Konjunktiv des Imperfekts als Ersatz für undeutliche Formen des präsentischen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 366 - 368
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Unsicherheit
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Neben den Verwendungen des Konjunktivs der Vergangenheitsreihe, die deutlich und innerlich alle mit seiner Grundbedeutung zusammenhängen, geht nun aber eine andre, rein äußerliche her: er tritt überall da als Ersatz für den durch den Inhalt geforderten Konjunktiv des Präsens ein, wo dessen Formen sich nicht von den entsprechenden indikativischen unterscheiden. Die Sprache wählt also in ihrem Drange nach Deutlichkeit und Unterscheidung lieber die Konjunktivstufe, die den Gegensatz zur Tatsächlichkeit stärker bezeichnet, als daß sie das Subjektive ganz unbezeichnet ließe. Sie läßt sich an der Durchführung dieses Mittels selbst dadurch nicht beirren, daß sie dabei in den präteritalen Konjunktiven schwacher Verben Formen anwenden muß, die von den indikativischen des Imperfekts nicht unterschieden sind; nur mit Recht. Denn Zusammenhang und Erfahrung klären uns nicht einer präsentischen, aber wohl einer präteritalen Form gegenüber sofort darüber auf, ob sie eine Tatsache der Vergangenheit, die wir als solche ja kannten, oder bloß den Inhalt einer Vorstellung oder Mitteilung ausdrücken kann. Deshalb also und nicht aus Willkür wechseln die beiden Konjunktive z. B. in dem Satze von E. T. A. Hoffmann: Mir ist, als würd’ ich von dunkler Nacht umfangen und kein Hoffnungsstern leuchte; oder bei Gregorovius: Man sagt von diesem lebendigsten Bach(e) (Elbas nämlich), daß er nicht auf der Insel entspringe, sondern von der Insel $Seite 367$ Korsika komme ... (der Konjunktiv, weil das Ganze als Sage hingestellt werden soll); Kastanienblätter und Zweige, die das Wasser mit sich führt (das geschieht wirklich!), zeigten wirklich seine korsische Herkunft: bei „zeigen“ könnte die Begründung als eine tatsächlich berechtigte erscheinen; der präteritale Konjunktiv, der eine Mitteilung einer vergangnen Tatsache nicht enthalten kann, dient also deutlich dazu, auch für die Begründung der Sage deren Erzählern die Verantwortung zu überlassen.

Man wird also gut tun, mit diesem Aushilfsmittel, das das Sprachgefühl mit sicherm Takt und, wie gezeigt, durchaus in berechtigter Weise gewählt hat, nicht zu geizen, zumal auf Kosten der Deutlichkeit. Schiller und Hauff haben sich freilich noch gar manchmal, auch in größerem Umfange, derartiges gestattet: Er glaubt zu fühlen, es haben (statt hatten) diese Leute als Menschen mehr innern Gehalt als die, die er in seinen Gauen kennen gelernt hatte. Unter den Neueren hält G. Keller wohl einzelne mit dem Indikativ zusammenfallende Formen des Konjunktivs der Gegenwart doch für verständlich; C. F. Meyer hat sogar ganze lange indirekte Reden, in denen kaum eine Form deutlich als Konjunktiv erkennbar ist, namentlich in dem ihrem Stoffe nach in alte Zeiten gehörigen Erzählungen. In der gewöhnlichen verstandesmäßigen Schriftsprache, deren erstes Ziel Deutlichkeit ist, darf das deswegen nicht gestattet werden. Wohl aber mag solch ein unerkennbarer Konjunktiv weniger stören, wenn er innerhalb vieler kenntlichen Konjunktive mit unterläuft oder seine Auffassung als Indikativ durch den Zusammenhang ganz ausgeschlossen ist. So bei E. T. A. Hoffmann: Es war mir, als müsse ich ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; und: Die hl. Rosalia sollte nur mal mein sein; denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten; bei A. Stifter: Die Mutter war sehr erfreut, daß der Aufenthalt in der freien Luft für den Vater von so wohltätigen Folgen sei; seine Wangen haben sich nicht nur schön rot gefärbt, sie seien auch locker geworden; bei G. Keller: außer in seinem Beispiel zu § 366 auch: Schon waren die Kleinen fort, als der Mann mir mürrisch anzeigte, ich habe mir eine andere Unterkunft zu suchen, da er selbst ... ausziehe; und bei W. Raabe: Nun ist es mir gewesen, als sei diese Stimme schon ganz lange Zeit in mein Ohr geklungen und ich habe nur nicht darauf geachtet. Das sind gewiß maßgebende Muster für den Satz der Tgl. R.: Mr. Fendall meinte, der Raja habe durchaus gewollt, er solle mir seinen Besuch mit hohem schwarzem Hute machen, und lediglich dem Mangel eines solchen habe (statt hätte) ich es zuzuschreiben, daß dieses nicht geschehen sei. Unerträglich aber wird es, wenn mehr solche Formen den Hörer in der Auffassung als Indikativ bestärken und eine Unsicherheit hervorrufen, ob denn wörtliche oder abhängige Rede vorliege, wie in dem andern Zeitungssatze: Wenn ich ihnen vorhielt, daß sie einem Staate, dessen Schutz sie so lange genossen haben (statt hätten), nun doch auch zu jedem rechtmäßigen Dienste verpflichtet seien, so hielten sie mir entgegen, sie seien gute Untertanen des Kaisers, das haben (statt hätten) sie im Krimkriege bewiesen, indem sie sich persönlichen Gefahren ausgesetzt haben (statt hätten)//1 Mit vollem Recht zog also Wustmann in dem Abschnitte vom unverkennbaren Konjunktiv gegen diesen und gegen solches Schwanken zwischen Konjunktiven und $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ scheinbaren Indikativen los. Nur schoß er zweimal übers Ziel, wenn er auch in manchen Sätzen, deren Indikativ die Zustimmung ihres Schreibers zu dem mitgeteilten Gedanken ausdrücken soll, einen solchen undeutlichen Konjunktiv erkennen wollte und dafür den deutlichen des Imperfekts verlangte, und ebenso damit, daß er sich gegen die in Zeitungsberichten und Protokollen herrschenden präsentischen Konjunktive schlechthin ereiferte statt nur die zu tadeln, deren Form unkenntlich ist. Einige Lektüre der Lehrjahre Goethes und der historischen Schriften Schillers hätte ihn von dem Wahne heilen müssen, daß die Vorherrschaft des präsentischen Konjunktivs nur etwas „hochmodernes" sei. Vielmehr ist die heute in der Schriftsprache ziemlich herrschende Form nichts als die schon alte, jetzt aber allgemein durchgedrungene süddeutsche Art und setzt schon bei Grimmelshausen ein. — Eine eigenartige Erklärung der präsentischen Konjunktive gibt Wunderlich, Satzb., Bd. 1 (2. Aufl. S. 343 ff.).//. Umgekehrt ist dagegen beobachtet worden, daß die in der $Seite 368$ gesprochenen Rede kaum noch zu hörende Form ihr seiet auch in der abhängigen Rede kaum vorkommt, vielmehr in dieser Person durchweg ihr wäret, wie überhaupt der imperfektische Konjunktiv wäre und hätte noch ziemlich üblich ist (§ 360, 1); desgleichen, daß die Vergangenheitsformen: er könnte, dürfte, sollte, wollte noch überwiegen gegenüber den nach der neuen Regelung zu erwartenden Gegenwartsformen könne, dürfe, solle, wolle. Vgl. noch bei E. T. A. Hoffmann: Er äußerte, daß nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre, er dürfe nur dem Hofmarschall einen Besuch machen; und allerjüngst bei G. Hauptmann: ohne zu fragen, — wer Quint wäre und aus welchem Grunde er gekommen sei, fing sie sogleich an.


Zweifelsfall

Konjunktiv I, Konjunktiv II oder würde-Form

Beispiel
Bezugsinstanz Stifter - Adalbert, neu, Meyer - Conrad Ferdinand, Hoffmann - Ernst Theodor Amadeus, Hauptmann - Gerhart, Keller - Gottfried, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Gregorovius - Ferdinand, Grimmelshausen - Hans Jakob Christoffel von, Hauff - Wilhelm, gegenwärtig, Schiller - Friedrich, Goethe - Johann Wolfgang, Behördensprache, alt, süddeutsch, Zeitungssprache, Raabe - Wilhelm
Bewertung

darf das deswegen nicht gestattet werden, Die Sprache wählt also in ihrem Drange nach Deutlichkeit und Unterscheidung, eine Unsicherheit hervorrufen, Frequenz/allgemein durchgedrungene, Frequenz/durchweg, Frequenz/einzelne, Frequenz/gar manchmal, auch in größerem Umfange, Frequenz/herrschenden, Frequenz/kaum noch zu hörende Form, Frequenz/noch überwiegen gegenüber, Frequenz/Vorherrschaft, Frequenz/ziemlich herrschende Form, Frequenz/ziemlich üblich, mag weniger stören, Man wird also gut tun, mit diesem Aushilfsmittel, das das Sprachgefühl mit sicherm Takt und, wie gezeigt, durchaus in berechtigter Weise gewählt hat, nicht zu geizen, zumal auf Kosten der Deutlichkeit, maßgebende Muster, nach der neuen Regel zu erwartenden, nicht aus Willkür, nur mit Recht, statt, undeutlichen, Unerträglich aber wird es

Intertextueller Bezug Keller, Wustmann, Wunderlich: Satzb., Bd. 1 (2. Aufl. S. 343 ff.)