Er hat und wird die Stadt verlassen. Du bist damals geächtet worden und noch heut ein Feind des Reiches

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 303 - 305
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Unsicherheit
Text

Die Grammatiker sind auch zu engherzig, wenn sie die einmalige Setzung ein und derselben Form für mehrere Sätze nur bei völlig gleicher Bedeutung gestatten wollen. Zwar wenn sie für die Zeitwörter, deren Nennform und zweites Mittelwort formell gleich sind, wie vergessen, vergeben, verraten u. s. v. a., nicht zugeben wollen, daß diese Form neben verschiedenen Hilfsverben nur einmal und in verschiedener Bedeutung gesetzt werde, so sind sie dazu nach § 310 berechtigt. Die Köln. Ztg. hätte also gewiß nicht schreiben sollen: $Seite 304$ Der Präsident hat die Stadt oder wird sie verlassen. Er hat sich oder wird sich nach Ems und wird sich von da nach Kissingen begeben, sondern: Der Präsident hat die Stadt schon verlassen oder wird es noch (tun). Er hat sich nach Ems begeben und wird von da nach Kissingen gehen//1 Die Hilfszeitwörter rücken durch solche Gegenüberstellung aus der ihnen geziemenden unbedeutsamen Stellung in ihnen nicht gebührende Tonstärke ein. Auch ist es doch etwas anderes, ob eine und dieselbe Form mehrfach in gleichem Sinne zu ergänzen ist oder ob in einer Form zwei sachlich von Anfang an verschiedene Formen lautlich zusammengefallen sind wie bei diesen Verben, so daß das Sprachgefühl, wenn auch noch so schwach, einen Nachklang des Unterschiedes empfindet, der obwaltet zwischen er habêt die burc farlazzana und: er wili (= wird) farlazzan die burc. Umgekehrt ist tatsächlich eine Verschiedenheit der Form hat in der Verbindung: er hat einen Freund und in der anderen: er hat einen Freund verloren ebensowenig jemals vorhanden gewesen als ein Unterschied der Bedeutung; und darin liegt der Hauptgrund, daß Schriftsteller vor Grammatikern im Rechte sind, wenn sie Formen von haben, ebenso von sein und werden nur einmal sehen, mögen jene nun das eine Mal Hilfszeitwörter, das andere ein selbständiges transitives, oder das Verbum des Seins, mag dieses nun einmal Hilfszeitwort für das Futurum und das andere Mal für das Passivum sein. Nicht anders steht es im Grunde, wenn — natürlich ohne Zweideutigkeit — uns und euch einmal zugleich als Dativ und Akkusativ gesetzt werden, da die jetzige Dativform ja nichts als der auch für den alten Dativ eingetretene Akkusativ ist: Die Sternenkunst sollte dasjenige dolmetschen, womit uns für die Zukunft der Himmel schmeicheln oder bedrohen möchte (Goethe). Ähnlich ist es mit einander, das so gut sein kann einer den andern als einer dem andern, wie wieder Goethe bezeugen mag: ein gewisser Kitzel, einander etwas aufzubinden und wechselweise zu mystifizieren. Daß selbst Substantive, von denen Akkusativ und Dativ ganz gleich geworden sind, bisweilen im doppelten Sinne nur einmal stehn, mag endlich noch der Satz: Will halten und glauben an Gott fromm und frei aus Maßmanns Gelübde zeigen.//. Dagegen dürfen Sätze nicht beanstandet werden, in denen werden nur einmal und doch zugleich zur Umschreibung des Futurs und des Passivs steht: Canovas wird hier in Paris erwartet und dann nach Berlin gehen. Auch eine Form von haben mag man ruhig zugleich als Hilfszeitwort des Perfektes, als transitives Verb oder mit dem Infinitive und zu als Ausdruck der Notwendigkeit oder Möglichkeit gebrauchen, immer natürlich vorausgesetzt, daß dadurch keine Unklarheit und gewaltsame Fügung entsteht. Also geht wohl an: Ich habe jetzt viel zu tun und deshalb nicht kommen können. Mit seinen Truppen, die den größten Teil ihrer Artillerie und Bagage verloren, den kurzen Rock in der rauhen Jahreszeit zur Decke und den Himmel zum Zelt hatten (Archenholtz). Aber ebenso sicher hätte in dem folgenden Satze der Tgl. R. das zweite hatten nicht fehlen dürfen, wenn nicht der zweite der verbundenen Sätze gar zu schwach werden sollte. St. und S. hatten in ihrem Versteck die Unterredung des Polizeibeamten mit der alten J. von Anfang bis zu Ende gehört und hatten Mühe, ihr Lachen zu verbeißen. Ebenso darf sein als verbum essentiae und Hilfszeitwort in einer Form dienen. Schon vom Jahre 1465 steht in der deutschen Reichskorrespondenz: daß ich frisch gesandt zu der Nuwenstad komen und noch bin, und ein Neuerer schrieb: Die Kirchen sind mit großen Kosten aufgeführt, wenn möglich aus behauenen Steinen, und dann der Stolz der Umgegend. Im folgenden Satze würde durch Wiederholung von war geradezu die Geschlossenheit und die Beziehung des an der Spitze stehenden Adverbiales auf beide Sätze gestört werden: Zu Chr. Wolffs Zeit war für die Naturwissenschaften in Deutschland ihre Zeit noch nicht gekommen $Seite 305$ und sie auf deutschem Boden mehr oder weniger eine exotische Pflanze. Dieselbe Möglichkeit für werden zeigt der Satz in Sybels Weltgeschichte der Kunst: Philipp von Mazedonien, welcher 382 geboren, 356 König, 338 Herr über Griechenland und 336, erst 46 Jahre alt, ermordet wurde.


Zweifelsfall

Ellipsen in Satzreihen

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Archenholtz - Johann Wilhelm von, neu, Goethe - Johann Wolfgang, Sprachgelehrsamkeit, Sprachverlauf, gegenwärtig, Köln, Zeitungssprache, Maßmann - Hans Ferdinand, Literatursprache, Fachsprache (Geschichtswissenschaft), Sprache der Kunst, Sybel - Heinrich von, 15. Jahrhundert, Behördensprache
Bewertung

berechtigt, dürfen nicht beanstandet werden, ebenso sicher hätte nicht fehlen dürfen, geht wohl an, hätte also gewiß nicht schreiben sollen, ihnen geziemenden, ihnen nicht gebührende, im Rechte, mag man ruhig gebrauchen, Sprachgefühl einen Nachklang des Unterschiedes empfindet, Unklarheit und gewaltsame Fügung, würde die Geschlossenheit und die Beziehung gestört werden

Intertextueller Bezug