prall (H. Voß). Ich rieche und die Blume riecht. Er erbt den Hof und Diebische Art erbt ins Geschlecht. Ich sehe oder schaue aus nach jemand und Straße, wie wunderlich schaust du mir aus. Der Kaufmann mißt den Stoff, und Der Rest mißt noch so und soviel. Dieser Beweglichkeit verdanken wir Verse, wie: Da gießt unendlicher Regen herab. Das Hurrah jauchzt (Arndt), und mit der doppelten Verwendung hart nebeneinander: Hoch rollten die Wogen entlang ihr Gleis und rollten gewaltige Felsen Eis (Bürger) u.v.a. Warum sollten wir da diese Freiheit der gewöhnlichen und der Schriftsprache ganz absprechen? Mag man also ruhig mit Goethe schreiben: Wie lange spielt das Stück? und mit Jensen: Die Römerstraßen verfielen und überwucherten unbenutzt, oder mit G. Keller: Die Uhr viertelt, mit ihm u. Goethe zugleich: Die einsame Beschäftigung verleidete mir, und mit v. Hörmann: Die Ecken der Wälle ... giebeln nach der Lawinenseite. Das Lied singt schon durch seine Träume (DAZ. 27). Auch gegen Fügungen wie die folgenden ist nichts einzuwenden: Die Legung (besser: der Bau) jenes Kanals durch die Sümpfe und Waldungen zählt zu den Wundertaten dieses Krieges (Eltze), wie schon Goethe von einem Menschen redet, der nicht mitzählte. Aus Börsenberichten ist das noch etwas widerstrebende intransitive rechnen (Dazu rechnet auch die europäische Zollpolitik) schon in Wildenbruchs Bühnensprache gedrungen (Wenn er einen mit Pestbeulen heimbringt, rechnet es ihm gleich einem Bären; ein Aussätziger gilt einem Sechzehnender gleich), und die sinnlich persönliche Auffassung gefällt uns gerade an solchen: Die deutschen Papiere setzten erst höher ein, sanken aber; andere Aktien notierten wieder so und so; dazu das allgemeiner verbreitete datieren (die Krankheit datiert von jenem Sturz), wenn dieses als Fremdwort auch meist besser durch sich herschreiben, entstammen, herrühren ersetzt würde. So rechtfertigt sich auch sehen = anzusehen sein, wie z. B. beim Übersetzer der Frithiofsage (v. Leinburg) steht: Freias Locken sehn wie Kornfeldgold im Windeswehn, und wie es in der Wendung Das sieht dir ähnlich längst eingebürgert ist. In dem Ausdrucke: Brahms’ neue Symphonie reiht in die klassischen, ist das falsche Bild reihen in statt anreihen an das anstößigere.

Aus dem jüngsten Schrifttum seien verzeichnet: Masten und Rahen takeln (bewegen sich ausgetakelt) in die diesige Nacht (H. Leip); Elend bloß aus Elend gießt, und: die Heimatlosen, die auf den Sänden anspülen J. Haringer); Auf dem Rasen schattete die mächtige Blutbuche (Ad. Gerhard), und: Eine schlanke Katze schattete aufgescheucht an uns vorbei (Jug. 25); Ein leichter Westwind frischte auf (E. v. Keyserling), und: Sie geringschätzten von hohen Stöckeln auf den Geraden nieder (J. Ponten). Langbehn schrieb: Mommsen wie Voltaire fehlt die Seele; dieser Mangel reflektiert selbstverständlich auf den Menschen; und schon längst sind, wenn auch unter französischem Einfluß, üblich geworden: Kein Zug des Gesichtes änderte. Jetzt wendete er zum Rubenssaale. Das Wetter bessert.


Zweifelsfall

Verb: Valenz

Beispiel
Bezugsinstanz Gerhard - Adele, Arndt - Ernst Moritz, Fachsprache (Finanzwesen), Bürger - Gottfried August, Zeitungssprache, Keyserling - Eduard von, Eltze - A. (?), alt, Keller - Gottfried, Umgangssprache, Goethe - Johann Wolfgang, Leip - Hans, Voß - Johann Heinrich, Haringer - Jakob, Ponten - Josef, Jensen - Wilhelm, gegenwärtig, Literatursprache, Zeitungssprache, neu, Langbehn - Julius, Sprachverlauf, Schriftsprache, Leinburg - Gottfried von, Hörmann von Hörbach - Ludwig, Literatursprache, Redewendung/Sprichwort, Wildenbruch - Ernst von
Bewertung

anstößigere, Auf der Freiheit und Beweglichkeit unsrer noch lebensfrisch wachsenden und webenden Sprache beruht es, besser, besser ersetzt, falsche Bild, Frequenz/allgemeiner verbreitete, Frequenz/noch häufiger, Frequenz/üblich, gefällt uns, längst eingebürgert, Mag man also ruhig schreiben, nichts einzuwenden, noch widerstrebende, rechtfertigt sich

Intertextueller Bezug