Geschlecht eingebürgerter Fremdwörter

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 41 - 42
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Unsicherheit
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Eine besondere Erwähnung erheischen die Fremdwörter, natürlich nicht die entbehrlichen, die überhaupt in gute deutsche Rede nicht gehören, auch die nicht, welche zwar, ursprünglich aus der Fremde entlehnt, vom Sprachkenner noch als sogenannte Lehnwörter erkannt, von den meisten aber als deutsche Wörter angesehen werden, so unter den oben besprochenen Pacht, Pfirsich, Trupp. Für unseren Zweck kommen nur Bezeichnungen für Dinge der Fremde, wie ausländische Flüsse, Berge, Bauten und für der Fremde entlehnte Waren, Erzeugnisse u. dgl., in Frage; und selbst diese hier, wo es sich nur um einen Rat gegenüber schwankendem Gebrauche handelt, nur insoweit, als der Trieb des deutschen Sprachgeistes, diese Dinge im Geschlechte einheimischen anzureihen und anzugleichen, zu Spaltungen und Widersprüchen, zu einem Nebeneinander verschiedener Geschlechter geführt hat.

Der Baro-, Thermo-, Gaso- und Hygrometer, die ebenso wie Meter und Liter in wissenschaftlichen Werken ziemlich ausschließlich als Neutrum auftreten, beginnen bereits aus dem Volksmunde und der höheren Umgangssprache auch in die Schriftsprache vorzubringen//1 Schon früher nannte sich Goethe selbst einen Barometer und Heine Rotschilden einen politischen Thermometer; ebenso brauchte das letztere Cl. Brentano, der Physiker Lichtenberg, heute z. B. der Verf. von Rembrandt als Erzieher, und der Liter sagt z. B. ein Plauderer der Tägl. Rundschau, 1891, Beil. S. 95 im Bunde mit W. Jensen.//, gewiß nicht zum $Seite42$ Unglück, da darin ein Stück Einempfindung der uns einmal aufgebürdeten fremden Maßbestimmungen liegt, eine Anempfindung an der (Feuchtigkeits-)Messer, Stab, Krug, Schoppen; und Kilometer überdies wird selten anders als männlich gebraucht. Ähnlich steht dem Neutrum das Pendel fachmännischer Schriften in der schönen Literatur von Herder bis C. F. Meyer und K. v. Heigel der Pendel gegenüber. Auch der Atom mit Schiller und Wieland und der Meteor in Anlehnung an Meteorstein zu sagen neben das Atom und das Meteor, kann nicht mehr verpönt werden.

Am allerwenigsten soll sich jemand darüber den Kopf zerbrechen, ob er sagen soll die Tiber und die Rhone, der Peloponnes und der Chersones, das Parthenon u. a., wie er es Jahrzehnte lang gehört hat, bei den Flüssen z. B. auch ganz natürlich beim Übergewicht des Femininums unter den deutschen Flurnamen auf -er und -e, oder ob er es Sprach- und andern Gelehrten nachtun müsse, die werweißwelche Gelehrsamkeit zu zeigen wähnen, wenn sie mit den Formen der Tiber, der Parthenon, die Peloponnes dem fremden Buchstaben gerecht werden statt heimischer Gewöhnung und unbewußter Anempfindung. Und nun nur noch ein Wort über die vielen Wörter auf at-, die meistens lateinischen männlichen Wörtern auf -atus entsprechen oder doch nachgebildet sind; hat sie doch Bismarck kurz vor seinem Rücktritte einer das Geschlecht betreffenden Weisung an seine Kanzleien würdig erachtet. Das Volk hat hier gar nicht so übel dem Senate und Magistrate, die es als bestimmt abgegrenzte Körperschaften der Ratsherren wohl kennt, sowie überwiegend auch dem Ornate, bei dem es an Rock, Anzug gedacht haben mag, ihr männliches Geschlecht gelassen. Ebenso erfreulich aber ist sein Neutrum bei Wörtern wie das Kanonikat, Zölibat, Majorat, Noviziat, Notariat, Pastorat, Patriziat, Rektorat u. a. Bezeichnungen einer Würde, eines Amtes oder Standes; denn in diesem Neutrum liegt eine aus lebhaftem Sprachgefühl hervorgegangene Angleichung an die Wörter mit der Gleiches bedeutenden Endsilbe -tum. Nur bei Episkopat scheidet man wohl zwischen der E. = die Gesamtheit der Bischöfe und das E. = das Bistum, die Bischfswürde. Bei Exarchat überwiegt das sächliche Geschlecht, mögen auch Gelehrte das männliche der Fremdsprache belieben.



Zweifelsfall

Eigennamen: Genusvarianz

Beispiel
Bezugsinstanz Gelehrte
Bewertung
Intertextueller Bezug