Verbindungen mehrerer Hauptwörter ohne Artikel

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 124 - 124
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Gebrauch des Artikels

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Sprachverlauf, Goethe - Johann Wolfgang, Gegenwärtig, Jensen - Wilhelm, Neu
Text

Daß es die Allgemeinheit ist, die den Artikel überflüssig macht, zeigt sich besonders deutlich auch darin, daß er vor allen Hauptwörtern, die ihn vereinzelt durchaus verlangen, alsbald fehlen kann, wenn durch und, auch weder — noch, sowie durch Verhältniswörter verbunden nur wenigstens zwei nebeneinandertreten. Während also Goethe nicht nachahmenswert schrieb: Geh in Kerker, weil darin nicht, wie bei in Haft, in Gewahrsam gehn, ein Begriffsname steckt, heißt es mit Recht: Mancher ist damals in Kerker und Burgverließ umgekommen. Man kann nur sagen die Seelsorge auf dem Lande übernehmen; sobald aber noch ein zweiter Begriff hinzutritt, heißt es wie bei Jensen: ... um Seelsorge und Predigertum auf der öden Sandscholle zu übernehmen. Bei demselben steht also auch ganz richtig und gegenüber den ja nicht gerade unmöglichen Fügungen mit Artikel doch wohllautend bequem: der Blick des Pastors von Kanzel und Altar, das empfanden Regierung und Hof, Münsterbau und Stadt waren herrlich beleuchtet, die Reliefe über Tür und Eckfenster; bei anderen Neusten z. B. zwischen Friedrichsdenkmal und Brandenburger Tor, auf Sofa und Stühlen, in Theater und Konzertsaal, da wächst weder (nicht) Baum noch Strauch; und so tausendfach und in Übereinstimmung mit der Entwicklung der deutschen Sprache, die solche Wortpaare, und zwar immer in dieser Form, beliebt hat, solange wir sie zurückverfolgen können. Nicht minder alt und, weil dabei der Begriff der Allgemeinheit noch deutlicher hervortritt, noch selbstverständlicher ist das Fehlen des Artikels bei den durch Verhältniswörtern vermittelten Wiederholungen des nämlichen Hauptwortes: Mit den Formeln Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu Glied, suchten schon vor mehr als tausend Jahren unsere Altvordern Beinverrenkungen zu beschwören; und Fels zu Fels, Woge auf Woge, Baum an Baum, von Ast zu Ast, Schritt vor Schritt (älter auch für Schritt), von Tag zu Tag sind nur ein winziger Teil derartiger Wendungen, wie sie heute üblich und gegenüber solchen breiten wie etwa von einem Tage zum anderen nur empfehlenswert sind. Zum Wegfall des Artikels in solchen Kuppelungen gesellt sich sogar noch der der Kasusendung: Komponist und Dichter wurde die gleiche Ehre zuteil; daß ein Band des Vertrauens Fürst und Volk umschließt; Pfirsich blickte auf Pfütze und Steine, auf Wasser und Mensch; die Stellung von Mensch zu Mensch, die Bestimmung trifft nur Dissident und Jude; die Anhängung der Endung würde an die Mehrzahl denken lassen, die im ersten Beispiel widersinnig wäre, in den folgenden die persönliche Gegenüberstellung verwaschen und im letzten wenigstens unnötig fein würde. Man vgl. auch: das Verhältnis zwischen Meister und Geselle und: weit von Wille und Kraft bei einem P. S. B.; Binde-, Mittelglied, Mittelstufe, Verschiedenheit zwischen Mensch und Affe, zwischen Mensch und Tier.


Zweifelsfall

Gebrauch des Artikels

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Sprachverlauf, Goethe - Johann Wolfgang, gegenwärtig, Jensen - Wilhelm, neu
Bewertung

breiten, Frequenz/tausendfach, ganz richtig, heißt es, in Übereinstimmung mit der Entwicklung der deutschen Sprache, Man kann nur sagen, mit Recht, nicht gerade unmöglichen, nicht nachahmenswert, nur empfehlenswert, selbstverständlicher, unnötig, widersinnig, wohllautend bequem

Intertextueller Bezug