Nebensätze, bes. mit um zu, falsch an Hauptwörter statt an Sätze angeschlossen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 315 - 316
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Unsicherheit
Text

In allen den Fällen der Beziehung eines Bindewortes auf einen einzelnen Begriff, deren Rechtfertigung zuletzt versucht wurde, enthalten die Sätze mit diesen Bindewörtern ein Urteil des Darstellers über einen Ausdruck des vorangehenden Satzes, den wieder er, selbst so urteilend oder ein Urteil nachsprechend, ausgesagt hat, der aber mit dem folgenden Satze in keinem grammatischen Verhältnisse der Rektion steht. Wohl davon zu scheiden und im allgemeinen zu tadeln sind die andern fast häufigeren Fälle, in denen von substantivischen Einzelbegriffen in Satzform Umstände innerlich abhängig gemacht werden, welche eine Handlung objektiv nach Ort und Zeit und nach der Modalität, also nach Grund, Zweck, Bedingung und Folge bestimmen. Solch satzförmige Bestimmungen aber können nur wieder von einem Satze, d. h. von dessen Zeitworte abhängen, nicht von einem Begriffe, der nur seiner Art nach durch eine Beifügung auf die Frage was für ein? umgrenzt werden kann (was für eine Absicht? eine gute Absicht, die Absicht zu nützen; was für ein Zweifel? der Zweifel, wie hier noch etwas zu retten sei). Also können wohl, wenn sie nur artbestimmend sind, selbst Zeitsätze zu einem Hauptworte gefügt werden. Vgl. Dennoch ersänk' ich, du Gottversöhner, dein Leiden zu singen, als mit dem Tode du rangst (Klopstock). Sein ganzes Reich gleicht unsrer Eisbahn auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach (G. Freytag). Die Reue Eures Sohnes, Euer Verdammungsspruch, bevor Ihr mich gehört habt, machen mir’s zum Ekel (Maxim. Klinger). Er flüsterte ihm die Geschichte seiner tollen Schmugglerfahrten, ehe er vor acht Monaten ein Ehemann geworden, ins Ohr (Bernhardine von Schultze-Schmidt). Das aufrauschende Staunen und die flüsternden Beratungen der Wipfel über ihm, wenn er zwischen Farren, Moosen, Steinen und Wurzeln stillstand, und manches andere wirkte beklemmend auf ihn ein (G. Hauptmann, E. Quint). Die Probe auf die attributive Natur des Satzes läßt sich leicht machen, indem man hinter dem Hauptworte die Wendung: wie er (sie, es) ist (war) einzuschieben sucht; ist dies möglich, so ist die Satzfügung unanfechtbar. Vgl. den Satz Schillers: Stellen Sie sich mein Erstaunen vor (nämlich: wie es war), als mir das weiße Gewand meiner Unbekannten entgegenschimmerte. Darüber hinaus aber hat die Möglichkeit, Zeit- wie andere Umstandsätze an Hauptwörter anzufügen, ein Ende, und es dünkt mich am bedenklichsten, daß solche Fehler hauptsächlich im heutigen Schul- und Kathederdeutsch zu Hause sind. Steht doch sogar bei dem strengen Heyse eins: über die Deklination eines Personennamens (statt: darüber, wie ein Personenname dekliniert wird), wenn er mit andern Gattungs- und Eigennamen in Verbindung tritt, und bei einem andern Sprachtadler das folgende: Die Weglassung der Kasusendungen, auch wo diese zum Verständnis durchaus notwendig sind. Solchen Bedingungssätzen kommen Zeitsätze am nächsten, $Seite 316$ so bei G. Freytag: Das Weib wünschte uns Unheil, wenn wir auf unserm Wege den Kriegern ihres Volkes begegnen würden. Auch einen kausalen führt Andresen aus einer Zeitung an: die Ermordung Hassan Paschas, weil dieser eine Christenmetzelei verhindern wollte; und leicht durch einen Relativsatz zu umgehen war die Gewalttätigkeit in dem Satze G. Kellers: Die räumliche Entfernung unserer Heimatlande untereinander, indem sie im äußersten Norden, Westen und Süden des ehemaligen Reichslandes liegen, verband uns mehr, als daß sie uns trennte.

Weitaus die meisten Beispiele sind aber Infinitive mit um zu oder gleichbedeutendem zu, zu denen wohl die berechtigten attributiven Infinitive mit zu verführen mögen und bei denen man auch, wenn auch alle tadelnswert sind, einen geringern und einen größern Grad des Unschönen sondern darf. Sie sind weniger verletzend, wenn der regierende Begriff eine Substantivierung für den einzelnen Fall ist und der Satz ein Ziel angibt: Das Einspringen des Fürsten Bismarck, zu retten (Köln. Ztg.); Die zeitweilige Übersiedelung nach Berlin, um in der Staatsverwaltung tätig zu sein und seinen Bruder in der Repräsentation bei Hofe zu unterstützen, dürfte den Wünschen des Prinzen Heinrich selbst entsprechen//1 Schwülstig bleibt ein solcher Satz immer; lieber also Daß Prinz H. ... übersiedelt, um ... , dürfte seinen eignen Wünschen entsprechen; dann erführe man auch rechtzeitig, um wessen Übersiedlung sichs handelte.//. Der Fehler wird desto empfindlicher, je fester das Substantiv einen Zustand oder ein Ruheverhältnis ausdrückt. Dem Satze: Ich hatte mir seinen Messias so zu eigen gemacht, daß ich ihn bei meinen öftern Besuchen, um Siegelabdrücke für meine Wappensammlung zu holen, große Stellen davon vortragen konnte, benimmt es also nichts von seiner Bedenklichkeit, daß er von Goethe geschrieben ist. Er ist so schlimm, als wenn Kügelgen geschrieben hat: ein altes Tabernakel, dessen Schmucklosigkeit sich von einem gewöhnlichen kleinen Wandschränkchen, um Brot und Käse zu verwahren, gar nicht unterschied; oder Hebbel: Eine Reise nach Meldorf, um die alte Großmutter ... zu besuchen, war der höchste Reiz; oder G. Hauptmann (E. Quint): Er wurde mit einem Ereignis vertraut, der Sendung des eingebornen Sohnes Gottes selbst, um die Welt vom Sündenfluch zu erlösen. In der Tgl. R. nannte gar ein — „klassischer Professor" die Strategie eine Größe, falls das Ziel (den Feind zu vernichten) verwirklicht werden muß, und redete davon, daß der neudeutsche Geist zur Gesinnung der Verteidigung des Landes in aufgedrängtem Notfall geläutert worden ist, wo das Wort Verteidigung einem Bedingungshauptsatz und die Worte im ... Notfalle den Nebensatz dazu vertreten: das Land verteidigen zu wollen, wenn der Notfall aufgedrängt wird. Drum immer wieder, man meide möglichst die unsaubern Substantivierungen!


Zweifelsfall

Ambige Satzanschlüsse

Beispiel
Bezugsinstanz Gebildete, Wissenschaftssprache, Schulze-Smid - Bernhardine, Freytag - Gustav, Hauptmann - Gerhart, Keller - Gottfried, Goethe - Johann Wolfgang, Hebbel - Friedrich, gegenwärtig, Gebildete, Wissenschaftssprache, Schulsprache, Heyse - Paul, Klopstock - Friedrich Gottlieb, Köln, Zeitungssprache, Kügelgen - Wilhelm von, Klinger - Max, Schiller - Friedrich, Sprachgelehrsamkeit, Zeitungssprache, Zeitungssprache
Bewertung

alle tadelnswert, Bedenklichkeit, berechtigten, Darüber hinaus aber hat die Möglichkeit ein Ende, dünkt mich am bedenklichsten, falsch, Fehler, Fehler wird desto empfindlicher, Frequenz/gast häufigeren Fälle, Frequenz/Weitaus die meisten Beispiele, geringern und einen größern Grad des Unschönen sondern darf, Gewalttätigkeit, im allgemeinen zu tadeln, können wohl gefügt werden, leicht durch einen Relativsatz zu umgehen, lieber also, man meide möglichst, nicht, nur, Schwülstig bleibt ein solcher Satz immer, so schlimm, unanfechtbar, unsaubern, weniger verletzend

Intertextueller Bezug Andresen