Nach gelesenem Briefe u. ä. attributive Mittelwörter (und Eigenschaftswörter) statt Hauptwörter und Sätze

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 351 - 352
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Unsicherheit
Text

Noch heute schießt eine völlig fremde Pflanze auf deutschem Boden empor, genährt von der Erinnerung an die lateinische Lektüre und ein Ableger noch von jener Art, wie ein seiner selbst noch nicht bewußtes deutsches Sprachgefühl die lateinischen Schriftsteller und ihre Nachahmer bis auf die Urkundenleimer verdeutschte oder richtiger — verundeutschte. Das sind hauptsächlich zweite, gelegentlich auch erste Partizipien oder gar Adjektive, die attributiv bei einem Hauptworte stehn, obwohl sie das für den Zusammenhang Wichtigste enthalten, so daß sie nach der Forderung deutschen Gedankenausdrucks vielmehr durch selbständige, ihrerseits tragende Satzteile, Hauptwörter oder Sätze, wiederzugeben wären. Dieser Fehler ist deutlicher als jeder andre nichts als Nachäffung des Lateinischen, das bei seiner Unfähigkeit, für Handlungen und Zustände die genügende Zahl bezeichnender Hauptwörter zu bilden, seine Zuflucht dazu nehmen mußte, das logisch Wichtigere, die Mitteilung über den Eintritt einer Tatsache und eines Zustandes, in einem grammatisch untergeordneten Satzgliede, dem Attribute, auszudrücken. Hier bedeutet doch wahrlich unser stolzer Reichtum an Hauptwörtern einen großen Vorteil, da er uns der logischen Form des Gedankens gerechter werden läßt. Wer müßte auch nicht unwillkürlich lachen, wenn er sich einmal genau überlegt, was denn für sein deutsches Sprachgefühl solche Ausdrücke wie die folgenden eigentlich besagen? Mit weggelassener Überschrift ungenau abgedruckt (Grimm) und wegen unterlassenen Gebrauchs des aufregenden Mineralwassers (Goethe). Doch nichts anderes als: ein Werk ist gedruckt mit einer Überschrift, aber — einer weggelassenen. Der Grund war der Gebrauch des Mineralwassers, aber der unterlassene! Goethe mit Fügungen wie: Nachrichten von meinem gefeierten Geburtsfeste (statt: von der Feier des Festes), oder gar: nach gelesenem diesem Blatte steckt ebenso gut in Latinismen als Schiller mit der gleich schlimmen: nach $Seite 352$ aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung. In lauter stärker betonte Wörter ist der wichtigste Begriff im folgenden Satze eingewickelt: Der dem Publikum durch Revuen und Spazierfahrten verheimlichte bedenkliche Gesundheitszustand des Kaisers Napoleon hat die Blicke der Eingeweihten nicht ohne Besorgnis auf die Zukunft Frankreichs gelenkt; der Herr Diplomat hätte besser etwa geschrieben: Durch das Bedenkliche im Gesundheitszustände des Kaisers waren, wenn es auch ... verheimlicht wurde, die Blicke der Eingeweihten usw. Wenn dazu in einem Ortsblättchen steht: Im Tännicht wurde schon einmal, im Jahre 1648, ein Dankgottesdienst anläßlich (!) des beendigten Dreißigjährigen Krieges abgehalten, und bei dem Reiseschriftsteller v. Proskowetz: Man ist trotz der seltenen Eßstationen dem Hungertode nicht preisgegeben (statt: trotz ihrer Seltenheit oder besser: obgleich sie selten sind), so steht das im Grunde alles auf gleicher Stufe mit solchen Anzeigen: Falsch gebildete, durch Tremolieren stark gelittene Stimmen (statt: Verbildungen und durch Tremolieren hervorgerufene starke Schwächen der Stimme) werden gründlich beseitigt. Selbst statt der überaus üblichen Wendung: Der Arzt konnte nur den eingetretenen Tod bestätigen, müßte es genau genommen lauten: ... bestätigen, daß der Tod bereits, schon soundso lange eingetreten sei.


Zweifelsfall

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Beispiel
Bezugsinstanz Sprache der Werbung, Goethe - Johann Wolfgang, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, Sprache der Politik, Sprachverlauf, gegenwärtig, Zeitungssprache, Proskowetz - Max von, Schiller - Friedrich, Behördensprache
Bewertung

besser, der logischen Form des Gedankens gerechter, ein Ableger noch von jener Art, wie ein seiner selbst noch nicht bewußtes deutsches Sprachgefühl doe lateinischen Schriftsteller und ihre Nachahmer bis auf die Urkundenleimer verdeutschte oder richtiger - verundeutschte, Fehler, Frequenz/überaus üblichen, genährt von der lateinischen Lektüre, gleich schlimmen, müßte es genau genommen lauten, nichts als Nachäfung des Lateinischen, statt, steckt ebenso gut in Latinismen, steht das im Grunde alles auf gleicher Stufe, vielmehr wiederzugeben wären, völlig fremde Pflanze auf deutschem Boden, Wer müßte auch nicht unwillkürlich lachen

Intertextueller Bezug