Und wurde der Brand bald gelöscht

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 270 - 273
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Unsicherheit
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Die echtesten Bindewörter, die nur an der Spitze stehn und nie einen Einfluß auf die $Seite 271$ Stellung der Satzteile ausüben sind und, oder, sondern, allein, denn. Nur bei den ersten drei, namentlich aber bei und, findet sich heute überaus oft die Wortfolge: und (oder, sondern) + Verb oder Hilfsverb + Subjekt. In einer kaiserlichen Order vom 29. März 1890 hieß es hintereinander: Dieselben liefern den Beweis, daß in meiner Armee nicht überall nach gleichen Grundsätzen verfahren wird, und sehe ich mich veranlaßt, meiner Willensäußerung erneut Ausdruck zu verleihen; und: Zum Repräsentieren sind nur die kommandierenden Generäle verpflichtet, und darf es in meiner Armee nicht vorkommen usw. Ein Beispiel für diese Stellung nach sondern mag einer Zeitung entnommen werden: Str. war kein Wucherer im Stile der hier landläufigen, sondern beschäftigte sich derselbe auch mit ernstern Wissenschaften.

Immerhin sichert bei oder und sondern die heutige Seltenheit der umgekehrten Wortfolge dem Gebot der Sprachlehrer, daß diese dem deutschen Wortstellungsgesetze gemäß zu meiden sei, Zustimmung und Befolgung. Und auch für und bleibt der Sprachlehrer nach der Entwicklung dieses Gesetzes im Recht, wenn er die Stellung und + Subjekt (oder ein anderer psychologisch näher liegender Satzteil) + Verbum verlangt, trotzdem sich Beispiele der umgekehrten Folge zu Tausenden häufen ließen. Nur darf man nicht als Abweichung ansehn, was keine sind. Die Fälle nämlich sind keine, in denen die umgekehrte Wortfolge des zweiten Satzes darin begründet ist, daß auch für ihn noch ein an der Spitze des ersten stehendes gemeinsames Glied gilt, mag es nun ein bloßer Satzteil, besonders ein Umstand, oder ein Satz sein. So heißt es in der Gasteiner Konvention mit Recht: Bis zur Ausführung der desfallsigen Bundesbeschlüsse benutzen die Kriegsschiffe beider Mächte den Hafen, und wird das Kommando und die Polizei über denselben von Preußen ausgeübt. Nicht minder richtig stand in der Tgl. R.: Sie hatten mit dem Feuer gespielt, und nun es aufgelodert war, klapperten ihnen die Zähne vor Entsetzen, und schüttelte sie das Schuldbewußtsein in jähem Fieberfrost; bei Jensen: Ohne daß sie es selbst wußte, wendete sich manchmal das Verhältnis um und war sie seine Lehrerin; und bei Keyserling: Wenn man dreißig Jahre älter als seine Frau ist, läßt man seine Frau nicht malen und spielt man nicht den Kunstfreund. Auch eine wirkliche Ausnahme darf und muß man wohl zugestehen, wenn nämlich der mit und angeknüpfte Satz keinen völlig neuen Gedanken anfügt, sondern eine Folge aus dem ersten oder die Erläuterung einer zugehörigen Einzelheit, wenn also und, seiner alten Vieldeutigkeit entsprechend, so viel ist wie und so, und deshalb oder wie und zwar//1 Unter Hinweis auf die Möglichkeit dieser Bedeutung von und ist für eine gewisse Duldung der umgekehrten Wortfolge nach und Bros. Dunger im Lit. Zentralblatt 1880 (S. 1751) eingetreten; die Abweichung mit Auslassung von es zu rechtfertigen, geht höchstens für Erzählungen an, wo, wie in den Grimmschen Märchen, ganz und gar der bequeme Volkston, oder in Novellen und Romanen, wo dadurch eine altertümlichere oder gewöhnlichere Färbung erreicht werden soll, wie z. B. oft im Ekkehard oder gelegentlich bei Grosse, Storm u. a. Die Stellung und + Subj. (oder andrer Satzteil) + Verbum wird besonders auch dadurch als das Regelrechte und Natürlichere erwiesen, daß sie in nicht zu zählenden Fällen steht, wo die Geltung eines an der Spitze stehenden Adverbiales auch für den zweiten Satz die Umkehr rechtfertigen würde; also an Sätzen der Art: Mählich verlängerten sich die Schatten und es wurde stiller. Da freuten sich die Augen Palmas und ihre Pulse schlugen. Noch weniger kann es $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ unsere oben für die Praxis empfohlene Stellung ändern, wenn darauf hingewiesen wird, daß die sogenannte Umkehrung nach und uralt sei, wie das jetzt am eingehendsten erwiesen worden ist in J. Poeschels Abhandlung: „Auch eine Tagesfrage. Die Stellung des Zeitwortes nach und, sprachgeschichtl. untersucht“ im V. wissensch. Beiheft z. Ztschr. des Allgem. Deutschen Sprachvereins v. 1. Okt. 1893 (S. 193—237). Denn aus der freien und früher vielleicht schönen Beweglichkeit der alten Zeit sind wir überhaupt zu festerer Wortfügung und Stellung gelangt; und mag das auch zum Teil unter zu großem Einflusse der bloßen Verständigkeit geschehen sein, so ist man damit doch auch zu größerer Übersichtlichkeit und dem Werte der Gedanken entsprechender schärferer Unterscheidung der Unter- und der Beiordnung gelangt. Unsere Festigkeit von heute ist also von dieser Seite ein Vorzug, der nicht ohne Not geopfert und mit neuem Schwanken ausgetauscht werden sollte. Vor allem kann es auch auf den Grammatiker gleich wenig Eindruck machen, daß der Fehler so gut aus der Feder des Fürsten wie aus der örtlicher Berichterstatter floß; denn für die fürstliche Unterschrift waren die Erlasse meist in — freilich fürstlichen Kanzleien fertig gemacht, und der kleine Berichterstatter und Geschäftsmann hatte seine Muster an dem wieder zu einer Kanzlei gehörigen Hofberichterstatter und an den Bekanntmachungen der Polizei, der Gerichte und Verwaltungsbeamten, die hier alle eine altertümliche, überlebte Form noch fortschleppen. Auch was der Romanschriftsteller und auf verwandten Gebieten Wirkende mit dem volks-, geschäfts- und altertümelnden Mittel wirken, kann für die überlegte Schriftsprache der Darlegung, Beweisführung u. dgl. nicht maßgebend sein. Zum Schluß noch einmal: daß oben die eine Ausnahme gutgeheißen wird, ist ein Zugeständnis, das man nach dem Gange der Entwicklung wohl machen kann; niemand aber soll es auch zu machen veranlaßt werden, wenn es seinem Sprachgefühl widerstrebt, das dann heute immer die Mehrheit aller Fügungen mit und für sich hat. Im letzten Grunde stand auf diesem Standpunkte auch R. Hildebrand, Zeitschr. für den deutschen Unterr. 1892, 793 ff., und zuletzt Richard Meyer: Deutsche Stilistik, S. 58 (= Handbuch des deutschen Unterrichts an höheren Schulen, III, 1).//. So wird man also den Satz Born- $Seite 272$ haks gutheißen dürfen: Herzogin Adelheid konnte sich schwer von diesem Verluste aufraffen, und [so] stammte wohl aus dieser Zeit das schwere Nervenleiden, an dem sie noch heute zu tragen hat; und ebenso den eines Reisebeschreibers: Es gelangen vier Gruppen mit zwanzig Unterabteilungen zur Vergleichung und [zwar] wird deren Wert nach graphisch ausgedrückten Qualitätsprozenten bestimmt.

Schon nicht mehr sollte dagegen der Satz aus der Feder Moltkes Nachahmung finden: Welche Hindernisse ihm dabei die Aupa bereiten mochte, war noch zu erfahren, und wurde deshalb eine Rekognoszierung gegen Josephstadt anbefohlen, weil hier der Ausdruck des logischen Verhältnisses in deshalb besonders vorliegt und somit nicht einer ungewöhnlichen Begriffsfülle des und und ungewöhnlichen Stellung überlassen zu werden braucht. Wenn die Länge des Subjektwortes oder daran anschließende Glieder seine Nachstellung fordern, wird der sorgfältige Stilist überhaupt hinter und lieber zur Andeutung des Subjekts ein es einschieben, wie er auch in den oben angeführten Beispielen das in Klammern beigegebene so, zwar u. ä. Worte lieber einfügt als ergänzen läßt. Unberechtigt ist die umgekehrte Wortfolge vollends, wo von einer volleren Kraft des Wörtchens und und deren Einwirkung auf die Wortstellung keine Rede sein kann, wie in dem Satze der neuen Freien Presse: Der Papst wurde lebhaft begrüßt, und bemerkte man unter den Anwesenden viele Kardinale. Oft veranlaßt die Umstellung sogar ein lächerlich wirkendes Mißverständnis, das erst durch das Spätere aufgeklärt wird. Bald schwebt nämlich infolge der Umstellung ein an der Spitze stehendes Adverbiale auch für das zweite Glied vor, wie in dem Satze der ehemaligen Leipziger Ztg.: Mitten in dieser Holztafel $Seite 273$ sitzt eine Kanonenkugel und kann man noch heute sehen, welchen Weg die Kugel damals in dem Dachstuhle des Hauses genommen hat; daß man dach wie es jetzt klingt, mitten in der Holztafel sehen könne, diesen Schein ließe die richtige Stellung und man kann noch heute sehen nicht aufkommen. Bald rechnet man auch in vorläufiger Ermangelung eines neuen Subjekts mit dem alten, ob es nun bei Winckelmann heißt: Dieser Künstler hat auf dem Throne gesessen und wird noch jetzt ihm gehuldigt (statt: und es wird ihm usw.), oder schon lächerlicher in der Köln. Ztg.: Übrigens ziehen schon vorher unsre Jägerpatrouillen aus und säubern die diensttuenden Offiziere und Feldwebel — wie? fragt man betroffen, etwa gar von —?— doch halt, es geht weiter: das Terrain!


Zweifelsfall

Wortstellung: Inversion

Beispiel
Bezugsinstanz alt, alt, Behördensprache, Volk, Bornhak - Friederike, Schreiber guten Stils, alt, Leipzig, Zeitungssprache, alt, Adel, Behördensprache, Sprache der Politik, Geschäftssprache, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, Grosse - Carl Friedrich August, gegenwärtig, gegenwärtig, gegenwärtig, gegenwärtig, Scheffel - Joseph Victor von, Jensen - Wilhelm, 19. Jahrhundert, Sprache der Politik, Wilhelm II., Keyserling - Eduard von, Köln, Zeitungssprache, Moltke - Helmuth Karl Bernhard von, Zeitungssprache, Literatursprache, Zeitungssprache, Literatursprache, Literatursprache, Storm - Theodor, Zeitungssprache, Schreiber guten Stils, Schriftsprache, alt, alt, Volk, Geschäftssprache, Winckelmann - Johann Joachim, Behördensprache
Bewertung

altertümliche, überlebte Form, altertümlichere oder gewöhnlichere Färbung, Ausnahme, bequeme Volkston, darf man nicht als Abweichungen ansehn, darf und muß man wohl zugestehen, das Regelrechte und Natürlichere, dem deutschen Wortbildungsgesetze gemäß zu meiden sei, dem Werte der Gedanken entsprechender schärferer Unterscheidung, Fehler, Frequenz/in nicht zu zählenden Fällen, Frequenz/Seltenheit, Frequenz/zu Tausenden, früher vielleicht schönen, größerer Übersichtlichkeit, gutgeheißen, lieber, mit Recht, nicht minder richtig, niemand aber soll es auch zu machen veranlaßt werden, wenn es seinem Sprachgefühl widerstrebt, rechtfertigen würde, richtige, schon lächerlicher, Schon nicht mehr sollte Nachahmung finden, Unberechtigt, ungewöhnlichen, veranlaßt ein lächerlich wirkendes Mißverständnis, volks-, geschäfts- und altertümelnden Mittel, wird man gutheißen dürfen, zu rechtfertigen

Intertextueller Bezug Prof. Dunger: Lit. Zentralblatt 1880 (S. 1751), J. Poeschel: "Auch eine Tagesfrage. Die Stellung des Zeitwortes nach und, sprachgeschichtl. untersucht" im V. wissensch. Beiheft z. Ztschr. des Allgem. Deutschen Sprachvereins v. 1. Okt. 1893 (S. 193-237), R. Hildebrand: Zeitschr. für den deutschen Unterr. 1892, 793 ff., Richard Meyer: Deutsche Stilistik, S. 58 (= Handbuch des deutschen Unterrichts an höheren Schulen, III, 1)