Dativ-e

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 58 - 60
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Fremdwörter: Kasusformen

Genannte Bezugsinstanzen:
Behandelter Zweifelfall:

Substantiv: Dativbildung

Genannte Bezugsinstanzen: Neuhochdeutsch, Heigel - Karl August von
Text

Noch weniger als das -e in der Endung -es wird das -e des Dativs durchgängig bewahrt, wie wohl in übertriebenem Streben nach Erhaltung des Kasuszeichens für alle die Fälle altertümelnd verlangt worden ist //1 Den allein richtigen Weg zur Behandlung solcher Fragen weist O. Behaghel $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ in dem 17/18. wissenschaftlichen Beiheft zur Zeitschrift des allgemeinen Deutschen Sprachvereins, 1900, S. 251—277.//, in denen es nach den Mustern auf S. 43 f. noch möglich $Seite59$ wäre. Wirken doch hier viel zu viel Kräfte, als daß eine so einfache Regelung anginge: Länge des Wortes, Art des Auslautes, Herkunft, Art der Verwendung, Verhältnis von Auslaut und folgendem Anlaut, endlich der Tonfall des ganzen Satzes.

Zunächst bei einsilbigen Wörtern, zumal wenn sie auf tönende oder flüssige Laute auslauten wie b, d, nd, g, r, und s, überwiegt noch die Form auf -e: im Grabe, im Pfunde, am Wege, am Pfahle, im Preise, im Meere. Schärfender Doppelmitlaut und schließender Selbstlaut, gleichviel ob mit oder ohne h, begünstigt aber selbst bei Einsilbern den Abfall des e: im Nu, unter dem Stroh, im Heu, mit einem Ruck, in einem Pfiff. Die Art der Verwendung im Satze anderseits spielt bei den Einsilbern eine Rolle, wenn sie ohne jegliches Bei- und Formwort von Verhältniswörtern abhängen, die den 3. Fall regieren. Die Zeit-, Orts- und die den letztern verwandten Zielangaben belieben dann die Form mit e: bei Tage, heutzutage, zujahre, vor Tische; bei Tische, bei-, zu Hofe, nach -, von -, zu Hause, zu Biere -, zu Weine gehen, zu Rande, zu Markte, zu Pferde, zu Kreuze, zu Kopfe, zu Werke, zuleide. Dagegen steht wie in einer Art Teilungsverhältnis, das im Neuhochdeutschen immer häufiger in der ungebeugten Form gegeben wird (mit einem Stückfaß Wein; vgl. § 188), die Form ohne e namentlich bei allen Angaben eines Stoffes oder einer Masse, wovon ein unbestimmter Teil oder das Ganze vorschwebt: in Wein reisen, in Öl malen, nach Wein schicken, die Kunst geht nach Brot; aus Stein, aus Erz, in Gold bezahlen. Von Verbindungen wie: Vorrat an (in) Wein, Ankauf von Land, eine Art von Haus, voll Staub, übertrug sich dann das Teilungsverhältnis in Wendungen wie: Mangel an Mut, ein Rest von Mut, ein Mann von Geist, ein Herz voll Zorn, voll Trotz auf das geistige Gebiet. Diesem gehören auch die Angaben des Grundes, auch der Weise an, in denen ebenfalls der unbestimmte Grad einer Eigenschaft oder Empfindung in dieser ungekennzeichneten Form steht: aus Gram, aus Haß, vor Neid, vor -, von Frost; mit Recht, mit Fleiß (ursprünglich = mit Absicht), mit Mut. Nie erhält ferner von Einsilber-Paaren, die entweder nur herkömmlich oder durch gleichen Anlaut oder durch Endreim verbunden sind, der erste und auch selten nur der zweite das Dativ-s; denn dessen Dazwischentreten würde das als Einheit empfundene Paar zerreißen, sein Antreten auch am Ende den festgeprägten Begriff nicht unmerklich verändern. Man sagt denn nur: in Wald und Feld, in Wald und Moor, Sogar in unsers Königs Fried und freiem Geleite, allenfalls auch mit Arndt zu Schutz und Trutze, und bei Wiederholung desselben Wortes: von Mund zu Mund(e).

Bei den mehrsilbigen Wörtern kreuzen sich lieber verschiedene Einflüsse. Zwar herrscht bei Ableitungen, zumal mit den Endungen -ig, -ischt und -ling und den Vorsilben be-, ge- und ver- und bei Zusammensetzungen entschieden die Form ohne e vor. Neben im Hause, mit einem Sterne, im Spiele, auf einem Beine steht: auf dem Rathaus, mit einem Pflasterstein, mit einem Beispiel, mit einem Tischbein. Man sagt einem etwas zum Lobe nach, aber kauft vielleicht in München im Frauenlob, $Seite60$ einem großen dortigen Geschäfte; eine Frau macht ihrem Manne eine Freude, aber man macht dem Polizeimann W. eine Meldung. Aber so gut neben: zu Pferde (erscheinen) überwiegend steht: zu Fuß gehn, so kommen umgekehrt bei Ableitungen und Zusammensetzungen auch Formen mit e vor. Man sagt durchweg: zum Beleg, zum Behuf, mit dem Besteck; im Geschäft, mit dem Geschirr; in Verruf sein, im Versand, im Verlies, bei Verlust, aber anderseits wird unter dem Einfluß des s- und l-Auslautes auch gesagt zum Beweise anführen und neben dem formelhaften zu Befehl! auch: er kam mit einem Befehle des Herzogs. In anderen Fällen veranlagt wieder die e-Form des einsilbigen Grundwortes diese auch bei der Zusammensetzung festzuhalten, so wenn man lieber sagt: dem Vaterlande, im Verlaufe von drei Monaten, auf dem 2. Philologentage.

Gleichviel ferner ob ein- oder mehrsilbige Wörter, das e wird meist bewahrt, wenn das folgende Wort mit demselben Laut beginnt, mit dem das vorhergehende beim Wegfall des e schließen würde, vor allem wenn dann d und t oder t und t zusammenträfen, wie überhaupt unmittelbar hintereinander schwer auszusprechende Mitlaute dieses erleichternde e lieben. Das führt auf ein letztes, was für und gegen das e entscheidet, das zu belauschen und durchzuhören freilich oft das Gefühl, oft die Zeit, oft beides fehlt: d. i. der Tonfall des Satzes. Diesen gefällig zu machen, wird vor allem beim Zusammentreffen längerer und einfacher Wörter das e an jenen geopfert, da es deren leichte Silben noch vermehren würde während wieder der Zusammenstoß vieler schwerer, zumal ausnahmslos betonter einsilbiger Wörter durch Einfügung des e gemildert wird. Diese Rücksicht führt selbst dazu, daß beide Dativformen eines Wortes in demselben Satze vorkommen. In einem Weinhaus geht es nicht so vornehm wie im Hause Oberkirch, aber allzeit lustig zu. Man spricht bei gutem Wein von Zigarren und bei einer guten Zigarre vom Weine nie genug //1 Diese Sätze sind aus K. v. Heigels Romane: Der Weg zum Himmel. Überhaupt sind aus dessen ersten hundert Seiten die obigen Aufstellungen über das Dativ-e, soweit sie nicht allgemein bekannt sind, in der Weise gewonnen, daß alle Dativformen beobachtet worden sind; als der mittleren Schreibart angehörig, schien die Erzählung dazu durchaus geeignet.//.

Einfacher als für die einheimischen kann die Siegel für die Fremdwörter lauten. Sie haben, ein- wie mehrsilbige, das Dativ-e fast nie: mit dem Plaid, mit einem Air von Leutseligkeit; am Altar, dem Offizier, einem Problem(e).


Zweifelsfall

Fremdwörter: Kasusformen

Beispiel
Bezugsinstanz
Bewertung

einfacher, Frequenz/fast nie

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Substantiv: Dativbildung

Beispiel
Bezugsinstanz neuhochdeutsch, Heigel - Karl August von
Bewertung

altertümelnd, Frequenz/überwiegt, so gut, Frequenz/überwiegend, Frequenz/durchweg, Frequenz/meist

Intertextueller Bezug O. Behaghel: 17/18. wissenschaftliches Beiheft zur Zeitschrift des allgemeinen Deutschen Sprachvereins, 1900, S. 251-277