Innerstes Wesen der Zusammensetzungen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 24 - 25
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Wortbildung: Bau von Komposita

Genannte Bezugsinstanzen: Neu, Ernst - Paul, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Wortbildung oder Syntagma

Genannte Bezugsinstanzen: Neu, Ernst - Paul, Zeitungssprache
Text

Auf alle Fälle klingen diese freien beisatzartigen Verbindungen, welche die Sache durch das erläuternd nachgestellte — ich möchte sagen — Stichwort deutlich bezeichnen, besser als etwa Schnäbele-Frage, Hartmannfall, Goetheenkel u. ä. Denn diese Zusammensetzungen würden, gleich manchen neuen und allerneusten, die Hauptbedingungen nicht erfüllen, daß die Zusammensetzung einen eigenartigen Begriff ergeben muß, der von dem des einfachen Grundworts der Art nach verschieden ist. Oder nicht so abgezogen, sondern mehr sprachgeschichtlich ausgedrückt: ehe eine syntaktische Verbindung, die jeder wirklichen Zusammensetzung vorausgeht, zu einer solchen werden kann, muß sie vielmal gemacht worden sein mit immer gleichen oder ähnlichen Worten, so daß damit zugleich die Vorstellung vieler mit der durch den Ausdruck bezeichneten Sache verbundenen Dinge und Vorgänge, ihrer gewöhnlichen Art, ihrer Gründe und Zwecke wieder in uns lebendig wird. Mit den Wörtern Kreuz-, Pilger-, Römerfahrt beispielsweise verbinden wir ganz bestimmte Vorstellungen, die deren Bestandteile, voneinander gelöst, nicht erregen würden; wenn aber einer von Erlebnissen auf seiner Rußlandfahrt berichtet, so entbehrt dieser Ausdruck eines ähnlichen Reichtums bestimmter begleitender Vorstellungen oder des Begriffes einer besonderen Art, und die Neubildung steht ungerechtfertigt neben dem richtigen Ausdrucke „Fahrt nach Rußland". Ähnlich verhalten sich Hochzeits-, Alpen-, Geschäftsreise zu ihren falschen Nachahmungen Schweiz- oder Turinreisen. Die Nachtigal, Peters, Junker u. a. würden gar übel vermerken, wenn man jeden, der nach Afrika reist, einen Afrikareisenden nennen wollte, wie ja auch der Goethe- und der Weinkenner, der Sprach- und Naturforscher einen Baselkenner und Arabienforscher nicht für gleichberechtigt ansehen lassen; vermag doch nicht die Beschäftigung mit einer beliebigen Stadt und Gegend auch die Vorstellung einer besonderen Art der Forschung und Kennerschaft $Seite 25$ zu erwecken. Kurz: ein Hauptwort mit einer genetivischen oder adverbialen Beifügung darf nur dann in eine Zusammensetzung zusammengezogen werden, wenn eine Klasse, eine ganze Art bezeichnet werden soll. Das wollte P. Ernst ausdrücken mit dem die ganze Unryhthmik des Riesenbaues malenden Satze: Versailles ist das erste Regierungsbaumeisterwerk. Dagegen solchen Zeitungsgeschöpfen wird man den Garaus machen wie Zulucharakter; Zulubeziehungen; Gutenberg, der Johannistäufer der Buchdruckerkunst. Vollends in Ungetümen wie: Mordbrennereiaufwieglung, Eigentumsentäußerungsgesetz, Dombaugenossenschaftsfest, Dampfstraßenbahn-Aktiengesellschaft u. ä. vereinigt sich noch der schwerfällige Gang und häßliche Klang mit dem Fehler, daß die für den einzelnen Fall gemachte Sachverbindung nicht in der dazu geeigneten Weise auftritt: Fest der Dombaugenossenschaft, Gesetz über die Entäußerung des Eigentums. Die Heimlichkeit der Sprache heißt selbst manches, was äußerlich nach den Gesetzen der Zusammensetzung und nach ähnlichen Fällen möglich erschiene, als unschön und ungebräuchlich meiden.


Zweifelsfall

Wortbildung: Bau von Komposita

Beispiel
Bezugsinstanz neu, Ernst - Paul, Zeitungssprache
Bewertung

besser, schwerfälliger Gang und häßlicher Klang, unschön und ungebräuchlich

Intertextueller Bezug Nachtigal, Peters, Junker


Zweifelsfall

Wortbildung oder Syntagma

Beispiel
Bezugsinstanz Neu, Ernst - Paul, Zeitungssprache
Bewertung

besser, ungerechtfertigt, falsch, schwerfälliger Gang und häßlicher Klang, unschön und ungebräuchlich

Intertextueller Bezug Nachtigal, Peters, Junker