Ich war noch nicht lange gegangen, da (so) sah ich, oder: als ich sah?

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 323 - 325
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Unsicherheit
Text

Das Zeitverhältnis zweier Handlungen kann in mannigfacher Weise ausgedrückt werden. Freilich wird davon die eine noch angefochten, obwohl sie schon im Wilhelm Meister sehr oft also wiederkehrt: Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute durch das Feld kommen sah, die er für ein Kommando Landmiliz erkannte. Es mag freilich zutreffen, daß die heutigen nach dem Ungewöhnlichen haschenden Schriftsteller diese — umgekehrte Form, wie sie schon in der lateinischen Syntax heißt, über Gebühr bevorzugen; daß die Fügung gleichwohl berechtigt ist und in welchen Grenzen, dürfte aus folgender Betrachtung hervorgehen. Es gilt die Aufeinanderfolge der zwei Handlungen anzugeben, daß X. an das Fenster tritt und daß kräftig an seiner Klingel gerissen wird, dazu für die erste noch den Grund. Mit zwei gleichförmigen Hauptsätzen wird es umständlich: Dann trat X. wieder an das Fenster, um zu sehn, wie die herbeigeeilte Polizei die Straße säuberte; kaum aber hatte er das getan, da wurde heftig an seiner Klingel gerissen. Man bringe die erste Handlung, um sie sogleich als ausgeführt und abgeschlossen erscheinen zu lassen, in einen Satz mit als, so tritt sie leicht zu sehr zurück und wird ebenfalls ungeeigneter, andere Nebensätze nach sich zu schleppen: als X. wieder an das Fenster trat, um zu sehen, wie die Polizei die Straße säuberte, wurde usw. Gilt es also, die vorhergehende Handlung als vor der andern geschehend hinzustellen, doch vor allem so, daß man sie in der Vergangenheit sich vollziehen sieht, so entspricht ihr nur die Form eines Hauptsatzes: Peter war kaum an das Fenster getreten, um zu sehen, wie die Polizei die Straße säuberte, und die neue $Seite 324$ Handlung folgt, wie bei E. Bauer wirklich, in einem Satz mit als: als heftig an seiner Klingel gerissen wurde. Oder wenn auch sie mehr Nachdruck erhalten soll, kann auch sie als Hauptsatz mit so//1 Hier das so zu beanstanden und es nur dem Bedingungsnachsatze zuzuweisen, ist ungerechtfertigt. Auch der junge Goethe hat geschrieben: Kaum war er allein, so mußte er sich in folgenden Ausrufungen Luft machen. — Wohl aber verdient sein Gebrauch in Sätzen gerügt zu werden, die das bloße Gegenteil angeben, da wir dem Wörtchen so die Kraft einer gewissen Gleichsetzung anfühlen. Deshalb stößt man sich in dem Satze der Tgl. R. daran: Trotzdem die Zahl der katholischen Theologen seit 1881—82 stets gewachsen ist, so bleibt für das Jahr 1890 die wirkliche Zahl hinter der Normalzahl um 60 zurück. Etwas anderes ist es, wenn seine gleichsetzende Kraft durch ein folgendes doch wieder aufgehoben wird. Öfter, als in jener Weise falsch gesetzt, wird übrigens heute die Nachsatzpartikel in gesuchter Weise weggelassen; und das wird doppelt empfindlich, wenn durch die Bevorzugung der konjunktionslosen Form des Bedingungssatzes mit Fragesatzstellung der vorangehende Neben- und der folgende Hauptsatz gleiche Wortstellung haben: Stimmt man diesen Ausführungen bei, wird man die Grundlagen der Kernschen Lehre gleichfalls preisgeben müssen.// (oder da) folgen: da wurde heftig ... gerissen. Die letzte Fügung verdient die Pflege, die sie heute zumal in Zeitungen genießt, gar wohl; ist sie doch eine gewisse Rückkehr zum Einfachsten, zum Ausdrucke voneinander abhängiger Gedanken in der klaren Form der Hauptsätze, ohne daß aber dadurch die Rede zerhackt würde, weil solche Sätze infolge ihres Tonfalles als Einheit empfunden werden. Man höre nur noch aus der Nat.-Ztg. den Satz: Am zweiten Tage reiste Don Alfonso wieder ab, hatte aber kaum den österreichischen Boden erreicht, so traf der telegraphische Haftbefehl in Altötting ein; oder den Riehls: Es macht keine welsche Oper Glück, so laufen auch flugs ihre Weisen in handgerechtem Auszug durch alle Lehrstunden. Hier ist es, wenn man will, eine Bedingung, was als einfacher Hauptsatz auftritt: wenn eine Oper Glück macht, so, oder auch ein Folgesatz: es macht keine Oper Glück, ohne daß sie usw.

Ähnliche Ausdrucksweisen gehen noch nicht zu dick, verdienen aber alle Forderung auch in der Schriftsprache. Geboren sind sie freilich nicht in dieser, sondern in der gesprochenen Rede; aber wir dürfen wohl hoffen, daß sie von dieser aus vordringen und jene von der fast ausschließlich herrschenden Nebensatzwut befreien werden.

Darum mag man immer mit der Tgl. R. sagen: Keine Verwaltungsmaßregel ist so geringfügig, sie muß vorher in den Amtsstuben von Petersburg vorgelegt werden (statt daß sie nicht .. vorgelegt werden müßte u. a.), oder mit einem Romanschriftsteller (E. Bauer) ebenda: Graf Loris Melikow war zu deutlich gewesen, Leikin konnte ihn nicht mißverstehn. Aus ähnlichem Grunde beruht die rednerisch kräftigere Art, einen Gedanken ohne Andeutung einer doch nötigen Beschränkung hinzustellen, diese vielmehr erst nachträglich um so gewichtiger in einem selbständigen Satze zu bringen. Kein Rabbiner darf die Scheidung einer Ehe aussprechen, es sei denn, die weltliche Obrigkeit habe zuvor gesprochen, die Ehe sei nach dem bürgerlichen Gesetze aufgelöst, hat schon Hebbel geschrieben. Überhaupt sind es die besten Namen, die solche Fügungen decken. Schiller schreibt: Mich kostet es mein Leben, oder ich räche mich an ihm; C. F. Meyer: Wenig fehlt, so liebst du einen Toten (statt daran, daß du ... liebst) und: Nein, es gibt keine (Elben), nur darf man sie nicht mit wüsten Worten $Seite 325$ rufen oder gar ihnen Steine ins Wasser werfen. Gleich gewichtig und väterlich klingen die Worte Frondsbergs bei Hauff: Was treibt dich schon so früh aus dem Neste und bist kaum flügg? Solche Ausdrucksweise deckt sich ganz mit dem gesprochenen Wort in der guten Umgangssprache, in der jener väterlichen Frage Frondbergs z. B. die mütterliche Zurechtweisung entspricht: Da bist du nun wieder fortgelaufen und hast nichts gesagt, und ich habe dir's so oft verboten! Auch die Schaltsätze (vgl. S. 319) finden ebenda ihren Nährboden. Wenn die Tgl. R. bietet: Auch die anmutigste, liebenswürdigste Musik, und das ist die zum Lorle, kann für solche Mängel kaum Ersatz leisten, so hat sie denn wieder den volkstümlichen Hebel für sich, der z. B. schrieb: die Geschicklichkeit — auf 50 000 Meilen weit Berge auszumessen, die unser Einer (der geneigte Leser ist gemeint) gar nicht sieht. — Als ... der ... König ... von der Sache hörte (es wurde ihm als ein Spaß erzählt), nahm er’s sehr übel u. ä. oft.

Unter solchem Einflusse wird man hoffentlich bald nicht mehr von stilistisch fehlerhafter und unlogischer Zerlegung eines Gedankens reden, wenn sich die Sprache, voran die gesprochene, aus alter Zeit die Fähigkeit bewahrt hat, zwei zusammengehörige Gedanken, die wir heute durchaus einen dem andern unterordnen sollen, wirksamer und kräftiger einfach aneinanderzureihen, gewöhnlich durch das kräftige und vieldeutige und, aber auch ohne jedes Bindewort.


Zweifelsfall

Hypotaxe oder Parataxe

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachverlauf, alt, Meyer - Conrad Ferdinand, Schreiber guten Stils, Bauer - Erwin Heinrich, gesprochene Sprache, Umgangssprache, Hauff - Wilhelm, Hebbel - Friedrich, gegenwärtig, Literatursprache, Goethe - Johann Wolfgang, Familie, Zeitungssprache, Riehl - Wilhelm Heinrich, Schiller - Friedrich, Schriftsprache, Familie, Volk, Hebel - Johann Peter
Bewertung

berechtigt, besten Namen, die solceh Fügungen decken, deckt sich ganz mit dem gesprochenen Wort in der guten Umgangssprache, doppelt empfindlich, falsch, Frequenz/fast ausschließlich herrschenden, Frequenz/gehen noch nicht so dick, Frequenz/Öfter, Frequenz/Pflege, die sie heute zumal in den Zeitungen genießt, Frequenz/über Gebühr bevorzugen, Gleich gewichtig, kräftige, kräftiger, mag man immer sagen, mütterliche Zurechtweisung, noch angefochten, ohne daß aber dadurch die Rede zerhackt würde, rednerisch kräftigere, Rückkehr zum Einfachsten, statt, stößt man sich daran, umständlich, umständlich, Ungewöhnlichen, väterlich, väterlichen Frage, verdienen aber alle Förderung, verdient die Pflege gar wohl, verdient gerügt zu werden, vieldeutige, von der fast ausschließlich herrschenden Nebensatzwut befreien, wir dürfen wohl hoffen, daß sie von dieser aus vordringen, wird man hoffentlich bald nicht mehr von stilistisch fehlerhafter und unlogischer Zerlegung, wirksamer, zu beanstanden ist ungerechtfertigt

Intertextueller Bezug