Die Hauptwörterkrankheit des heutigen Satzbaus

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 249 - 251
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Unsicherheit
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Man muß vom Genusse des Deutsch herkommen, wie es im vorigen klassischen Jahrhundert geschrieben wurde, oder gar von der Versenkung in frühere Prosa, vollends die Luthers, oder in so echt volkstümliche wie in Grimms Märchen; und noch umwogt von der Beweglichkeit und selbst erfrischt von der jugendlichen Leichtigkeit und Munterkeit jener Werke, muß man einmal der Prosa heutiger gelehrter und kritischer Abhandlungen und Aufsätze, der Berichte in Amtsblättern und Zeitschriften näher getreten sein. Dann wird man um so deutlicher die Eigenschaft herausgefühlt und empfunden haben, die alle diese Darstellungen, die gehaltvollsten nicht viel weniger als die tagtäglichsten, immer noch kennzeichnet: Schwerfälligkeit und Gespreiztheit; man könnte dafür auch sagen: ein Zuviel von Haupt-, ein Zuwenig von Zeitwörtern. Der Grund liegt darin, daß das Gefühl für den Hauptträger des einfachen Satzes, das Zeitwort, abgestumpft und damit das Verständnis für den natürlichen Bau des Satzes verloren gegangen ist. Das Zeitwort, das mit seinem Formenreichtum nicht nur die Tätigkeiten als die Äußerungen der lebenatmenden Bewegung, sondern auch die dadurch hervorgebrachten Zustände in ihren verschiedenen Zeiten und Entwicklungsstufen auszudrücken vermag, ist die lebenatmende und belebende Kraft der Sprache; die Substantive, wie ihr Name sagt, der Ausdruck für etwas Seiendes, sind das Gegenteil davon, das Starre, Feste, und daher wohl geeignet zu Trägern der Tätigkeit und benötigt, wo es sich darum handelt, das flüssige, wogende Leben auf sichere Begriffe zurückzuführen. Jene herrschen also in sinnlich lebendiger Darstellung vor; diese sind am Platze oder doch unvermeidlich, wo die künstlerische, freie Gestaltung vor der früher Geschaffenes zergliedernden Gelehrsamkeit zurückweicht. So hat sich die griechische Sprache, weil der griechische Geist sich so lebhaft der Philosophie zuwandte, einen reichen Bestand abstrakter Hauptwörter geschaffen; die lateinische, die von einem Volke gesprochen wurde, das länger dem praktischen Leben, der Tat und der Ausübung zugewandt blieb, hat sie dagegen so lange gemieden, daß selbst die Nachblüte der Literatur im ersten Jahrhundert der Kaiserzeit längst verwelkt ist, als die Flut solcher Substantive erst hereinbricht. Auf welcher Stufe wir danach stehen müssen, ist klar, aber erschreckend. Haben wir uns doch bald ein Jahrhundert an nichts genährt als an Gedanken und Theorien, und dem zuletzt lebenden Geschlechte vollends waren jahrzehntelang nur Begriffe statt Leben gereicht worden. Noch immer äußert sich dies in unserm heutigen Stile in einer Leben und Beweglichkeit gefährdenden Überwucherung der Hauptwörter, derjenigen natürlich, die z. B. oben § 35 als die jüngsten und häßlichsten bezeichnet worden sind und die zu meiden oft nicht wegen ihrer an sich falschen Bildung, sondern aus den hier angedeuteten Gesichtspunkten geboten ist.

Dazu trifft der Gang der Geistesentwicklung von der sinnlichen Anschauung des Stoffes zur abstrahierenden Erhebung über ihn noch zusammen mit der Entwicklung der Sprache, die ja nur ein Teil jener ist. Was man von der Abkehr unserer Jahrzehnte von der Theorie und dem Spiele mit Begriffen, was man von dem frischen Pulsschlage wirklichen Lebens in den Werken gottbegnadeter Dichter, die Gott sei Dank! auch mir noch $Seite 250$ haben, für die Rückkehr der Sprache zu größerer Natürlichkeit und Lebendigkeit hoffen konnte, wurde somit leider durch viele nicht so schnell wirkungslos werdende Kräfte wettgemacht. Die Gelehrten stehen noch zumeist unter dem Einflusse der Schule, in der es eine Hauptübung war, deutsche nominale in lateinische verbale Fügungen, lateinische verbale in deutsche nominale zu verwandeln, selbst wenn das im Deutschen schwerfällig wurde. Jedenfalls wurde das deutsche Sprachgefühl dadurch nicht gekräftigt, ja öfter verletzt, weil kaum mit einem Worte darauf hingewiesen wurde, daß dieser Zug des Deutschen nicht zu fördern, wohl aber einzudämmen sei. Die Juristen, deren Entscheide ein gut Teil der Zeitungen füllen, suchen und müssen suchen nach Begriffsbestimmungen, und vor Substantivierungen „eines Vergehens als eines Nichtbeachtens der Vorschriften über das rechtzeitige Erstellen eines Ersatzmannes" u. a. ähnlich ungeheuerlichen erkennen sie nie die eigene Schuld, die sie gegen ihre Muttersprache auf sich laden.

Den größten Einfluß üben freilich in unserer Zeit, die unter dem Zeichen körperschaftlicher Tagungen, großer und kleiner, steht und die die Presse von ihrer Stellung als siebente Großmacht noch weiter hat nach oben rücken lassen, die Berichterstatter aller dieser Versammlungen mit ihren Verhandlungsschriften und die der Zeitungen wie deren Leiter aus. Wer Verhandlungsschriften daraufhin durchliest, wird über die Zeugung der in ihnen wimmelnden Satzungeheuer leicht den richtigen Aufschluß finden. An die Spitze ist gewöhnlich eine endlose Substantivkonstruktion gestellt, die entweder genau dem Wortlaut auf der Tagesordnung entspricht oder die zu einem wahren Rattenkönige von Hauptwörtern zusammengereihten Kernpunkte einer Erörterung enthält; und mit dem echten Kunststücke eines Kanzlisten, die das ja so schön vorgemacht haben, ehe sie von den kaufmännischen und anderen nicht vom Aktenstaube bedeckten Berichterstattern abgelöst wurden, wird dann mit einer oft gar wunderlichen Satzverrenkung das Ergebnis der Erörterung in einer kurzen Verbalform angefügt, die dem vorangehenden starken substantivischen Ballaste nicht gewachsen sein kann. Ein Beispiel erläutert die ganze Mache am besten: Der vom Stadtrate beschlossenen Überweisung des Bestandwertes der Hölzer auf der von Frau Rehnisch in Bertsdorf erkauften Forstparzelle in Höhe von 4000 Mark an das Substanzvermögen — das sind 26 Wörter — wird beigetreten.

Ähnlich verfährt gar oft der Zeitungsmann, nur aus einem anderen Grunde. Er will es seinen lesemüden oder die Zeitung nur überfliegenden Lesern bequem machen und ihnen ersparen, eine ganze Ausführung oder ihnen ferner Liegendes zu lesen, indem er Stichworte an die Spitze stellt, die sogleich verraten, wovon die nächste Erörterung handle, möglichst auch, welches ihr Ergebnis sei. Das ist bei der Unmenge von Schriften und Schriftstücken, die es in unserer Zeit regnet, an sich gewiß löblich; nur ließe sich der Zweck auch in einer die Sprache nicht schädigenden Weise erreichen, wenn eine wirkliche Überschrift, fett oder gesperrt gedruckt und mit einem Punkte dahinter, am Kopf stünde//1 Ein Beispiel ist § 265, Nr. 3 gegeben.//. So aber werden die Anfangsworte, die oft von einer Präposition oder immer aus der Not helfenden Wörtern $Seite 251$ wie anlangend, betreffend abhängen, mit dem Folgenden stets zu einem großen Satzungeheuer zusammengekoppelt. Man sehe nur eins: Das Gebundensein der zwecks (!) Studiums der russischen Sprache nach Rußland geschickten deutschen Offiziere an eine bestimmte Stadt betreffend, erfährt die Kreuzzeitung, daß das nicht Astrachan, sondern Charkow sei.

Doch wir sind weit entfernt, den genannten Kräften und Ständen die Schuld an diesem Reden in lauter Hauptwörtern allein beizumessen; sie sind nur die Stellen, von denen aus dieser unschöne Zug unserer Sprache immer wieder genährt und gekräftigt wird. Zu einem kleinen Teile auf der Entwicklung der Sprache überhaupt beruhend, wird er zum größeren durch die unsere Bildung leitenden Mächte verschuldet, nicht zuletzt die Schule mit ihrer immer noch vorherrschenden Ablenkung der heranwachsenden Geschlechter, die doch am liebsten handelten und unmittelbar anschauten, zum begriffsmäßigen Denken und Reden über die Dinge. Damit aber an allen diesen Stellen erkannt werde, wo und daß Abhilfe möglich ist, wenn anders man sich nur einmal ernstlich vornimmt, wo es angeht, in Zeitwörtern zu reden, sollen zunächst unter diesem Gesichtspunkte einige Satzteile beleuchtet werden, zuerst: das Subjekt und das Prädikat.


Zweifelsfall

Nominalstil oder Verbalstil

Beispiel
Bezugsinstanz Wissenschaftssprache, Behördensprache, Zeitungssprache, alt, Gelehrte, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, gegenwärtig, neu, Fachsprache (Rechtswissenschaft), Geschäftssprache, Sprache der Vereine, Luther - Martin, Schriftsprache, Schulsprache, Volk, 18. Jahrhundert
Bewertung

am Platze, Ballaste, bequem, Beweglichkeit, einzudämmen, falschen, Frequenz/herrschen, Genusse, Gespreiztheit, größerer Natürlichkeit und Lebendigkeit, häßlichsten, jugendlichen Leichtigkeit und Munterkeit, kurzen, natürlichen Bau des Satzes, nicht zu fördern, Rattenkönige, Satzungeheuer, Satzungeheuer, Satzverrenkung, Schuld, die sie gegen ihre Muttersprache auf sich laden, Schwerfälligkeit, Sprache nicht schädigenden Weise, Sprachgefühl dadurch nicht gekräftigt, ja öfter verletzt, Überwucherung, ungeheuerlichen, unschöne Zug unserer Sprache, unvermeidlich, zu meiden geboten

Intertextueller Bezug