Die Tunnels, Jungens u.ä.

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 48 - 49
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Unsicherheit
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Wir kommen zu einem Mittel, die Mehrzahl zu bilden, das vereinzelt selbst bei den besten Schriftstellern vorkommt, sich besonders aber als „hochmodern" bei denen des Tages und der Zeitungen in einer Weise breitmacht, daß es dem lebendigen deutschen Sprachgefühle widerlich, dem abgestumpften gefährlich werden muß. Es ist die Bildung der Mehrzahl mit Hilfe des romanischen s. Fast scheint es, als wäre unser Sprachgefühl unfähig, ohne s eine Mehrzahl zu erkennen, und vermöchte nicht mehr, gar manche deutsche und noch mehr nun einmal unentbehrliche fremde Wörter den ihren Endungen entsprechenden Gruppen der deutschen Biegung anzugliedern. Das s ist in die Schriftsprache ursprünglich mit den vielen Wörtern gekommen, die man besonders im 17. und 18. Jahrhunderte in die deutsche Rede einmengte, und zwar in der französischen Pluralform, wie Bataillons, meubles, dames, mademoiselles, forts, salons. Natürlich fanden diese Formen im Niederdeutschen, das schon viele Jahrhunderte früher das französische Mehrheitszeichen von den Niederlanden her übernommen hatte und auch in Berlin, wo selbst ein König von seinen Nachfolgers sprach, sowie auf der Grenze zwischen dem Mittel- und Niederdeutschen in dem vermeintlich niederdeutschen Mehrzahl-s einen starken Rückhalt und nie einen kräftigen Widerstand, da die seitdem überwiegend dorther stammenden stimmführenden Schriftsteller wie Sprachlehrer das Fremde daran nicht so empfanden. Als zuletzt gar noch das politische Übergewicht des Nordens dazu kam, da wollte man das angeblich „forsche" Berliner Jungens, Mädchens, Fräuleins u. a. nicht mehr missen, und von den Wörtern und der Sprache des Familienkreises $Seite49$ aus verallgemeinerte sich der Gebrauch immermehr//1 Mehr über die Geschichte dieses s zuletzt in Brandts Grundriß der Deutschkunde, 1927, S. 112, bes. aber bei E. Öhmann, der s-Plural im Deutschen. Helsingfors 1924//. Allerneuste solche Mehrzahlen sind die Eingesandts und die Wochenends (Betrachtungen am Wochenende).

Im allgemeinen muß das Mehrzahl-s wieder auf die Stellung von ehedem beschränkt werden, d. h. auf Fremdwörter, bei denen für die ganze Endung die fremde Aussprache beibehalten ist, also Salons, Soupers, Forts, Restaurants, solange und soweit man diese nicht ganz meiden kann. Dagegen sind Plurale auf s von deutschen Wörtern, wie Schmutzians, Jungfräuleins, Bräutigams, Schnabels, Fiakers, Tingel-Tangels, Parks u. a. bei älteren und besonders bei neuesten Schriftstellern ein förmlicher Hohn auf die deutsche Sprache. Aber auch bei allen Fremdwörtern wird man, wenn sie sich nicht durch fremden Nasenlaut und stumme Endbuchstaben besonders als solche verraten, die durchaus fremd bleiben wollen, immer gut tun, zu fragen, ob von ihnen nicht eine Mehrzahl auf -en oder -e oder ohne Endung möglich sei. Die Frage wird zunächst bei Wörtern mit konsonantischem Ausgange fast immer zu bejahen sein, wie das die folgenden Formen bezeugen, die musterhaften Schriftstellern und meist Fachmännern entlehnt sind: Fräcke, Docke, Balköne, Kartone, Divane, Gobeline, Galane, Telephone; Tunnel, Mandrille, Mamsellen; Mosaike, Akteure, Kasuare, Korridore, Trottoire, Billette, Klosette, Büfette, Skelette, Minarette, Lazarette, lauter Rafaele und selbst und erfreulich Porträte, dies bei Goethe. Dann kommt man aber auch bei Wörtern mit volltönendem Selbstlaute am Ende oft ohne das s aus. Sofa hat vor hundert Jahren die Mehrzahl Sophae gehabt, warum nicht auch heute? Jockey, Quai oder besser ganz und gut deutsch Kai können, sich an Hai, Mai, Papagei anlehnend, Jockeye und Kaie bilden; nicht minder sind wie Baue oder Taue auch Kakadue, Uhue, Kabliaue, und wie Rehe auch Kaffee (dreisilbig) und Tee (zweisilbig) möglich. Anstatt die Mehrzahl hier mit s zu bilden, sollte man sie lieber hier wie bei denen auf i, wie Kolibri, und von gewöhnlich unflektierbaren Redeteilen, die substantiviert sind, am Ende unbezeichnet lassen und trotz Schlegels Uhus und Kaffees und Tees, trotz Goethes Gute Tags und Gute Abends lieber sagen viele Wenn und Aber und wie Lessing schrieb: allen diesen Vielleicht und ein Deutschmeister wie wenige, Rud. Hildebrand: die Iche, von den Ichen.

Durchaus berechtigt ist dagegen neben der in der Schriftsprache auch häufigen Form Kerle auch die andere Kerls, an der als selber einer niederdeutschen das niederdeutsche s keinen Widerspruch bildet.


Zweifelsfall

Fremdwörter: Pluralbildung

Beispiel

Bataillons, meubles, Dames, mademoiselles, Salons, Soupers, Forts, Restaurants, Fräcke, Docke, Balköne, Kartone, Divane, Gobeline, Galane, Telephone, Tunnel, Mandrille, Mamsellen, Mosaike, Akteure, Kasuare, Korridore, Trottoire, Billette, Klosette, Büfette, Skelette, Minarette, Lazarette, Rafaele, Porträte, Sofa, Sophae, Jockeye, Kaie, Kakadue, Uhue, Kabliaue, Kaffee, Kaffees, Tees,

Bezugsinstanz Schriftsprache, 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Berlin, mitteldeutsch, niederdeutsch, Niederlande, Sprachgelehrsamkeit, Literatursprache, neu, Zeitungssprache, Goethe - Johann Wolfgang, Sprachverlauf, alt, 19. Jahrhundert, Schlegel - Friedrich
Bewertung

abgestumpft, erfreulich, gefährlich, gut, hochmodern, widerlich

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Substantiv: Pluralbildung

Beispiel

Bataillons, meubles, Dames, mademoiselles, Bräutigams, Schnabels, Nachfolgers, Jungens, Mädchens, Fräuleins, Eingesandts, Wochenends, Salons, Soupers, Forts, Restaurants, Schmutzians, Jungfräuleins, Fiakers, Tingel-Tangels, Parks, Fräcke, Docke, Balköne, Kartone, Divane, Gobeline, Galane, Telephone, Tunnel, Mandrille, Mamsellen, Mosaike, Akteure, Kasuare, Korridore, Trottoire, Billette, Klosette, Büfette, Skelette, Minarette, Lazarette, Rafaele, Porträte, Sofa, Sophae, Kai, Hai, Mai, Papagei, Jockeye, Kaie, Baue, Taue, Kakadue, Uhue, Kabliaue, Rehe, Kaffee, Kolibri, Uhus, Kaffees, Tees, Gute Tags, Gute Abends, Wenn und Aber, Vielleicht, Iche, Ichen, Kerle, Kerls

Bezugsinstanz 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, neu, Berlin, Sprachgelehrsamkeit, Fachsprache, Familie, Frankreich, alt, Goethe - Johann Wolfgang, Hildebrand - Rudolf, Adel, Lessing - Gotthold Ephraim, mitteldeutsch, niederdeutsch, Niederlande, Schlegel - Friedrich, Schriftsprache, Literatursprache, Sprachgelehrsamkeit, ursprünglich, Zeitungssprache
Bewertung

abgestumpft, erfreulich, förmlicher Hohn, gefährlich, gut, hochmodern, widerlich

Intertextueller Bezug