Stellung der Relativsätze

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 415 - 416
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Wortstellung: Ausklammerung

Genannte Bezugsinstanzen: Egelhaaf - Gottlob, Hopfen - Hans von, Goethe - Johann Wolfgang, Schiller - Charlotte von, Schiller - Friedrich, Mann - Thomas, Zeitungssprache
Text

Wenn solch unrhythmische Stellungen wie die in § 403 gerügten auf der Befolgung der Regel beruhen, daß der Relativsatz seinem Beziehungsworte möglichst unmittelbar nachfolgen soll, so galt es doch, diese nicht im Buchstaben, sondern im Geiste zu erfüllen. In Schillers Prosa wie Poesie steht zwischen Relativ- und Beziehungswort oft das Hauptwort, von dem dieses abhängig ist: Biondellos Zurückkunft, der mir dies Rätsel aufklären sollte, in des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget — An des Trefflichen Brust, der dir jetzt Vater nur ist. Oft darf sogar ein ganz Erkleckliches zwischen den Relativsatz und $Seite 416$ sein Beziehungswort treten, wenn dadurch nur Schachtelei vermieden wird; so in dem Satze Goethes: Ich fand es schrecklich, daß ich um eines Mädchens willen Schlaf und Ruhe und Gesundheit aufgeopfert hatte, das sich darin gefiel, mich als einen Säugling zu betrachten. Jene Beziehung auf einen vorangestellten Wesfall, die auch Th. Mann kennt: Holms Tochter, der am Markt wohnt, ist möglich, wenn das andere Geschlecht des zwischenstehenden regierenden Wortes eine falsche Beziehung ausschließt. Nur zweierlei muß eben vermieden werden: zuerst, was leichter ist. Zweideutigkeit, d. h. die Möglichkeit, sei es auch nur vorübergehend, das Relativ auf ein zwischen ihm und seinem richtigen Beziehungsworte stehendes Hauptwort zu beziehen, zu dem es seiner Form nach gleich gut paßte. Wenn man z. B. bei Schillers Frau liest: Eine literarische Bekanntschaft habe ich mit Bernardin de St. Pierre eben durch die Gräfin Edling gemacht, die mir auch schon angenehme Stunden gab, so wäre die Unklarheit der Beziehung leicht durch die Stellung vermieden worden: Eben durch die Gräfin E. habe ich eine ... Bekanntschaft gemacht, die ... gab//1 Zu engherzig ist es freilich, wenn auch solche Sätze wie: Er holte einen Rock aus dem Schranke, den er lange nicht getragen hatte, angefochten werden. Als ob hier Sinn und Ton auch nur einen Augenblick über die Beziehung in Zweifel ließen. Wie entsetzlich, wenn statt des Satzes: Deshalb hatte ich über meine Equipage (= Kleidung) einen weiten Rock meines Vetters angezogen, der die Stelle eines großen Mantels vertrat, die Schlimmbesserung vorgeschlagen wurde: das Kleidungsstück vertrat ... wohl damit auch für jeden blöden Leser gesorgt wird, dem der Vetter als Mantel gedacht scheinen könnte? Den auch hier wichtigen Gesichtspunkt bei Satzrhythmus gibt es offenbar für solche Sprachmeisterer überhaupt nicht.//. Oder wenn H. Hopfen geschrieben hat: So unscheinbar war das Köpfchen der Riesenschlange doch nicht, wie der Herr Oberst meine bescheidene Liebschaftenreihe zu nennen beehren, so konnte er den Leser vor der Unklarheit, ob wie ... auf das betonte so unscheinbar oder auf Riesenschlange geht, durch die Stellung bewahren: Das Köpfchen der Riesenschlange, wie ... beehren, war doch nicht so unscheinbar. Ebenso mußte Egelhaaf etwa schreiben: Das Oberhaus soll ... bestehen — aus 120 Mitgliedern, von 6 Wahlkollegien gewählt, die aus Mitgliedern des Unterhauses bestehen sollten (und nicht: — aus 120 von Wahlkollegien Gewählten, die etc.). Bei dem Zeitungssatze: Das alte Spritzenhaus wird so umgebaut, daß darin Räume für durchziehende Obdachlose geschaffen werden, an welchen es bis jetzt hier mangelte, fragt man unwillkürlich: „Woran? An solchen Räumen oder an Obdachlosen?" und in dem andern: Was ist dann das Land um eines Erfolges willen in die Aufregung eines Wahlkampfes gestürzt worden, der um vieles billiger zu haben gewesen wäre? wird man durch Stellung und Ton förmlich gezwungen, den Schlußsatz auf den Wahlkampf statt auf Erfolg zu beziehen. Daß dann vom Zweideutigen zum Lächerlichen oft nur ein Schritt ist, könnten Dutzende von Beispielen bezeugen, die alle den folgenden ähneln: Der Admiral W. ist von der Elbmündung in Berlin eingetroffen, wo das Amerikanische Kriegsschiff Anker geworfen hat, oder: Abends Ball beim Könige, der war voll. Denn wenn auch der Verstand nachträglich die richtige Beziehung gebietet, so ist doch das zunächst angesprochene Sprachgefühl irregegangen, das einen solchen Satz immer auf den Satzteil bezieht, der durch seine Tonstärke ihn zu tragen am geeignetsten erscheint.


Zweifelsfall

Wortstellung: Ausklammerung

Beispiel
Bezugsinstanz Egelhaaf - Gottlob, Hopfen - Hans von, Goethe - Johann Wolfgang, Schiller - Charlotte von, Schiller - Friedrich, Mann - Thomas, Zeitungssprache
Bewertung

auf der Befolgung der Regel beruhen, damit auch für jeden blöden Leser gesorgt wird, darf, ein ganz Erschreckliches, Frequenz/Dutzende von Beispielen, Frequenz/oft, Lächerlichen, möglich, muß eben vermieden werden, mußte schreiben, nicht, Schachtelei, Schlimmbesserung, so ist doch das zunächst angesprochene Sprachgefühl irregegangen, Unklarheit, unrhythmische Stellungen, Wie entsetzlich, Zu engherzig ist es freilich, wenn auch solche Sätze angefochten werden, Zweideutigen, Zweideutigkeit

Intertextueller Bezug