Schwankungen zwischen der starken und der schwachen Konjugation

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 89 - 91
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit
Text

Solche Freude dürfen uns denn bereiten die starken Formen von dingen, von dem es wohl in bekannter Anwendung immer heißt bedingt sein, ebenso in der in § 419,4 gerügten: eine Tatsache bedingte die andere, aber sonst er dang den Mörder, der Mörder war gedungen, sowie auch in der Bedeutung ausmachen: er bedang sich — (aus), hat sich (aus)bedungen z. B. wöchentlich eine Fuhre; nicht minder die von aufdringen: er hat sich aufgedrungen, das Geschenk ist ihm aufgedrungen worden, so gewiß die schwachen Formen von (auf)drängen im Vorrücken sind: sie drängten in Schiller (J. Minor); die Rossi drängten nicht auf Zahlung, und: Ich dränge in Sie (DAZ. 27); ich dränge darauf, daß die Regierung nicht länger zögere (Übers. v. Paléologue, Am Zarenhof). In diese Reihe gehört auch ich frug, so sehr es auch noch von manchen angefochten wird, und neben steckte, welches transitiv wie intransitiv ist (er steckte den Brief ein, er steckte in Schulden), das schon sehr häufige, immer intransitive stak //1 Z. B. Augsbg. Allg. Ztg. 20/5. 82. N. Illustr. 20/7. 81. M. Ebeling, Blicke in vergessene Winkel (1889) II, 26.// (er stak im Moraste). Daß es beide in der Schriftsprache nur zu einem starken Imperfektum, nicht auch einem solchen zweiten Partizip gebracht haben, kann nichts verschlagen, da es ja auch Verben gibt, von denen nur noch ein zweites starkes Mittelwort üblich ist. So von mahlen noch durchaus; das Getreide nämlich wird gemahlen, nicht aber auch, wie es nach einer Anzeige: „Gemalene Bierseidel" in einem süddeutschen Blatte dort üblich scheint, Gläser und Bilder; ebenso gilt eine Suppe oder eine Rechnung, die Koch oder Wirt versalzte, für versalzen, während freilich geschroben, gespalten und gefalten fast nur noch adjektivisch vorkommen: ein verschrobener Mensch, kleingespaltenes Holz, mit gefaltenen Händen, und auch so schon gespaltet und gefaltet möglich und eigentlich verbal durchaus herrschend sind //2 Sander's Gleichstellung der starken und schwachen Biegung von schrauben trifft $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ nur für die norddeutsche Mundart zu, und lediglich mit ihr vertraute Schriftsteller gebrauchen starke Formen auch einmal in der Schriftsprache: Voß, Mitscherlich, Immermann, Storm, Wards Übersetzerin Th. Leo, H. Leip.//Ganz entschieden muß auch noch zurückgewiesen $Seite 90$ werden haute und gehaut //1 Trotz den Flieg. Blättern schon 1874; Bömers, Gepa I, 212. Noé, Jahreszeiten 1888 (S. 119). H. Hoffmann, Von Frühling zu Frühling 1890, S. (380). Chiavacci, Wiener vom Grund 1890; C. Kühlmann 1914: daß er zuhaute; Fr. Castelle, H. Löns und seine Heide; Trentini, Geburt des Lebens.// statt hieb und gehauen, backte statt buk und bratete und J. Grimms Duldung der schwachen Form als Transitiv: er bratete Äpfel statt briet trotz Schillers Vorgange. Die bei einzelnen Klassikern wohl vorkommenden Ansätze zu den schwachen Bildungen geneste und genest, gedeihte und gedeiht statt genas, genesen, gedieh, gediehen haben sich auch nicht weiter entwickelt; und das zur Zeit der Schlegel, Schiller und besonders bei Goethe überwiegende gleitete, gegleitet ist gegenüber glitt, geglitten wieder ins Hintertreffen gekommen. Auch Auerbachs kneifte statt kniff steht noch vereinzelt, während das verwandte kneipte (in den verschiedensten Bedeutungen) seit Goethe, der es ausschließlich anwandte, als feiner gilt denn das der Mundart verdankte knipp und gleich häufig wie diese starke Form vorkommt. Ebenso ändern sehr vereinzelte schwache Formen von schleißen, trügen, zeihen nichts daran, daß man diese drei Verben noch durchaus stark zu konjugieren hat. Auch speien ist außer in kirchlichen Darstellungen der Leidensgeschichte, obwohl es im vorigen Jahrhundert schon allgemein schwach gebeugt wurde, wieder durchgängig stark: spie, gespien. Dagegen wird die Vorherrschaft von troff vor triefte, wenn sie überhaupt noch vorhanden ist, am längsten gedauert haben, da das Partizip getrieft längst vorherrscht, infolge des Strebens, dem Partizip getroffen von treffen auszuweichen. Die Unsicherheit, die durch die Bedeutungsverwandtschaft von verbieten (verbot, verboten) und sich verbitten (verbat, verbeten) in den Gebrauch ihrer 2. Mittelwörter gekommen ist, hat dann sogar auf bitten und beten übergegriffen, so daß ein G. Hauptmann (E. Quint) schreibt: ,Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiliget werde dein Name.' Dies war gebeten, nicht für den Bittenden, sondern für Gott. Auch H. Heine hat geschrieben: Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten in Winterskälte und Hungersnöten. Gar ungeheuerlich ist nach der altertümlichen Gegenwart: (was da) kreucht und fleugt, von Findeisen gebildet: Das mußt du uns versprechen, entfleuchtes seliges Himmelskind; und ein Alpinist schreibt 1919: alles, was darin kreuchte und fleuchte!

Ganz verkannt haben schon die Schriftsteller und Grammatiker des achtzehnten Jahrhunderts, daß die allein naturwüchsigen Formen ich (er)kor, (er)koren zu einer Gegenwart kiesen gehören (wie verlor(en) zu verlieren, ursprünglich verliesen); und beide im Munde haben ein Verbum küren in Gang gebracht, so daß man nun einer Zeitung ihren freigekürten (statt er-, gekornen) Bräutigam nicht zu übel nehmen darf. Ähnlich steht es fast auch mit dünken, das, in seiner Bildung mit denken und bringen gleich, in der Gegenwart nur es dünkt, nicht wie oft zu hören, auch es deucht, und in den Formen der Vergangenheit nur deuchte, gedeucht, nicht auch, wie freilich wieder nicht selten, dünkte, gedünkt haben sollte.

Der seltnere Fall, daß schwache Verben stark gebeugt werden, kommt am leichtesten dann vor, wenn von Hauptwörtern abgeleitete Verben fälsch- $Seite 91$ lich als mit starken einfachen zusammengesetzt aufgefaßt werden; so wenn gesagt wird: die Menge umrang ihn, er wurde umrungen statt umringte, umringt, weil das Wort doch von älterem umberinc = Umkreis herkommt; oder der Berufung wurde willfahren statt willfahrt, da das Wort mit fahre, fuhr nichts zu tun hat; aus gleichem Grunde heißt es von radebrechen nicht radebrichst u. ä., sondern radebrechst, radebrecht(e), geradebrecht. Die Forderung des Tages und frische Lust am Sprachgestalten hat jetzt eine ganze Reihe solcher Ableitungen von Hauptwörtern geschaffen: es wurde, nach Nietzsches Vorgang z. B. mit das Glück mutwillt, generalstreikt; er notlandete, notgelandet; man notschlachtete, notgeschlachtet; sie schwarzschlachteten, schwarzgeschlachtet; sie rundfunkten, gerundfunkt; er hochstapelte, gehochstapelt: er bildhaute (Trentini), sie brandmalte (Ztg. 26); ein gesonntagtes Wesen (V K. 26); der Schutzmann pflichtwandelte auf dem Bürgersteig (Jug. 25), gepflichtwandelt; Selbst Kollege Jannings beifallte puterroten Kopfes (D. Ztg. 23), und, mit der Unfallversicherung geboren, so unschön als überflüssig: der Eisendreher verunfallte beim Abladen eines Kammrades. Auch lobsingen (von lobesanc: Sang zu [Gottes] Lob) bleibt am besten auf die vereinzelten Formen der Gegenwart und Befehlsform beschränkt, die ausschließlich im geistlichen Schrifttum üblich waren, und ebenso das nach seinem Muster gebildete lobpreisen. In den Meggendorfer Blättern ist freilich gewagt: So ein Haus hab ich noch nicht gesehen, lobsang meine Frau; und in der Jugend 24: Engelschöre, die den Herrn laut lobpriesen. Anderseits A. Bonus' Es klopfficht um den Wein von Kana und die Geschichtlichkeit Jesu ist berechtigte starke Form von einer untrennbaren Zusammensetzung von fechten; und Trentini durfte nicht schreiben: wenn der Kaplan mir vorhaltet (statt: vorhält), als ob die Form von Vorhalt käme.


Zweifelsfall

Verb: Starke und schwache Flexion

Beispiel

bedingt, dang, gedungen, bedang sich aus, ausbedungen, aufgedrungen, drängten, drängten, drängte, frug, steckte, stak, gemahlen, versalzte, geschroben, gespaltenes, verschrobener, kleingespaltenes, gefaltenen, gespaltet, gefaltet, haute, gehaut, hieb, gehauen, backte, buk, bratete, briet, genest, gedeihte, gedeiht, genas, genesen, gedieh, gediehen, gleitete, gegleitet, glitt, geglitten, kneifte, kniff, kneipte, knipp, gespien, spie, troff, triefte, getrieft, getroffen, verbot, verboten, verbat, verbeten, gebeten, kreucht, fleucht, entfleuchtes, kreuchte, fleuchte, kor, erkor, koren, erkoren, verlor, verloren, verlor, verloren, freigekürten, freigekürt, gekornen, dünkt, deucht, deuchte, gedeucht, dünkte, gedünkt, zuhaute, umrang, umrungen, umringte, umringt, willfahren, willfahrt, fahre, fuhr, radebrichst, radebrechst, radebrecht, radebrechte, geradebrecht, mutwillt, generalstreikt, notlandete, notgelandet, notschlachtete, notgeschlachtet, schwarzschlachteten, schwarzgeschlachtet, rundfunkten, gerundfunkt, hochstapelte, gehochstapelt, bildhaute, brandmalte, gesonntagtes, pflichtwandelte, beifallte, verunfallte, lobsang, lobpriesen, klopfficht, vorhaltet, vorhält, dingen, aufdringen, drängen, aufdrängen, mahlen, versalzen, schrauben, geneste, schleißen, trügen, zeihen, treffen, verbieten, verbitten, beten, bitten, kiesen, verlieren, verliesen, dünken, denken, bringen, radebrechen, lobsingen, lobpreisen, fechten, bedingte, erkornen, gekornen

Bezugsinstanz 18. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Sprache der Vereine, Auerbach - Berthold, Augsburg, Zeitungssprache, Zeitungssprache, Bömers - Carl, Bonus - Arthur, Castelle - Friedrich, Chiavacci - Vinzenz, Zeitungssprache, Ebeling - Max, Findeisen - Kurt Arnold, Zeitungssprache, Kirchensprache, Goethe - Johann Wolfgang, Sprachgelehrsamkeit, Grimm - Jacob, Hauptmann - Gerhart, Hauptmann - Gerhart, Heine - Heinrich, Hoffmann - Hans, Immermann - Karl, Literatursprache, Zeitungssprache, Familie, Kirchensprache, Literatursprache, Kühlmann - C., Leip - Hans, Leo - Therese, Meggendorf - Lothar, Zeitungssprache, Minor - Jakob, Mitscherlich - Waldemar, Mundart, Nietzsche - Friedrich, Noe - Heinrich, norddeutsch, Zeitungssprache, Schiller - Friedrich, Schlegel - Friedrich, Schriftsprache, Literatursprache, Schriftsprache, Storm - Theodor, süddeutsch, Trentini - Albert von, Zeitungssprache, 19. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Voß - Johann Heinrich, Zeitungssprache, Zeitungssprache
Bewertung

altertümlich, Duldung, durfte nicht schreiben, fälschlich, feine Bildung, feiner, Frequenz/nicht selten, Frequenz/oft, Frequenz/sehr vereinzelt, Frequenz/selten, Frequenz/üblich, herrschend, naturwüchsig, nicht, überflüssig, ungeheuerlich, unschön, verkannt

Intertextueller Bezug Sander