Selten, eigen, vielfach, scheinbar u.a.

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 447 - 450
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Goethe - Johann Wolfgang, Wyle - Niklas von, Griechisch, Zeitungssprache, Jensen - Wilhelm
Behandelter Zweifelfall:

scheinbar oder anscheinend

Genannte Bezugsinstanzen:
Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Ambiguität

Genannte Bezugsinstanzen: Boyen - Hermann von, Adelung - Johann Christoph, Umgangssprache, Süddeutsch
Text

Unter den Umstandswörtern gilt selten für ein rechtes Modewort, wenn es auch nicht so neu ist, wie manche meinen; denn Adelung hat es schon 1808 als in der Umgangssprache häufig belegt. Denn den heute gang und gäben Ausdrücken: ein selten schöner Stil, ein selten reicher Ertrag der Ernte, ein selten fleißiger Schüler, der Eindruck war ein selten wohltuender, lassen sich denn auch schon aus den dreißiger Jahren Wendungen anreihen wie: Ich halte ihn für einen selten patriotischen Mann, und schon v. Boyen schrieb damals von der selten (= sehr) glücklichen Ehe seiner Eltern. Das Bedenkliche der Anwendung liegt darin, daß alle diese Fügungen auch gerade das Ge- $Seite 448$ genteil von dem bezeichnen können, was sie sollen. Tatsächlich oft verwechselt werden anscheinend und scheinbar, die freilich beide auf das Verhältnis zwischen Schein und Wirklichkeit gehen, über jenes diese als möglich bejahend, dieses sie verneinend und daher oft verbunden mit nur. Das Paar ist anscheinend (= wohl) glücklich, aber: das Paar erfreute sich eines [nur] scheinbaren (= keines) Glückes. Der alte Feindbund begründet seine unerhörten Forderungen mit Deutschlands anscheinend wiedergewonnenem Wohlstand, wir Deutsche wissen, wie scheinbar diese neue Blüte ist.

7. Das immer stärkere Übergewicht von Technik und Naturwissenschaft in Theorie wie Praxis hat natürlich ebenfalls neue Wörter und Bilder gebracht. Sie können gar wohl treffend sein, wie etwa verkraften (statt: automatisch betreiben; das ganze verkraftete Verkehrswesen; Fernsprecher, Lautsprecher; Wassern, Wasserung von der Wasseraufnahme der Flugzeuge; einwecken nach dem Erfinder dieses Einmachverfahrens J. Weck in Öflingen und röntgen, geröntgt (nicht: röntgenieren) nach dem Entdecker der jetzt in der Heilkunde so viel benützten Strahlen, dem Münchner Professor Wi. Ko. Röntgen. Auch ist gegen Neuworte von diesen wie andern Gebieten an sich nichts einzuwenden, da auf ihnen Bereicherung und genauere Bestimmtheit des Wortschatzes beruht, nur dürfen sie nicht einseitig gehäuft und zum Schaden besseren alten Sprachgutes bis zur Sinnlosigkeit nach- und abgebraucht werden. Aber jetzt ist alles auf Fernwirkung, auf Verdienst, auf Verunglimpfung der Gegner, ist der Abgeordnete demokratisch eingestellt, und Mensch, Rede, Buch, Gesellschaft wird je nach persönlicher Einstellung beurteilt. Würdig reihen sich die eingesetzten Truppen und Kräfte und die Auswirkung (statt: Einwirkung) des Zeitalters und seiner neuen Anschauungen auf das deutsche Volkstum, auf das deutsche Bildungsgut an. Man schaltet nicht mehr bloß Strom, Kraft, Licht aus, sondern auch eine Partei aus Verhandlungen und aus Parteirücksichten die naheliegenderen Steuerquellen, ja schon heißt es auch nichtzielend: die deutschnationale Volkspartei schaltet bei der Frage der Großen Koalition, N. N. schaltet bei einem Wettbewerb aus. Alles löst eine Wirkung, ein Fußtritt eine Lawine, der Witz des Redners kolossales (!) Gelächter, ein drohendes Gewitter eine allgemeine Panik aus, die sich katastrophal auswirkt. Wenn die Zeit bis zum Abgang des Zuges knapp wird, dreht auch der Fußwanderer hochgradig an. Bücher und Vorträge sind heut immer quellen- und zahlenmäßig verankert und tiefschürfend, und im Zeitalter der Sonnenbäder heißt nicht nur Dietrich Schäfers Geschichtsschreibung von lebendigem politischem Gefühl, sondern bald jede frische Darstellung durchblutet. Steuern, Reformpläne, ja Minister sind für Volk oder Parteien nicht tragbar, Pläne, Gedanken, Vorschläge abwegig; das deutsche Volk ist immer noch der schon von Bismarck verspotteten Grundsatzpolitik verhaftet, und die Regierungsmaschine (!) arbeitet dauernd im Leerlauf, und wenn sie einmal richtig eingegleist ist, wird sie vom aufgepeitschten Widerstand der Massen zwangsläufig aus der Bahn geworfen. Die junge Persönlichkeit des viel aushäusigen Sohnes, für die sich häusliche Versklavung und Arbeitsenergie erübrigt, trägt nicht nur eine richtiggehende Uhr, sondern auch einen richtiggehenden Anzug, der tadellos sitzt, und für elterliche Vorstellungen von der Vordringlichkeit der Schulpflicht hat er $Seite 449$ nur die eine Antwort: „Ausgeschlossen“. Fragen werden nur noch angeschnitten, Gedanken dazu nur in kraftvollster Ballung vorgetragen und Kunstwerke schmissig ausgeführt; und erscheint ausgerechnet ein seriöser Gegner im Blickfeld oder auf der Bildfläche, so wird ihm Engstirnigkeit unterstellt, und damit ist er glatt erledigt.

Nicht schlechthin berechtigt ist dagegen wieder der Feldzug gegen eigen, eigenartig vor Adjektiven und Adverbien. Denn solche Wendungen: es war mir eigen ergreifend, sich eigen teilnehmend erweisen entsprechen schon bei Goethe genau der folgenden adjektivischen Verwendung bei dem nämlichen Meister: Es ist eine eigene Sache, Wilhelm war auf eigene Weise beschäftigt. Wohl aber ist es so verkehrt wie möglich, wenn jetzt eigen auch statt selbst zu Zusammensetzungen benutzt, wenn geredet wird von eigengeschlachteten Schweinen, eigenabgezogenem Wein, einem eigengebauten Boote //1 Das Neueste ist, daß dieser Gebrauch aus den Zusammensetzungen auch in die selbständige Anwendung übergreift: einer Schätzung um ihrer eigen willen können sich nur die wenigsten Künstler rühmen (E. Boehlich, Goethes Propyläen 1915.)// statt einem selbstgebauten. Anderseits auch diese Bildung mit selbst zu beanstanden ist grundlos, da ihre Bespöttelung, als ob das ein Boot sein müsse, das von sich, dem Boote selbst, und nicht von seinem Benützer erbaut wäre, höchstens grammatische Spitzfindigkeit, aber keinen Einblick in das Wirtschaften der Sprache verrät. Schon die Griechen haben mancherlei solche Bildungen wie avto — und bei uns hat schon i. J. 1740 Niklas von Wyle z. B. von selbsgewunnen Gute gesprochen. Immer öfter begegnet man einer falschen Verwendung von vielfach statt des Adverbs oft und auch statt des Adjektivs viel. Aber wenn man sagt: Bei dem Festzuge wurde sein Name vielfach genannt, so hieße das eigentlich: bald so, bald so, wie auch Jensens Ausdruck: Die Kinzig mit ihren vielfachen Nebenbächen nach Bächen mit drei- und mehrfachem Laufe suchen läßt. Auch dergestalt, derart, die so deutlich als möglich die Bezeichnung der Art in sich tragen, werden heute verständnislos auch für die räumliche und zeitliche Ausdehnung gebraucht: Der Main zieht sich dergestalt (statt so weit) zurück, daß meilenweite Flächen trockengelegt werden. Dagegen ist es glücklicherweise noch auf Österreich und Süddeutschland beschränkt, daß neuerdings, das immer nur mit neulich, kürzlich gleichbedeutend sein kann, auch für wieder, nochmals, von neuem angewandt wird. Ebendort ist auch bislang statt des richtigeren bisher daheim. Allgemein aber hat sich aus dem an sich richtigen Gebrauch von restlos in den amtlichen Kriegsnachrichten (Die Franzosen wurden restlos abgewiesen) der üble Mißbrauch entwickelt, dieses Wort auch da anzuwenden, wo das Bild von einem Reste gar nicht möglich ist, wie in dem Satze: Die Kritik hat ihn restlos anerkannt. Eine Verwechslung von ausnahmsweise mit ausnehmend (= sehr) zeigen die Sätze einer südd. Ztg.: Der Händler bietet ausnahmsweise (also sonst nicht?) schönen Blumenkohl an, und: Die Chöre wurden ausnahmsweise schön gesungen. Gedankenlose Gespreiztheit ist es ferner, wenn bloß von der Gleichheit der Handelnden oder Handlungen die Rede sein kann, statt des einfachen auch zu sagen gleichzeitig: Der Verbrecher wurde durch den hiesigen (Goslarer) Polizeikommissar und einen Berliner Kriminalschutzmann in einem Berliner Hotel verhaftet und gleichzeitig in das hiesige $Seite 450$ Untersuchungsgefängnis eingeliefert, und: Es ist festzustellen, daß die malerischen Entwürfe für das Singspiel von dem hiesigen Maler N. entworfen sind und auch gleichzeitig ausgeführt wurden.

§ 420. Soviel die Zahl der Verbindungen, die man durch die wechselnde Zusammenfügung der schon so zahlreichen Stücke unsers Sprachschatzes herzustellen vermag, größer ist als die Zahl dieser Einzelstücke, um so viel müßte auch, Vollständigkeit in beiden Sammlungen vorausgesetzt, eine Zusammenstellung widerspruchsvoll zusammengesetzter Wendungen reicher werden als eine Auszählung widersinnig gebrauchter Einzelausdrücke. Es kann demnach nur an einigen, darunter recht einfachen Beispielen gezeigt werden, wie sehr und den meisten Schreibenden unbewußt dieser Schaden das Gewand sprachlicher Darstellung schon durch Unnatur und Unwahrheit entstellt, während dessen größte Schönheit doch in der schlichten Wahrheit beruht.


Zweifelsfall

scheinbar oder anscheinend

Beispiel

ein selten schöner Stil, ein selten reicher Ertrag, ein selten fleißiger Schüler

Bezugsinstanz
Bewertung

[…] nur dürfen sie nicht einseitig gehäuft und zum Schaden besseren alten Sprachgutes bis zur Sinnlosigkeit nach- und abgebraucht werden., das immer stärkere Übergewicht von Technik und Naturwissenschaft in Theorie wie Praxis hat natürlich ebenfalls neue Wörter gebracht., gedankenlose Gespreizttheit, höchstens grammatische Spitzfindigkeit, oft verwechselt, Unter den Umstanswörtern gilt selten für ein rechtes Modewort, wenn es auch nicht so neu ist, wie manche meinen;

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Lexikalische Ambiguität

Beispiel
Bezugsinstanz Boyen - Hermann von, Adelung - Johann Christoph, Umgangssprache, Süddeutsch
Bewertung
Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Goethe - Johann Wolfgang, Wyle - Niklas von, Griechisch, Zeitungssprache, Jensen - Wilhelm
Bewertung
Intertextueller Bezug