Muster echt deutscher vielfach zusammengesetzter Sätze

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 418 - 420
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Unsicherheit
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Dies eine Einzelheit. Da aber nach § 332 eine hackebrettartige Darstellung in lauter holpernden, polternden, stoßenden Einzelsätzen nicht viel besser ist als die § 402 ff. gerügten unrythmischen Verschlingungen, so kann uns im allgemeinen von dem letzten verbreiterten Übel nur ein Mittel retten, das bisher freilich auf der Schule, selbst der Hochschule wenig oder gar nicht angeregt wird: wir müssen uns in den Satzbau namentlich älterer Stilmeister versenken, auch oder vielmehr gerade mittelhochdeutscher, denen die Schule der Lateiner noch nicht den eigentümlich deutschen, fortspinnenden Satzbau verdorben hatte. So mögen hier wenigstens einige solcher Mustersätze folgen, gelegentlich mit Andeutungen der Schachteleien, die zum Ausdruck der gleichen Gedanken heute würden beliebt worden sein. Nun ward der Abt mit den zweien einig über eine kluge Maßregel, der arme Mann sollte sich das Kind annehmen und es in der Nähe des Klosters erziehen und die Leute also belügen, wer ihn etwa fragen wollte, woher er das Kind genommen hatte, daß es ihm gekommen wäre von seines Bruders Tochter — er konnte gar keine schlauere List erdenken; und sie sollten es später darbringen, wenn sie bis zur Messezeit gewartet hätten, und den Abt bitten, daß er so gütig wäre und selber das Kind taufte und ihm dadurch Gottesgemeinschaft und gottergebenen Sinn gewönne, steht bis auf einige orthographische Abweichungen bei Hartmann v. Aue: heute würde wenigstens in der Mitte geschachtelt worden sein; und die Leute, wenn ihn jemand fragen sollte, woher er das Kind ... hatte, also belügen. — Noch sichrer wäre desselben nächster Satz der beigefügten Umformung: Gehabe dich als ein man, lâ dîn wîplich weinen stân (ez’n mac uns leider niht vervân) und vint uns etlîchen rât, ob wir durch unser missetât ân gotes hulde müezen sîn, daz doch unser kindelîn mit uns iht verlorn sî, daz der valle iht werden drî: Laß dein Weinen, das uns doch nichts nützt, sein und schaff uns einen Rat, daß//1 Es ist ein besonderer Vorteil etwas ungezwungener Stellung, daß dadurch die immer häßlich abgehackt klingende Fügung vermieden wird, bei der von einem Konjunktionalsatze (wohlgemerkt, nicht auch Relativsatze!) durch einen Zwischensatz allein das Bindewort abgetrennt wird.//, wenn wir auch die Gnade Gottes verloren haben, doch nicht auch, sodaß gar drei Fälle wären, unser Kindlein mit uns verloren sei. — Dieselbe häßliche Zerstücklung vermeidet derselbe auch sonst durch gleich ungezwungene Satzfolge: Ich fürhte, unde würde ich alt, daz mich der werlte süeze zuhte under füeze, als sî vil manegen hat gezogen, den ouch ir süeze betrogen.

Dem Meister der mittelhochdeutschen Dichtung mag sich auch Luther, der erste künstlerische Gestalter neuhochdeutscher Prosa, gesellen mit einem Satze seiner Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation: Darum wie es die Not fordert und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll dazu tun, wer am ersten kann, als ein treu Glied des ganzen $Seite 419$ Körpers, daß ein recht frei Concilium werde, was niemand so wohl vermag, als das weltliche Schwert, sonderlich dieweil sie nun auch Mitchristen sind, Mitpriester, Mitgeistliche, mitmächtig in allen Dingen.

Auf demselben Wege geht Goethe mit unzähligen Sätzen der herrlichen Prosa seiner Lehrjahre, von denen auch nur einer dastehn mag: Da nun glücklicherweise Regentage einfielen und eine Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unerträglichen Beschwerden verknüpft war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande wieder näherte und am Fuße des Gebirges in einer schönen und fruchtbaren Ebene an einem sanften Flusse im Sonnenschein ein heiteres Landstädtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte hatte, aber eben deswegen sich entschloß, daselbst zu verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlechten Wege sehr gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen. Unter den Neueren gibt es hierin keine maßgebenderen Lehrmeister als R. Hildebrand und G. Keller. Ein Beispiel von diesem steht § 421, 3 a. E., und über seinen ausgesprochenen Grundsatz berichtet Adolf Frey: „Da er die Poesie gradezu als die mit größerer Fülle vorgetragene Wirklichkeit definierte, so erscheint es begreiflich, daß er durchschnittlich auch vom einzelnen Satz eine gewisse Rundung und Ausdehnung forderte und nicht häufig kurze Perioden und Sätze bildete, es sei denn, daß er einem andern das Wort ließ. Dabei, erklärte er, ist mir weit weniger das Ohr maßgebend als das Auge des Malers, der nach einer gewissen Rundung strebt." Unter den Völkern aber, mit denen wir im geistigen Austauschverkehre stehn, ist keins, das dem deutschen verwandter wäre als das englische, von dessen Schriftstellern wir uns gar manchen, selbst heutigen, viel besser zum Muster nehmen würden als die Franzosen, die ewig nachgeäfft werden, und das meist mit gleichem Unheil für Form und Inhalt. Es sei nur beispielsweise auf Kingsley hingewiesen, dessen echt germanischer Satzfügung in der trefflichen Übersetzung des Fräuleins von Spangenberg klüglich nichts von ihrer Eigenart benommen ist. Zunächst ein Satz von ihm, dessen fortgesponnene Relativsätze (§ 308, 5) gleich gut von Goethe oder einem mittelhochdeutschen Dichter herkommen könnten: Es sind nur zwei von den Fünfhundert, deren moralische Selbstmorde und Untertauchungen in den römischen Avernus ein sogenanntes protestantisches Publikum mit einer heidenmäßigen Schadenfreude betrachtet und nun schreit: Haben wirs nicht gesagt? und stark hofft, daß sie nicht wieder auftauchen, weil man sonst entdecken könnte, daß sie während des Druntenseins doch einiges gelernt hätten. Dann ein einfacherer: Es sollte mich wundern, wenn jemand dem Crassus, als er heranwuchs, diesen Acker geschenkt und ihm befohlen hätte, ihn bei Strafe des Hängens zu bearbeiten, ob er es nicht für eine ihm vorteilhafte Anlage gehalten hätte. Kingsley rühmt in seinem Werke Yeast, dem diese Sätze entnommen sind, wahrlich nicht umsonst die Lektüre Goethes! Aber schon Gellert hat so gestellt: Ich fürchte, wenn ich meine Tugenden und Schwachheiten noch so aufrichtig bestimmte, daß ich doch dem Verdachte der Eigenliebe nicht entgehen würde, und ebenso wieder G. Freytag: Wisset, da ihr mich für einen Soldaten haltet, daß der Kriegsmann sich noch mehr freut als ein anderer, wenn er irgendwo freundliche Gesinnung erkennt.

Mit dieser Empfehlung der deutschen anreihenden und fortspinnenden $Seite 420$ Satzverknüpfung sollen nimmermehr jene Ungeheuer empfohlen werden, die in Verordnungen, in Amts- und Gerichtsstuben und von dort her bei Berichterstattern, denen über Heimatliches zumal, noch immer ihr Leben fristen. Ich meine jene häßlichen Sätze, in denen sich an einen Hauptsatz ein Nebensatz (erster Stufe), an diesen wieder ein von ihm abhängiger zweiter Nebensatz (zweiter Stufe), an diesen einer der dritten und so fort Nebensatz an Nebensatz anschließen, einer um den andern immer mit schwächerem Tone. In den oben angeführten Mustersätzen ist dies einförmige herabsinken des Tones durchaus vermieden. Entweder sind, wie in den drei ersten Beispielen aus H. v. Aue oder dem zweiten Kingsleys//1 Solche Freiheiten sind also noch heute möglich, wenn schon im allgemeinen an einem Satz unmittelbar der andere angeschlossen werden muß, der eine daran anknüpfende, daraus folgende oder jenem widersprechende Tatsache meldet; und es käme z. B. Unsinn mit der Stellung heraus: Weil heller Mondschein war, obgleich kein Licht brannte, war in dem Raume alles zu erkennen. Eine Abweichung ist besonders in der Weise gestattet, daß der Hauptsatz mit einem Zeitwort des Sagens, Begehrens oder Meinens zwischen zwei davon abhängige Nebensätze erster und zweiter Stufe tritt. Bei Goethe steht z. B. hart hintereinander: Da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen; und: Wenn du ja in Ahndung wunderbarer ... Vorbedeutungen lebst, so sage ich dir ...: geselle dich zu meinem Glücke; bei Raabe: Jungferchen, wenn du meine Flügel hättest, so wüßte ich wohl, wohin du den Flug richten würdest; bei Bismarck: Sehr wenig Bajonette reichen hin, um diese Furcht zu erwecken; fallen sie aber weg, so zweifle ich nicht, daß es ungesäumt losgehen würde; bei Lorenz sogar: Während man eigentlich nur von den Überresten des vormärzlichen Österreich zehrte, ist es charakteristisch, daß der alte Metternich in seinem Exil einen Warnruf nach dem andern ergehen ließ und bemerkte, daß sein Schüler zuviel täte. Auch die Sätze mit was — betrifft gehören hierher: Was den Stand betrifft, so weißt du, wie ich von jeher drüber gedacht habe (Goethe). Der Tiefton des eingeschobenen regierenden Satzes verwandelt die kleine Unregelmäßigkeit in Wohllaut. Offenbar ist die Grundstufe der Zwischensatz: Wenn du das Geld jetzt nicht beisammen hättest, so — sagte er —, könntest du es lassen (1); natürlich und bequemlich wurde das so dann gleich zum Zwischensatz gezogen, dieser so formell zum Nachsatze erhoben und infolgedessen die Möglichkeit geboten, auf die Nachsatzstellung zu verzichten; so sagte er, du könntest es lassen (2); auch daß dann hier, wie sonst immer, mit dieser Form der daß-Satz wechselt, ist nur natürlich; so sagte er, daß du es lassen könntest (3), wenn auch selbstverständlich von diesen drei Satzformen die zweite die glätteste ist.//, dem Nebensatze der ersten Stufe einer oder mehrere höherer Stufe voraufgeschickt und so die schwächeren Tonstärken von den beherrschenden in die Mitte genommen. Dazu noch ein Beispiel aus Goethe: Es ist erstaunlich, wenn unsre Einbildungskraft einmal auf etwas heftig gespannt ist, was man stufenweise zu tun fähig wird. Oder es enthält ein Vergleichs- oder Relativsatz, wie in dem ersten Lutherschen, Bedeutung und Tonstärke eines selbständigen Satzes. Auch Subjektssätze, die für gewöhnlich vorangehen, werden nachgestellt und allein deshalb stärker betont; sodann, weil die Objektssätze gewöhnlich die Hauptangabe enthalten, die wichtiger und umfänglicher war, als daß sie hätte mit einem einzelnen Worte gemacht werden können, erhalten auch diese einen stärkeren Ton als der grammatisch übergeordnete Satz und bringen dadurch Abwechslung in den Tonfall. Wenn solche Gründe für den höheren Ton eines der spätern Nebensätze fehlen, wächst mit jedem Nebensatze der höheren Stufe das Unschöne seiner Wirkung, und nicht etwa in dem einfachen arithmetischen Verhältnisse seiner Stufe, sondern im geometrischen//2 Abschreckende Beispiele stehn S. 295 a. E. (vier Relativsätze hintereinander), § 306, 1 a. E. und § 402 f.//.


Zweifelsfall

Hypotaxe oder Parataxe

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Schreiber guten Stils, Zeitungssprache, Bismarck - Otto von, England, Frankreich, neuhochdeutsch, Schriftsprache, Freytag - Gustav, Keller - Gottfried, Gellert - Christian Fürchtegott, Goethe - Johann Wolfgang, Hartmann von Aue, gegenwärtig, Behördensprache, Übersetzer, Spangenberg - Pauline, Kingsley - Charles, Lorenz - Ottokar, Luther - Martin, mittelhochdeutsch, Hildebrand - Rudolf, Raabe - Wilhelm, Literatursprache, neu, Frey - Adolf
Bewertung

bringen dadurch Abwechslung in den Tonfall, denen die Schule der Lateiner noch nicht den eigentümlich deutschen, fortspinnenden Satzbau verdorben hatte, die immer häßlich abgehackt klingende Fügung vermieden, echt germanischer Satzfügung, Eine Abweichung ist in der Weise gestattet, ewig nachgeäfft werden, und das meist mit gleichem Unheil für Form und Inhalt, Frequenz/verbreiterten, gleich gut von Goethe oder einem mittelhochdeutschen Dichter herkommen könnten, hart hintereinander, häßliche Zerstückelung vermeidet, häßlichen Sätze, herrlichen Prosa, holpernden, Mustersätze, natürlich und bequemlich, nur natürlich, polternden, Solche Freiheit sind also noch heute möglich, stoßenden, Übel, Ungeheuer, ungezwungene Satzfolge, ungezwungenerer Stellung, unrhythmischen Verschlingungen, Unschöne seiner Wirkung, Unsinn, verwandelt die kleine Unregelmäßigkeit in Wohllaut, von dessen Schriftstellern wir uns gar manchen, selbst heutigen, viel besser zum Muster nehmen würden, von diesen drei Satzformen die glätteste

Intertextueller Bezug Adolf Frey