Mittelwort der Gegenwart zur Bezeichnung einer von der Zeit des Hauptsatzes verschiedenen Zeit

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 109 - 110
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Genannte Bezugsinstanzen: Zeitungssprache, Goethe - Johann Wolfgang, Schriftsprache, Alt, Sprachverlauf, Lessing - Gotthold Ephraim
Text

Weiter ist die Frage wichtig, ob das erste Mittelwort nur, absolut, die Gegenwart und, relativ, die Gleichzeitigkeit bezeichnen oder auch auf die Vergangenheit und Zukunft ausgedehnt werden könne. Im allgemeinen geht dies gewiß nicht an, und erste Mittelwörter sind immer tadelhaft, wenn sie Handlungen ausdrücken, die von der des Hauptsatzes zeitlich und sachlich weit getrennt sind; also derartige: Ein in Dresden 1835 geborner, hier, in Bayern, Tirol und Böhmen seine theologischen Studien absolvierender und 1860 zuerst hier angestellter Geistlicher . . . ist es, um den es sich — im Jahre 1891! — handelt (Dresdner Journal). Oft trifft man den Fehler an einer andern Stelle, wo man ihn nur nicht gern rügt: in Todesanzeigen und Nachrufen, wo er aber nicht geringer ist: Vormittags noch seine Vorlesungen haltend, oder: Einige Stunden vorher noch seinen gewohnten Spaziergang unternehmend, wurde er nachmittags 5 Uhr von einem Hitzschlage getroffen.

Doch wenn man an die wahre Partizipienarmut denkt, derentwegen Paul Richter unsere Sprache gegenüber der lateinischen eine haus-, gegenüber der griechischen gar eine bettelarme nannte, so wird man eine derartige Vernachlässigung des relativen Zeitverhältnisses//1 Paul, Prinzipien (S. 230).// immerhin erklärlich und in einem Falle auch erlaubt finden: dann nämlich, wenn man die durch das erste Mittelwort und die durch das Hauptverb in der Vergangenheit ausgedrückte Handlung als unmittelbar ineinander übergehend auffassen kann, gleich zwei Kettengliedern, deren eines auch in das andere hineingreift, z. B.: In Zug ans Land steigend, kehrten wir im Ochsen ein. Den 26. Oktober von Zürich abreisend, langten wir den 6. November in Nürnberg an (Goethe). Solche Sätze sind mit dem immer häufigeren Reisen und den damit sich mehrenden Reiseberichten selber immer zahlreicher geworden und z. B. nirgends öfter zu finden, als in den Mitteilungen des Deutschen und Österr. Alpenvereins//2 Wenn dort z. B. einer schreibt: Von Tarvis über Raibl durch das Seebachtal wandernd, erreichte ich die Nevea-Alpe im Friaulischen, so wird da der ganze Weg als eine Einheit aufgefaßt und das Vor und Nach der einzelnen Strecken nicht betont. Gar hundertfältig sind auch solche Sätze: Er aber, sehr geschwind das Jäckchen abstreifend, war geflohen, und sie tadeln, weil der Lateiner doch richtiger sage: veste posita, heißt geradezu der deutschen Sprache fremde Art anschulmeistern wollen. Ein solches erstes Mittelwort steht, was sein Tempus anlangt, auf einer Stufe mit dem Imperf., das der Deutsche in einer allbekannten Abweichung von der Art der alten Sprachen auch statt des Plusquamperfekts gebraucht, wenn auch genau genommen die $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ dadurch bezeichnete Handlung vorher gegangen ist und höchstens mit der letzten Entwicklungsstufe an die neue heranreicht: Als er das hörte, erschrak er = Quod cum audivisset, obstupuit.//; besonders musterhaft sind sie trotzdem nicht.

$Seite 110$ Gar nicht darf auch die Verbindung Lessings: das nächstens erscheinende Buch angefochten werden, also auch solche Zeitungssätze nicht: Das Programm für die im nächsten Jahre hier stattfindende internationale Kunstausstellung ist nunmehr endgültig festgestellt. Das Mittelwort der Gegenwart genießt hier dieselbe Begünstigung, wie diese Form selbst so oft zur Vermeidung der schwerfälligen Futurumschreibungen, solange Zweideutigkeit ausgeschlossen ist, besonders durch eine beigefügte Zeitangabe: wir reisen morgen früh//1 Nur an Stelle eines nachfolgenden Hauptsatzes darf das Mittelwort nicht treten; vgl. unten § 335.//.


Zweifelsfall

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Beispiel
Bezugsinstanz Zeitungssprache, Goethe - Johann Wolfgang, Schriftsprache, alt, Sprachverlauf, Lessing - Gotthold Ephraim
Bewertung

tadelhaft, Fehler, erklärlich, erlaubt, nicht musterhaft, schwerfällig

Intertextueller Bezug Paul Richter: Prinzipien (S. 230)