Ungebeugte Eigenschaftswörter

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 69 - 70
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Unsicherheit
Text

Die ungebeugte Form anderer Adjektive erklärt sich aus der substantivischen Natur des Wortes. So besonders bei den fremden Farbennamen wie rosa, orange, lila, pensée u. ä., welche die Pflanzen Rose, Pomeranze, Spanischer Flieder, Stief- $Seite70$ mütterchen bedeuten; man muß sie also ungebeugt lassen: in lila Kleidern, oder durch Zusammensetzung mit -farbig, -farben wirklich adjektivisch machen: in orangefarbnem Hute. Dagegen darf man sich nicht verleiten lassen, auch deutsche, Farben bezeichnende Adjektive ohne Endung zu setzen, mag es auch schon Goethe einmal widerfahren sein zu schreiben: ein Büchlein von Pergament und weiß Papier //1 Anders beurteilt zu werden verdienen dagegen besonders Geschäftsausdrücke wie Ein Paket in grau Leinen, Studien auf blau und grau Papier, die als akkusativische Fügungen (= ein in grau(es) Leinen eingeschlagenes Paket) aufzufassen und deren gebeugte Formen nach § 77, Nr. 3 berechtigt sind.//. R. H. Bartsch hat sich zu Viola (Veiel), Viole auch ein Eigenschaftswort geschaffen: des Thanatos violene Mahnung. Die Biegung der Bildungen auf -lei, die Genetive sind (lei = Art), aber immer adjektivisch gestellt werden, darf ebenfalls nicht aus der Volkstümlichen Rede in die Schriftsprache übernommen werden: in so vielerleien Sachen. Richtig heißt es in „Wien und die Wiener" (1844): das Publikum eines derlei Volkssängers, bei T. Kröger Leute allerlei Art und jetzt bei H. Leip wegen zweierlei Dinge. Ebensowenig dürfen die Adjektive auf -er gebeugt werden, die von Ortsnamen gebildet, tatsächlich aber nichts als vorgeschobene Genetive der Bewohnernamen sind: (die) Hamburger Nachrichten. Deshalb dürfen sie auch da, wo die Verlockung größer scheint, nämlich wo ihr Substantiv zu ergänzen ist, kein Kasuszeichen erhalten, das nur dem Bewohnernamen selbst zukommt; also nicht: Der Bahnhof ist in großartigem Stil gleich den neuesten Berlinern, sondern Berliner angelegt. Alle diese ungerechtfertigten Biegungen wirklich adjektivisch gebrauchter Wörter werden freilich noch überboten, wenn man alle Grenzen zwischen Haupt- und Eigenschaftswort verwischend ein beliebiges Hauptwort durch Anhängung adjektivischer Deklinationsendungen zum Eigenschaftswort macht, so wenn Grosse kavaliere Bemerkungen — gewagt hat. Ohne solche Endung verletzt uns freilich weder Goethes: so gold du bist, noch C. Fleischlens Klage: Ich bin so stein, ich bin so kalt, so alt, so müde! Ja ein Jüngster Br. Goetz wagt: Es glänzen in mondenen Abgrund empor des Himmels Eisgipfel (DAZ. 28). Dagegen bleibt es ein Fehler, die gerade durch ihre Flexionslosigkeit gekennzeichneten Adverbien als Eigenschaftswörter zu verwenden und zu beugen, wie es nicht bloß der Volksmund, der Berliner besonders, mit zuen (statt geschlossenen) Droschken und aufen (statt geöffneten) Läden fertig bringt. Auch in den Mitteilungen des D. und Ö. A. steht das Anerbieten, über (!) allsogleiche Anmeldung Wagen zu besorgen und auf die drübere Seite, ein Kunstsalon gibt Karten aus zu beliebig oftem Besuch, und eine gewandte Reiseschilderin in einer St. Galler Zeitung sagt von ihrer Pyramidenbesteigung: So geht's vorwärts, oft mit schmal genugem Raum, den Fuß zu setzen. Aber wenn sie es damit auch Wolfram v. Eschenbachs ouch ist genuogen liuten kunt (Parz. 272,11) gleichtut, eine genug (statt: hinreichend) große Zahl im Wiener Journ. 26, bleibt ungebräuchlich. Dagegen muß man dem Volk seine extrae Mustersendung und: Heut gibt es was Extraes schon zugute halten.


Zweifelsfall

Adverb: attributiv gebraucht

Beispiel

rosa, orange, lila, pensèe, Rose, Pomeranze, lila, lilafarbig, lilafarben, orangefarbnem, ein Büchlein von Pergament und weiß Papier, des Thanatos violene Mahnung, vielerleien, das Publikum eines derlei Volkssängers, allerlei, wegen zweierlei Dinge, Berlinern, gold, stein, mondenen, zuen, aufen, geöffnet, geschlossen, alsogleiche, drübere, oftem, genugem, eine genug große Zahl, extrae Mustersendung, Hier gibt es was Extraes, Ein Paket in grau Leinen, grau, blau, ein in grau(es)Leinen eingeschlagenes Papier

Bezugsinstanz Geschäftssprache, 19. Jahrhundert, Schriftsprache, Volk, Kröger - Timm, Leip - Hans, Flaischlen - Cäsar, Grosse - Carl Friedrich August, Zeitungssprache, Goetz - Bruno, Berlin, gesprochene Sprache, St. Gallen, Wolfram von Eschenbach, Wien
Bewertung

darf man sich nicht verleiten lassen, Richtig, berechtigt, darf ebenfalls nicht übernommen werden, ungerechtfertigt, Fehler, ungebräuchlich, ungerechtfertigt

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Adjektiv: Gebrauch von Deonymika

Beispiel

Hamburger Nachrichten, Berlinern, Berliner

Bezugsinstanz
Bewertung

ebensowenig dürfen

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Adjektiv: flektiert oder nicht flektiert

Beispiel

rosa, orange, lila, pensèe, Rose, Pomeranze, Spanischer Flieder, lila, lilafarbig, lilafarben, orangefarbnem, ein Büchlein von Pergament und weiß Papier, des Thanatos violene Mahnung, vielerleien, das Publikum eines derlei Volkssängers, allerlei, wegen zweierlei Dinge, Berlinern, gold, stein, mondenen, geöffnet, geschlossen, alsogleiche, hinreichend, extrae Mustersendung, Hier gibt es was Extraes, Ein Paket in grau Leinen, grau, blau, ein in grau(es)Leinen eingeschlagenes Papier

Bezugsinstanz Geschäftssprache, Flaischlen - Cäsar, Goethe - Johann Wolfgang, Grosse - Carl Friedrich August, Kröger - Timm, Leip - Hans, Zeitungssprache, Literatursprache, Schriftsprache, Volk
Bewertung

darf man sich nicht verleiten lassen, Richtig, berechtigt, darf ebenfalls nicht übernommen werden, ungerechtfertigt

Intertextueller Bezug