Der glücklichste Mensch, der je lebte, ich will ihn nicht nennen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 236 - 237
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Unsicherheit
Text

Der Nominativ vor Relativsätzen hängt mit der von Sprachmeistern freilich gern als Anakoluth (Verstümmelung!) hingestellten, durchaus — natürlichen Art zusammen, den Gegenstand, dessen der Gedanke voll ist, schnell und ohne ein Zeichen der Abhängigkeit voranzustellen, während man sein grammatisches Verhältnis erst nachdrücklich durch ein der Satzfügung eingeordnetes Fürwort ausdrückt; auch da ist es gleichglütig, ob sich an den Nominativ ein Nebensatz, zumeist ein relativer, anschließt oder ob die freie Fügung nur der Hervorhebung des wichtigsten Begriffes innerhalb ein und desselben oft ganz kurzen Satzes dient. In der letzten Weise angewendet, ausnahmslos infolge lebhaftester Erregung des Gefühls//1 Wenn dieser Grund fehlt, kann die Fügung gar nicht gebilligt werden, gar nicht also, wenn sie der geringsten Hervorhebung wegen angewendet wird, besonders in Fragen nach Art der Franzosen, die dem Verbum ein Subj., besonders ein durch einen Relativsatz erweitertes nicht nach- und ein Obj. nicht voranstellen können, ohne es vor diesem durch ein Fürwort zu wiederholen. Nicht immer gelingt es im Einzelfall, die dem Einsichtigen nie zweifelhafte französische Herkunft dieser Stellung so klar aufzuweisen, wie es für den Satz möglich ist: jene Kraft, wir werden sie hauptsächlich in der öffentlichen Meinung schöpfen, wo das in statt des deutschen aus die französische Quelle verrät. — Mit diesen Fällen sind aber nicht etwa die zusammenzuwerfen, wo der vorangestellte Satzteil, gleichviel welcher, unmittelbar hinter sich durch ein Für- oder Umstandswort noch einmal ausgenommen, sonst aber die regelmäßige Stellung: ein beliebiger Satzteil + Verb, nicht gestört wird. Man denke nur an Uhlands Einkehr: Bei einem Wirte wundermild, da war ich jüngst zu Gaste. Der Wirt, er deckte selbst mich zu. Diese Fügungsweise, neuerdings ansprechend Satzbrechung genannt, erscheint besonders bequemer und volkstümlicher Sprache angemessen.//, aber in den verschiedensten Stilarten, zeigen diesen Nominativ die folgenden klassischen Sätze: Der armselige Ehekrüppel, den soll ein frisches Mädchen heiraten! (Goethe). Die Tiroler, mit denen halt ichs. Mit nachfolgenden Sätzen steht er oft folgendermaßen: Diese innere Stärke des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer getäuscht wird, diese erlogene Warheit, die ganz allein Wirkung hervorbringt, wodurch ganz allein die Illusion erzeugt wird, wer hat davon einen Begriff? Nicht gleich gerechtfertigt durch Lebendigkeit des Gefühls ist die umgekehrte Erscheinung, daß ein Wort, welches der Satzfügung nach im Nominativ stehn sollte, in dem $Seite 237$ abhängigen Fall vorantritt, in welchem ein daran anschließendes Relativum steht: Den ersten, den ich zu Gesicht bekam, das warst du. So geläufig diese Fügung dem Munde des gemeinen Mannes noch sein mag und so natürlich sie erscheint bei der für ihn gerechtfertigten Annahme, daß zunächst nur das Verbum des Nebensatzes dem Bewußtsein gegenwärtig ist, so beruht sie doch auf einer Unklarheit der Beziehung, die, schon nach der Meinung J. Grimms (Kl. Schriften III, 323 ff.), mit der Schriftsprache und verstandesmäßigem Stile nicht vereinbar ist.


Zweifelsfall

Syntaktische Möglichkeiten der Hervorhebung

Beispiel
Bezugsinstanz Volk, Goethe - Johann Wolfgang, Literatursprache, Umgangssprache, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Uhland - Ludwig, Schreiber guten Stils
Bewertung

bequemer und volkstümlicher Sprache angemessen, beruht doch auf einer Unklarheit der Beziehung, Frequenz/geläufig, infolge lebhaftester Erregung des Gefühls, kann gar nicht gebilligt werden, natürlich, natürlichen, nicht gleich gerechtfertigt durch Lebendigkeit des Gefühls, nicht vereinbar, Verstümmelung

Intertextueller Bezug Spachmeistern, J. Grimm: Kl. Schriften III, 323 ff.