Mißbrauch des substantivierten Infinitivs an Stelle von Sätzen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 261 - 262
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Unsicherheit
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Der schlimme Mißbrauch beginnt erst wieder da, wo der Infinitiv, aus Verkennung des Unterschieds zwischen Satz und Satzglied, an ungeheuerlichen Substantivierungen schuld wird, d. h. an ungebührlich langen, schwerfälligen Satzgliedern, deren Inhalt in vollständige Sätze und einfache Zeitwörter gehörte. Statt zu sagen: Fugen über fremden Themen aufzubauen ... sagt z. B. H. Schliepmann: Das Fugenaufbauen über fremden Themen, und: In der blau angestrichenen Tür und der grünen Fensterlade ist ein nicht unangenehmes Sonderwirken gegen die helle Tünche auf den Wänden statt: Die ... Tür und die ... Fenster stechen ab, wirken gegen ... u. a. ä. Vor allem klingt es wieder juristischer, wenn ein solcher Satz: In dem Maße, als er von der stillen Zustimmung des Freundes weniger überzeugt war, nähert er sich der Widerrechtlichkeit, mit Hilfe der Substantivierungsschrauben in einen einzigen Satz gepreßt wird: Mit dem Abnehmen des Überzeugtseins von der stillen Zustimmung des Freundes bei ihm nähert er sich usw.; und auch Kritiker und Denker, die Entwicklungen in knappe Sätze zusammenfassen wollen. Gelehrte, die dasselbe mit der Quintessenz eines Brauches, einer Sage tun wollen, lassen den Herren vom römischen Recht oft nichts darauf. Schon begegnet man dem unschönen Brauche auch in Romanen selbst guter Schriftsteller und fast auf jeder Seite der Zeitungen.

Aus einem Roman zunächst das fast Unglaubliche: Das Zuspätekommen schien die kleine Gewissenhafte ebenso zu scheuen wie das Ohneheftkommen (statt zu spät zu kommen und ohne Heft zu kommen). Von den Besten sagt z. B. M. Greif: dieses sich nähere Befassen mit der tatsächlichen Gestaltung (statt sich ... näher zu befassen). Besonders aber schien den Brauch Jensen in diesen Kreisen einbürgern zu wollen. Man höre nur einiges aus seinen „Runensteinen" und seinem „Schwarzwald": Sie machte sich an das Hervorholen und Austeilen des Inhalts derselben. Er entzog sich dem Beisammenweilen mit seiner Frau (statt vermied zusammen zu weilen). Die Zeit des täglichen Hierherkommens (statt wo sie täglich hierher kam); Zeugnis für ein frühes Bestiegensein des Gipfels. Dem Mädchen kam ein (!) erstes Empfinden und Erkennen der Schönheit und Lieblichkeit des Sonntags, der Sturmesgewalt und Mächtigkeit (!) des Meeres. Das Betreiben der Glasbereitung im Schwarzwald ist bereits ein (!) halbtausendjähriges.

Auch aus Zeitungen einige Beispiele statt vieler. Der erste Versuch bestand in dem Ausziehen geschmolzenen Glases zu äußerst feinen zarten Fäden, welche ... statt zuerst versuchte man das Glas — auszuziehen; ähnlich durfte ein Alpensteiger nicht sagen: Das Überschreiten des langen Grates von einer Spitze zur anderen war bisher eine noch ungelöste Aufgabe, sondern: die Aufgabe, den Grat ... zu überschreiten, war bisher ungelöst. Endlich einige ganz schlimme. Ein Blatt hat nicht etwa klar und durchsichtig gemeldet, daß der Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, $Seite 262$ in Berlin eingetroffen sei, um die Geschäfte des Auswärtigen Amtes zu führen, sondern schwerfällig: das Eintreffen des Botschafters in Paris, Fürsten Hohenlohe, zur Leitung der Geschäfte des Auswärtigen Amtes in Berlin. Ein Berichterstatter eines Winkelblattes, der sich den Kopf zerbrochen hat, warum gerade in der Erntezeit auf dem Lande die Schadenfeuer so zahlreich seien, vermutet, daß die Ursache in dem Anhäufen des Heues durch die Bauern in nassem Zustande unter dem Dache ihrer Scheunen und auf den Böden ihrer Häuser liege; wenn er dafür gesagt hätte: die Ursache liegt vielleicht darin, daß die Bauern unter dem Dache ... oft noch nasses Heu aufhäufen, so wäre die eintönige Aneinanderreihung von fünf Umständen vermieden, auch einem Witzbolde nicht die Mutmaßung ermöglicht worden, ob der nasse Zustand etwa den Bauern zugeschrieben werden solle.


Zweifelsfall

Nominalstil oder Verbalstil

Beispiel
Bezugsinstanz Sprache der Vereine, Zeitungssprache, Schreiber guten Stils, Gelehrte, Greif - Martin, Schliepmann - Hans, Fachsprache (Rechtswissenschaft), Jensen - Wilhelm, Gebildete, Literatursprache
Bewertung

eintönige Aneinanderreihung, fast Unglaubliche, ganz schlimme, klingt wieder juristischer, schlimme Mißbrauch, schwerfällig, schwerfälligen, ungebührlich langen, ungeheuerlichen, unschönen Brauche

Intertextueller Bezug