Die Todesanzeige des Professors N., Annäherungsversuche des Königs an die Linke

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 172 - 173
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Unsicherheit
Text

Außer den in § 181 u. 182 gewürdigten zugestandenen Fällen ist Beziehung der Beifügung bloß auf das Bestimmungswort durchaus zu verurteilen und die Auflösung der Zusammensetzung in Substantiv und Attribut oder in Sätze zu verlangen. Es sollte also nicht heißen: das Vernehmungsprotokoll Sydows, sondern das Protokoll über die Vernehmung Sydows; nicht: in der Frage des Ernennungsrechtes der Mitglieder des Staatsrates, sondern: in der Frage des $Seite 173$ Rechtes, die Mitglieder ... zu ernennen. Besonders schlimm ist es, daß Gelehrte, und zwar nicht nur des Rechts, sondern klassische und germanistische Sprach- sowie Geschichtsforscher in seltner Einhelligkeit einen gar großen Teil dieser Fehler liefern. So einer Endstehunsgeschichte des schwäbischen Bundes, wo je nachdem leicht die eine Hälfte genügte, Anordnungsversuche der platonischen Gespräche (statt Versuche über die Anordnung der platonischen Gespräche), über den Bildungsgang (!) französischer Begriffswörter aus ihren lateinischen Wurzeln (statt einfach über die Entwicklung); Aus 5 Elementen finde ich die Seele des alldeutschen Schrifttums zusammengesetzt ...; aus einem unbewußt wirkenden Nachahmungstrieb des englischen Jingotums (statt: Triebe, das englische Jinogtum nachzuahmen). Gewiß, da darf es nicht wundern, wenn es in Zeitungen noch schlimmer getrieben wird: seine Versetzungsorder nach der Festung L. statt die Order seiner Versetzung nach der Festung L., Erinnerungsstätten an den großen Meister statt Stätten der Erinnerung an den großen Meister, ein Vertragsentwurf mit Deutschland statt der Entwurf eines Vertrages mit Deutschland, Losreißungsgelüste des Khedive vom Sultan statt die Gelüste des Khedive oder des Khedive Gelüste, sich vom Sultan loszureißen; die Kontaktzone des Tonalit mit den Schiefern statt der Gürtel, wo sich der Tonalit mit den Schiefern berührt.

Ob wohl der durch die Beifügung des Richtigeren gelieferte Beweis, daß dieses nicht unbequemer und höchstens einmal wenig länger ist, auf die zur Bildung, Leitung und Kräftigung des Sprachgefühls berufenen Männer der Feder mehr Eindruck machen wird als die so häufigen früheren Erörterungen des Fehlers? Man darf's kaum hoffen, wenn ein so berufener Erzähler wie Jensen schrieb: die Verlesung des Einverleibungserlasses Hollands in Frankreich, wenn die Tägl. R. sich innerhalb weniger Nummern mit den folgenden Ungeheuerlichkeiten selber überbot: Grundsteinlegung des Marienheims, die Stationsinsassen von Manaraka, ein Einquartierungsbillett bei der Gräfin B., durch die Verfolgung der Überlieferungszeit jener Lehre von Ägypten aus und Pistolenschießübungen des Unmenschen Said nach gefangenen Sklaven und jüngst W. Flex die Scheidestunde von Erlangen; der DAZ.: Übertragungsliebe auf den Arzt und Rückkehrtendenz in den Mutterleib, sowie Wilhelm II.: die Annäherungsaktion an den Feind und die Schuldfrage am Weltkriege! Auch bei Beiwörtern kommt der gleiche Fehler vor: einflußreich auf den Fremdenverkehr.


Zweifelsfall

Wortbildung oder Syntagma

Beispiel
Bezugsinstanz Zeitungssprache, Gelehrte, Fachsprache (Rechtswissenschaft), Fachsprache (Klassische Sprachen), Fachsprache (Geschichtswissenschaft), Fachsprache (Germanistik), Jensen - Wilhelm, neu, Flex - Walter, Wilhelm II.
Bewertung

Besonders schlimm, durchaus zu verurteilen, einfach, Fehler, genügte, höchstens einmal wenig länger, nicht, nicht unbequemer, noch schlimmer, Richtigen, sollte also nicht heißen, Ungeheuerlichkeiten

Intertextueller Bezug